Protest 2.0

Architektur für alle – Zivilgesellschaft bauen

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Die 9. Architekturbiennale nonaBia in São Paulo fragt nach der Relevanz der Architektur zur Verbesserung der alltäglichen Lebensbedingungen. Der deutsche Beitrag bereichert im Vorfeld von Rio+20 die Diskussion zur nachhaltigen Entwicklung der gebauten Umwelt.

Die Architekturbiennale in São Paulo gilt nach Venedig als die international wichtigste. Seit 2001 stellt sie im regelmäßigen Zweijahresrhythmus Themen der Baukunst zur Diskussion. Vom 1. November bis 4. Dezember 2011 wurden etwa 140 Projekte aus 25 verschiedenen Ländern und 14 Nationenbeiträge im Pavilhão Governador Lucas Nogueira Garcez, in der sogenannten OCA, gezeigt. Unter dem Motto Architektur für alle – Zivilgesellschaft bauen versuchten die Organisatoren des Instituto de Arquitetos do Brasil (IAB) ein breites Publikum für die Belange der Architektur zu interessieren. Die Ausstellung und ergänzende Diskussionen, Vorträge und Workshops sollten die große Verantwortung der Architektur zur Verbesserung der Lebensqualität in den Städten zum Ausdruck bringen. Der Kurator Valter Caldana versprach eine kritische Auseinandersetzung mit dem vorgestellten Thema. Zudem war ein dezentrales Ausstellungskonzept angedacht, das sich an öffentlichen Orten der Stadt manifestieren sollte.

Das große Interesse an der Biennale jedoch blieb aus. Die Besucherzahlen waren die geringsten seit Bestehen der Biennale São Paulo und markieren damit einen vorläufigen Tiefpunkt der seit mehreren Jahren in der Krise steckenden Architekturausstellung mit internationalem Anspruch. Das ist nicht verwunderlich. Das IAB war sich uneins über die Organisation. Im letzten Moment einigte man sich auf den Austragungsort im Ibirapuera-Park. Der Umzug vom angestammten, seit jeher schwerlich zu füllenden großen Biennale-Pavillon in die weitaus kleinere OCA war eine notwendige Entscheidung. Trotzdem blieb der Pavillon überraschend leer. Die ehrgeizigen Konzepte wurden nicht umgesetzt, das überaus interessante Thema war wenig präsent. Die ausgestellten Projekte erforderten die volle Aufmerksamkeit des geschulten Architekten. Der laienhafte Besucher, an den sich die Biennale richtet, blieb auf sich allein gestellt.

Die Ausstellung gliederte sich auf vier Ebenen in heterogener Reihung. Auf der obersten Ebene wurde in Form einer klassischen Architekturpräsentation ein Magazin von Gebäuden aus aller Welt mit hoher architektonischer Qualität gezeigt. Im Untergeschoss näherte sich die Biennale dem eigentlichen Thema. Mit den Aufwertungsprogrammen von Favelas präsentierte das Stadtplanungsamt São Paulos einen wichtigen Hinweis zur Relevanz von Architektur in der Entwicklung einer Stadtgesellschaft. Interessant waren die Bereiche der Ausstellung, die den Besucher einluden, am Bauen von Stadt mitzuwirken, an den Gesprächen über die gebaute Umwelt mit zu verhandeln. In Workshops wurde der Zugang zu städtischer Infrastruktur und die Entwicklung öffentlicher Räume als wichtiger Bestandteil des Zusammenlebens in Städten diskutiert. Der Beitrag Stadt in Bewegung stellte den Wettbewerbsentwürfen zur Hauptstadt Brasilia Tische mit unzählbaren Legosteinen gegenüber. Plakativ formulierten sie die Möglichkeit der aktiven Teilnahme an der Gestaltung von Stadt jenseits des großen Plans. In der Eingangsebene des Pavillons schließlich zeigten 13 Nationen ihre Beiträge. Dänemark und Frankreich präsentierten ihre Ausstellung zur vorangegangenen Architektur-Biennale in Venedig und unterstrichen mit der erneuten Darstellung wesentlicher Fragen zur Stadtentwicklung die Bedeutung der Architektur für die Gesellschaft. Erfrischend direkt forderte der Ausstellungsbereich der Niederlande den Besucher zur Eigeninitiative auf. Internationale Projekte zeigten Möglichkeiten der Aneignung öffentlicher Stadträume.

Baukultur made in Germany

Der deutsche Beitrag wurde im Centro Cultural São Paulo (CCSP), zentral in der Rua Vergueiro gelegen, ausgestellt. Mit dem Kulturzentrum wurde ein großartiger Ausstellungsort gefunden. Das CCSP ist einer der vielschichtigen kulturellen Orte in der Megacity São Paulo, einer jener Orte, an denen herausragende Architektur offene Räume zur Entfaltung der Stadtgesellschaft zu bieten vermag.

Hier präsentierte die Bundesarchitektenkammer (BAK) 20 nationale wie internationale Projekte deutscher Architekten und Ingenieure. Baukultur made in Germany ist eine klassische Leistungsschau. „Sie zeigt“, so formulierte der Präsident der BAK Sigurd Trommer deren Anliegen, „dass deutsche Architekten und Ingenieure in der Lage sind, mit internationalem Anspruch Bauwerke zu errichten, die zukünftige Anforderungen insbesondere im Bereich Klima und Energie und im Bereich Baukultur erfüllen und die zudem nachhaltig gebaut sind.“

Baukultur beschreibt den Planungsprozess der gebauten Umwelt mit Teilnahme der gesamten Gesellschaft. „Die Kultur des Bauens“, so der Philosoph Julian Nida-Rümelin, „verlangt von den Bauenden ästhetische und soziale Sensibilität und von den Bürgerinnen und Bürgern Engagement, Mitwirkung an der Gestaltung der umbauten Räume.“ Die 20 ausgestellten Projekte präsentierten Nachhaltigkeit als wesentliches Qualitätsmerkmal aktueller deutscher Baukultur. Nachhaltigkeit wird dabei im Sinne der Zukunftsfähigkeit von Gebäuden und Städten verstanden. Der Begriff umfasst nicht nur ökologische und wirtschaftliche, sondern vor allem auch soziokulturelle Belange.

Nachhaltiges Bauen

Die Eisenbahnbahnbrücke über die Ijssel in den Niederlanden von SSF Ingenieure oder die Elbebrücke von LAP Ingenieure zeigen eindrucksvoll, dass neue umweltschonende Konstruktionsweisen nicht nur wirtschaftlich sind, sondern sich mit architektonischer Prägnanz in einen landschaftlichen Kontext einfügen lassen. Zwei Großprojekte in China, die Gebäude im Botanischen Garten in Chenshan von Auer+Weber und die sogenannte Culture Wave City in Hangzhou, schaffen Freiräume, die den Bewohnern der schnell wachsenden Millionenstädte den Zugang zur Natur sichern. Die Sichtbarmachung und Erfahrbarkeit unserer natürlichen Ressourcen finden in Projekten von ASTOC Architects, von Terrain und von Deubzer König + Rimmel Architekten einen räumlichen Ausdruck. Klimagerechtes Bauen schafft nicht weniger, sondern mehr attraktiven Lebensraum. Gebäude von GKK+Architekten und Ingenhoven Architekten thematisieren die Integration intelligenter Energiekonzepte in ein umfassendes Raumkonzept. Das aktuelle Baugeschehen in Deutschland beschäftigt sich auch mit dem Umgang von Bestandsgebäuden als Teil eines kollektiven Gedächtnisses. Staab Architekten entwickelten in einer Interpretation der Gebäudestruktur des Albertinums in Dresden zusätzliche räumliche Qualität und sichern damit langfristig dessen Nutzung. Mit Räumen, die einerseits dauerhaft in ihrer architektonischen Prägnanz und anderseits offen für unterschiedliche Nutzungen sind, wird nachhaltige Architektur formuliert. Das Architektenpaar Barkow Leibinger entwickelte ein Betriebsrestaurant als multifunktionalen Veranstaltungsraum. Das Galerie- und Ateliergebäude des Berliner Architekten Brandlhuber (siehe Humboldt 155) war nicht nur kostengünstig, sondern ermöglicht zudem räumliche Veränderungen für zukünftige Nutzer.

Das zentrale Thema „Baukultur“ bereicherte die Biennale Architektur für alle – Zivilgesellschaft bauen um wesentliche Aspekte. Baukultur made in Germany rückte mit den dargestellten Projekten die Prinzipien der Nachhaltigkeit in den Mittelpunkt des deutschen Baugeschehens und leistete damit einen Diskussionsbeitrag bei der Vorbereitung für den nächsten Umweltgipfel der Vereinten Nationen 2012 in Rio de Janeiro.

Fraglich bleibt der Schwerpunkt der ausgewählten Projekte. Die Ausstellung präsentierte überwiegend einzelne Bauobjekte. Die Stadt- und Regionalentwicklung, die maßgeblich die ökologischen und sozialen Themen der Zukunft behandelt, stand nicht im Fokus der Betrachtung. Das Wohnen als elementares Aufgabenfeld der Architektur bleibt nahezu unberücksichtigt. Auch die Präsentationsform wirft Fragen auf: Mit der alleinigen Darstellung von Plänen und Fotografien bleibt das Wesentliche der Architektur dem breiten Publikum verborgen.

Eine lebendige Baukultur entwickelt sich aus einem kritischen und konstruktiven Dialog und dem Verständnis einer gemeinsamen Verantwortung für unsere bauliche Umwelt. Die 9. Architekturbiennale in São Paulo hatte die Chance, unter dem Motto Architektur für alle – Zivilgesellschaft bauen drängende Fragen zur zukunftsfähigen Entwicklung unserer Lebenswelt aufzuwerfen und auf breiter Ebene zu diskutieren. Diese Chance wurde vertan.
Markus Lanz (1965),
Architekt BDA, Stadtforscher und Fotograf in München, lehrt als Gastprofessor an der Technischen Universität München im Bereich Stadtraum und Fotografie. 2011 unterrichtete er an der Escuela Técnica Superior de Arquitectura von Barcelona. Zurzeit arbeitet er an einem Projekt in Brasilia.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2012
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