Protest 2.0

Strukturwandel der Öffentlichkeit 2.0

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Wird das digitale Zeitalter mehr Bürgerbeteiligung oder einen Zerfall der Öffentlichkeit mit sich bringen? Habermas reloaded.

Vor genau einem halben Jahrhundert, im Jahr 1962, ist das Buch Der Strukturwandel der Öffentlichkeit von Jürgen Habermas erschienen. Kein anderes Werk hat die Diskussion über die Öffentlichkeit weltweit so stark beeinflusst wie die Habilitationsschrift des jungen Marburger Gelehrten. Habermas analysierte das Entstehen der bürgerlichen Öffentlichkeit im 18. Jahrhundert: Die Diskussion unter gleichberechtigten Bürgern, die sich kritisch mit Fragen von öffentlichem Interesse auseinandersetzen, stellte für ihn das Idealbild der Öffentlichkeit dar. Durch politische und wirtschaftliche Kräfte sei es anschließend zur Vermachtung der Öffentlichkeit gekommen. Den Bürgern würde es in den asymmetrischen Massenmedien Presse und Rundfunk verwehrt bleiben, sich frei und spontan an öffentlichen Debatten zu beteiligen.

Eigentlich, so würde man vermuten, müsste Habermas das Aufkommen des Internets begrüßen: Nie zuvor hat ein Medium die breite Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger an der öffentlichen Kommunikation so leicht gemacht. Nach Habermas beschränke sich das Verdienst des Internets jedoch darauf, dass die Zensur in autoritären Staaten umgangen werden kann. Dagegen überwiegt seine Skepsis, soweit es um liberale Staaten geht: Das Internet fördere zwar die Egalität, bewirke aber durch die unüberschaubare Angebotsfülle zugleich eine Fragmentierung des Publikums. Das Netz könne den zentrifugalen Kräften nichts entgegensetzen. Es fehlten jene journalistischen Vermittler, die die verstreuten Botschaften auswählen, redigieren und synthetisieren.

Mit dieser Analyse hat Habermas den Medienumbruch und das Öffentlichkeitspotenzial des Internets sicherlich unterschätzt. Die Hoffnung auf eine breitere und wirksamere Beteiligung der Bürger am politischen Gemeinwesen, die sich mit dem Internet seit Mitte der 90er-Jahre verbindet, ist nicht vergeblich gewesen. Vor allem Social Media wie Facebook, Twitter, YouTube und Weblogs haben dazu beigetragen, dass viele Internetnutzer nicht mehr nur Empfänger, sondern auch Sender sind. Bürger sind im Internet eher in der Lage, durch öffentliche Kritik Gegenmacht zu entwickeln: Sie können interaktiv ihre gemeinsamen politischen Interessen entdecken und ihr öffentliches Handeln koordinieren, etwa in Form von Petitionen, Protesten und Boykotts – oder wie im Plagiatsfall von Karl-Theodor zu Guttenberg, der zum Rücktritt des damaligen deutschen Verteidigungsministers führte. Hierbei haben Internetnutzer in einem Wiki gemeinsam Guttenbergs Doktorarbeit auf plagiierte Stellen untersucht.

Verlust einer gemeinsamen Agenda

Das Internet versammelt eine große Fülle an Informationen und die ganze Vielfalt der Meinungen. Prinzipiell wachsen damit die Transparenz sowie die Möglichkeit, sich mit unterschiedlichen Themen und Positionen auseinanderzusetzen. Allerdings kann auch das Gegenteil eintreten. Dies ist der Einwand, den auch Habermas vorgetragen hat: Die Fragmentierungsthese besagt, dass im Internet die Öffentlichkeit zerfalle, weil wegen der Angebotsmenge und der aktiven Selektion nach eigenen Interessen die Aufmerksamkeit nicht mehr gebündelt werde, wie es in den traditionellen Massenmedien der Fall sei. Verloren gehe so eine gemeinsame Agenda, die eine notwendige Voraussetzung für eine funktionierende öffentliche Meinungsbildung sei.

Allerdings hat sich in Untersuchungen immer wieder gezeigt, dass sich weder Offliner und Onliner noch Viel- und Wenignutzer des Internets bei der Einschätzung der Relevanz von Themen erheblich unterscheiden. Außerdem belegen Inhaltsanalysen, dass in Weblogs und Twitter zumeist die Themen der Massenmedien aufgegriffen und weiterdiskutiert werden. Dies spricht dafür, dass auch im Internet die Themen von den etablierten Medien gesetzt werden und dass sie dazu beitragen, dass die Öffentlichkeit nicht zerfällt. Eher berechtigt scheint die Sorge zu sein, dass im Internet die Vertreter unterschiedlicher Meinungen nicht mehr aufeinanderstoßen, weil sich homogene Gruppen von Gleichgesinnten bilden, die sich abkapseln. Es fehlen also Orte im Internet, an denen der öffentliche Diskurs ausgetragen wird. Dass solche Diskurse stattfinden und dabei die Regeln der Deliberation von den Kontrahenten eingehalten werden, ist die große Herausforderung des Internets. Habermas hat Kriterien aufgestellt, denen der öffentliche Diskurs gerecht werden soll: Neben der Offenheit für Akteure und Themen sind dies die wechselseitige Bezugnahme, die Rationalität der Auseinandersetzung und der Respekt, den die Kontrahenten voreinander haben sollen. Die Frage, ob diese Anforderungen im Internet erfüllt werden, lässt sich nicht pauschal beantworten. Es ist aber in jedem Fall wichtig, dass Foren moderiert werden.

Internet – ein Instrument zur politischen Mobilisierung

Bisher dient das Internet allerdings eher für Kampagnen, zur Mobilisierung von Anhängern und zum Aufstellen von Forderungen. Dass das Internet ein geeignetes Medium für die Koordination und Darstellung von Protesten ist, hat der „Arabische Frühling“ gezeigt: In Tunesien und Ägypten nutzten die Demonstranten Facebook, Twitter, YouTube und Blogs, um das Ausland zu informieren und ihre Mitbürger auf die Straße zu holen – dies gelang trotz der Versuche der Machthaber, das Internet zu kontrollieren. Das Internet war allerdings nur ein Schauplatz der Proteste: Die Anwesenheit der Demonstranten auf den Plätzen und die Berichterstattung der älteren Massenmedien, allen voran des Fernsehens, sind mindestens ebenso wichtig gewesen. Auch für andere politische Bewegungen spielte das Internet eine große Rolle, etwa für die internationale „Occupy Wall Street“-Bewegung oder auch für lokale Proteste wie in Stuttgart, wo sich Gegner und Befürworter eines Bahnhofneubaus über Social Media organisierten.

Zwar ist der technische Zugang zur Öffentlichkeit einfacher geworden. Dies besagt aber noch lange nicht, dass man auch wahrgenommen wird und Resonanz auslöst. Auch im Internet konzentriert sich ein Großteil der Nutzung auf wenige Anbieter, während im „Long Tail“ des Internets zahlreiche Websites nur selten besucht werden. Daran schließt die Frage an: Wie durchlässig ist die Öffentlichkeit im Internet? Wie groß ist die Chance, dass sich Themen und Meinungen auch „von unten nach oben“ bewegen? Die Bewegung „von oben nach unten“ dominiert zweifellos auch im Internet, das zeigen viele Studien. Dabei werden Themen und Meinungen der großen journalistischen Websites vom Publikum aufgegriffen und weiterverbreitet. Trotzdem ist die Durchlässigkeit „von unten nach oben“ im Internet größer als in Presse und Rundfunk. Augenzeugenberichte, brisante Video-Aufzeichnungen und Insiderwissen, das einen Skandal auslösen kann, haben im Internet eher die Chance, eine große Öffentlichkeit zu erreichen.

Chancen und Grenzen des digitalen Demokratisierungsschubs

Das Internet führt nicht automatisch zu einem Mehr an Demokratie. Eine erste Voraussetzung dafür ist die Bereitschaft der Bürgerinnen und Bürger, sich an öffentlichen Diskussionen zu beteiligen. Diese Bereitschaft ist aber durchaus begrenzt: Im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Technischen Universität Ilmenau wurde zwischen 2002 und 2009 die Bürgerbeteiligung im Internet umfassend untersucht. Hier zeigte sich, dass sich in Deutschland nur eine kleine Minderheit politisch im Internet äußert. Dieser Befund bestätigt die Sorge, dass das Internet die soziale Ungleichheit sogar verstärkt, weil seine Möglichkeiten vor allem jene Bevölkerungsgruppen nutzen, die bereits privilegiert sind. Studien zur These der „digitalen Spaltung“ legen nahe, dass der Zugang zum Internet und die Kompetenz im Umgang mit dem digitalen Medium von Faktoren wie Einkommen, formaler Bildung und Alter abhängen. Dies gilt nicht nur für die Rezeption, sondern auch für die kommunikative Beteiligung. Zu befürchten ist deshalb nicht nur eine Wissenskluft, sondern auch eine Partizipationskluft. Solche Ausschlussmechanismen sind nicht neu: Schon zur bürgerlichen Öffentlichkeit des 18. Jahrhunderts hatte nur eine schmale Schicht wohlhabender und gebildeter Männer Zugang.
Christoph Neuberger (1964, Stuttgart)
hat den Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft mit Schwerpunkt Medienwandel am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München inne. Er befasst sich mit den Veränderungen von Öffentlichkeit und Journalismus im Internet.

Manuel Wendelin
ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. In seiner Dissertation (2011) befasste er sich mit der Medialisierung der Öffentlichkeit.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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