Protest 2.0

Editorial

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Facebook, Twitter, YouTube und Weblogs – die sozialen Medien wirbeln unsere Welt durcheinander. Wurde noch vor Kurzem in Europa die Politikverdrossenheit der Jugend allseits beklagt, so lehrt die Schwarmintelligenz heute etablierte Hierarchien und Diktatoren das Fürchten. Das „Volk“ meldet sich zu Wort. Am dramatischsten zeigt sich das in den Freiheitskämpfen des „Arabischen Frühlings“, die, auch als „Twitter-“ oder „Facebook-Revolutionen“ betitelt, ausgehend von Tunesien weite Teile Nordafrikas und des Nahen Ostens ergriffen haben und in denen viele tausend Menschen gegen autoritäre und korrupte Regimes sowie gegen ungerechte politische und soziale Verhältnisse kämpfen. Auch in den USA und in ganz Europa, besonders im krisengeschüttelten Spanien, mobilisieren sich die Massen und besetzen Plätze. Wir sind die 99 Prozent! Wir halten nicht mehr still! Wir sind empört!

Wir stecken mitten drin in einer „Revollusion“, das Assoziationen von Re_volution, E_volution, zurück, vorwärts, weckt. Unbestreitbar ist der Einfluss der sozialen Medien auf diese gewaltigen Massenbewegungen, unbestreitbar auch ihr Einfluss auf unsere Gesellschaft insgesamt, und noch ist nicht wirklich absehbar, wohin die Reise geht.

In unserem Heft „Protest 2.0“ untersuchen wir, wie sich die digitale Revolution auf unsere Gesellschaft auswirkt. Wie verändern sie dabei unser Verhalten, unser Denken, und was zeigt sich Neues im Spannungsfeld von digitalen Medien, zivilgesellschaftlichen Bewegungen und künstlerischen Strategien?

Zwischen Euphorie und Skepsis

Das Internet verbindet und befreit, befördert Egalität und Transparenz und führt zu mehr direkter und basisdemokratischer Beteiligung ohne Hierarchien. Das Netz ermöglicht einen interaktiven, direkten, ungefilterten Austausch auf gleicher Augenhöhe – so die Euphoriker. Mehr Netz müsste also automatisch zu mehr Demokratie führen. Wir sind jung, wir sind supervernetzt – sind wir deshalb auch superdemokratisch?, fragt Rery Maldonado. Camilo Jiménez berichtet aus Mexiko, wie Internetaktivisten im Schutz der Anonymität des Netzes gegen Korruption und die Drogenmafia in ihrem Land kämpfen. Die international vernetzte Bloggerszene blüht, jeder kann seine Meinung ohne Zensur posten – bis auf wenige Länder, deren Informationsstrategien die neue Vielstimmigkeit nicht tolerieren und die wie Urgestein im modernen Datenfluss wirken.

Andere sehen die neuesten Entwicklungen skeptischer. So stellt Evgeny Morozov fest, dass auch Diktatoren lernfähig sind und Dissidenten im Internet verfolgen, indem sie die Mittel der Freiheitskämpfer gegen sie wenden. Kritisch äußert sich auch Raul Zelik: Die Technik könne die Revolution bestenfalls unterstützen, doch erst persönliche Begegnung, Empathie und gelebte Solidarität machen sie möglich.

Optimisten und Pessimisten finden sich auch unter denjenigen, die den Umgang mit und die Nutzung von Hightech-Kommunikation in indigenen Gemeinschaften betrachten: in Mexiko, am Amazonas und in der Sierra Nevada de Santa Marta von Kolumbien.

Kunst im Netz

Und was macht die Kunst – wird sie in den Dienst der Internetrevolution gestellt? Oder gelingt es ihr, die Revolution in ihre Dienste zu stellen? Inke Arns stellt fest, dass viele Ideen, die heute im Rahmen sozialer Netzwerke ein globales Publikum erreichen, so neu gar nicht sind. So z. B. die aktuelle Praxis des Crowdfunding, mit der die Künstlergruppe RTMark – später The Yes Men – schon in den 1990er-Jahren ihre subversiven Aktionen finanzieren konnte. Mit ihren SurvivaBalls zeigen sie ironisch, wie man bedenkenlos die Umwelt weiter verschmutzen kann. In den Kunstaktionen, etwa den über Mobiltelefone organisierten spontanen Flashmobs, geht es auch um die Entdeckung des urbanen „Zwischenraums“ (Junghans und David). Anregungen für solche performativen Ausdrucksformen bieten auch argentinische Künstlergruppen, die mit kreativen Methoden die Akteure einer totgeschwiegenen Vergangenheit entlarven. Die sogenannten Escraches sollen es an den Tag bringen. Bei Julius Popp hingegen geht es um die Sichtbarmachung virtueller Kommunikation selbst und ihre Umwandlung in analoge Skulpturen. In seiner Installation bit.fall werden per Computer die meist verwendeten Wörter aus dem Netz gefiltert: Sie fallen als Wassertropfen vor dem Betrachter zu Boden.

Von der Couch auf die Straße

Wie die Platzbesetzungen in aller Welt deutlich machen, kann man den neuen politischen wie künstlerischen Aktivismus kaum als flauen „Slacktivismus“ abtun, der die demokratische Anteilnahme auf einen Mausklick beschränkt. Im Gegenteil: Der Weg führt vom heimischen Bildschirm auf die öffentlichen Plätze. Und dort erneuern und erweitern die Demonstranten ständig ihre kreativen Strategien, auf sich aufmerksam zu machen. Und noch etwas kommt hinzu: Aus ihren Berichten klingt die kollektive Erfahrung an, das Gefühl, gemeinsam stark zu sein, ob vom Tahrir-Platz, vom Zuccotti-Park oder von der Plaza del Sol. Es ist die Erfahrung von Gemeinschaft, von Communitas – ein Zustand, den die Ethnologen Arnold van Gennep (1873–1957) und Victor Turner (1920–1983) als den Schwebezustand innerhalb der Rites de Passage beschrieben haben und der die festen Strukturen des Alltags aufhebt. In diesem Sinne werden die Zeltlager der Platzbesetzer zum Ort des Übergangs, zu einer Gegenwelt, in der Hierarchien und soziale Zugehörigkeiten keinen Platz haben.

Im Konzept van Genneps und Turners leitet dieser zeitlich begrenzte Zustand in eine neue Struktur über. Wie wird diese aussehen? Was wird aus den egalitären Protestformen der Facebook-Revoluzzer von Occupy Wall Street, denen Christoph Bartmann einen gewissen Hipness-Faktor attestiert? Wird sich ihr Verständnis von Demokratie und Mitbestimmung durchsetzen, und kommt die Schwarmintelligenz ohne Leithammel aus? Oder bleibt dies eine unerreichbare Utopie, nachdem die Protestcamps im Winter bereits geräumt wurden und wenn alle wieder vor ihre Bildschirme zurückgekehrt sind?
Ulrike Prinz und Isabel Rith-Magni

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012

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