Protest 2.0

Memoria: sprechen // schweigen

Gracias a la memoria se da en los hombres lo que se llama experiencia.
Aristóteles


Erinnerung? Ein Urwald, reich, überbordend, schön, doch voller Gefahren. Manchmal braucht man eine Machete, manchmal reicht auch ein Stichel. Spuren der Erinnerung treiben mich seit mehr als dreißig Jahren um. Mal niste ich mich ein in Archiven, mal folge ich den Lebensspuren anderer Menschen. Dann sind da meine künstlerisch symbolischen Erinnerungs-Spuren. Letztere hinterlasse ich als gekratzte Zeichen mit dem Stichel in den unterschiedlichsten Materialien. Eine für mich zentrale Arbeit ist Palimpsest aus Wasser. Diese Installation und Performance, die in den 90er-Jahren in Spanien, Deutschland und Mexiko gezeigt wurde, besteht aus sieben Stahlkästen mit Eis. Die Kästen haben auf halber Höhe einen doppelten Boden, unter dem sich Kontaktmikrofone befinden, die meine symbolischen Ein-Kratzungen in das Eis aufnehmen und als mehrkanalige Lautsprecherinstallation im Raum wiedergegeben. Während die gekratzten Spuren im dahinschmelzenden Eis verschwinden, hallt der Klang nach. Dasselbe Wasser kann wieder zu Eis gefrieren, und die Spuren können neu eingeschrieben werden, und so ließe sich der symbolische Vorgang des „Sich-Erinnerns“ beliebig oft wiederholen und einem Palimpsest gleich überlagern.

Ein paradoxes Unterfangen: Wie flüchtig ist die Spur der Erinnerung? Schreibt sie sich akustisch ein? Ist Erinnerung immer schon sprachlich gedacht? Wie bleibt Erinnerung lebendig? Sprechen wir über das Erlebte? Oder schweigen wir, weil das Erlebte uns sprachlos macht?

Warum erinnere ich gerade jetzt diese Arbeit, obwohl es fast 20 Jahre her ist, seit ich sie 1993 im Historischen Archiv von Alicante im Rahmen des Festival de Música Contemporánea uraufführte?

Schweigen

September 2011: Wieder befinde ich mich auf dem Weg nach Alicante. Ich fahre zu einem Symposium: „Erinnerungskulturen – Identität und Trauma“. Veranstalter ist die Universität Alicante unter der Federführung von Irene Prüfer, selbst ein Kriegs- und Flüchtlingskind und Augenzeugin des argentinischen Terrors. Drei Länder sind beteiligt und betroffen: Spanien mit den Folgen des Bürgerkriegs und vierzig Jahren Franco-Herrschaft (1936–1975), Deutschland mit der NS-Zeit und dem Zweiten Weltkrieg (1933–1945) sowie Argentinien mit der Diktatur von Jorge Videla (1976–1983). Die Annäherung erfolgt interdisziplinär mit Experten aus den drei Ländern, Historikern, Augenzeugen, Psychotherapeuten und Juristen. Workshops, Lesung, Filmvorführung und Künstlergespräch runden das Programm ab. Dennoch weiß ich nicht, was mich erwartet – welche Erfahrung werde ich machen? Bin ich doch selbst ein Nachkriegskind mit einem längst verstorbenen Vater, dessen Mitgliedschaft in einem SS-Polizeiregiment mich aber heute mehr umtreibt denn je. In meinen Ohren hallen die Streite meiner Eltern nach. Ich spüre noch einmal die existenzielle Angst, die mich beschlich, als mein Vater eines Morgens von drei „Zivilen“ zum Verhör abgeholt wurde und meine Mutter mir, die ich damals noch nicht in der Schule war, sagte, dass der Vater vielleicht nicht wiederkäme. Über das „Warum“ wurde geschwiegen. Mein Vater kam aber noch am gleichen Tag zurück und dank der Amnestie unter Bundeskanzler Konrad Adenauer machte er in der neuen Republik eine solide Beamtenkarriere im mittleren Polizeidienst.

Vergessen?

Auch in Spanien wurde geschwiegen über die Gräueltaten des Bürgerkriegs und der vierzigjährigen Diktatur unter Franco. Carlos Castresana, Staatsanwalt am Obersten Gerichtshof, berichtet, dass mit der sogenannten Transición (1975–1978) eine Art offizielles Vergessen eingeläutet wurde. Auch in Spanien hatte man eine Amnestie erlassen, um „den Aufbau der Demokratie nicht zu gefährden“.

Vergessen? Kann man eine traumatische Erfahrung vergessen machen? Die Spuren im Eis schmelzen, und die Umrisse der gekratzten Zeichen werden unscharf, aber sie hallen nach. Und die Opfer schreien lautlos nach Gerechtigkeit. Eine historische Aufarbeitung innerhalb der Gesellschaft kann kein ausschließlich juristisches Unterfangen sein. Castresana beharrt darauf, dass Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit Hand in Hand gehen müssen mit der Wiedergutmachung gegenüber den Opfern und der moralischen Verpflichtung, alles zu tun, damit sich ein solches gesellschaftspolitisches Trauma nicht wiederholt. Das Gefühl einer moralischen Verpflichtung kann sich aber nur in einer Gesellschaft entwickeln, die Scham verspürt. Scham wiederum kann sich nur durch ein tiefes Empfinden ausbilden. Deshalb fordert Castresana kulturelle Aufklärungsarbeit.

Dem Schweigen lauschen?

Worin kann eine solche „Aufklärungsarbeit“ bestehen? Muss nicht zunächst einmal das Schweigen der Opfer und Angehörigen gebrochen werden? Oder sollten wir zunächst einmal lernen, überhaupt dem Schweigen zu lauschen? Das lautlose Echo eines gesellschaftspolitischen Traumas sind die Schreie eines jeden Einzelnen, und diesem Widerhall gilt es nachzuspüren. Dieses Echo ist es, das sich uns einschreibt wie die Klänge der Kratzspuren in einem zu Eis erstarrten Meer der Tränen, die wir nie geweint haben. Wir werden Zeuge eines Geschehens, das unweigerlich seine Spuren in unserem Unbewussten eingräbt. Wir spüren dieses Nachhallen bis in die Grundfesten unseres Körpers.

Hartmut Radebold, Psychiater und Psychoanalytiker, referiert: 1949 beschließen die damaligen Historiker, dass die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges nur auf der Grundlage von Fakten und Dokumenten erfolgen soll und ausdrücklich nicht anhand von Berichten von Augenzeugen.

Trennung von Affekt und Fakt

Dies scheint mir die Geburtsstunde der Trennung von Affekt und Fakt gewesen zu sein. Sogleich erinnere ich mich an meinen Geschichtsunterricht im Gymnasium Mitte der 60er-Jahre. Schon damals fragte ich mich, ob Geschichte nicht die Geschichte von Menschen ist, die Geschichte erleben. Aber diese Fragestellung fand damals keinen Raum. Auch in meiner Familie sprach man nicht über erlebte Geschichte. Und ich traute mich damals nicht zu fragen. Offensichtlich gehöre ich zu den 80 Prozent der Familien, in denen die Themen NS-Zeit und Zweiter Weltkrieg tabuisiert sind. Etwas wird totgeschwiegen. Aber dieses Schweigen ist dennoch Bestandteil der familiären Kommunikation. Aber es ist eine Kommunikation, die wir nicht verstehen und nicht einordnen können. Wir spüren sie als eine Mauer des Schweigens und wissen nicht, was sich dahinter verbirgt. Diese Mauer, die uns von den traumatischen Erlebnissen unserer Eltern abschneidet, wirft einen Schatten, der sich auf uns legt. Wir spüren ihn jeden Tag, aber wir können mit diesem Schatten keine Erinnerung verknüpfen, die sprachlich gedacht werden kann. Lautlos gräbt sich dieses „transgenerationale Erbe“ in unser Inneres, und der Schrecken tobt in uns weiter.

Trauer der Kriegskinder

Radebold ist selbst Kriegskind. Sein Vater ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt. Er gehört zu den 2,5 Millionen deutscher Kinder, die als Halbwaise oder Vollwaise aufwachsen mussten. Das Ausmaß seiner eigenen traumatischen Erfahrung wird ihm erst im Alter von 50 Jahren im Umgang mit seinen Patienten bewusst, die ihrerseits auch Kriegskinder sind. Sie stellen sich in seiner Praxis vor mit den üblichen psychischen Beschwerden wie Depression, Schlafstörung, Unruhezustände. Diese Symptome lassen sich im Laufe der Analyse mit kriegstraumatischen Erlebnissen in Verbindung bringen. Der Therapeut Radebold wird dadurch selbst depressiv, und hinter der Patientencouch muss er immer wieder weinen. Erst jetzt kann er anfangen zu trauern, erst jetzt kann er wütend sein auf den Vater, der ihn im Stich gelassen hat. Obwohl Radebold seit Jahrzehnten darüber forscht und publiziert, überkommt ihn das Weinen, während er darüber spricht.

Auch am Vortag der Veranstaltung, als es um die erschütternden Berichte von Augenzeugen geht, die als Kinder Krieg und Terror erleben mussten, fließen immer wieder Tränen. Fernando Sandoval erzählt von den verschwundenen Eltern, die vor seinen Kinderaugen in einer brutalen Nacht-und-Nebel-Aktion in Buenos Aires entführt wurden. José Luís Galan erzählt die Lebensgeschichte seines Onkels, der im Spanischen Bürgerkrieg verschwand. Darüber hatte seine Familie jahrzehntelang geschwiegen. Jetzt spüre ich allmählich, dass diese Tränen der Trauer und Wut auch meine Tränen sind. Die Mauer kann endlich anfangen zu bröckeln. Die Verluste durch Terror und Gewalt sind nicht überwunden. Lange genug wurde in den Familien geschwiegen. Erst jetzt kann die Angst ganz allmählich verarbeitet werden.

Exhumierte Vergangenheit

Gleichwohl tut man sich in Spanien noch heute mit Wahrheitsfindung und Gerechtigkeit schwer. Erst in den letzten zehn Jahren hat man angefangen, die Massengräber von Verschwundenen zu öffnen. Die forensischen Anthropologen in Spanien haben die traurige Aufgabe, aus den Knochenrelikten individuelle Identitäten zu rekonstruieren wie Jahre zuvor ihre argentinischen Kollegen. Derzeit sind von den schätzungsweise 2000 existierenden Massengräbern nur 250 exhumiert worden. Es ist nun die Enkelgeneration, die das Verschwinden der Großeltern reklamiert, sich in Vereinen wie ARMH oder H.I.J.O.S. de Madrid zusammenschließt und Gerechtigkeit einfordert.

Argentinien gilt als Leitbild eines erfolgreichen Kampfes für Gerechtigkeit. Eine besondere Rolle kommt dabei den Madres de Plaza de Mayo zu, die eine friedliche Protestbewegung organisierten als Reaktion auf das „Verschwindenlassen“ ihrer Söhne und Töchter. Auch Fernando Sandovals Großmutter war dabei. Die Madres mit ihren weißen Kopftüchern zeigen ihren Schmerz allwöchentlich auf der Plaza de Mayo. Auf diese Weise wurde die Weltöffentlichkeit aufmerksam gemacht auf ein Delikt, das die damalige Gesetzgebung noch nicht kannte: „Verschwindenlassen“. Heute ist dieser Straftatbestand längst Teil der Statuten für die internationalen Tribunale. Der Putschgeneral Jorge Videla ist wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt worden, und seit mehr als 25 Jahren muss er sich fast ununterbrochen vor argentinischen und europäischen Gerichten verantworten.

Strafrechtliche Ermittlungen

Spanien gehört zu den europäischen Ländern, in denen nach dem Prinzip der universellen Jurisdiktion auch gegen Menschenrechtsverletzungen, die außerhalb Europas begangen wurden, strafrechtlich ermittelt wird. So ist es das Verdienst des spanischen Ermittlungsrichters Baltasar Garzón, 1998 einen Haftbefehl gegen den chilenischen Junta-Chef Pinochet auszustellen. Pinochet wird daraufhin in London ein Jahr unter Hausarrest gestellt. Nach seiner Auslieferung nach Chile muss sich der ehemalige Junta-Chef immer wieder bis zu seinem Lebensende (2006) in verschiedenen Strafverfahren verantworten. Ausgerechnet dieser spanische Richter, der maßgeblich Ermittlungsverfahren auf internationaler Ebene betreibt, wird 2010 von seinem Amt suspendiert, weil er beginnt, wegen der Verbrechen gegen die Menschenrechte zu Zeiten des Franco-Regimes in seinem eigenen Land zu ermitteln.

Der Jurist Luis Dualde, Staatssekretär für Menschenrechte in Buenos Aires, kommentiert, dass schwache Demokratien, die die Menschenrechte missachten, die Souveränität des Staats gefährden. Nur mithilfe einer Erinnerungskultur kann eine neue Gesellschaft konstruiert werden.

Spuren im Eis

Die Schrecken, die uns sprachlos machen, müssen in Worte gefasst werden. Die Erinnerungen sind Teil unserer Biografie, und wir müssen diese Erinnerungen „aufkratzen“. Sie dürfen nicht im Eis einer unendlichen Gefühlskälte erstarren. Nur wenn die Opfer und Hinterbliebenen anfangen, über die traumatischen Erinnerungen zu sprechen, können diese Erfahrungen integriert werden. Und nur dann können nachfolgende Generationen vor dem Erbe eines lautlosen Kriegs, der im Inneren weitertobt, bewahrt werden.

Die Spuren im Eis schmelzen, aber im Raum hallen die Echos der Stimmen und Tränen noch lautlos wider. Wir können die Erinnerung lebendig halten, aber nur wenn wir das, was wir und wie wir es erlebt haben, weitererzählen.
Rilo Chmielorz (1954)
lebt als Multimediakünstlerin in Berlin und Madrid. Sie arbeitet als Radiofeature-Autorin für die ARD, schreibt für „Die Zeit“ und leitet kunsttherapeutische Projekte mit Kindern.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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