Protest 2.0

The Protester

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Das Netz in seiner Virtualität und Globalität kann Impulse setzen, das Wohl und Wehe emanzipatorischer Bewegungen jedoch entscheidet sich im singulären konkreten Kontext. Eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Thesen Manuel Castells’ zur Netzwerkgesellschaft.

Zur Person des Jahres 2011 wählte das Time Magazine: The Protester. Das Gesicht auf dem Cover ist vermummt, der Name unbekannt, man weiß nicht, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Wohl aber kann man sich unschwer in die Gefühlslage des abgebildeten Menschen hineinversetzen. Er oder sie begehrt gegen Ohnmacht auf und will Freiheit und Mitbestimmung – auf dem Tahir-Platz, an der Moskwa, vor der Börse in New York. Wir kennen diese Gefühlsmischung aus eigener Erfahrung als Fernsehzuschauer, Zeitungsleser und User.

Manuel Castells’ Theorie zur Netzwerkgesellschaft

Die Spannung von Ohnmacht und Autonomiestreben wirkt wie eine Paraphrase zur zusammenfassenden Deutung der Weltgesellschaft als Netzwerkgesellschaft, die der spanische Soziologe Manuel Castells Ende der 90er-Jahre mit seiner dreibändigen Studie The Information Age. Economy, Society, and Culture, die inzwischen zum Klassiker avancierte, versucht hat. Diese Gesellschaft sieht er in einer Polarität zwischen dem Globalen und dem Persönlichen angekommen, zwischen System und Selbst, zwischen Macht und Gegenmacht. Die Macht organisiert sich global, die Gegenmacht regional. Kristallisationskern der Macht ist die abstrakte kapitalistische Verwertungslogik, ein von der Realwirtschaft abgekoppeltes Kasino, ergänzt durch postkoloniale Hegemonie, Gewalt und Willkür.

Die wichtigste Ressource der Gegenmacht sind universelle Ideen: Gleichberechtigung, Eigensinn, kulturelle Identität, gute Lebensbedingungen. Mit der digitalen Revolution wuchs der Gegenmacht nun eine enorme Steigerung ihrer politischen Durchschlagskraft in Form von Kommunikationsfähigkeit zu. Sie kann in kurzer Zeit Zehntausende mobilisieren. Sie kann sichtbar machen, was gerade geschieht. Sie kann für sich selbst anschaulich werden. The Protesters sind auf einmal ernst zu nehmen.

Castells macht keinen Hehl daraus, wo seine Sympathien liegen. Wer die arabischen Rebellionen verfolgt hat, wer angesichts der einander jagenden Wirtschaftskrisen um seine Existenzgrundlage bangt, wer sich politisch nicht mehr repräsentiert sieht, kann ihm nur zustimmen. Das vermummte Gesicht auf dem Cover des Time Magazine wird zum Fortschrittssymbol. Endlich scheint eine Machtumkehr unmittelbar bevorzustehen, und ihre Protagonisten sind die allgegenwärtigen Demonstranten mit ihren Mobiltelefonen in der Hand.

Gleichheit im Netz – Herausforderung und Chance

Vier arabische Regierungen wurden 2011 abgesetzt, ein Meilenstein in der Geschichte von Macht und Gegenmacht. Das Netz, seine Portale und Endgeräte wurden zum Instrumentarium entschlossener Gruppen von Einzelnen, die sich sonst nicht gefunden hätten. Sie wurden zu einem allgemeinen Mittel für ein allgemeines Ziel: Opposition zum Bestehenden und Freiheit von Tyrannei und Willkür. Genau dieser Ziel-Mittel-Nexus begründet eine weltweite Verwandtschaft. Zwar müssen die Strategien an den jeweiligen lokalen Machtverhältnissen ansetzen; über eingängigen Verallgemeinerungen wie The Protester oder Arabische Rebellion darf die Singularität der Kontexte vor Ort nicht in Vergessenheit geraten. Aber das Netz ist für alle gleich – als Chance und als Risiko.

Es dient Al-Qaida und Kinderschändern ebenso wie der Pastoralassistentin Melanie Zink, die einen Protest gegen die Werbekampagne einer Elektrofachmarktkette organisierte. Das Netz versorgt uns mit Informationen aller Art, wir nutzen es zur Selbstdarstellung oder zur Mobilisierung von Gegenmacht, aber es kann auch zur Gefahr werden. Ob nun Facebook-Gründer Mark Zuckerberg das Ende der Privatsphäre verkündet, Mobbing-Plattformen ihr Unwesen treiben oder Wikileaks die Informanten westlicher Geheimdienste namentlich preisgibt und damit der Lebensgefahr aussetzt: Mit dieser Ambivalenz müssen wir leben.

Revolutionen und ihre Bewertung

Ambivalent sind auch die Revolutionen. Erstmalig in der Geschichte nutzen sie das Netz als Waffe, ansonsten aber gleichen sie ihren Vorläufern. In der historischen Erfahrung teilt sich eine einfache Botschaft mit, die immer wieder ignoriert wird. Nach den arabischen Revolutionen ist es wieder einmal an der Zeit, sie zur Kenntnis zu nehmen: Jede gelungene Revolution bringt einen radikalen Themenwechsel mit sich. Vor dem Sieg gilt es, ein Freiheitshindernis zu beseitigen; hinterher kommt dagegen alles darauf an, eine bessere Normalität aufzubauen. Vorher braucht man Mut, danach institutionelle Intelligenz und politisches Geschick. Vorher genügen die allgemeinen Ziele, um zu wissen, was man will, danach jedoch muss das Denken ortsbezogen, singulär und kreativ werden.

Revolutionsgewinner stehen immer erst Jahre später fest; es sind diejenigen, die am besten auf das Danach vorbereitet waren und es zu gestalten wussten. Das Abdanken der alten Macht ist nur eine Etappe. Ihr Verschwinden schon für den Sieg zu halten ist die ewige Selbsttäuschungsfalle vieler Revolutionäre und ihrer hoffnungsvollen Zeugen. Nehmen wir das jüngste Beispiel Russland. An die hunderttausend Menschen versammelten sich allein am 11. Dezember 2011, um gegen die letzten Parlamentswahlen zu demonstrieren. Die neuen sozialen Bewegungen treiben die klassischen Informationsmedien vor sich her und lassen allmählich gewachsene politische Kräfte alten Typs wie Gewerkschaften, Vereine, Kirchen oder politische Parteien alt aussehen. Bei den Demonstrationen in Russland kommen Menschen jeden Alters und jeder politischen Ausrichtung zusammen: Christen, Kommunisten, Nationalisten, Anarchisten, Neoliberale, Freaks und Anhänger der Piratenpartei demonstrieren friedlich Seite an Seite. Sie sind die virtuell organisierte Gegenmacht, die der Macht zur realen Gefahr wird. Aber wer ist am besten vorbereitet? Wie lässt sich vermeiden, dass der Sieg der heterogenen Gegenmacht nur zu einem Austausch der Despoten und Ausbeuter führt?

Und noch eine Lektion der Geschichte ist zu bedenken: Die Macht ist enorm lernfähig. So profitierten die arabischen Rebellionen von einem Überraschungseffekt, der sich gewiss nicht wiederholen wird, wo auch immer auf der Welt ähnliche Bewegungen in Gang kommen mögen. Mit dem Verständigungspotenzial der vielen wird auch das Stör- und Verhinderungspotenzial der Macht zunehmen; zu erwarten ist ein kommunikationstechnisches Wettrüsten, bei dem die Macht neben der Defensive auch die Offensive nicht vergessen wird. Schon jetzt ist das Netz eine geheimdienstliche Informationsquelle, ein Manipulationsinstrument und ein Frühwarnsystem, um sich gegen Angriffe auf die Macht zu wappnen, sei es mit Gewalt, mit Taktik oder repressiver Toleranz.

Die Utopie vom Machtverzicht

Was aber, wenn dies der alten Macht nichts nützt und sie endlich in die Knie gezwungen wird? Das revolutionäre Denken neigt zur Vision eines Endes der Macht überhaupt – und riskiert, zum Opfer seiner eigenen Naivität zu werden. Selbstverständlich gibt es keinen Abschied von der Macht; anstreben kann man nur eine Verbesserung ihrer Ausübung. Heute konkretisiert sich die Illusion der Erlösung von der Macht vor allem im allzu schlichten Gegensatz zwischen guter Lebenswelt und bösem System. Ökonomie, Politik, Medien, Wissenschaft, Großtechnik und Bürokratien gelten vielen Bewegungsteilnehmern nur als Moloche, mit deren Verschwinden die Welt endlich gut würde. 

Doch wer die Abschaffung der Systeme fordert, gerät in Widerspruch zu sich selbst, zu seinen Ansprüchen an eine funktionierende Gesellschaft und zu seinen Forderungen nach einer lebenswerten Welt für inzwischen sieben Milliarden Menschen. Die Freiheitlichkeit des eigenen Lebensentwurfs, die sich alle Bewegungen auf die Fahnen geschrieben haben, steht und fällt mit dem verfügbaren objektiven Möglichkeitsraum, den nur die großen Systeme garantieren können, so störanfällig, undurchsichtig und ausnutzbar für Usurpatoren sie auch sein mögen. Doch nicht die Systeme als solche sind das Problem, sondern nur ihre immer wieder neuen Regelungsdefizite.

Man kann nicht eine bessere Welt wollen und gleichzeitig die Abschaffung der Systeme propagieren, so verständlich dies sein mag. Unrecht, Unfairness, Chancenlosigkeit, Willkür, Gewalt, Armut – die weltweit ähnlichen Motive von Bewegungen entstehen zwar in singulären lokalen Kontexten, doch die von außen kommenden Kräfte der großen Systeme wirken sich immer stärker aus. Sparvermögen fallen einer weit entfernten Subprimekrise zum Opfer, Arbeitsplätze der transkontinentalen Konkurrenz, regional verfügbare Ressourcen dem Ressourcenhunger der Welt.

Wen aber kann man verantwortlich machen? Nur langsam nehmen globale politische Strukturen Gestalt an, die den Bewegungen der Zukunft Adressaten liefern könnten: Ansprechpartner, Gegner, Repräsentanten. Was ansteht, ist ein globaler Institutionalisierungsschub, dessen Ziel die Sorge um den lokalen Kontext sein muss.

Die Rhetorik des „radikalen Wandels“, des „Abschieds von der Welt, wie wir sie kannten“, der „völligen Umorientierung“ lässt derzeit jedoch manchmal in Vergessenheit geraten, dass der Platz des gelingenden Lebens die physische, lokal verankerte Wirklichkeit ist, nicht die virtuelle und globale. Was geht in Geschlechterbeziehungen und Familien, Nachbarschaften, Betrieben, Gemeinden und Regionen vor? Welchen Gebrauch macht der Staat, in dem man lebt, von seinem Gewaltmonopol? Wie gerecht ist die Verteilung von Chancen und Gütern vor Ort? Die Hauptverantwortung für die Lebensbedingungen wird bei den lokalen Instanzen bleiben. Emanzipatorische Bewegungen werden auch in Zukunft im lokalen Kontext ihre wichtigste Arena finden; gelingende politische Gestaltung wird nach wie vor primär hier ihre Baustelle haben.

Möglichkeiten außerhalb der globalisierten Netzwerkgesellschaft

Ein beeindruckendes Beispiel für das politische Potenzial der lokalen Initiative jenseits von Netz und Globalisierung liefert ausgerechnet Afrika, von dem Castells ein ausnahmslos pessimistisches Bild zeichnet. Er bringt das afrikanische Desaster unter anderem mit der nicht vorhandenen Anbindung an das Netzwerk globaler Ökonomie in Verbindung. Aus der Sicht des Jahres 1998 scheint ihm Afrika auf ewig abgehängt, ein rettungsloses Opfer von Despotismus, Gewalt und Siechtum. Dies ist jedoch zu pauschal gesagt. Afrika weist eine Reihe von Erfolgsgeschichten auf, die das düstere Bild aufhellen. Es gibt heute dort mehr Staaten mit guter Regierungsführung und staatsbürgerschaftlicher Kooperation als je zuvor. Sie sind zwar meist auf internationale Hilfe angewiesen, aber sie kommen voran. Beispiel Liberia: ein vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land – und zwei Frauen führten es aus dem Chaos: die 2011 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Gründerin der liberianischen Frauenbewegung Leymah Gbowee und die mit dem gleichen Preis 2006 gewürdigte Staatspräsidentin Ellen Johnson Sirleaf. Letztere ist in ihrem Land nicht unumstritten, aber gut für Liberia war Sirleaf allemal. Beispiel Malawi: ein friedliches Land, das seit 2005 kein Empfänger von Nahrungsmittelhilfe mehr ist, sondern neben Uran auch Getreide, Tabak, Tee und Zucker exportiert sowie beachtliche Wachstumsraten aufweist. Es wurde 1964 unabhängig, seitdem gab es dort keinen einzigen Bürgerkrieg. Castells’ Theorie, dass der Postkolonialismus den Volksgruppen praktisch keine andere Wahl lasse, als sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, trifft hier wie in vielen anderen afrikanischen Staaten – etwa Mosambik oder Eritrea – nicht zu.

Die Gestaltungskraft des Lokalen

Solche Nachrichten finden gegenwärtig zu wenig Beachtung. Der Mainstream des Informationszeitalters ist nicht alles; es gilt, sich auf die Gestaltungskraft des Lokalen zurückzubesinnen. Deutschland etwa überstand die Transformationskrisen der vergangenen Jahrzehnte gerade dadurch besser als andere Nationen, dass es seine Industrieproduktion im Land behielt, statt nur noch auf Dienstleistung, Computerfachleute und Muskelarbeit in Billiglohnländern zu setzen.

Mit einer eindrucksvollen Skizze der Menschheitsgeschichte im Zeitraffer lässt Castells anklingen, was wir jetzt lernen müssen. Die Akteure seiner großen Erzählung sind Natur und Kultur. Am Anfang stand Kultur vor der Aufgabe, sich der Natur anzupassen. Dann begann sie das Projekt der Naturbeherrschung. Heute schließlich wird Kultur zu ihrem eigenen Gegenstand. Unser Blick wandert zur unscharfen und extrem variablen Wirklichkeit des Zwischenmenschlichen. Von der Natur haben wir genug begriffen, um das Paradigma ihrer Ausbeutung durch das der Koexistenz zu ersetzen. Die Welt wird zum Innenraum, in dem wir uns gemeinsam einrichten müssen.

Schnell wurde das Netz zu dem Medium, wo die Menschheit sich selbst begegnet, interpretiert und verändert. Die Protesters sind die Pioniere des Eintritts in das Zeitalter der Diskurse. Worauf es dabei ankommt, ist ein distanzierter Blick, der den Betrachter selbst einschließt, durch Skepsis geschärft ist und sich aller Romantik und voreiligen Gewissheit verweigert. Samuel Huntingtons resignative Formel vom Clash of Civilizations wird dem nicht gerecht, ebenso wenig aber eine Euphorie, die über die Tücken des Netzes hinwegsieht und die Mühen der Ebene nach der Revolution nicht bedenkt.

Gerhard Schulze (1944)
beschäftigt sich mit Fragen des sozialen und kulturellen Wandels. Er ist emeritierter Professor für Methoden der empirischen Sozialforschung und Wissenschaftstheorie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Zuletzt erschien „Das Alarmdilemma“ (2011).

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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