Protest 2.0

Die Entdeckung des öffentlichen Zwischenraums

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Überlegungen und Projekte zur Verschränkung von urbanen und digitalen Räumen.

Zahlreiche Großstädte weltweit sind derzeit Schauplatz unterschiedlich motivierter urbaner Aufstände. In Teheran, Tunis, Kairo, Tripolis, aber auch in Tel Aviv, Madrid, Lissabon, Athen, Santiago de Chile und New York gehen Menschen auf die Straßen, um gegen bestehende Strukturen zu rebellieren und für eine andere Zukunft zu kämpfen. Ohne den öffentlichen Raum der Stadt wären die gegenwärtigen Ereignisse ebenso wenig denkbar wie ohne den digitalen Raum des Internets. Was sich im Internet über kurz oder lang konstituiert, findet auf den öffentlichen Plätzen der Städte seine materielle Entsprechung: Tahrir-Square, Zuccotti Park, Stuttgarter Schlossgarten wurden zu Symbolen ganzer Bewegungen.

Durch die zunehmende Verschmelzung von urbanen und digitalen öffentlichen Räumen entsteht ein neuer progressiver öffentlicher „Raum“. Smartphones und andere mobile internetfähige Geräte bilden zusammen mit sozialen Medien den Schlüssel zu diesem „öffentlichen Zwischenraum“, wo das Agieren das Potenzial hat, politische, kulturelle oder wirtschaftliche Machtgefüge ins Wanken zu bringen.

Renaissance des öffentlichen Raums

Seit einigen Jahren wird in der Stadtforschung von einer „Renaissance des öffentlichen Raums“, von „urbanen Episoden“ und von „temporären öffentlichen Räumen“ gesprochen. In der heute zunehmend räumlich und sozial fragmentierten Stadt wird der öffentliche Raum zum temporären. Dabei handelt es sich in den seltensten Fällen, wie Kritiker gerne behaupten, nur um „kommerzielle Events“, vielmehr entwickeln sich immer mehr nicht gewinnorientierte Projekte, wie Kulturveranstaltungen, Kunstprojekte, Demonstrationen, Floh- oder Wochenmärkte. Diese „bespielen“ unter großem Beifall des Publikums öffentliche Räume. In der heutigen „Stadt der Ereignisse und Erlebnisse“ gibt es den „öffentlichen Raum“ im strengen Sinne also nicht mehr als Dauerzustand, sondern er blitzt ständig an alten und neuen öffentlich nutzbaren Orten auf.

Anders als von Kulturpessimisten prophezeit, führte das Internet nicht zum Verfall und Ende des öffentlichen Raums, sondern unterstützte und verstärkte dessen Renaissance. Aktionsformen wie Flashmobs, Facebook-Partys oder beispielsweise Planking zeigen dabei ebenso die zunehmende Verschränkung digitaler und urbaner Räume wie die politischen Bewegungen des „Arabischen Frühlings“, die mittlerweile globale Occupy-Bewegung oder auch die Ereignisse der unter dem Namen „Stuttgart 21“ bekannten städtischen Bürgerproteste gegen einen unterirdischen Bahnhofsneubau.

Die Entdeckung des öffentlichen Zwischenraums

Der Soziologe Howard Rheingold bezeichnet digital-urbane Phänomene bereits seit etwa zehn Jahren als „Smart Mobs“. Diese basieren auf dem Konzept der „Schwarmintelligenz“, was die Möglichkeiten des Internets bezeichnet, menschliche Intelligenz raum- und zeitnah zu konzentrieren und gemeinsam nutzbar zu machen. Ideen werden zusammen – oftmals über weite Distanzen hinweg – in sozialen Medien entwickelt, verbreitet und gestärkt. Menschen vernetzen sich und erstarken unter dem Gefühl der kollektiven Zusammenarbeit.

Der Begriff „Schwarmintelligenz“ kommt ursprünglich aus der Biologie und bezieht sich vor allem auf Lebewesen, die in Schwarmsystemen leben. Seit der Entstehung und Verbreitung des Internets wird das Konzept der Schwarmintelligenz jedoch vermehrt auch auf das Kommunikations- und Handlungssystem des Netzes angewandt. Die Crowd wird zu einer neuen Kategorie. Das wohl bekannteste Beispiel für Schwarmintelligenz im digitalen Raum ist sicherlich noch immer Wikipedia. Die Artikel des Online-Lexikons werden von mehreren Autoren erarbeitet, korrigiert und stetig erweitert. Es entsteht ein selbstregulierendes System. Ein weiteres Beispiel ist die Plattform „GuttenPlag“, die sich selbst als kollaborative Plagiatsdokumentation bezeichnet. Benannt wurde sie nach dem ehemaligen deutschen Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, der im Jahr 2011 wegen einer Plagiatsaffäre von all seinen politischen Ämtern zurücktrat. GuttenPlag hatte auf den Verlauf dieser Affäre entscheidenden Einfluss und gilt heute als ein Beispiel für die wachsende Bedeutung des Internets, insbesondere im Verhältnis zu den klassischen Medien. 2011 erhielt GuttenPlag den Grimme Online Award.

Im digitalen Raum des Internets finden sich zahllose Menschen zusammen, um gemeinsam an einer Vision zu arbeiten, Gedanken zu formulieren, Verbündete zu finden. So entsteht gewissermaßen ein Rückhalt, eine kritische Masse, ohne die der Schritt in den öffentlichen Raum der Stadt und die Organisation von Widerstand kaum möglich wären. Erst dort aber gewinnt die Masse an Materialität, wird sichtbar und kann die nötige Aufmerksamkeit erzeugen.

Die Schwarmintelligenz verleiht dem Phänomen der „urbanen Episoden“ eine zusätzliche Dynamik und zugleich auch eine gewisse Dauerhaftigkeit. Während sich die weltweiten urbanen Protest- und Widerstandsbewegungen des Jahres 2011 in ihrer konkreten Zielsetzung unterscheiden, ist ihnen doch gemeinsam, dass sie im digitalen öffentlichen Raum Gemeinschaften um vage inhaltliche Vorstellungen bilden und aufrechterhalten können.

Somit bedeutet die Internetnutzung nicht zwangsläufig Vereinzelung, sondern im Gegenteil: Je stärker die Nutzung sozialer Netzwerke im Internet – ob zu Hause am stationären Computer oder unterwegs an Handy, Laptop, Smartphone oder Tablet –, umso größer scheint das Bedürfnis nach Öffentlichkeit und echter Begegnung zu sein.

Bereits 2003 trafen sich in New York zum ersten Mal Hunderte von Menschen, um für wenige Minuten gemeinsam sinnfreie Dinge zu tun. Was später als „Flashmob” bekannt wurde, gilt heute als eines der charakteristischen Internetphänomene. Seitdem nimmt die Verschränkung digitaler und realer Räume zu, wie die sogenannten Facebook-Partys zeigen oder der Lip Dub, eine spezielle Form des Musikvideos, bei dem eine vorher definierte Gruppe von Menschen ein bekanntes Lied lippensynchron singt, oder auch das „Planking”, bei dem Menschen auf absurde Art und Weise, meist mit dem Gesicht nach unten, sich an ungewöhnlichen Orten, zum Beispiel auf einem Balkongeländer, hinlegen, dies fotografieren lassen und auf entsprechenden Plattformen veröffentlichen.

Wilder Westen im Zwischenraum

Den öffentlichen Zwischenraum und das Konzept der Schwarmintelligenz machen sich jedoch nicht nur Protestbewegungen und die Kunst zu eigen. Auch die öffentliche Hand und große wirtschaftliche Unternehmen nutzen den digitalen und urbanen Raum gleichermaßen, um neues Wissen zu generieren. Ein Beispiel hierfür ist das BMW Guggenheim Lab, das von Mai bis Juli 2012 in Berlin Station macht. Sowohl auf Facebook und im Projekt-Blog als auch in der mobilen Architektur im öffentlichen Stadtraum setzt dieses auf das Prinzip des Crowdsourcing, um Konzepte für die Großstadt der Zukunft zu entwickeln. 

Im öffentlichen Zwischenraum herrscht noch immer Wilder Westen. Es wird nun darauf ankommen, wer diesen neuen Raum mit welchen Zielen und Interessen nutzt.
Anja Junghans (1982, Dresden)
studierte Kultur- und Medienwissenschaften und arbeitet derzeit freiberuflich u. a. mit den „urbanauten“ in München. Ihre Masterarbeit schrieb Sie über den Flashmob als Strategie der Sichtbarkeit und Evidenz. Ihr Interessenschwerpunkt ist der urbane und der digitale Raum, u. a. im Hinblick auf Kreativität und Subversion.

Benjamin David (1976, New York)
studierte Geographie, Städtebau und Politikwissenschaften. 2001 gründete er zusammen mit Ulrike Bührlen und Stefan Zöller die „urbanauten“ in München, die sich als „Denkfabrik“ mit zahlreichen inhaltlichen Debatten zum öffentlichen Raum in der Stadt beschäftigen und zeitgleich als „Stadtlabor“ diverse Kunst- und Kulturprojekte im öffentlichen Raum in München durchführen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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