Protest 2.0

Wir bewegen die Welt

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Hoch entwickelte Menschenwesen oder eine Bande vernetzter Barbaren? Unsere Zukunft gestaltet sich in Abhängigkeit von unserem Umgang mit dem Internet.

Das Internet ist zweifelsohne eine in der Geschichte der Menschheit einzigartige Erfindung: ein Paradies der Wissensdemokratie. Es ist ein unschätzbar großer Speicher menschlichen Wissens und Chronograph des Zeitgeistes, eine Maschine, die Menschen miteinander verbindet, und ein Raum des Lernens und Zusammenlebens. Das Internet ist Fabrik, Laden und Schaufenster in einem, es ist Bühne und Publikum, Museum und Galerie, Macher und Archiv zugleich. Höchstwahrscheinlich ist das Internet die letzte Möglichkeit des Menschen, in dieser Welt zu reüssieren.

Die Zahlen sprechen für sich. Twitter hat mittlerweile über 100 Millionen Profile, Facebook bereits mehr als 800 Millionen User. YouTube, das größte Videoportal im Netz, wird täglich unglaubliche vier Billionen Mal angeklickt. Ganz richtig: Vier Billionen. Auf einem Planeten mit sieben Billionen Einwohnern sind bereits zwei Billionen Menschen vernetzt. Die immer zahlreicheren Log-ins per Handy und die steigende Nachfrage nach anderen mobilen Zugriffsmöglichkeiten machen es wahrscheinlich, dass in wenigen Jahren die gesamte Weltbevölkerung das Internet nutzen wird. Eine ganze Welt vernetzt, auf dezentrale Art und Weise – eine Wirklichkeit, die selbst die Science-Fiction nicht vorausgesehen hat. Und doch ist diese Wirklichkeit mehr als wahrscheinlich.

Diese neue, bislang nie dagewesene Situation wird Konsequenzen haben und lässt bereits jetzt unumgängliche Fragen aufkommen. Wie sollen wir uns im Netz verhalten? Verbringen wir zu viel Zeit im Internet? Zeigen wir – vielleicht ohne dass uns dies bewusst wird – zu viel von uns selbst? Welche Risiken birgt dies, oder können wir uns sicher wähnen? Sind wir freier als zuvor oder völlig überwacht? Befinden wir uns auf dem Weg zu einer umfassenden Demokratie oder auf dem Weg zu einer totalen Kontrolle? Wie soll das Leben in diesem Modell der Selbstverwaltung aussehen, dessen Macht nicht zentral gebündelt ist, sondern tatsächlich vom Volke ausgeht? Sind wir darauf überhaupt vorbereitet? Und was, wenn das Internet eines Tages kollabiert?

Die Macht des Internets

Das erste Anzeichen, das Licht auf einige mögliche Antworten wirft, ist die Tatsache, dass die Transparenz die beste Waffe im Dienste der Demokratie ist. Das Phänomen des sogenannten Arabischen Frühlings bestätigt das Sprichwort aus Zeiten vor dem Internet, das da heißt: „Gemeinsam sind wir stark.“ Unabhängig von seinem Verdienst hat uns auch die Bewegung Occupy Wall Street gezeigt, in welchem Zustand sich die traditionellen Medien derzeit befinden – und welche Macht das Internet hat.

Die Wahlen im Iran im Juni 2009 waren ein anderer markanter Moment. Jugendliche, die auf Häuserdächern stehend Informationen über ihre Handys verschickten und so der Welt live mitteilten, wie es um ihr Land bestellt war. Durch Twitter fanden sich auch in Brasilien Menschen, die sich sonst wohl kaum für die iranische Innenpolitik interessiert hätten, zusammen, um die Grüne Revolution zu unterstützen. Twibbons markierten die Solidarität mit den iranischen Demonstranten. Man spürte, wie sehr die Welt, ganz im Sinne McLuhans, ein globales Dorf geworden war.

Eine zweite, optimistische Beobachtung ist, dass unser ständiges In-Kontakt-Sein unsere Sicherheit zu erhöhen vermag. Immer mehr Menschen interessieren sich für uns, sind ständig online und demnach auch ständig in Bereitschaft, sich einzubringen, wo dies vonnöten ist. Gleichgültig, wo auf der Welt man gerade ist – ein Handy mit Internetzugang ist eine Hilfe, in jedem Sinne. Apps auf Smartphones liefern Inhalte ganzer Bibliotheken, Landkarten, Übersetzerdienste und Anleitungen, kurzum alles, was man braucht, um schnell eine Frage zu klären, ein Problem zu lösen oder gar seine Bankgeschäfte zu erledigen. Mit einem Internetanschluss ist man niemals allein. Und niemals hilflos.

Gefangen in einem Klub der Gleichheit

Doch leider ist das virtuelle Leben nicht nur ein Wunderland. Es ist auch eine Spiegelung des Menschen mit all seinen Problemen und Ambitionen. In sozialen Netzwerken kann es auch zu gefährlichen Irrtümern kommen, und sie können unseren Zugang zur Vielfalt vereiteln. Viele Algorithmen funktionieren auf diese Art: Ausgehend davon, was wir posten, kommentieren, konsumieren, geben wir unsere Vorlieben, Überzeugungen und politische Ansichten preis, was dann dazu führt, dass das Netz uns immer mehr Informationen ähnlicher Art anbietet. Streng genommen werden wir so dazu angeleitet, uns mehr und mehr nur mit jenen zu verbinden, die uns ähneln, und uns in einem Klub von Gleichgesinnten zu versammeln, der jegliche Differenz ausschließt. Eine Erweiterung des Egos, mehr von einem selbst. Und darin liegt die Gefahr. Der Umgang mit dem Ähnlichen kann unsere Toleranz für das andere mindern und unser Interesse am Unbekannten schmälern. Und dabei wissen wir doch, dass wir durch die Begegnung mit dem anderen, mit dem Neuen wachsen und uns durch Diskussion und die Akzeptanz anderer Meinungen als Menschen erweitern und bessern.

Der Grundstein der Demokratie ist das Bewusstsein dafür, dass alle Rechte für alle gleichermaßen gelten und dass ein Zusammenleben, das sich nur auf gleichgeartete Menschen beschränkt, dieses Demokratieverständnis erschweren kann. Wir müssen aufpassen, uns nicht in virtuellen Ghettos zu verschanzen, wo wir uns doch mit dem Internet in einem Raum bewegen, in dem wir unseren Horizont erweitern und unser Weltwissen bereichern können.

Die größte Sorge jedoch, unabhängig von Algorithmen und Technologie, ist die Frage nach der Ethik in einer vernetzten Welt: Wie soll man mit der rasenden Geschwindigkeit der Internetkommunikation Schritt halten und dabei zugleich die unbedingt notwendige Urteilsfähigkeit bewahren?

Eine Meinung haben

Wir leben in einer audiovisuell dominierten Welt. Alles ist Bild. Und die Bilder rufen Emotionen hervor. Wir sehen und glauben, dass die Bilder der absoluten Wahrheit entsprechen. Und mit der gleichen Hast, mit der wir sehen, urteilen wir auch. In der Folge handeln wir gemäß unserem Urteil. Der Drang zur Reaktion, den die rasante Geschwindigkeit in den sozialen Netzen taktet, führt dazu, dass unsere Urteile oft unausgereift und unüberlegt sind. Denn heute ist es „notwendig, zu allem eine Meinung zu haben“, um in der Gesellschaft zu bestehen.

Ein aktueller Fall ereignete sich im Twitter in Brasilien. Ein gefälschtes Profil veröffentlichte Posts mit diskriminierenden Inhalten, die sich gegen die Nordestinos, die Einwohner des brasilianischen Nordostens, richteten. Mehr als 8000 Menschen reichten beim Innenministerium Beschwerde ein. Problematisch war, dass das Profil Fotos einer jungen Frau genutzt hatte, die es tatsächlich gibt. Das Bild des Avatar, verbunden mit hetzerischen Phrasen, wurde millionenfach weitergeleitet. Die junge Frau ist unschuldig, ein Opfer. Ihr Foto wird nun mit strafbaren Handlungen in Verbindung gebracht. Und als ob das noch nicht genug wäre, wurde das Profil gehackt, ehe die Justiz einschreiten konnte. Zunächst machte sich ein Gefühl der Genugtuung breit. Doch Rechtsprechung ist kein Racheakt. Und noch weniger wird Gerechtigkeit durch ein paar Mausklicks wiederhergestellt.

Ohne zentrale Gewalt

Dies ist das große Risiko für unser Verhalten im Internet. Freilich: Es ist wunderbar, ein Netzwerk zur Verfügung zu haben, das die Menschen ohne eine übergeordnete Instanz vereint und das aus der Kraft aller heraus funktioniert. Dies kann jedoch dazu führen, dass wir die Grenzen von Recht und Gesetz überschreiten, die Gepflogenheiten eines guten, sorgfältig recherchierenden Journalismus verkennen und nicht zuletzt auch unser Verhalten nicht mehr vom gesunden Menschenverstand leiten lassen. Die Geschwindigkeit der Datenübertragung führt zu vorschnellen und oberflächlichen Urteilen, zu Verurteilungen, die auf bloßen Eindrücken fußen. Geschieht dies, so sind wir nicht länger als hochentwickelte Menschen zu bezeichnen, die eine fortgeschrittene Technologie zur Hand haben, sondern werden zu einer Bande vernetzter Barbaren – das Letzte, was wir für uns wünschen.

Alles, was wir haben, ist von Menschen wie dir und mir gemacht worden. Alles ist möglich, jeder von uns kann etwas. Das Internet ist dazu da, uns zu helfen, unsere besten Fähigkeiten herauszustellen. Was uns in Zukunft erwartet, ist genau dies: die Potenzialisierung unserer selbst.

Deshalb sind wir dazu angehalten, alles kritisch zu überprüfen: von den Regierungen bis hin zu unseren persönlichen Ambitionen, vom exzessiven Konsumverhalten bis zur Sorge um unseren Planeten. Wir müssen die ethischen Fundamente unserer Gesellschaft hinterfragen und unsere Moralvorstellungen neu bestimmen. Das Internet ist das Werkzeug, das uns bei der Umsetzung dieses Bestrebens helfen kann, um so einen Wandel in Gang zu bringen – ein Wandel, der in unserem Freundeskreis beginnt, in unserer Nachbarschaft, in unserer Stadt. Unsere Zivilisation ist erwachsen geworden und benötigt keine zentrale Ordnungsmacht mehr. Es ist an der Zeit zu beweisen, dass die Menschheit sich selbst und ihre Welt verwalten kann. Denn letztendlich sind wir alle zusammen ein Ganzes.
Rosana Hermann
ist Journalistin, Autorin, Bloggerin und Konferenzteilnehmerin zu Themen der Kreativität und sozialen Netzwerke; an der Fundação Armando Álvares Penteado unterrichtet sie das Fach „Drehbuch“. 2011 erschien ihr neues Buch über Twitter „Um passarinho me contou“.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Heike Muranyi
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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