Bildung – zwischen Hirn und Herz

Editorial

Vergrößern
Bildungsideale wechseln zurzeit schneller als Handytarife. Die Bildungsinstitutionen kommen kaum hinterher, und alles, was sie versuchen, erscheint systemlos. Wir leben heute in einer hoch flexiblen „Wissenswelt“, deren Devise lifelong learning heißt. Doch was lohnt zu lernen in einer sich ständig beschleunigenden digitalisierten Welt, in der das Wissen von heute morgen keinen Pfifferling mehr wert zu sein scheint? In diesem Heft betrachten wir Bildung im Spannungsfeld zwischen Herz und Hirn – zwischen Emotion und Verstand. Eine zentrale und gesellschaftlich relevante Thematik, in der es um mehr als um Aus-Bildung und Berufswahl im Hinblick auf den Arbeitsmarkt geht – nämlich um die Frage: Was macht unsere Bildung im Innersten aus, und welches Lebenswissen brauchen wir in der postindustriellen Gesellschaft?

Neuere Erkenntnisse der Hirnforschung bringen auch unser Verständnis von Bildung in Bewegung. Sie zeigen uns Lernprozesse als hochkomplexe neuronale Vernetzungssysteme. Dabei unterliegt das Gehirn im Laufe eines Lebens drastischen Veränderungen. Große Hoffnungen richten sich auf die Ergebnisse der Neurowissenschaften, deren bildgebende Verfahren den Eindruck vermitteln, man könnte dem Hirn beim Denken zusehen. Die Schlüsse jedoch, die man aus den Bildern zieht, fallen sehr unterschiedlich aus. Vor einem Reduktionismus auf die physiologische Struktur des Gehirns durch die Neurowissenschaften, die in den letzten Jahren zur Leitwissenschaft avanciert sind, aber warnt nicht nur der Philosoph Matthias Kross. Geistes- und Kulturwissenschaften halten dem neurowissenschaftlichen Materialismus entgegen, dass das menschliche Gehirn immer in einen Leib eingebettet und damit auch kulturellen, historischen und gesellschaftlichen Bedingungen unterworfen ist. Der Emotionsforschung, die seit einiger Zeit en vogue ist, geht es daher auch weniger um das Durchbuchstabieren persönlicher Gefühle, sondern vielmehr um die soziale Perspektive, darum also, wie bestimmte Schichten, Kulturen oder Gesellschaften Gefühle zum Ausdruck bringen. Einen Wandel solcher Strategien zeigt die Studie von Juan Antonio Flores in Veracruz, Mexiko, wo sich eine deutliche Verschiebung von traditionellen, eher körperbetonten rituellen Maßnahmen hin zu narrativen Strategien zur Beherrschung von Emotionen nachweisen lässt.

Der emotional turn, die neue Hinwendung zu den Gefühlen als Forschungsgegenstand sowohl in den Natur- als auch in den Geisteswissenschaften, bringt ganz unterschiedliche Erkenntnisse – nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Frage nach einer „vernünftigen“ und unserer Gesellschaft angemessenen Bildung. So fällt zum Beispiel auf, dass in letzter Zeit ältere Bildungsideale wieder in Stellung gebracht wurden in der schon verloren geglaubten Schlacht gegen die voranschreitende Wissensfragmentierung. Auf der Suche nach neuen Bildungskonzepten werden immer wieder auch die Theorien von Wilhelm von Humboldt (1767–1835) und jüngere reformpädagogische Ansätze ins Spiel gebracht, die seit eh und je für einen erweiterten Begriff von Bildung plädierten, die auch das Herz und die Gefühle anspricht. Ist unsere Epoche am Beginn des 21. Jahrhunderts für ihre Renaissance reif?

Klüger, so resümiert die Germanistin Rosa Tennenbaum, seien wir in der Gesellschaft, die Wissen zum Produkt gemacht hat, jedenfalls bisher nicht geworden. Die Anhäufung von Wissen führt nicht notwendig zur Bildung einer kritischen Urteilskraft, auf die es letztendlich – dem Germanisten Wolfgang Frühwald zufolge – ankommt, wenn es darum geht, die Informationsberge zu sortieren. Bildung ist immer Personenbildung. Es geht, wie auch der Philosoph und Pädagoge Marcelo da Veiga unterstreicht, um ein Verstehen des anderen und um ein Verstehen der Welt. Und in der Schule? Ob die nicht aufzuhaltende Digitalisierung den Unterricht wirklich verbessert, bezweifelt der Hirnforscher und Psychologe Manfred Spitzer massiv und warnt eindringlich vor oberflächlichen Lernverfahren, die durch den Einsatz digitaler Medien begünstigt werden. Sérgio Branco hingegen, Lehrer und Forscher am Centro de Tecnologia e Sociedade da FGV Direito Rio, zeigt, dass der Einsatz digitaler Medien selbst gesteuertes, aktives Lernen unterstützt und die Lernmotivation fördert.

Wie aber sähe eine Bildung aus, die gleichermaßen Herz und Verstand einbezieht? Zu Zeiten der Brüder Humboldt ging es darum, das Schöne, Gute und Erhabene in den jungen Seelen zu verankern – durch Musik, Literatur und bildende Kunst. Obgleich man sich, wie Ute Frevert ausführt, auch der Gefahren bewusst war: Denn die Betonung von Emotionalität schürt gleichzeitig die Angst vor der Verführbarkeit der empfindsamen Herzen. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür liefert Victoria Eglau mit ihrem Bericht über die magische Kraft der Musik im bolivianischen Tiefland, mit der die Jesuiten im 17. Jahrhundert ihre Missionierung intensivierten. Nach deren Vertreibung aus Amerika 1767 bewahrten die Indianer der Chiquitania die alten Notenblätter auf und erwecken die Partituren heute in ihren Orchestern zu neuem Leben. Kunst weckt Begeisterung und Kreativität; musische Bildung kann demnach die Welt bewegen.

Wenn der koreanische Architekt Eun Young Yi bei einem Wissensspeicher, wie es die von ihm entworfene Stuttgarter Bibliothek ist, das Kernstück des Gebäudes als symbolisches „Herz“ und „Wurzel des Wissens“ bezeichnet, dann macht dies deutlich: Ratio und Emotion müssen keineswegs Gegenspieler sein. Immer häufiger ist von „emotionaler Intelligenz“ die Rede. Erfahrungsgemäß lernen wir besser, wenn uns die Dinge auch emotional ansprechen, durch gute Literatur zum Beispiel. Diese erweitert unseren Horizont, wie der Philosoph Guillermo Hoyos betont; für Cristina Peri Rossi vermittelt sie Freude am Erkenntnisgewinn, Mitgefühl und Verständnis, und Jorge Volpi sieht in der Fiktion eine veritable Gefühlsmaschine, die Bildung und Erkenntnisgewinn des Menschen fördert, ihn aber auch verführen kann.

Bildung ist immer auch Herzensbildung; sie sollte motivieren und begeistern können, denn – um mit Robert Musil zu sprechen – „nichts ist trauriger als anzusehen, wie aus einem lebendigen, Hoffnung versprechenden jungen Menschen ein ganz normaler Erwachsener wird“.
Ulrike Prinz und Isabel Rith-Magni

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012

    Humboldt als E-Paper

    Humboldt als E-Paper

    Lesen Sie das Humboldt Heft 158 „Bildung — zwischen Hirn und Herz“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
    Zum Download ...

    Jetzt bestellen

    Jetzt bestellen

    Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
    8,50 € versandkostenfrei
    Zum Goethe-Webshop ...