Protest 2.0

Hightech-Indianer

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Die neuen Technologien sind geheime Hilfsmittel, denen wir gerne ganz außergewöhnliche, revolutionäre und nie dagewesene Effekte zuschreiben. Für die Indianer sind diese Werkzeuge weit weniger überraschend ...

Man könnte eine ganze Galerie mit Variationen dieser Szene füllen: Ein Amazonasindianer, ein Inuit oder ein Ureinwohner aus Neuguinea hört zum ersten Mal eine menschliche Stimme, die aus einem Grammophon dringt. Eine Foto- oder Filmkamera – ein weiterer rätselhafter Apparat – hält sein Staunen fest. Die weißen Männer sind sehr stolz auf ihre eigene Magie und erfreuten sich schon immer daran, diese jenen anderen Menschen, die sie noch in der Steinzeit wähnten, zum ersten Mal zu zeigen. Jahrhunderte zuvor hatten sie das Gleiche mit den Feuerwaffen getan oder einfach mit der Schrift, aber ab etwa 1900 wurde es dann möglich, diesen spektakulären Moment auf einer Fotografie festzuhalten.

Einsatz neuer Technologien

Das Staunen war in Wirklichkeit schon im Drehbuch vorgesehen. Wenn wir es nicht für so selbstverständlich hielten, würden wir in jenen exotischen Gesichtern eine ganze Reihe unterschiedlicher Reaktionen entdecken. In seinem Film von 1922 zeigt Robert J. Flaherty Nanook, den Eskimo dabei, wie er das Grammophon untersucht, um seinen Mechanismus zu verstehen oder um herauszufinden, ob sich nicht in seinem Inneren ein winziger Mensch versteckt habe – und das nicht ohne Grund, denn in der Frühzeit der europäischen Maschinenwelt gab es auch falsche Automaten, die in ihrem Inneren von einem Zwerg bedient wurden.

Diejenigen „Steinzeitmenschen“, die in Kontakt mit Wissenschafts- oder Militärexpeditionen gekommen waren oder die Vergeudung der Ressourcen und den verschwenderischen Verbrauch von Kautschuk, Gold oder Tierhäuten erlebt hatten, kannten diese neuen Technologien sehr viel früher als die meisten europäischen Provinzbewohner, und tatsächlich spielte Nanook, als er das Grammophon untersuchte, bereits sich selbst.

Wie man weiß, war er aktiver Mitarbeiter von Flaherty und erfand Möglichkeiten, Szenen für die Kamera nachzustellen, die diese in Wirklichkeit niemals hätte einfangen können, zum Beispiel die Robbenjagd. Zwar beherrschte er nicht die Technik, aber er wusste, wozu sie diente. Jahrzehnte später, Ende der 1980er-Jahre, wurden die Kayapó berühmt für die großen Kameras, die sie auf ihren Schultern herumschleppten – eine neue Art von Waffe, wie seinerzeit Terence Turner betonte, mit der sie den Kampf gegen die Invasion ihrer Länder oder die Errichtung eines Mega-Staudammprojekts im Urwald dokumentierten.

Etwas zuvor hatte der erste – und bisher letzte – indigene Abgeordnete im brasilianischen Kongress, der Xavante Mário Juruna, vernichtenden Gebrauch von der neuen Technologie gemacht, indem er die Versprechungen oder Angebote, die ihm andere Politiker gemacht hatten, mit einem kleinen Taschenaufnahmegerät aufzeichnete und diese später in einem entscheidenden Augenblick vorspielte. Seitdem hat es keine technologische Neuheit mehr gegeben, die der indianischen Welt fremd gewesen wäre: weder PCs und Laptops – einige Alphabetisierungsprogramme übersprangen sogar die Bleistift-und-Papier-Phase und starteten gleich mit der Tastatur – noch Musikwiedergabegeräte, die in voller Lautstärke die letzten Hits aus dem Interior, Sertanejas oder Techno-Brega verbreiten, noch das Internet, Handys, Smartphones und Tablets.

Exotismus im Quadrat

Neben dem instrumentalen Gebrauch jeder einzelnen dieser Erfindungen muss man die nicht geringzuschätzende Auswirkung auf die Selbstwahrnehmung jener Indianer, die sie benutzen, in Betracht ziehen. Am besten, wenn der Indianer währenddessen in der anderen Hand Pfeil und Bogen trägt, wenn er nackt, bemalt oder mit Federn geschmückt ist. Dieses Oxymoron, oder dieser Exotismus im Quadrat – so appetitlich er für die Fotografen oder Cineasten von heute auch sein mag –, ist für andere ein Zeichen dafür, dass diese Indianer schon gar keine Indianer mehr sind. Aber in Wirklichkeit zeigt dies nicht nur, dass die Indianer in der Hightech-Ära angekommen sind, sondern – wie die brasilianische Ethnologin Bárbara Arisi sagen würde – dass es Hightech-Indianer sind, die fröhlich damit im Einklang leben. Wenn irgendetwas ihr Überleben oder ihre Kultur bedroht, so wird das zweifellos nicht der technische Fortschritt als solcher sein.

Das Medium als Botschaft

Mit anderen Worten: dass Indianer etwas über das Handy mitteilen, scheint zu beweisen, dass sie etwas zu sagen haben. „Das Medium ist die Botschaft“ ist wohl der meist wiederholte Satz der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, und das 21. hat ihn bestätigt. Was man durch dieses Medium übermittelt, ist an sich keine Neuigkeit: „Es geht uns gut, X ist gestorben, Y ist geboren, ich gehe, ich komme, ich bin; kaufe, verkaufe, gefällt mir, gefällt mir nicht, lebe, stirb“ – die immer gleichen Nachrichten. Aber diese Bilder einer jungen Chinesin, einer Führungskraft der City, einer Indianerin vom Amazonas und eines malaysischen Fischers, die alle gleichzeitig ein Handy benutzen, sind schon Teil der Werbemythologie der Kommunikation, und sie sind die Botschaft: „Wir überschreiten Grenzen und Kulturen, wir vereinen die Welt, wir sprechen in Echtzeit.“ Diese Botschaft verschweigt vieles: In Wirklichkeit pflegen Führungskräfte der Londoner Börse normalerweise nicht mit malaysischen Fischern zu sprechen, und das hat keine technischen Gründe. Die Werbemythologie verschweigt einige der liebsten Hilfsmittel ihrer Produkte, eben jene, die dazu dienen, zu selektieren, umzuleiten, oder kurz: die direkte Kommunikation zu verhindern, die heutzutage ungleich schwieriger geworden ist.

Hightech“-Müll

Die Welt der Kommunikation in Echtzeit gestattet ebenfalls eine ausgeklügelte Spielerei. Außerdem kommt es häufig vor – nicht nur im Urwald, obwohl dort öfters –, dass der Popanz hochentwickelter Technologie unter der schlechten Infrastruktur leidet: Auf einem guten Teil des Planeten gibt es keinen Empfang, oder es fehlt einfach der Strom, ohne den es nun mal nicht geht, und die Instandhaltung ist aufgrund der Bedingungen umso unmöglicher, je mehr sie gebraucht würde. Die Bilder des Indianers mit seinem iPhone sind meist Premieren, kurze Augenblicke höchster Feierlichkeit, die danach einem alltäglichen Gebrauch weichen, wo Hightecheinfach zu Hightech-Müll zwischen Yucca-Schalen wird. Heutzutage ist es eher unwahrscheinlich, dass neue Technologien das alltägliche Leben an Orten wie den Indianerdörfern Amazoniens verändern: In der Praxis sind sie nicht effizienter als die notdürftigen Funkstationen, die schon lange eine wichtige Rolle im Kommen und Gehen der Dorfbewohner spielen.

Schutz der kulturellen und ethnischen Werte

Etwas anders sieht es bei den – auch heute noch jungen – Minderheiten aus, die in Städten leben, ihre Ethnien repräsentieren und den Kern der indigenen Bewegungen ausmachen. Hier sind die neuen Technologien tatsächlich unerlässlich für die Definition ihrer Netzwerke über große Distanzen hinweg, die man besser über das Internet bedient, und ermöglichen einen panindianischen Austausch, der über andere Kanäle wohl kaum möglich wäre. Die neuen Kommunikationsmedien gehen sehr gut mit der ökologischen und der multikulturellen Bewegung zusammen. Seine Zeitgenossen, der Naturschutz, der Kampf um die ethnischen Rechte oder die althergebrachten Traditionen – wiederkehrende Themen auf den indigenen Webseiten –, sind auch sonst im Netz weit verbreitet und imstande, einen vagen Konsens zwischen Millionen von Menschen herzustellen. Eben aus diesem Grund war auch die Bibel das erste Buch, das Gutenberg druckte: Die neuen Techniken verbreiten massiv die Botschaften, die bereits zuvor stark verbreitet waren, und es ist schwer zu sagen, wann sie von sich aus noch unveröffentlichte Botschaften übermitteln. Es wäre allzu essentialistisch anzunehmen, dass schon mal eine eigene indigene Perspektive oder Praktik aus den neuen Medien hervorgegangen wäre, ein anderer Brauch oder eine andere Sprache. Daher teilen bisher Indianer, Indianerfreunde und Exotik-Unternehmer im Internet dasselbe Vokabular, denselben Ton und dieselbe Ikonografie.

Neue Technologien als geheime Hilfsquelle

Das Staunen vor der mächtigen Magie des weißen Mannes ist vor allem ein Attribut ebendieses weißen Mannes. Auch wenn wir Kommunikationsingenieure in unserer Nachbarschaft oder in der Verwandtschaft haben, kann das nicht verhehlen, dass für die meisten von uns die Smartphones, die wir benutzen, ebenso unverständlich sind wir für den „Steinzeitmenschen“ und dass Mikrochips und elektromagnetische Wellen uns ebenso geheim und vage vorkommen, als wären sie Geister. Die neuen Technologien sind eine geheime Hilfsquelle, der wir bereitwillig außergewöhnliche Effekte zuschreiben: Revolutionen, Multiplikation von Hilfsmitteln, Auflösung von Grenzen, kurz: eine nie dagewesene Welt. Doch die „Steinzeitmenschen“ lassen sich von diesen Neuigkeiten nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Vielleicht weil sie, um zur Hightech Welt zu gelangen, nicht die Entzauberung des ersten Wissenschaftsalters mit seinem flachen Materialismus miterleben mussten – deshalb können sie annehmen, es handle sich um neue Arten von Magie, welche auf die alten folgen: Schamanismus des weißen Mannes. Die Analogie, die viele Indianer des oberen Amazonas zwischen dem Fernsehen und den Ayahuasca-Visionen ihrer Schamanen herstellen, ist bekannt – eine vieldeutige und gefährliche Magie, die uns immerhin mit allen Subjekten des Universums in Kommunikation treten lässt. Umgekehrt argwöhnen wir gerade, dass sich in den Informationsgeräten gefährliche Hexereien verbergen könnten, und daher scheint es uns notwendig, ein paar Grenzen zu ziehen – für Kinder zum Beispiel –, wenn wir sie nicht gar mit noch radikalerem Argwohn betrachten. Diese Geringschätzung von, diese Angst vor oder der Hass auf die neuen Technologien, die eine bestimmte Art zu leben, eine Moral, oder die menschlichen Beziehungen insgesamt unterminieren könnten, kommt bei den Indianern normalerweise eher selten vor.

Intellektuelles Eigentum

Wenn dieser Argwohn dennoch bei ihnen aufgekommen ist, dann hat er andere Wege genommen. In den indianischen Gesellschaften führt zum Beispiel eher die Möglichkeit, alles aufzunehmen und auf Festplatten zu speichern, was man früher im Gedächtnis behielt und ausschließlich auf mündlichem Weg überlieferte, zu Konflikten. Wissen ist das fundamentale Eigentum in Gesellschaften, wo andere Konzepte von Eigentum kaum Anwendung finden, und das intellektuelle Eigentum ist dort ein noch sensibleres Thema: Wer wird die Worte hören, die ich jetzt aufnehme? Kann er sie in Besitz nehmen? Zu welchem Zweck, warum wird er sie wiederholen? Und obgleich die neuen Möglichkeiten, Bilder und Worte aufzuzeichnen, mit großem Wohlgefallen aufgenommen werden, als Möglichkeit, ein kulturelles Erbe zu retten, das dabei ist, verloren zu gehen – so der Grundgedanke, der hinter vielen Projekten zur Rettung der Kultur bei den verschiedensten Ethnien steckt –, hat diese Garantie so ihre Schattenseiten. Wir leben in Gesellschaften, die durch das Christentum daran gewöhnt sind, die Ewigkeit oder Unendlichkeit als indiskutable Werte anzunehmen, und es fällt uns schwer, zu verstehen, dass für andere die Idee der Verbreitung oder die Unendlichkeit eher beunruhigend sein kann. Schon das Weiterleben der Stimme oder des Bildes eines Toten können ein völlig neues Problem darstellen, mit dem man sich nach der Aufnahme notgedrungen auseinanderzusetzen hat.

Nanook und Proust

Vielleicht bietet uns die beste Annäherung an diese Art von Bildern, die vor 100 Jahren aufgenommen wurden und auf denen Primitive ein Grammophon abhören, ein Text von Proust, der Zeitgenosse von Nanook war: die Passage in Du côté de Guermantes, wo er sein erstes Telefonat mit seiner Großmutter beschreibt. Für Proust war der Telefonapparat eine Neuigkeit, und während er durch ihn eine bekannte Stimme hört, staunte er, dass er sie wiedererkannte obgleich sie abgelöst war von der physischen Unmittelbarkeit, die sie ständig begleitet hatte. Das Telefon hob die Distanz auf, ja, und brachte diese Frau von weit her. Aber gleichzeitig betonte es eben diese Distanz, als sei das, was sich seinem Gehör darbot, die Stimme einer Toten. Aus einer Zeit der Besuche, der Gunstbeweise und Konversationen von Angesicht zu Angesicht stammend, entschied sich Proust sofort, aufzubrechen, um sich persönlich mit seiner Großmutter zu treffen.

Der vielleicht überzeugendste Effekt der neuen Technologien – dort, wo sie tagtäglich eingesetzt werden – ist, dass sie uns im gleichen Maße von unserer physischen Umgebung isolieren, wie sie uns an Subjekte binden, die fern sind, vielleicht sehr fern, mit denen wir eine geläuterte Beziehung aufrechterhalten, frei vom Chaos der Empfindungen, der Wiedersprüche und Konflikte, wie sie die Unmittelbarkeit bewirkt. Man kann tausend Freunde haben in Bezug auf ein Interesse, ohne dass sie in derselben Straße, demselben Viertel, derselben Stadt oder demselben Land leben müssen. Das ist allerdings tatsächlich ein schwindelerregender Wandel in einer Welt, die das Vorurteil kultivierte, dass die Nächsten Freunde und die Fremden gefährlich seien. Die „Öffnung zum Fremden“, welche die Ethnologen den amerikanischen Indianern immer so gerne zugeschrieben haben, favorisiert zweifelsohne, dass man einen neuen Apparat ohne Staunen benutzen soll – schließlich gibt es ja so viele fremde Dinge auf dieser Welt –, aber sie verringert auch seine Auswirkungen. In den indigenen Gesellschaften ist es keine Sünde zuzugeben, dass der Feind meist nebenan wohnt und dass wir viel weiter weg vielleicht einen besseren Gesprächspartner finden, vielleicht sogar unter den Geistern oder unter den Toten. Wir glauben nicht an die Möglichkeit, mit Geistern oder Toten zu sprechen: Wir benutzen unsere Apparate, um mit Wesen aus Fleisch und Blut zu kommunizieren, die sich überall aufhalten können, und damit machen wir unser Leben, je nach Laune, reicher oder ärmer. Die Indianer können, schon lange vor Steve Jobs, ohne übertriebene Gefühlsäußerungen Hightech sein: weil sie schon immer über eine Kommunikation verfügten, die viele Wesen mit einschloss, mit denen es nicht möglich – und manchmal nicht ratsam – ist, sich von Angesicht zu Angesicht zu treffen.

Óscar Calavia Sáez (1959, La Rioja, Spanien)
ist Professor der Anthropologischen Abteilung an der Universidade Federal de Santa Catarina, Brasilien. Sein Forschungsgebiet umfasst religiöse Themen in Spanien und Brasilien sowie indigene Ethnologie in Amazonien. 2006 veröffentlichte er „O nome e o tempo dos Yaminawa: Etnología e história dos Yaminawa do Acre“ und 2008 den experimentellen Roman „Las botellas del señor Klein“. Kürzlich erschien von ihm „Amazonia-China. Dos viajes de vuelta“.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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