Protest 2.0

Globales Netzwerk oder elitärer Spielplatz?

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Ein Sonntagnachmittag in Berlin. Statt der Wochenendzeitung lese ich auf Facebook eine Nachricht von meiner philippinischen Freundin und sehe mir die Fotos von ihrem Wochenendausflug an. Im Anschluss lese ich in einem meiner liebsten Blogs, geschrieben von afrikanischen IT-Spezialisten, über die neuesten Entwicklungen im kenianischen Mobilfunkmarkt.

In unserer von Mobilität und Globalisierung geprägten Gesellschaft ermöglicht das Internet, soziale Kontakte über geografische Grenzen hinaus zu pflegen und Informationen aus allen Ecken der Welt zu bekommen. Durch soziale Medien ist das Veröffentlichen und Teilen selbst produzierter Inhalte so einfach wie noch nie. So bieten soziale Medien auch neue Chancen, den Dialog zwischen Kulturen zu stärken.

Die digitale Spaltung – Wer keinen Zugang hat, kann nicht mitreden 

Es besteht allerdings eine Reihe von Hürden, die dazu führen, dass nur eine Minderheit die neuen digitalen Möglichkeiten nutzen kann. An der globalen Konversation nehmen nicht alle Menschen teil, da nach wie vor der Großteil von ihnen keinen Zugang zum Internet hat. Der weiterhin starke Anstieg an Internetzugängen verspricht jedoch, dass sich diese digitale Spaltung der Gesellschaft in Zukunft verkleinern wird. Während 2006 nur ca. 18 Prozent der Weltbevölkerung das Internet nutzten, sind es laut aktuellen Statistiken der International Telecommunication Union heute rund 35 Prozent. Insbesondere der Anteil der Internetnutzer in Entwicklungs- und Schwellenländern ist gestiegen – auf immerhin 62 Prozent! Vor allem der Zuwachs an Nutzern aus China hat hierzu beigetragen: Hier lebt fast ein Viertel der Internetnutzer. Auch in Lateinamerika hat die Zahl der Internetnutzer stark zugenommen. Mittlerweile haben hier mit über 215 Millionen Menschen ca. 36 Prozent der Bevölkerung Zugang. Im Vergleich dazu waren es 2000 nur rund 18 Millionen.

Die beliebtesten Internetdienste sind heutzutage soziale Medien: Über 80 Prozent aller Internetnutzer frequentieren mindestens ein soziales Netzwerk. Vor allem in Lateinamerika sind diese sehr populär. Laut neuesten Studien gehören Argentinien, Chile, Kolumbien, Peru und Venezuela zu den zehn Ländern, in denen Menschen die meisten Stunden in sozialen Netzwerken verbringen. In Argentinien sind es über zehn Stunden monatlich.

Worüber die Welt redet

Die US-amerikanische Plattform Facebook hat den Siegeszug der sozialen Netzwerke angeführt. Über 800 Millionen Nutzer verzeichnet die Plattform zum Ende 2011. In Ländern wie Japan und Brasilien, in denen bis vor Kurzem andere Anbieter die Marktführer waren, überholt Facebook rasant seine Konkurrenten. Auch wenn es mittlerweile 74 Sprachversionen gibt, sind die Themen, die das soziale Netzwerk dominieren, noch stark US-amerikanisch geprägt. Neben dem Tod von Osama Bin Laden gehörten zu den fünf führenden Themen 2011 der Ausgang des Superbowls, Charlie Sheen und der Tod von Steve Jobs.

Twitter zeigt sich da politischer und internationaler – hier gehörten im Jahr der arabischen Revolutionen und von Fukushima #egypt und #japan zu den fünf meistgebrauchten Hashtags, wie die Schlagworte, die mit einer Raute markiert werden und das Suchen von Inhalten bei Twitter einfach machen, genannt werden.

Dass neben der privaten Nutzung die sozialen Netzwerke auch eine Plattform zur Mobilisierung und Organisation von gesellschaftlichen oder politischen Bewegungen bieten, wurde 2011 durch den „Arabischen Frühling“, aber auch durch die Occupy-Bewegung wiederholt deutlich. Mithilfe sozialer Medien werden neue Öffentlichkeiten hergestellt und die Barrieren staatlicher Zensur und Filter bei traditionellen Medien umgangen. Während einige hier die Entstehung neuer globaler, partizipativer Strukturen sehen, stellen andere kritische Aspekte in den Vordergrund. Denn nur ein Bruchteil der Nutzer trägt außer einem gelegentlichen Status-Update auf Facebook aktiv zur inhaltlichen Gestaltung des Internets bei. Das Gros der Internetnutzer bleibt passiv, während nur 10 Prozent eigene Inhalte beitragen, indem sie zum Beispiel einen Blog betreiben, Wikipedia-Artikel bearbeiten oder Videos bei YouTube einstellen. US-amerikanische Studien belegen, dass das Internet vor allem von gut gebildeten Männern aus der westlichen Welt befüllt wird. Beschränkt sich Partizipation im Internet also auf bestimmte Bildungsschichten? Und bleibt das Internet also letztlich doch monologisch und der Dialog der Kulturen eine Utopie?

Jenseits von Like-Kultur und Sprachbarrieren – Kollaborations- und Dialogprojekte im Netz

Trotz mangelnder aktiver Beteiligung ist nicht zu bestreiten, dass das Internet eine wesentliche Rolle in unserem Leben spielt: als Informationsquelle, als Kommunikationsplattform und als privates oder berufliches Netzwerk. Verschiedene Akteure nutzen das Netz, um interkulturellen Austausch zu fördern. Ein paar Beispiele:

Im Bereich der Diplomatie gewinnt das Internet an Bedeutung. So ist die Website Turkayfe ein Versuch, Imagewerbung für die Türkei durch kulturellen Austausch zu betreiben. Turkayfe möchte ein virtuelles Teehaus als Begegnungsort der Kulturen bieten, wo sich Menschen in Ruhe über verschiedene Aspekte der Türkei unterhalten können. Auf ähnliche Weise versuchen verschiedene Länder, sich im Internet zu präsentieren, Einblicke in Kultur und Politik zu geben und ein Gesprächsangebot online zu schaffen.

Neben kommerziellen sozialen Netzwerken spielen vor allem Bürgerjournalismus-Initiativen und Blogs eine wichtige Rolle bei der Herstellung internationaler Öffentlichkeit für lokale Geschehnisse. Zu den wichtigsten solcher Initiativen gehört Global Voices, ein Gemeinschaftsprojekt von über 300 Bloggern und Übersetzern aus der ganzen Welt. Projekte wie Global Voices schaffen eine Öffentlichkeit, vor allem für Stimmen, die in herkömmlichen Medien kein Gehör finden, und ermöglichen durch Übersetzung den interkulturellen Austausch über Sprachbarrieren hinweg.

Autoren aus der ganzen Welt im Dialog

2011 wurde der Antrag bei der UNESCO eingereicht, Wikipedia als Weltkulturerbe anzuerkennen. Wikipedia ist nicht nur eine Enzyklopädie, sondern ein soziales Projekt, das man auch als Experiment des kulturellen Austauschs bezeichnen kann. Wird dadurch aber tatsächlich eine Weltwissensgemeinschaft befördert? Durch die unterschiedlichen Sprachversionen kommt es zunächst zu einer Abkapselung einzelner Communities durch Sprachbarrieren. Da in verschiedenen Sprachräumen Themen unterschiedlich stark rezipiert werden, schlägt sich dies in einer ungleichen Gewichtung der Schwerpunkte nieder, und man kann fragen, ob dies nicht dem Anspruch einer Universalenzyklopädie zuwiderläuft. So gibt es in der spanischen Variante nur drei Biografien zu Skispringern, während es in der deutschen Version allein 135 Artikel zu österreichischen Skispringern gibt. Dafür existieren etwa zwanzigmal so viele spanische Artikel zu Stierkämpfern wie deutsche. Um zumindest die Kommunikation im Hinblick auf technische Aspekte zwischen den einzelnen Versionen zu verbessern, wurden sogenannte Botschaften eingerichtet, bei denen man als Sprachunkundiger Fragen stellen und Hinweise geben kann, die dann von Übersetzern an die jeweilige Community weitergetragen werden können. Um das Themenungleichgewicht zu mindern, gibt es außerdem Übersetzungsprojekte. Doch für einen wirklichen interkulturellen Austausch sind vor allem persönliche Treffen entscheidend. So findet etwa jedes Jahr eine sogenannte „Wikimania“-Konferenz statt, zu der Autoren aus der ganzen Welt zusammenkommen.

Inzwischen ist es früher Abend in Berlin. Meiner philippinischen Freundin habe ich geantwortet und ihr einen Link zu meinem neuen Lieblingsvideo mitgeschickt. Gut, dass wir uns über den Zeitunterschied hinweg austauschen können – in Manila ist es jetzt mitten in der Nacht. Per Chat meldet sich ein Freund – er hat gesehen, dass ich online bin und fragt, ob wir spontan essen wollen? Gerne sage ich zu, eine Pause vom Laptop ist, trotz der unverzichtbaren Informationen, die er mir liefert, willkommen.

Das Internet ermöglicht die dezentrale Bildung von Interessengemeinschaften und den zwischenmenschlichen Austausch, unzählige aktive Communities belegen dies, vom Rezeptetausch bis zum Literaturklub. Fraglich bleibt jedoch, inwiefern das Netz zu einem Austausch zwischen verschiedenen Kulturen beiträgt, die konträre Interessen haben. Je mehr Menschen einen Zugang zum Internet bekommen, desto höher ist die Chance für einen globalen Austausch, der über ein einfaches „show and tell“ hinausgeht. Tiefer gehende Dialoge im Netz sind möglich, aber nicht selbstverständlich. Cross-Media-Initiativen, neue technische Tools und vor allem Medienbildung, die Menschen befähigt, sich konstruktiv mitteilen zu können, sollten in Zukunft gefördert werden.
Geraldine de Bastion,
Politologin, seit 2008 bei „newthinking communications“, berät öffentliche und privatwirtschaftliche Organisationen zu den Themen neue Medien und offene Technologien und koordiniert internationale Kooperationen und Projekte. Sie engagiert sich ehrenamtlich für eine bürgerorientierte Netzpolitik im Verein Digitale Gesellschaft e.V. und für zukunftsgerichtete Geschäftsmodelle in der Musikwirtschaft im Verein all2gethernow e.V.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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