Kunstvermittlung

In Bewegung: Das Humboldt-Forum

Das für den Berliner Schlossplatz geplante Kulturforum sollte sich nicht als etwas „Abgeschlossenes“ präsentieren, sondern als etwas, dass sich in einem kontinuierlichen Wandlungsprozess befindet.

Das Humboldt-Forum ist nur in seiner äußeren Form ein statisches Gebäude. Es soll zu einem Ort werden, der die Bewegung der Welt in die Mitte Berlins trägt. Dazu muss es sich einem stetigen Wandel unterwerfen, damit dieser Ort in der Zukunft nichts von seiner Aktualität einbüßt. Die Welt und die Sichtweisen auf sie werden sich verändern; auch ein so zentraler Ort wie das Humboldt-Forum mit seiner auf den Menschen gerichteten kulturellen Bestimmung muss sich als Projekt immer in Bewegung und als nie „abgeschlossen“ präsentieren.

Ein bewegter Raum – Der Schlossplatz in der Mitte Berlins

Wenn es in Deutschland einen „bewegten Raum“ gibt, dann ist es der Schlossplatz in der Mitte Berlins. Zu den Bewegungen, die hier stattfanden, zählen Sprengungen, Aufmärsche, Abrisse, Interventionen: Durch die Sprengung der Reste des im Krieg zerstörten Stadtschlosses im Jahr 1950 wollte man die Überreste des alten Preußens eliminieren, danach nutzte ihn die DDR-Regierung als politische Aufmarschbühne bis zum Bau des Palastes der Republik in den 70er-Jahren. Von 2006 bis 2008 beseitigte der Abriss des Palastes der Republik ein Gebäude mit Symbolcharakter für die ehemalige DDR. Die Zeit vor dem Abriss nutzten zahlreiche Künstler für bewegte, kritische Interventionen: Die Besucher konnten sich per „Volkslimousine“ um den Platz fahren lassen oder per Schlauchboot das Innere erkunden.

Ein Projekt, das für einen so zentralen und dynamischen Ort wie den Berliner Schlossplatz konzipiert wird, muss also mit viel Bewegung, kontroversen Debatten, unterschiedlichen Positionen und auch Gegenwind rechnen. So erging es dem Projekt Humboldt-Forum in den vergangenen zehn Jahren, selbst nachdem der Deutsche Bundestag 2002/2003 dem Vorschlag des ehemaligen Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, des heutigen Präsidenten des Goethe-Instituts, Klaus Dieter Lehmann, zugestimmt hatte, die außereuropäischen Sammlungen der am Stadtrand im Bezirk Dahlem untergebrachten Museen aus Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien in die Mitte Berlins zu verlagern. Die Debatte entzündete sich vor allem an dem Beschluss, einen Neubau in der Kubatur des Berliner Schlosses mit der Rekonstruktion dreier barocker Außenfassaden und eines der beiden Innenhöfe (Schlüterhof) zu errichten. Auch die Nutzung des rekonstruierten Schlosses als Humboldt-Forum in der Kombination der außereuropäischen Sammlungen, einer Dependance der Zentral- und Landesbibliothek, eines Projektraumes der Humboldt-Universität, ergänzt durch ein zentrales Veranstaltungszentrum (Agora), war von Anbeginn zwar umstritten, letztendlich jedoch so überzeugend, dass der Haushaltsauschuss des Deutschen Bundestags das Gesamtprojekt im Juli 2011 auch finanziell bewilligte: „Es ist zweifellos das bedeutendste und ambitionierteste kulturelle Projekt Deutschlands zu Beginn des 21. Jahrhunderts“, hieß es im Klappentext zu Humboldt-Forum Berlin. Das Projekt (2009) von Thomas Flierl (ehemaliger Kultursenator, PDS, heute „Die Linke“) und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.

Das Konzept der „permanenten Bewegung“

Nur die räumlich kleinsten Teile des Nutzungskonzepts, das Archäologische Fenster, das Museum der Geschichte des Ortes und die Kunstkammer, weisen einen direkten und unabänderlichen Bezug zum historischen Schlossplatz auf.

Anders verhält es sich mit der Präsentation der ethnographischen Sammlungen aus Afrika, Amerika, Asien und Ozeanien, die eine Fülle an Informationen zu Kunst, Geschichte, Religion, Lebenswelten und -bedingungen über eine zeitliche Tiefe von mehreren tausend Jahren rund um den Globus beinhalten. Im Zentrum steht der Mensch selbst, als Kultur- und Kunstschaffender, der sich in seiner Geschichte und seinen Traditionen selbst reflektiert, pendelnd zwischen Konservatismus und Innovation. Kulturen und die sie prägenden Menschen, politisch agierende, religiös motivierte und künstlerisch begabte Männer und Frauen, sind „permanent in Bewegung“, aber auch ihre Geschichte(n) und deren Deutung. Im Zeitalter von Globalisierung und Vernetzung findet der kulturelle Wandel radikaler und schneller denn je statt, gleichzeitig aber auch die Rückbesinnung auf verloren gehende oder bereits verschwundene Wurzeln.

Das Konzept für die Präsentation der außereuropäischen Sammlungen im Humboldt-Forum muss solche Veränderungen und die verschiedenen Perspektiven auf die Sammlungen, die unterschiedlichen Möglichkeiten ihrer Deutungen zu seinem Programm machen. Knapp 18 000 m2 Ausstellungsfläche stehen dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst im Humboldt-Forum dafür zur Verfügung. Im Ethnologischen Museum wird der Wechsel von Themen und Exponaten durch eine flexible Ausstellungsarchitektur ermöglicht. Dieses Konzept bedeutet den Abschied von der traditionellen Dauerausstellung. Ein solches Konzept stellt hohe Ansprüche an die architektonischen und gestalterischen Planungen. Belastbare offene Strukturen müssen geschaffen werden, die gleichzeitig Vielfalt, Veränderungen, thematischen Wechsel und aktuelle Bezüge zu den Sammlungen ermöglichen und „Erzählräume in Bewegung“ entstehen lassen, welche gleichsam als Leitidee der Konzeption des Ethnologischen Museums im Humboldt-Forum dienen.

Multiperspektivität und Vielstimmigkeit – der konstante Wandel der Erzählposition in den Ausstellungen des Humboldt-Forums

Die wechselnde Fokussierung auf einzelne Aspekte zielt sowohl auf künstlerische Äußerungen, historische Entwicklungen als auch auf die klassischen ethnologischen Fragestellungen. Sie impliziert den ständigen Wechsel der Erzähler beziehungsweise Kuratoren, die nicht mehr nur aus dem Stammpersonal des Museums rekrutiert werden. Wissenschaftler aus aller Welt, Künstler und Angehörige der präsentierten Kulturen haben andere Zugänge zu den Sammlungen und Erkenntnisse als wir selbst, sie werden das Angebot für die Besucher qualitativ und quantitativ bereichern. Die Problematik des Kolonialismus mit seinen unterschiedlichen Ausprägungen und Auswirkungen in den Kontinenten wird zum Beispiel längst auf zahlreichen Symposien unter aktiver Beteiligung der betroffenen Gesellschaften in Afrika, Amerika und Ozeanien sowie in der Diaspora kontrovers diskutiert. Welche Aussagen verbergen sich dazu in den einst im Originalkontext gesammelten Exponaten? Wie lassen sie sich im Humboldt-Forum als Stellvertreter der Akteure in Asien, Amerika, Afrika und Ozeanien, deren materielle Kultur unter meist ungleichen Voraussetzungen in einen Austausch mit der europäischen trat, präsentieren?

Rahmenkonzepte und geografische Grundstruktur

Um Kulturen „in Bewegung“ zu illustrieren, Geschichten von Handel und Migration, Mythen und Ritualen zu erzählen, kann das Ethnologische Museum auf einen Fundus von 500 000 Ethnographica und Archaeologica zurückgreifen. Die kontinentalen Großregionen dienen auch im Humboldt-Forum als Orientierungsraster, sie beantworten die Grundfrage der Besucher und wissenschaftlichen Nutzer nach dem „Wo?“, wobei transkontinentale Themen ausdrücklich angestrebt werden.

Das Rahmenkonzept für die Ausstellungen beinhaltet die drei Hauptkomponenten: 1. Ausstellungsmodule, 2. Schaumagazine und 3. „Treffpunkte“. Sie sind flexibel und sollen in einem Abstand von zwei bis acht Jahren vollständig zurückbaubar sein, um Nachfolgern Platz zu machen. Die Bewegung entsteht dadurch, dass stets nur einzelne Module ausgetauscht werden, nicht die gesamte Ausstellung. Wenn der Besucher im Humboldt-Forum also eine offene, durchlässige und wandelbare Ausstellungsstruktur vorfindet, macht diese ihm nicht nur grundlegende Mechanismen menschlichen Handelns aus einer historischen Perspektive heraus verständlich. Sie greift auch Veränderungen unserer Zeit auf und reflektiert die aktuellen Bezüge der Sammlungen.

Sammlungen in Bewegung – Ausstellungsmodule, Schaumagazine, Treffpunkte

Die reichhaltigen Sammlungen des Ethnologischen Museums in Berlin bieten die Möglichkeit, für die Darstellung kultur- und kunstgeschichtlicher Themen in wechselnden Ausstellungsmodulen aus dem Vollen zu schöpfen. Immer mit einbezogen wird dabei das ambivalente Verhältnis Europas zu den anderen, das Stuart Hall in seinem Buchtitel 1992 mit dem treffenden Ausdruck The West and the Rest beschrieben hat. Auch wenn die Zusammensetzung der Sammlungen den Auftrag der Sammler widerspiegelt und Zeugnis vom positivistischen Wissenschaftsdiskurs Ende des 19./Anfang des 20. Jahrhunderts ablegt, werden in den Ausstellungsmodulen im Hinblick auf heutige Globalisierungstendenzen Fragen zu kulturellen Identitäten aufgeworfen: Welche Rolle spielen die Objekte für die Nachfahren der Kulturen, aus denen die Sammlungen stammen? Welche Bezüge können die Sammlungen zu den Lebenswelten des gesamten Besucherspektrums des Humboldt-Forums herstellen?

Um den Besuchern deutlich zu machen, aus welcher Fülle von Objekten gleichen Typs das Ethnologische Museum schöpfen kann, sollen als integrierte Bestandteile in den Ausstellungsmodulen Schaumagazine zu finden sein. Diese verdeutlichen den Besuchern, dass die Depots und ihre wissenschaftliche Nutzung integraler Bestandteil der Museumsarbeit sind. Die Schaumagazine liefern zudem eine Fülle von Anschauungsmaterial, das die Vertiefung der Themen in den aufbereiteten Ausstellungen möglich macht. Somit wird zugleich ein – der breiten Öffentlichkeit sonst nicht gewährter – Blick hinter die Kulissen ermöglicht.

Möglichkeiten zur vertiefende Auseinandersetzung mit globalen lebensweltlichen Themen bieten zudem die „Treffpunkte“: Für das Humboldt-Forum sind die Konzepte der Vermittlung auch räumlich eng an die Sammlungen, Ausstellungen und ihre Inhalte geknüpft. Geplant sind Raumensembles, die in Anpassung an die Ausstellungsinhalte für unterschiedliche und interdisziplinäre Vermittlungs- und Kommunikationszwecke ebenfalls in Bezug auf ihre kulturelle Bedeutung zu nutzen sind. Somit können „Contact Zones“ im Sinne von James Clifford (in: Routes, Travel and Translation in the Late Twentieth Century, 1997) geschaffen werden, als Handlungsräume, die ein gleichberechtigtes Aufeinandertreffen und Aushandeln von Perspektiven, Autoritäten und Erzählpositionen möglich machen. Die Vermittlungsaktivitäten richten sich nach dem Charakter dieser Ensembles. Einige Beispiele können dieses Konzept verdeutlichen:

Die „Treffpunkte“ können entweder aus vorhandenen Exponaten oder Objektgruppen gestaltet sein, wie ein Ensemble aus Stühlen der mexikanischen Huichol-Indianer oder das Männerklubhaus aus Palau in der Südsee-Ausstellung, das mit weiteren Objekten als atmosphärischer Mittelpunkt und Raum für Veranstaltungen kleineren Ausmaßes dienen wird. Oder der Teeraum im Museum für Asiatische Kunst als Beispiel einer traditionellen japanischen Raumauffassung dient als Bühne für Teezusammenkünfte, um eine kulturell spezifische Praxis der performativen Inszenierung von kultureller Gemeinschaft (Teezubereitung und Interaktion zwischen den Gästen) sinnlich erlebbar zu machen. Die Klangwerkstatt der Musikethnologie als interaktives Musiklabor wiederum macht für die Besucher eine praktische Erprobung und Umsetzung aktuell gewonnener Forschungsergebnisse im Bereich globaler Musikentwicklung möglich.

Für die Sammlungen, in denen sich keine Objekte befinden, die als Gestaltungselemente für Treffpunkte genutzt werden können, sind Inszenierungen von (urbanen) Räumen mit Treffpunktcharakter geplant. Diese sollen in Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern entstehen und den Bogen von den historischen Sammlungen zu aktuellen gesellschaftlichen Bewegungen schlagen.

Zentrales Anliegen der Ausstellungskonzepte für das Humboldt-Forum ist es, für alle Zielgruppen gleichwertige Angebote zu schaffen, um die Ausstellungsinhalte erlebbar zu machen. Um dies umzusetzen, ist Flexibilität – in der Gestaltung, der Vermittlung wie im Denken aller Akteure – eine Grundvoraussetzung.
Viola König
studierte Altamerikanische Sprachen und Kulturen, Ethnologie sowie Vor- und Frühgeschichte. Seit 2001 ist sie Direktorin des Ethnologischen Museums (Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz) in Berlin. Sie ist Honorarprofessorin für Kulturwissenschaften an der Universität Bremen und für Altamerikanistik an der Freien Universität Berlin.

Monika Zessnik
studierte Altamerikanistik, Klassische Archäologie und Geografie. Sie ist seit 2005 bei den Besucherdiensten der Staatlichen Museen zu Berlin für die Angebote kultureller Bildung und Vermittlung der außereuropäischen Sammlungen verantwortlich, ebenso für die Konzeption dieser Bereiche für das Humboldt-Forum und – im Vorfeld – die Humboldt-Box.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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