Protest 2.0

Das Geisterschiff

Der Wahlsieg der Piratenpartei, die mit knapp 9 Prozent der Wählerstimmen im Herbst 2011 das Berliner Abgeordnetenhaus enterte, traf viele unerwartet. Aber woher tauchten die Piraten auf? Sie kommen aus dem Internet – aber mit der alten Utopie der 68er im Gepäck.

Zur Piraterie gehört die Plötzlichkeit. Wie hätte auch auf offenem Meer ein angekündigter Angriff aussehen können? Die Berliner Piratenpartei macht da keine Ausnahme: „Piraten plötzlich Politiker“, verkündete die Bild-Zeitung, mit jenem Ton banger Überraschung, der früher einmal vom Ausguck eines Handelsschiffes gekommen sein mochte, wenn Freibeuter am Horizont erkennbar wurden. Die Plötzlichkeit des Auftauchens darf aber nicht zum Schluss verleiten, sie kämen aus dem Nichts. Wollen wir wissen, wer die Piraten der Piratenpartei sind, müssen wir schauen, woher sie geistesgeschichtlich kommen.

Piraten in der Tradition des Chaos Computer Clubs

In Deutschland gerät da zuerst der Chaos Computer Club (CCC) in den Blick, der vor Kurzem mit einem großen Kongress sein 30-jähriges Bestehen feierte. Die Piratenpartei überlappt sich mit dem Club personell zu Teilen – und nahezu komplett, was die Inhalte angeht. Der Club wurde 1981 gegründet, in einer Zeit also, die sich geschichtlich als Weichenstellung zum Neoliberalismus begreifen ließe. Von der Hoffnung der 68er-Generation auf Aufbruch waren nur partikulare Bewegungen geblieben, die Korrumpiertheit der real existierenden Sozialismen ließ sich nicht mehr übersehen. Ronald Reagan tritt 1981 seine Präsidentschaft an, Thatcher ist ihm schon vorausgegangen, Kohl folgt in Deutschland ein Jahr darauf: Entfesselte Konkurrenz hieß der Weg, eine renovierte Klassengesellschaft das von Kritikern befürchtete Ziel. Die Hacker des CCC setzten dem Kooperation entgegen und hielten fest an der Möglichkeit von Egalität. Die Gruppe gründete sich in den Redaktionsräumen der Berliner taz, am ehemaligen Küchentisch der Kommune 1.

Der CCC forderte, sich die Technik zu politischen Zwecken anzueignen. Er hoffte, dass sich mit Computern die verschiedenen sozialen Bewegungen vernetzen ließen und somit doch noch erreicht werden könne, was den 68ern misslungen war: „das System“ aus den Angeln zu heben. In den USA wurde das kritische Potenzial der Computer noch früher entdeckt: „Vergesst die Antikriegsdemonstrationen, Woodstock, sogar die langen Haare. Das wahre Erbe der Generation der Sechziger ist die Computerrevolution“, zitiert Christian Stöcker in seinem Buch Nerd Attack! den kalifornischen Hippie-Theoretiker Steward Brand. 1975 gründete sich im Silicon Valley der Homebrew Computer Club, das Vorbild der deutschen Hackervereinigung. Zu dem gehörten, nebenbei bemerkt, auch jene Nerds, die den Freiraum des Internets heute zu Geschäftszwecken kolonisieren: die Apple-Gründer Steve Wozniak und Steve Jobs.

Vilém Flusser als geistiger Vater

Was bei den Hippies und im Kreis des Chaos Computer Clubs von Marihuanaschwaden leicht umwölkt aufscheint, wird Mitte der 80er-Jahre von Theoretikern wie Vilém Flusser zu einer Utopie ausformuliert. Flusser sieht eine Gesellschaftsform am Horizont, „worin sich jeder im Informationsaustausch mit anderen verwirklicht“. Die Massenmedien – Zeitungen, Fernsehen, Radio – würden allerdings diesen Austausch noch unterbinden. Weder kann der Empfänger ihrer Informationen auf sie antworten, noch sind die Empfänger untereinander vernetzt. Ähnlich beklagt Jean Baudrillard, dass die Kommunikation im massenmedialen Zeitalter wesentlich einseitig sei, und analysiert das Machtgefälle dahinter: Macht bedeute zu geben, ohne dass zurückgegeben werden könne. Massenmedial verbreitete Informationen dienten nur dazu, uns das Maul zu stopfen. Das Ergebnis: entmündigte Bürger in einer totalitären Massengesellschaft.

Der technikbegeisterte Flusser entdeckte aber in den Computern die Möglichkeit, diesem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. An die Stelle der zentralistischen Kommunikationsapparate könnten Vernetzungen treten, in denen Information frei zirkuliere. Flusser stellte sich das als riesiges, kreatives Gesellschaftsspiel vor: Wir empfangen an unseren Bildschirmen Informationen, bearbeiten sie – und schicken sie weiter. So einfach.

Eine solche Gesellschaft aber, schreibt Flusser, „wäre die erste, die in der Erzeugung von Informationen die eigentliche Funktion der Gesellschaft erkennen würde und diese Erzeugung daher methodisch vorantreiben könnte: die erste selbstbewusste und daher freie Gesellschaft“.

Als vor 20 Jahren das World Wide Web entstand, schien diese Utopie plötzlich in greifbarer Nähe. 1996 kursierte eine einflussreiche „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ im Netz, die sich gegen Zensurversuche verschiedener Staaten richtete. Darin heißt es optimistisch: „Wir werden im Cyberspace eine Zivilisation des Geistes erschaffen. Möge sie humaner und gerechter sein als die Welt, die eure Regierungen bislang errichteten.“ Körper, Herkunft, Rasse, Geschlecht ließ man zurück, der Geist aber konnte, so die idealistische Grundannahme, den realen Machtverhältnissen entwischen. Und hinaus ging’s für einige Jahre in die nahezu grenzenlose Freiheit der digitalen Welt, in der sich jeder neu erfinden konnte.

File-Sharing und der Geist der 68er

Zentraler aber noch ist für die Piraten das File-Sharing geworden, mit dem man Musik, Bilder, Texte tauschen kann. Es hat den Piraten nicht nur ihren Namen eingetragen (da die Plattenindustrie den Tausch von Musikdateien als Piraterie einstuft); vor allem realisiert es das freie Teilen, oder besser: Mit-Teilen von Information – Herzstück der Internetutopie. Wobei die Dateien nach dem Modell von Flusser nicht dem passiven, privatistischen Konsum dienen sollen, sondern dazu bestimmt sind, vom Empfänger verändert, erweitert und in ihrer neuen Form weiterverbreitet zu werden. Im Idealfall, versteht sich.

Das Netz der letzten 20 Jahre: Das konnte für einen Piraten Freiheit, glückliche Anarchie, soziales Experiment und jenes Künstlertum des Copy and Paste bedeuten, das die Einlösung des alten egalitären Versprechens zu sein schien, wir alle seien Künstler. Und, ja, es bedeutete auch die Freiheit des Wortes, das unendliche Palaver – in dem Sinn, der dem Schriftsteller Maurice Blanchot vorschwebte, als er den Mai ’68 als Fest beschrieb: Jeder habe etwas zu sagen, jeder etwas zu schreiben gehabt. Und was? Ach, als ob es darum ginge! Für den Einzug der Piratenpartei in den Berliner Landtag heißt das: Es ist ein alter Bekannter, dessen plötzliches Auftauchen so sehr verwirrt. Es ist der Geist von 1968, der sich im Cyberspace frisch gehalten hat, während er sich andernorts, beim mühsamen Marsch durch die Institutionen, längst verflüchtigt hat.


Der Text erschien zuerst in „Die Zeit“ vom 22. September 2011.
Maximilian Probst
hat Bücher von Paul Virilio und Slavoj Žižek ins Deutsche übersetzt und schreibt als Journalist für „Die Zeit“.

Copyright: „Die Zeit“
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