Protest 2.0

Auf den Spuren Hubert Fichtes in Salvador da Bahia

Ein Gespräch mit dem Musiker und Popliteraten Thomas Meinecke.

Eilig betritt Thomas Meinecke das Coffee Fellows, in dem wir uns zu einem Gespräch über seine zwei Monate in Salvador da Bahia verabredet haben. Er hat bereits zwei Lokale nach mir abgesucht, die sich geschwürartig um den Münchner Hauptbahnhof ausbreiten. „You will love it“, hatte er mir prophezeit, und gestärkt mit einem XXL-Kaffee legt er auch gleich los.

Im Rahmen eines literarischen Austauschprogramms zwischen den Hafenstädten Hamburg und Salvador da Bahia wurde der Schriftsteller und Musiker Thomas Meinecke, während er gerade an seinem Roman Lookalikes schrieb, zu einem zweimonatigen Aufenthalt nach Salvador eingeladen. Aus Brasilien kam Marcos Ribeiro nach Hamburg. In einer zweisprachigen Edition erschienen dann Marcos Ribeiros Streifzüge Entre os „bárbaros filósofos“ und die von Thomas Meinecke mit dem Titel Negro alemão – einem Titel, der auf eine Textzeile von Caetano Veloso anspielt.

Seine Erfahrungen in der fremden Stadt hat der Popliterat auch in seinem aktuellen Roman Lookalikes veröffentlicht, in dem die Figuren mit ihrer Ähnlichkeit mit Berühmtheiten Geld verdienen. Die meiste Zeit aber recherchieren sie im Internet, chatten auf Facebook und diskutieren postkoloniale Theorien. In diesem Roman über Diskurse begegnen einem neben Josephine Baker, Justin Timberlake und einer Lady Gaga im Fleischkleid auch der „lyrische Journalist und Ethnopoet“ Hubert Fichte.


Prinz: Auf deinen Streifzügen durch Salvador da Bahia begibst du dich auf die Spuren von Hubert Fichte und besuchst die Terreiros , die Tempel des Candomblé. War das eine Aufgabe, die dir von deinen Gastgebern, der Literaturstiftung Fundação Pedro Calmon/SecultBA und dem Goethe-Institut Salvador aufgetragen wurde, oder war es deine eigene Idee?

Meinecke: Die Programmleiterin des Goethe-Instituts in Bahia, Wiebke Kannengießer, die später auch eine Romanfigur wird, hatte ihre Magisterarbeit über Hubert Fichte geschrieben, und ihr Mann, Isaac, arbeitet in der Fundação Pierre Verger. Ich wurde eingeladen, weil Wiebke meine Auseinandersetzung mit Fichte kannte, der ja so eine Art Vorläufer der Popliteratur ist und der literarisch so verschiedene Collagetechniken ausprobiert hat, die ich auch in meinen Veröffentlichungen verwende.

Prinz: Es war also beides.

Meinecke: Ja, sie kannten mich, und ich wollte mich dann auf die Spuren von Fichte setzen, daneben interessierten mich ganz allgemein auch die synkretistischen Religionen und die Entsprechung des haitianischen Voodoo in Brasilien, was in der Popkultur ein Riesentopos ist, und ich wollte mal versuchen, ob man da überhaupt rankommt. Ich war aber frei in meiner Wahl.

Prinz: Kannst du die Verwandtschaft von Fichtes Schreibweise und deiner noch etwas genauer bestimmen? Fichte sagte ja, dass man den Candomblé nicht anders als in Collagetechnik beschreiben könne …

Meinecke: Ja, Fichte war so interessiert an der Oberfläche. Das gab ihm diesen Pop-Art-Approach. Er beschrieb die Altäre des Candomblé in ihrer Buntheit und ihrem Plastik, in ihrer Hybridität und in ihrem Synkretismus. Das hat ihn sehr gereizt, und er geriet dann in Salvador in eine Art von Rivalität mit dem „Papst“ des Candomblé, dem französischen Ethnologen Pierre Verger, der dort mit ähnlicher Interessenlage wie Fichte forschte. Beide waren auch libidinös an der Männerwelt interessiert und sind in die Bahnhofs- und Kinotoiletten gegangen. Auch in Fichtes letztem großen Roman Explosion, der fast nur in Salvador spielt, spürt man diese Rivalität der beiden Männer, die sich homosozial ebenso wie homosexuell am selben Gegenstand abarbeiten. Und jetzt komme ich, 30 Jahre später, auch als popsozialisierter, allerdings heteronormierter Mann und finde auch noch sehr viele Leute, die Verger kannten. Fichte hingegen ist in der Stiftung Verger, die mitten in einem der Barrios populares liegt, gar nicht so gut gelitten, weil er dort eher wie ein Eindringling wirkte.

Prinz: Es wurde Fichte ja auch immer wieder Sensationslust vorgeworfen. Er wollte die Blutkulte sehen, bzw. Leonore Mau, die Fotografin, mit der er reiste, wollte Neues fotografieren.

Meinecke: Das kommt dazu: Fichte war ja nicht nur schwul, er hatte ja auch eine Lebensgefährtin, mit der er durch die ganze Welt reiste und die wegen ihm ihre Familie verlassen hatte. Leonore wollte im Auftrag großer Illustrierter das „Blutbad“ fotografieren. Und da gibt es interessanterweise auch einen kleinen Widerspruch, denn das Blutbad ist ja nicht die Oberfläche – dieser deutsche Begriff lässt ja gleich an Hermann Nitsch und das Orgien- und Mysterientheater denken! Fichte wollte die Oberfläche sehen, Verger wollte dahinter blicken, und Fichtes Begleiterin – oder vielleicht war er eher ihr Begleiter, denn sie hatte die Aufträge – war wirklich daran interessiert, Neues zu fotografieren. Verger aber hatte gerade aufgehört zu fotografieren, er wollte nur noch die Rhythmen checken …

Prinz: … und er schrieb an einem sehr seriösen Werk über die Kräuter, mit denen die Candomblé-Priester arbeiten.

Meinecke: Fichte hat dann gleichzeitig ein Herbarium angelegt, und die haben um die Wette Kräuter gesammelt!

Prinz: Aber diese konkurrenzbesetzte Freundschaft endete ja abrupt, als Fichte Verger als homosexuell outete …

Meinecke: Und überhaupt, weil er etwas despektierlich über ihn schrieb. In Ethnopoesia, einem Kompendium Fichtes einschlägiger Texte, die ins brasilianische Portugiesisch übersetzt wurden, hat sich Verger die Stellen angestrichen, wo er vorkommt. Da macht ihn Fichte etwas lächerlich als „Stefan George in Trance“ … Auch die Nachfolgerin Vergers, die deutsche Musikethnologin Angela Lühning, hatte ihre Vorbehalte gegenüber Fichte, und ich musste erst mal klarmachen, dass ich an vielen Themen und nicht nur an Fichte interessiert war. Ich kam da auch mit einem ganz anderen Respekt an, den hatte Fichte ganz gewiss auch, aber seine Art, darüber zu berichten, hat ihn dort unbeliebt gemacht. Man redet nicht gerne über ihn. Ich wollte vielmehr ein Buch drüberschreiben, wie ein Palimpsest …

Prinz: Du überschreibst Fichte …

Meinecke: … und der hatte bereits Jorge Amado überschrieben … Einer der führenden Hubert-Fichte-Forscher, Robert Gillet von der Queen Mary University in London, hat den Candomblé-Besuch gleich im Tourismusbüro gebucht, weil er dachte: Das ist der äquivalente Ansatz – an der Oberfläche bleiben! Allerdings bleiben die Touristen dann auch nur eine Stunde, ich wollte aber mehr und blieb die ganzen fünf Stunden, die so ein Ritual dauert.

Prinz: Diese direkte und körperliche Erfahrung, das Nachleben dessen, was dein Vorläufer gesehen und beschrieben hat, was hat das in dir ausgelöst? Was interessiert einen Popliteraten am Candomblé?

Meinecke: Mich interessiert zwar sehr die Oberfläche, also wie die Altäre aussehen und die Gewänder und die synkretistischen Elemente des afrobrasilianischen Kults, aber generell faszinieren mich religiöse Themen wie Eucharistie und Transsubstantiation – dieser Aggregatszustand des Übergangs in etwas anderes, wo Menschen für zwei Stunden den Körper ihrer Gottheit überlassen. Das Trance-Klimax-System, das man ja auch in der Popkultur hat, in der Disco, wo man abhebt!

Prinz: Ich habe mich nämlich gefragt, ob du den „Thomas Meinecke“ als Romanfigur deshalb eingeführt hast, um eine Distanz zu wahren in dieser eindringlichen Atmosphäre von Trommeln und Trance …

Meinecke: Ja, weil ich in meinen Texten sowieso gerne Distanz halte zu der Person, die die Bücher schreibt. Ich wollte ja ein Buch über diese Stadt schreiben, nicht über mich – und das erste Drittel von Fichtes Roman Xango handelt ja auch von der Stadt –, und dabei habe ich gemerkt, dass etwas anders ist als in meinen bisherigen Büchern, wo alles vermittelt ist, weil hier etwas sehr Unvermitteltes geschieht. Und nachdem „Wiebke Kannengießer“ schon so hieß, wie sie hieß, und „Angela Lühning“ so hieß, wie sie hieß, und „Isaac“ … dann musste die Romanfigur irgendwie „Thomas Meinecke“ sein. Das fühlte sich zunächst ein bisschen ungewohnt an, und ich habe ihn mal in die 3. Person getan, damit da nicht plötzlich nach 150 Seiten Roman, den ich schon in Deutschland begonnen hatte, ein “ich” reinkommt. In Brasilien kriegte das Buch erst so einen richtigen Kick im Hinblick auf mein Thema, das nämlich von Idolen und Stars und Mode handelt.

Prinz: Und von Doppelgängern, Alter Egos … 

Meinecke: … die Leute nachmachen, sie emulierenalso deren Emotionen „übernehmen“ und imitieren. All das hatte plötzlich ein unglaubliches Korrelat im Candomblé, wo die Götter den Körper besetzen! Da musste also irgend so ein Typ her, und das war dann halt der „Thomas Meinecke“, und in der 3. Person kann man das dann tatsächlich noch etwas distanzierter halten, wobei die Erfahrungen dann doch verdammt oft wenig distanziert waren, was ich dann auch beschreibe.

Prinz: Thomas, du bist nicht nur Literat, sondern auch Musiker. Die Trommeln des Candomblé, die Musik als Transportmedium, wie hast du die aufgenommen?

Meinecke: Die Rhythmen der Trommeln sind ja schon fast architektonisch, sie dienen als tragende Elemente, als Säulen eines temporären sozialen Raums. Wenn sie verstummen, ist alles vorbei. Ich bin auch ein großer Fan von repetitiven Tanzmusiken: Disco, House, Techno, wo es auf die kleinen Modulationen innerhalb eines monoton erscheinenden Ganzen ankommt. Ich habe mich auch immer zu den Trommlern gestellt, was auch den Vorteil hatte, dass die unter einem Ventilator spielten, und die fallen beruhigenderweise auch nicht in Trance. Ich war auf so eine direkte Teilnahme gar nicht vorbereitet und wusste nicht, dass diese Menschen so offen sind und dass das Einzige, was sich vor mir verschloss, ich selber war.

Prinz: Mit der Musik, den verschiedenen Rhythmen werden ja die verschiedenen Orixas – die Götter dieser Religion – angerufen, die sich dann in den Tänzern verkörpern.

Meinecke: Die verschiedenen Rhythmen der Orixas, Xango, Oshun etc. … kann ich nicht auseinanderhalten. Hier ist das performative Element so interessant: Die Leute tanzen in Trance den Tanz des jeweiligen Gottes, der gerade in sie gefahren ist. Die können das dann, es gibt eine Art von Wissen, das in einem für uns völlig unerklärlichen Medium vermittelt wird.

Prinz: Die Rhythmen des Candomblé und Umbanda spielen ja auch in der Popmusik Brasiliens eine große Rolle.

Meinecke: Brasilien unterscheidet sich von anderen Ländern des Südens, deren traditionelle Musik – die ich auch sehr mag – aber oft als „primitiv“ abgewertet wird. Hier gibt es eine an die Architektur Brasilias gemahnende utopische Modernität, die in den Musiken von Antonio Carlos Jobim oder Tom Zé durchklingt. Diese Musiker hatten ja alle in den 50er- und 60er-Jahren zum Teil bei deutschen Zwölfton-Exilanten studiert. In Salvador zum Beispiel lebte Hans-Joachim Koellreutter (1915–2005), der dort in der Musikhochschule „super-sophisticated“ Orchestrierung gelehrt hat. Das hört man auch bei Milton Nascimento, das ist hohe Kunstmusik im Pop! Aber auch Maria Bethânia, Caetano Veloso, das ist ja total elaborierte Kunst! Und darunter eben die Rhythmen des Candomblé.

Prinz: Aber gerade Musiker wie Gilberto Gil und die Bewegung des Tropicalismo haben ja zurückgegriffen auf die sogenannte „Volkskunst“, das war ja ein ganz bewusster Rückgriff, und sie haben diese traditionelle ländliche Kunst mit Einflüssen aus Nordamerika und Europa vermischt und daraus eine neue Musik entwickelt. Vielleicht waren die in diesem Sinne schon postmodern.

Meinecke: Ja, vielleicht waren sie das mitten in der Hochmoderne. Aber auch die Choro-Leute, wie Pixiguinha, haben 1919, 1920 schon so elaborierte Quadrillen geschrieben, das ist eigentlich mehr als Folklore, wie wir sie verstehen. Aber vielleicht ist auch unser Begriff von Folklore falsch …


Im Coffee Fellows klimpert unidentifizierbare Musik. Unsere Stunde ist um und Thomas entschwindet Richtung Starnberger See. Ich bleibe zurück mit einem schweren Anflug von Sehnsucht nach Brasilien, das mit seiner unmittelbaren Lebendigkeit auch den Meister des vermittelten Diskurses fast aus dem Konzept gebracht hätte.
Ulrike Prinz (1961, München)
ist Ethnologin. Von 2001 bis 2004 lehrte sie an der Ludwig-Maximilians-Universität München lateinamerikanische Themen. Von 2004 bis 2006 arbeitete sie im Goethe-Institut München. Seit Oktober 2007 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT.

Thomas Meinecke (1955, Hamburg)
ist Autor, Musiker und DJ. Er publiziert seit 1986 Kurzgeschichten, Erzählungen, Romane, zuletzt „Lookalikes” (2011). Er vertritt ein postmodernes Literaturverständnis. Im Wintersemester 2011/12 lehrte er an der Frankfurter Goethe-Universität als Gastdozent für Poetik.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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