Kunstvermittlung

Zeichen unter der Lupe

Ist Literatur ausstellbar? Wie lässt sich Sprache sichtbar machen? Erkundungswege in den Marbacher Literaturmuseen zu Heinrich von Kleist (1777–1811).

Gottfried Benn hat ihn den „gewaltigsten Gedankenstrich der deutschen Literaturgeschichte“ genannt. Im Schiller-Nationalmuseum (SNM) muss man in die Knie gehen, um ihn zu entdecken. Eingekreist mit braunem Filzstift und mit Bleistift zum Fadenkreuz ergänzt. Als ob sein Leser ihn durch ein Zielfernrohr betrachtet und es exakt darauf angelegt hätte, mit diesem Zeichen den einzigen Zeitpunkt einzufangen, zu dem in Kleists Novelle Die Marquise von O... ein russischer Belagerer die italienische Edelfrau geschwängert haben kann: „Hier – traf er, da bald darauf ihre erschrockenen Frauen erschienen, Anstalten, einen Arzt zu rufen.“

Die Marbacher Museen zeigen die Bestände des Deutschen Literaturarchivs Marbach: meist kleine, empfindliche und unzugängliche, oft kaum lesbare und schwer verständliche, zum Teil sehr merk- und fragwürdige Dinge, die mit dem Entstehen und Erscheinen von Literatur zu tun haben, Einblick in die Werkstätten der Dichter und Leser erlauben, aber häufig auch – wie eine Gabel, die Kafka angeblich beim Glücksspiel verloren hat – ihre Herkunft aus der Heiligenverehrung nicht verbergen können. Das dazugehörige Literaturvermittlungsprogramm für Schüler richtet sich an Klassen aller Schularten und Altersstufen (http://www.dla-marbach.de/dla/museum/literaturvermittlung). Von den seit der Eröffnung des Literaturmuseums der Moderne 2006 gezählten 268 000 Besuchern nahmen rund 110 000 an einer der 4500 Führungen teil, davon waren knapp die Hälfte Schüler. Die in der Regel einstündigen Führungen und eineinhalbstündigen Seminare für Schüler verbinden immer die Objektbetrachtung in den Ausstellungen mit dem Close Reading von Texten und mit eigenen Schreibexperimenten. Das Programm wird ergänzt durch längerfristig angelegte Projekte wie die Literaturschule LINA und die Kulturakademie der Stiftung Kinderland Baden-Württemberg, in die Schüler maximal ein halbes Jahr in die Museumsarbeit eingebunden werden: Sie können dabei selbst Führungen anbieten, Audioguides produzieren, Booklets schreiben oder kleine Ausstellungen entwerfen. Zu den Angeboten der Literaturvermittlung gehören auch Führungen und ein Abiturvorbereitungsseminar zu Heinrich von Kleist, die im Folgenden skizziert werden sollen.

Kleist im Fadenkreuz

Der Leser, der in Kleists Marquise von O... den Filzstift wie eine Schusswaffe benutzt hat, ist selbst ein berühmter Schriftsteller: W. G. Sebald. Sein Nachlass liegt mitsamt seiner Bibliothek in den Magazinen des Deutschen Literaturarchivs. Aus dessen Fülle können die Ausstellungen und das begleitende Vermittlungsprogramm auch schöpfen, wenn – wie im Falle Kleists – die Archivlage schlecht ist. Nur wenige Zeugnisse von Kleists Hand haben sich erhalten (von denen zudem die meisten bislang uneinsehbar in der Biblioteka Jagiellonska in Krakau verwahrt wurden; im Kleist-Jahr 2011 werden erstmals daraus Stücke ausgestellt). In der Dauerausstellung im Marbacher Schiller-Nationalmuseum sind alle Kleist-Exponate in einem Raum versammelt: zwei Briefe, die Kleist an seinen Verleger Johann Friedrich Cotta geschrieben hat, ein im Zweiten Weltkrieg verschollenes und im Nachlass des Germanisten Paul Hoffmann als Fotonegativ erhaltenes Manuskript Über die Rettung von Österreich, die Novelle Michael Kohlhaas in der ersten Ausgabe von Kleists Erzählungen 1810 und eben jenes Buch aus dem Besitz von W.G. Sebald.

Schrift und Energie

Die fünf Kleist-Objekte sind den beiden Unterkapiteln des Raums „Schrift und Energie“ zugeordnet: die Briefe den „Schnörkeln und Sonderzeichen“, die Novellen und die politische Schrift der „Pause“. Der Fokus der beiden langen Objektreihen liegt auf unterschiedlichen kleinsten Zeichen, deren meisterhafter Einsatz bei Kleist vor ihrer historischen Umgebung besonders deutlich wird. In seinen Briefen an Cotta setzt er den im Kanzleistil üblichen „Abstands-Schnörkel“ zwischen Adressaten und Absender als buchstäblich sich den veränderten Umständen anpassende Verbeugung ein. Sehr tief das erste Mal 1807, als er sich von Cotta den Abdruck einer Erzählung erhofft. Nahezu aufrecht, als er 1810 ein letztes Mal um die lang ausstehende Antwort bittet, ob Cotta das Käthchen von Heilbronn in sein Programm aufnimmt: „Indem ich Ew. Wohlgeb. ganz ergebenst bitte, mir uber das Schicksal dieses Manuskripts, das mir sehr am Herzen liegt, einige Zeilen zu schreiben, habe ich die Ehre, mit der vorzuglichsten Hochachtung zu sein, Ew. Wohlgeboren ergebenster Heinrich von Kleist.“ Auf der anderen Seite der Vitrine wandeln sich die um 1770 inflationär eingesetzten Gefühlszeichen allmählich zum reduzierten, sehr planvoll eingesetzten ‚Superzeichen’ wie in der Marquise, in der Rettung von Österreich oder im Kohlhaas, wo er schon nach dem ersten Satz die Spannung entfaltet, die in dessen gegensätzlichen Adjektiven steckt: „An den Ufern der Havel lebte, um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, ein Roßhändler, namens Michael Kohlhaas, Sohn eines Schulmeisters, einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit. – Dieser außerordentliche Mann würde, bis in sein dreißigstes Jahr für das Muster eines guten Staatsbürgers haben gelten können. Er besaß in einem Dorfe, das noch von ihm den Namen führt, einen Meierhof, auf welchem er sich durch sein Gewerbe ruhig ernährte; die Kinder, die ihm sein Weib schenkte, erzog er, in der Furcht Gottes, zur Arbeitsamkeit und Treue; nicht einer war unter seinen Nachbarn, der sich nicht seiner Wohltätigkeit, oder seiner Gerechtigkeit erfreut hätte; kurz, die Welt würde sein Andenken haben segnen müssen, wenn er in einer Tugend nicht ausgeschweift hätte.“

Andere Fäden

Für die Ausstellung „Schicksal. Sieben mal sieben unhintergehbare Dinge“ (5. Mai bis 28. August 2011) wurde eines der Kleist-Exponate aus dem SNM, das Negativ des verschollenen Österreich-Manuskripts, in das Literaturmuseum der Moderne gebracht. Als Teil des Kapitels „Zeichen“, das von Stachelschweinborsten eröffnet wird, die Robert Gernhardt als Glücksbringer sammelte, liegt es zwischen dem Schluss von Friedrich Nietzsches Ecce Homo („ – Hat man mich verstanden? – Dionysos gegen den Gekreuzigten ...“) und Carl Schmitts Hamlet-Buch. Kleist staut hier mit dem Gedankenstrich eine gewaltige Revolution auf: „Es gibt ein einziges Wort, welches imstande ist, im deutschen Reich, besonders im Norden desselben, eine allgemeine, große und gewaltige Nationalerhebung zu bewirken – und dieses Wort ist das folgende.“ Das prominenteste Exponat im Literaturmuseum der Moderne ist übrigens Kafkas Manuskript des Proceß, zu dessen Vorbildern wiederum der Kohlhaas zählt.

Auf Biegen und Brechen

Kleist formuliert seine Sätze auf Biegen und Brechen. Sie gehen, wie seine Themen, an den Rand dessen, was noch ‚in Ordnung’ ist, und zielen auf den einmaligen Augenblick vollkommener Freiheit. Was in seinen Sätzen und an seiner Handschrift augenfällig wird, das lässt sich in den Marbacher Museen auf sehr unterschiedliche Weise vertiefen, mit anderen Exponaten kombinieren, mit der historischen Entwicklung der Zeichen- und Mediensysteme ebenso verbinden wie mit der biografischen oder auch ideengeschichtlichen Erzählung. Die verschiedenen Führungen durch die Dauer- und Wechselausstellungen orientieren sich dabei an der jeweiligen Besuchergruppe und gehen ganz verschiedene Wege, auf denen dann die je nach Schwerpunkt unterschiedlichen Seiten und Details der Exponate gezeigt werden.

Ziel des Abiturvorbereitungsseminar „Kleists Sätze“ ist es, den Schülern den Zusammenhang von sprachlicher Form und Inhalt näherzubringen und den Blick für dessen Sprachstil und seine kleinsten Zeichen zu schärfen. Dem Ausstellungsbesuch, bei dem die vorgestellten Exponate durch eine kurze biografische Erzählung verbunden werden, schließt sich ein Praxisteil an, in dem die Schüler zunächst einen Ausschnitt aus dem Kohlhaas laut vorlesen und so selbst erfahren, wie sie sich nach einigen Anfangsfehlern allmählich in der komplizierten hypotaktischen Struktur mit ihren Parenthesen und Appositionen zurechtfinden. Im Anschluss daran erzählen sie vorgelesene Passagen aus dem Zweikampf nach, was aufgrund der für die Augenlektüre bestimmten Schachtelsätze nicht leicht fällt, und diskutieren dann an kleinen Textausschnitten über die Funktionen dieses Stils, der mit seinen Sätzen auch die evozierte Wirklichkeit in die unterschiedlichsten Beziehungen und Abhängigkeiten bringt und mit seinen vielen Einschüben die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden abbildet. In einem vierten Teil formulieren die Schüler die Kleist’schen Hypotaxen in Parataxen um, streichen Gedankenstriche und fügen sie an anderer Stelle ein und ergänzen die Texte um andere nonverbale Zeichen wie Absätze und Trennungsstriche. Am Ende eines solchen Seminars steht so ein neuer, handschriftlicher Text, der das Ausgangsobjekt sozusagen von unten, von seinem Sprach- und Zeichenmaterial aus aufgerollt hat und als sein Gegenspieler dieses noch einmal neu entdecken lässt.
Heike Gfrereis (1968, Stuttgart)
studierte Germanistik und Kunstgeschichte und promovierte 1994 in Literaturwissenschaft. Seit 2001 ist sie Leiterin der Museen des Deutschen Literaturarchivs Marbach.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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