Protest 2.0

Protest im Netz

Mit einer Mail gegen Missstände protestieren oder am Computer eine Petition unterzeichnen: Online-Kampagnennetzwerke mobilisieren Millionen.

Deutsche Aktivisten wollen „Yasuní“ retten – mit einer Online-Kampagne. Doch die etwa 125 000 Unterschriften, die bis Ende 2011 für den Schutz des ecuadorianischen Nationalparks gesammelt wurden, genügen nicht. Der Plan zur Rettung des artenreichen Naturschatzes, unter dem Ölvorkommen liegen, hängt weiter in der Luft. Doch stünden die Verhandlungen noch am Anfang, 2012 könnte sich eine weitere Chance bieten, schreiben die Macher der deutschen Sektion von Avaaz, die zu einer Unterschriftensammlung für die Errichtung einer Bohrverbotszone aufrufen. Das Netzwerk versteht sich als globale Internetbewegung, die Menschen dazu bewegen will, sich politisch einzubringen. In Sachen Yasuni klingt ihre Botschaft optimistisch. „Gemeinsam schaffen wir einen noch größeren Ruf der Empörung – unterzeichnen Sie die Petition rechts“, heißt es auf ihrer Site.

Diskutieren, organisieren, demonstrieren: Wer etwas verändern will, geht ins Netz. Dort tippen sich Cyberaktivisten in E-Mails, Foren, Wikis, auf Twitter oder Websites die Finger wund, um auf Proteste gegen Walfang, Aktionen für Klimaschutz oder eine gerechtere Weltpolitik aufmerksam zu machen. Die Themen und Angebote sind vielfältig. „Es ist eine neue Protestkultur, bei der orts- und zeitunabhängig Millionen Menschen miteinander agieren“, erklärt Markus Beckedahl, Blogger und Gründer von Netzpolitik.org.

Menschen wie der Online-Aktivist Albertus van Butselaar zum Beispiel. Er stieß auf Avaaz, als er über die Abholzung des Regenwalds recherchierte: „Ihre Idee hat mich sofort angesprochen, da wollte ich mitmachen.“

Avaaz bedeutet „Stimme“

Avaaz bedeutet „Stimme“ – in mehreren Sprachen Asiens und Osteuropas. Weltweit erheben sie diese mit Online-Petitionen, Flashmobs und anderen Aktionen. Das verhältnismäßig kleine Team stammt von vier Kontinenten und agiert in 14 Sprachen. Hauptamtliche Mitarbeiter werden aus Spenden finanziert. Die Mission, mit der das Netzwerk 2007 online ging, ist einfach: „Bürgerinnen und Bürger auf der ganzen Welt zu mobilisieren, um gemeinsam die Lücke zwischen der Welt, die wir haben, und der Welt, die wir uns wünschen, zu schließen.“

Knapp zehn Millionen Aktive hat Avaaz nach eigenen Angaben weltweit – etwa 700 000 in Deutschland. „Die meisten haben wir in Frankreich, Brasilien, Indien und in Deutschland, wo wir durch erfolgreiche Kampagnen bekannt geworden sind“, sagt Kampagnenmacher Pascal Vollenweider. Mitglied wird, wer sich für den Newsletter registriert oder Petitionen unterstützt hat und weiterleitet. Van Butselaar hat schon an zig Kampagnen mit seiner Unterschrift mitgewirkt. Beim ersten Mal spendete er fünf Euro für die weltweite Aktion „Rettet Sakineh“. Es ging darum, die Iranerin Sakineh Mohammadi Ashtiani vor dem Tod durch Steinigung zu bewahren. Tatsächlich wurde das Urteil Anfang 2011 in eine mehrjährige Gefängnisstrafe umgewandelt.

„Die Macht des Volkes zeigt ihre Wirkung und wird überall auf der Welt immer deutlicher bemerkbar“, heißt es in einer E-Mail von Avaaz an die Mitglieder im Juni 2011. Und: Dass ihr Erfolg nur möglich sei, weil so viele Mitglieder bei den Kampagnen mit Hoffnung, Energie und Visionen mitmachten und die Nachricht verbreiteten. Übergeordnetes Ziel ist es, die Beteiligung einfach und spannend zu machen und verstärkt auf die Kommunikation zwischen Bürgern und politischen Akteuren zu setzen. Bereits US-Präsident Barack Obama verdankte seinen Wahlsieg von 2008 zu einem wesentlichen Teil Aktiven der Internetgemeinde und dem 1998 gegründeten Kampagnennetzwerk MoveOn.org, das später Avaaz in ihrer Arbeit inspirierte.

„Civicus – World Alliance for Citizen Participation“ ist seit Ende der 90er-Jahre aktiv. Ein internationales Netzwerk zivilgesellschaftlicher Organisationen aus über hundert Ländern – darunter viele aus Südamerika. Sein an den Menschenrechten ausgerichtetes Ziel ist es, eine weltweite Gemeinschaft von informierten und engagierten Bürgern zu schaffen. Seine Agenda und sein Wissen verbreitet es im Netz und in seinem wöchentlichen Newsletter, in dem es über die weltweiten Entwicklungen der verschiedenen Organisationen informiert. In seinem Bericht von August 2011, „Bridging the Gaps. Citizens, Organizations and Dissociation“, stellt es fest, dass die Stärke der Zivilgesellschaft weniger in ihren Organisationen als vielmehr in neuen Formen des Online-Aktivismus liege.

Termin- und passgenaue Platzierung von Online-Kampagnen

Online-Kampagnen zu initiieren heißt Agenda-Setting zu betreiben. Bei der Planung geht es darum, wie ein Thema auf die Tagesordnung gebracht werden kann. Einfach nur gegen etwas zu sein reicht nicht, um Aufmerksamkeit zu erlangen und angeklickt zu werden. Wichtig ist, die Botschaft einer Kampagne richtig zu kommunizieren. Wer zeigt, wie das Handeln des Einzelnen den Status quo verändern kann, animiert Nutzer, sich zu engagieren. „Wir identifizieren den richtigen Moment und müssen eine sinnvolle und attraktive Aktion anbieten, bei der Menschen mitmachen wollen“, sagt Vollenweider von Avaaz. Eine Kampagne müsse Aussicht auf Erfolg haben und das Thema skandalisierbar sein, meint auch Blogger Yves Venedey von Campact, einem 2004 entstandenen Netzwerk, das sich auf deutsche Themen spezialisiert hat. „Außerdem muss in absehbarer Zukunft eine politische Entscheidung anstehen, bei der wir mit unserem Protest einschreiten wollen.“ Auch das Layout einer Nachricht ist wichtig. So brauche es einen kurzen Teaser-Text, und der Link zur Petition dürfe nicht zu weit unten sitzen, weil viele Leser erst gar nicht so weit herunterscrollten. „Außerdem dürfen nicht zu viele Kampagnen auf einmal laufen, weil bei zu vielen Mails der Newsletter auch gerne wieder abbestellt wird“, weiß Venedey.

Im Gegensatz zu Organisationen wie Amnesty International, die das Netz für ihre Aktionen nutzen, bieten Online-Kampagnennetzwerke wie Avaaz oder Campact ein flexibles Rundumpaket. Sie haben mehr Themen und ein breiteres Spektrum an Aktionen im Angebot. Hinzu kommt, dass man nicht erst schriftlich beitreten muss, sondern von Fall zu Fall aktiv werden kann. Es stellt sich nur die Frage, ob das Engagement der Mitglieder nicht unverbindlich und sprunghaft bleibt, wenn es kein übergeordnetes Thema gibt. Und: Sind Protestler, die sich online beteiligen, zwangsläufig auch Aktive, die auf die Straße gehen?

Weltveränderung vom Sofa aus?

Kritiker sagen, dass die sogenannten Sofa-Demokraten zwar Petitionen unterschreiben, ihre Energie danach aber verpuffe. Wie hoch die Bindung Einzelner wirklich ist, bleibt unklar. „Der Online-Protest bietet jedoch bessere Möglichkeiten, kurzfristig Aktive zu Langzeitaktivisten zu machen und nachhaltig zu wirken“, sagt Blogger Beckedahl. Avaaz- und Campact-Mitglied van Butselaar glaubt, dass durch Online-Kampagnen auch die Menschen aktiv werden könnten, die schon immer den Wunsch gehegt, aber nicht gewusst hätten, wie sie es anstellen sollen. „Und selbst wenn ein Aktivist dabei zu Hause auf seiner Couch sitzen bleibt, denkt er trotzdem darüber nach, für welches Thema er mit seiner Stimme klickt.“

Mit ein paar Klicks die Welt zu verändern ist nicht einfach. Auch weil eine elektronische Unterschriftenliste allein nicht ausreicht, um Hunger oder undemokratische Regierungen zu bekämpfen. Der Appell muss raus aus dem Netz auf die Straße, sagen die Macher von Avaaz und Campact. „Das Wichtigste ist deshalb die Übergabe einer Petition, um deutlich zu machen, dass die Unterschriften nicht im schwarzen Loch des Internets verschwunden sind“, meint Venedey. Auch gehe es darum, reale Bilder für die Medien zu schaffen. Doch müssten sie aufpassen, dabei nicht zu Statisten auf einem Pressefoto zu werden. Die bislang erfolgreichste Compact-Kampagne in Deutschland sei der „Abschalten“-Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel gewesen. Ziel war es, die Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz zu nehmen. Über die Online-Kampagne seien direkt nach dem Unglück von Fukushima unzählige Demonstrationen und Menschenketten gestartet und ihre bisher größte Petition von 318 402 Menschen unterschrieben worden. Die Aktionen zeigten Wirkung. Die Bundesregierung nahm ihre Entscheidung zur Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke vom Herbst 2010 zurück und beschloss im Juni 2011 die Stilllegung der acht ältesten und pannenanfälligsten Kernkraftwerke und den stufenweisen Atomausstieg bis 2022. Diese Entscheidung gilt als Energiewende in Deutschland – gleichzeitig steht sie auch für den Erfolg der seit den 70er-Jahren aktiven Anti-Atom-Bewegung.
Hadija Haruna
ist Diplom-Politologin und Redakteurin. Sie arbeitet für den Hessischen Rundfunk (YOU FM) und schreibt als Autorin u. a. für den „Tagesspiegel“ und das „Fluter Magazin“. Sie lebt in Frankfurt am Main und Berlin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
Links zum Thema

Humboldt als E-Paper

Lesen Sie das Humboldt Heft 157 „Protest 2.0“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
Zum Download ...

Jetzt bestellen

Jetzt bestellen

Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
8,50 € versandkostenfrei
Zum Goethe-Webshop ...