Protest 2.0

Die Furchtlosen

Der Literat und literarische Übersetzer Timo Berger, selbst Organisator eines  Lyrikfestivals, wurde zum Literaturfestival „Antología en Movimiento“ nach Chile eingeladen, bei dem über einen relativ langen Zeitraum mit durchschnittlich zwei Monatsveranstaltungen Dichter aus Lateinamerika und Europa in Einzellesungen präsentiert werden. Seine Reiseeindrücke hielt Timo Berger für Humboldt fest.

Es war wieder Winter, als ich in Santiago landete. Fast auf den Tag genau 13 Jahre vorher war ich zum ersten Mal über die Anden geflogen. Eine bleierne Atmosphäre lag 1998 auf dem Land. Augusto Pinochet hatte zwar den Oberbefehl über die Streitkräfte abgegeben, blieb jedoch Senator auf Lebenszeit, und seine gepanzerte Limousine schob sich bisweilen zwischen den Sanddünen bis nach Reñaca, einem luxuriösen Badeort am Pazifik.

Im August 2011 reise ich mit neuen Bildern im Kopf nach Chile – Bilder, die mit dem Land, das ich kennengelernt hatte, kaum vereinbar sind: das Antlitz einer jungen Frau, die es auch in Deutschland in die Nachrichten geschafft hat, die zum Protest gegen ein als ungerecht empfundenes Bildungssystem aufruft, und Zehntausende junger Chilenen folgen ihr.

Santiago, berüchtigt für seinen Smog, begrüßt mich mit klarem Himmel. Am Vorabend hat der Winterregen die Luft reingewaschen, im Osten wölben sich die Anden weißblau empor. Einst im abschüssigen Tal des Río Mapocho gegründet, hat sich die Hauptstadt mit dem wirtschaftlichen Aufschwung immer mehr zu den Bergen hin ausgebreitet: vom Zentrum mit den kolonialen Bauten bis in die höher gelegenen Viertel der Malls und Bankentürme.

Verkeilte Stühle

Im Providencia-Viertel entdecke ich die ersten Indizien dafür, dass der „Boom“ auch eine Kehrseite hat. In das Eingangstor der staatlichen Universidad Tecnológica Metropolitana sind Stühle verkeilt. Ihre spitzen Metallbeine ragen wie Stacheln nach außen, als ob sie sagen wollten: Bleibt uns vom Leibe. Auf einem darüber wehenden Transparent steht: „La educación pública no se vende / se crea y se defiende.” (Die öffentliche Bildung wird nicht verhökert / sie wird erschaffen und verteidigt.)

Das Bildungssystem kämpft bis heute mit dem Erbe der Militärdiktatur (1973–1989). Der von Pinochet betriebene neoliberale Umbau des Wohlfahrtsstaats hatte auch vor den Schulen und Universitäten nicht haltgemacht: 1981 erlaubte er die Gründung privater Hochschulen, 1990 wurden die staatlichen Schulen in die oft klammen Haushalte der Gemeinden überführt. Die Folgen waren ein stark auseinanderklaffendes Bildungssystem und vor allem hohe Kosten. Laut OECD gilt Chile heute als das Land mit den weltweit höchsten Studiengebühren. Um die zu bezahlen, müssen viele Studenten Bildungskredite aufnehmen. Und weil viele das nicht mehr können, streiken sie seit Monaten, haben Universitäten besetzt und protestieren öffentlich.

Generation ohne Angst

Cristóbal Bianchi sieht ein wenig aus wie „der Che“ und ist etwas zwischen Künstler und Dichter. Er lümmelt auf einem Klappstuhl im Café Literario an der Plaza Brasil im Viertel der Autowerkstätten und Art-déco-Villen. Bianchi hat mit seiner Gruppe „Casagrande“ 2001 den Präsidentenpalast La Moneda aus einem Hubschrauber mit Gedichten bombardiert. Manche sahen darin einen therapeutischen Akt, der ein Gegenbild zum 11. September 1973 schuf, dem Tag des Putsches.

Die neue Generation ist anders als wir, sagt Bianchi. Sie hat keine Angst. Ich frage ihn warum. Bianchi, der sonst jeden Blickkontakt meidet, sieht mir direkt in die Augen: „Weil sie nach der Diktatur geboren wurden.“ Die jungen Furchtlosen stellen die Fragen, die während der Transición, der mit dem Militär paktierten Übergangsphase von der Diktatur zur Demokratie, nicht gestellt wurden. Sie gehen auf die Straße und scheren sich nicht um die Rhetorik der nationalen Einheit, nicht um den Präsidenten, der sich bei jedem Ausstand um das Bruttosozialprodukt sorgt.

Bildungsproteste

Das System in Chile, ist Bianchi überzeugt, hat sich erschöpft. In den 90er-Jahren – während der Transición – war Pinochet immer noch da, jede Veränderung, die den Militärs nicht passte, wurde blockiert. Die regierende Mitte-Links-Koalition Concertación stimmte ihre Politik mit der Rechten ab. Jetzt ist das anders. Bereits ein Bildungsminister musste gehen, der Präsident gab dem Druck der Straße nach, lud Vertreter der Studenten zu Gesprächen ein. Denn die Mehrheit der Bevölkerung unterstützt die Proteste.

„Ganz Chile“, sagt Bianchi und lacht verlegen, „ist verliebt in Camila Vallejo.“ Vallejo ist die Frau, deren Gesicht ich in Deutschland im Fernsehen sah. Sie ist Tochter kommunistischer Aktivisten und die bekannteste Sprecherin der Studenten. Doch Camila Vallejo ist nicht nur ein medial taugliches „hübsches Gesicht“, sie bedient sich auch nicht der verquasten Sprache vieler politischer Funktionäre linker Parteien. Es gelingt ihr, die Eltern und deren Anliegen, die Bildung ihrer Kinder finanzieren zu können, anzusprechen. „Ich habe so etwas noch nie in Chile erlebt“, erläutert Bianchi: „Du gehst mittags in ein Restaurant, und am Nachbartisch redet man über den Staatshaushalt, diskutiert einzelne Posten des Bildungsetats.“

Chilenische Jeanne d'Arc

Abends im Hotel gehören die ersten Bilder der Nachrichten wieder Camila Vallejo. Ihre zarte, hohe Stimme und ihr ebenmäßiges Antlitz täuschen. Entschlossen trägt die chilenische Jeanne d'Arc vor, warum die Studenten einen gerade begonnenen Dialog mit der Regierung wieder aussetzen. Die Vorschläge, die ihnen präsentiert wurden, seien ungenügend. Die offizielle Seite habe sich keinen Deut bewegt. Der Bildausschnitt zoomt auf ihr Gesicht. Doch Camila flirtet nicht mit der Kamera, sondern erklärt, unbeirrt von den Einwürfen der beiden Moderatoren, warum die Studenten in der Sache unnachgiebig bleiben müssen. Und sagt, die Krise des Bildungssystems sei Teil der Krise eines globalen Entwicklungsmodells.

Ein Generalstreik ist anberaumt. Juan Manuel Silva, der das Poesiefestival „Antología en Moviemiento“ organisiert, ruft mich im Hotel an und fragt, ob wir unsere geplante Lesung in La Chascona, Pablo Nerudas Haus in Santiago, verschieben können. Zum einen befürchtet er, dass der Nahverkehr zum Erliegen kommt, zum anderen möchte er auch nicht als unsolidarisch mit dem Ausstand erscheinen, den der 1988 gegründete Gewerkschaftsdachverband Central Unitaria de Trabajadores (CUT) ausgerufen hat. Ich hätte gerne „Todo por la Revolución“gesagt, doch mir kam nur ein zögerliches „Machen wir es so, wie du sagst“ über die Lippen.

Der größte Karriererist von allen

Am Vorabend des Generalstreiks sitzen wir mit Raúl Zurita im Hinterzimmer des Azul Profundo, eines liebevoll eingerichteten Fischrestaurants im Bellavista-Viertel. Der mit dem Premio Nacional ausgezeichnete Dichter beugt sich über einen Teller in Sahne ertränkter Nudeln. „Ich verfolge die Proteste“, sagt er, „mit Enthusiasmus und Schmerz. Zwanzig Jahre gingen die Leute kaum auf die Straße. Gegen die, die Pinochet ablösten, zu protestieren wäre einer Blasphemie gleichgekommen.“ Doch in der ersten rechten Regierung seit der Transición träten die Widersprüche offen zutage: Wer in einer Armensiedlung aufwächst, besucht eine miserable Schule und hat auch danach wenig Chancen. „Und das“, sagt Zurita, „obwohl es in Santiago Viertel mit luxuriösen Malls gibt, die sich auch in Schweden befinden könnten. Wäre Chile eine Person, dann wäre sie der größte Karrierist von allen.“

Willkür der Wirtschaftszyklen

Erst wenn man die Hauptstadt hinter sich lässt, wird einem die ganze Dimension dieses Landes bewusst, dieses schmalen Streifens zwischen Pazifik und Anden, der sich in Nord-Süd-Richtung mehr als 4000 Kilometer ausdehnt. Am Busfenster ziehen die Weingüter und Obstgärten des Valle Central vorbei, die Panamericana schiebt sich durch eine hügelige, sattgrüne Landschaft. Nach mehr als 20 Stunden geht die Sonne wieder auf, und wir durchqueren die Dünenausläufer der Atacama-Wüste. Zwei Stunden später sind wir in Iquique. Auch hier stehen Kräne, stoßen Hochhaustürme durch den morgendlichen Küstennebel.

Fünfzig Kilometer landeinwärts, an der Ruta 16, liegen die Oficinas Santiago Humberstone und Santa Laura. Arbeitersiedlungen, die um Salpeterwerke herum gebaut wurden. Sie zeugen von einem lang vergangenen Rohstoffboom. Hier wurde Chilesalpeter (Natriumnitrat) abgebaut und als Düngemittel in alle Welt verschickt. Im rauen Klima verwandelten sich die auf dem Reißbrett geplanten Siedlungen nach der Erfindung des Kunstdüngers in Geisterstädte. Ich stehe auf einer Abraumhalde, wo sich die Schlacken meterhoch türmen und der poröse Untergrund unter meinen Tritten nachgibt. Ich folge alten Bahngleisen durch den umbrafarbenen Sand und stehe plötzlich vor dem Gerippe einer Salpeterfabrik auf Stelzen, unfreiwilliges Mahnmal für die Willkür der Wirtschaftszyklen. Chiles Wirtschaft hängt auch heute noch stark vom Export von Rohstoffen ab – die größten Kupfervorkommen der Welt liegen in der Atacama-Wüste, und wenige hundert Kilometer südöstlich von Humberstone, im Salar de Atacama, wird ein neues „weißes Gold“ abgebaut: Lithiumsalz. Die Geschichte wiederholt sich.

Tanzende Zombies

Wieder in Santiago, sitze ich in einem Cíbercafe. Über Facebook schickt mir der Dichter Pablo Paredes YouTube-Videos. In einem von ihnen zucken Tausende Studenten, verkleidet als Zombies, vor dem Palast La Moneda im Rhythmus von Michael Jacksons Thriller – eine getanzte Metapher für den Zustand des Bildungssystems.

Pablo Paredes ist nur ein paar Jahre älter als die Studenten, er schrieb in einem seiner Gedichte: „Yo nací en el 1982 / en los años que nadie bailaba.“ (Ich erblickte 1982 das Licht der Welt / in den Jahren, in denen niemand tanzte.) Heute sind Tanz und karnevalistische Elemente Teil der vielfältigen Protestkultur. „Viele Leute“, schreibt Pablo, „werfen sich auf den Demonstrationszügen in Carabineros-Uniformen und performen Schlagstockeinsätze gegen Studenten.“ Die Repression der Sicherheitskräfte wird also spielerisch vorweggenommen. Sogar Wasserwerfer wurden schon in Originalgröße nachgebaut und Verfolgungsjagden nachgestellt. Andere Studenten stellen Parodien berühmter Videoclips ins Netz, in denen sie die Universitätsbesetzungen rechtfertigten, veranstalten Besatones, Massenküssereien, oder verkleiden sich als Superhelden. Auf die ein oder andere Weise bringen sie die Verhältnisse im Netz und in der Wirklichkeit zum Tanzen. Die Glasglocke der Transición ist endgültig gelüftet.
Timo Berger (1974)
studierte Germanistik, Lateinamerikanistik und Vergleichende Literaturwissenschaften. Er lebt in Berlin, wo er als Publizist und Übersetzer arbeitet. Er ist Mitbegründer der Latinale, des mobilen lateinamerikanischen Poesiefestivals, sowie des ersten deutschen Kartonbuch-Verlags PapperLaPapp.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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