Kunstvermittlung

Der tanzende Buchstabe oder „Kunst ist überall“

Der Schriftsteller, Soziologe und Künstler Urs Jaeggi

Bei Urs Jaeggi werden die Buchstaben gemalt – und das ist ganz wörtlich gemeint. Sie werden zu schwarzen oder auch weißen Streifen, die sich über die Leinwand erstrecken, hüpfen oder tänzeln und dabei eine neue visuelle und rebellische Grammatik anwenden. In Jaeggi treffen sich viele Welten, sie durchdringen einander, ohne ganz und gar ineinander aufzugehen: Malerei und Schrift, Soziologie und Kunst, Philosophie und Poesie, und in den letzten 15 seiner nunmehr 80 Lebensjahre auch Deutschland und Mexiko. Es war die Liebe, die ihn seitdem zwischen Berlin und der mexikanischen Hauptstadt pendeln lässt: Die Begegnung mit der Kunsthistorikerin Graciela Schmilchuk eines Nachmittags im Mai 1996 begründete ein starkes transatlantisches Band. Sechs Jahre später wurde Hochzeit gefeiert, im Garten der mexikanischen Bildhauerin Helen Escobedo. „Zwölf Stunden Seligkeit“, erinnert sich Schmilchuk lächelnd an ihr Fest. Sie selbst, gebürtige Argentinierin, kam schon Ende der 70er-Jahre nach Mexiko, damals noch auf der Flucht vor der argentinischen Junta.

Jaeggi ist ein Mann von imposanter Statur und dennoch eine eher zurückhaltende Erscheinung. Einer, der langsam spricht, wie man es von seinen Landsleuten in der Schweiz kennt, wo er im Juni 1931 auf die Welt kam. „Ich mag die Mexikaner“, sagt er und lächelt sein urig anmutendes Lächeln. „Sie sind ein bisschen wie die Schweizer.“ Doch, versichert er angesichts der Ungläubigkeit seines Gegenübers, ihr Sprechen sei nämlich in beiden Fällen sanfter und weniger aggressiv als in anderen Ländern, fast so, als ob sie immer etwas zurückhalten würden. Letztlich seien es zwei Kulturen, die auf bäuerlichen Traditionen basieren, erklärt er sich diese Verwandtschaft. Beide eine ein unterschwelliges Misstrauen gegen alles Verbale.

Neben dem Wort, das zurückgehalten sein mag und doch immer gegenwärtig ist, brodeln in ihm noch weitere Sprachen, etwa die Kunst. Seine Kindheit verbrachte er mit einer lange unterdrückten Leidenschaft für Malerei und Gedichte. Die Lust am Schreiben wurde ihm schon in der Schule ausgetrieben, weil er Linkshänder ist. Später brach er sein Studium an der Kunsthochschule ab, um zunächst eine Lehre als Bankkaufmann zu absolvieren. Es folgte eine weitere Volte, die Universität: Nach einem Studium der Nationalökonomie und Soziologie mit Promotion und Habilitation hatte Urs Jaeggi diverse Lehrstühle inne, ab 1972 den für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Er veröffentlichte einige Standardwerke der politischen Soziologie und hörte dabei nie auf, sich dem literarischen Schreiben zu widmen. Als Künstler machte er erst später, ab Mitte der 80er-Jahre, von sich reden. Nach seiner Emeritierung im Jahre 1992 wechselte er entschiedener vom Feld des Akademischen in die Kunst. In Mexiko, so sagt er, habe er dann die bis dahin unbekannte Freiheit genossen, seine Verlagerung vom Wort zum Bild, von der Wissenschaft zur Kunst nicht immer wieder erklären zu müssen. „In Mexiko kennt man mich nur als Künstler, und Punkt.“

Bei alledem, so der Kunstkritiker Francisco Reyes Palma, gilt er als „wissenschaftlicher Künstler“. Ein Entdeckungsreisender, immer auf der Suche nach neuen Arten des Schreibens, wie eben diese tänzelnden Buchstaben, die er Typo-Graphie nennt. Diese entstehen, oftmals auf der Basis selbstverfasster Gedichte, aus der Umwandlung von Texten in Textur. Reyes Palma beschreibt dies als die „Eigenmächtigkeit der Linien, die die Option des Schreibens als Sinngebung überschreiten, um zu einer Öffnung der poetischen Empfindung zu gelangen“.

Konzeptkunst wird von Jaeggi schlicht als „Arbeit mit Ideen und Räumen“ definiert. In seinem Werk gibt es keine soziologisierende oder pamphletartige Didaktik, er geht konsequent den Weg des Ästhetischen. Zugleich aber macht er auf diesem Weg keinen Hehl daraus, dass ihn die Ränder und die Randständigen, die Schutzlosen und Verfolgten zutiefst etwas angehen. Und tatsächlich ist seine Arbeit kaum ohne eine Idee des Räumlichen vorstellbar, weniger als Rahmung oder Bühne, vielmehr als Rohstoff seines Schaffens. In der Ruine einer Militäranlage oder einer leer stehenden Fabrik entfaltet sich seine künstlerische Architektur einer aus Maschinen und Handwerk bestehenden Industriekultur. Ein Beispiel dafür war die „Mirada viajera“ (Blickreise) betitelte Ausstellung, die 2004 im Nationalen Eisenbahnmuseum der mexikanischen Stadt Puebla gezeigt wurde. Dort schuf Jaeggi eine postume Hommage an die entschwundene Eisenbahnkultur, eine Installation aus Werkzeugen, Bahnutensilien und Schildern.

Oder auch die Retrospektive zu seinem 80. Geburtstag in den Anlagen einer ehemaligen Malzfabrik im Südosten Berlins; dieses beeindruckende hundertjährige Ensemble von Backsteingebäuden ist seit 20 Jahren außer Betrieb. Eine geradezu ideale Szenerie, um Jaeggis Werk mit seiner Umgebung verschmelzen zu lassen: Zwischen staubigen Mauern, schweren Maschinen, verrosteten Metallteilen und Neonröhren verstreut finden sich beispielsweise monochromatische Buchstaben, vom selben Rot wie ein gefundener Leinensack, oder kleine Holzskulpturen, Tücher und Fotografie. Ein verführerischer Dialog zwischen Raum und Ästhetik, Gegenstand und Intervention. Der Titel der Ausstellung „Kunst ist überall“ ist ein klarer Verweis. Auf Nachfrage wird dieser bestätigt. Ja, natürlich sei er „Beuysianer“.

In Mexiko, sagt Jaeggi, fühle er sich „sehr zuhause“. „Sehr“, wiederholt er. Andererseits scheint ihm das Fremdsein auch ein geeigneter Zustand für das schöpferische Tun, einschließlich des Stammelns, das unausweichlich eintritt, wenn einer zu einem fortgeschrittenen Zeitpunkt seines Lebens auf eine neue Sprache trifft. Es ist wohl bezeichnend, dass Jaeggi das erste und bis heute beständigste Band zu seinen mexikanischen Zeitgenossen nicht mit der akademischen Welt oder dem Kunstmarkt, sondern mit einer Kunsthochschule, der „Esmeralda“, knüpfte. Hier initiierte Jaeggi mit Schülern und Professoren eine permanente Werkstatt. „Ohne dass er sich das vorgenommen hätte, wurde er zu einer Leitfigur für die Schülerschaft“, erinnert sich sein Kollege Alberto Gutiérrez Chong. In seinen Bann gezogen habe Jaeggi die Menschen, so notiert der Mexikaner, auch „durch die intellektuelle Neugier, die aus seinen Augen blitzt“.

Es ist eine Neugier, die keine Fesseln oder verbotene Zonen akzeptiert, auch nicht im Gastland. Von dem halben Dutzend Ausstellungen in Mexiko ist besonders „El silencio del desierto” (Das Schweigen der Wüste) zu erwähnen. Ein Thema, das künstlerisch als nahezu unverhandelbar gilt und allenfalls Gegenstand von Dokumentarfilmen und Kampagnen gegen Menschenrechtsverletzungen ist: der migrantische Aderlass in die USA.

Die Ausstellung entstand 2006, also ein paar Jahre bevor die zentralamerikanischen Migranten zur leichten Beute der Kartelle des mexikanischen Drogenkriegs wurden. „Wo brennt’s?“ ist noch heute Jaeggis Motto, wie er sagt. Dass das heutige Mexiko in Flammen steht, ist unübersehbar. Man wird sehen, ob die Kunst dieses mexikanisch-schweizerischen Künstlers auch im Angesicht des Terrors etwas zu sagen hat.

http://www.universes-in-universe.de/jaeggi/
Anne Huffschmid
ist promovierte Kulturwissenschaftlerin, Journalistin und Autorin. Ihr gegenwärtiges Forschungsprojekt „Gedächtniskultur in Megastädten“ am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin beschäftigt sich mit urbanen Erinnerungskulturen und -konflikten in Buenos Aires und Mexiko-Stadt. Ihr neuestes Buch ist „Mexiko – Das Land und die Freiheit“ (2010).

Übersetzung aus dem Spanischen: Anne Huffschmid
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2011

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