Bildung – zwischen Hirn und Herz

Das Ideal der humanistischen Bildung

Welche Art der Bildung – zwischen Hirn und Herz – brauchen junge Menschen in Zeiten des ökonomischen Wettbewerbs und Pragmatismus?

In Lateinamerika gibt es viele Vorschläge zur Bildungsreform. Die meisten scheinen sich genau daran zu orientieren, was die nordamerikanische Philosophin jüdischer Abstammung Martha C. Nussbaum in ihrem Buch Nicht für den Profit! Warum Demokratie Bildung braucht (Überlingen, 2012) kritisiert. Darin zeigt sie auf, wie sich die Bildung heute an ökonomischen Interessen orientiert und sowohl der private als auch der öffentliche Bereich seine Bemühungen darauf richtet, professionelle Mitarbeiter im Management und in verwandten Bereichen im Dienste der Wirtschaft auszubilden. Dabei vernachlässigt man die Geisteswissenschaften, die Philosophie und die Sozialwissenschaften, als ob sie dabei im Wege seien.

Heute hält man das Bildungsideal von Wilhelm von Humboldt, das eine Erziehung der Person in Abgeschiedenheit und Freiheit vorsah, eine Erziehung zur Kooperation und zur höheren Bildung, die Forschung und Lehre vereint, nicht mehr für besonders notwendig. Diese humanistischen Ideale, die niemals die professionelle Ausbildung vernachlässigten, legten größten Nachdruck auf die Bildung von Werten, angefangen bei denen der Aufklärung, ebenso wie auf die Befähigung zum Denken und auf politisches Engagement.

Die Menschheit ist an einem Punkt der Wissenschafts-, der Technik- und Technologiebeherrschung angelangt, der uns – insbesondere diejenigen, die keine religiöse Ader haben – dazu zu bringen scheint, der moralischen Sensibilität zu misstrauen und ihren Verheißungen rational zu begegnen, das heißt, indem wir sie übergehen oder uns an die Ideale des Erfolgs anpassen, an den Wettbewerb und die Produktivität. Ganz offensichtlich war es gerade die religiöse Tradition, die es darauf anlegte, den zutiefst menschlichen Charakter der Gefühle unterzubewerten. Die Erziehung zur Empfindsamkeit führte oft zu ihrer Repression. Die Askese der religiösen Erziehung, welche in ihrer negativen Form die griechische Tradition der Katharsis ablöste, erhob die rationale Kontrolle der Leidenschaften, besonders ihrer Wurzel, der Gefühle, zum menschlichen Bildungsideal. Der wohlgebildete Mensch kontrolliert seine Leidenschaften und ist Herr über seine Gefühle.

Eines der positiven Ergebnisse der sogenannten Postmoderne war das Infragestellen des Rationalismus, der sich in Begriffen der Modernisierung eben der Moderne bemächtigt hatte. Die Tatsache, dass meine Vernünftigkeit, meine Auffassung vom Guten nicht unbedingt mit derjenigen anderer Personen übereinstimmen muss, setzt voraus, dass wir, vor allem bei Wertefragen, die Vernunftbegabtheit des anderen verstehen. Es geht darum, den anderen in seiner Andersartigkeit und Differenz und damit als ebenbürtigen Gesprächspartner anzuerkennen. Und das wiederum hat zu tun mit der Kritik der Postmoderne an einer Modernisierung, die unsere Lebenswelt in vollständiger Abhängigkeit hält. Im gleichen Maße, wie Wissenschaft und Technologie sie ernüchtert hat, müssen wir sie wieder verzaubern, damit wir uns in ihr wieder zu Hause fühlen können.

Martha Nussbaum selbst plädiert für eine Erziehung der Gefühle, und zwar ausgehend vom Mitgefühl – in seinem etymologischen Sinn als „mit-fühlen“ mit dem anderen –, um unsere zwischenmenschlichen Beziehungen zu bereichern, um eine humanere, fürsorglichere Gesellschaft aufzubauen, eine, die solidarischer ist, verständnisvoller und pluralistischer. Deshalb besteht sie auf der Erziehung zu einem narrativen Vorstellungsvermögen, einer kulturwissenschaftlichen, ästhetischen und allgemein literarischen Bildung, um den kosmopolitischen Verständnishorizont zu erweitern.

Den Jugendlichen von heute wird vorgeworfen, sie hätten keine Werte, verhielten sich intolerant und indifferent. Das Gegenteil ist der Fall. Wenn wir nicht nur auf eine Erziehung der Vernunft, sondern auch auf eine des Herzens setzen, werden wir feststellen, dass Toleranz und Pluralismus, Engagement für Fairness und für Respekt vor der Differenz, die Redlichkeit als Attribut der Gegenseitigkeit und der Solidarität heute ebenso zu den Werten der Jugendlichen zählen. Wenn wir vor allem mehr der moralischen Sensibilität trauten als Druck auszuüben, mehr der Erziehung zu Werten als der Androhung von Strafe, mehr dem Gerechtigkeitsgefühl wie der Fairness als der Rechtsprechung und jahrelangen Gefängnisstrafen, so würden wir sehen, dass es sich lohnt, den Frieden zu suchen, anstatt den Krieg zu erklären. Denn die Jugend ist von Natur aus pazifistisch.
Guillermo Hoyos Vásquez
(1935, Medellín, Kolumbien), hat Philosophie und Geisteswissenschaften studiert, bevor er ein Theologiestudium in Frankfurt/Main aufnahm und 1973 in Köln in Philosophie promovierte. Er ist emeritierter Professor der Universidad Nacional de Colombia, wo er über 25 Jahre lang Philosophie lehrte. Zurzeit leitet er das Instituto de Bioética der Pontificia Universidad Javeriana in Bogotá. Zahlreiche Veröffentlichungen zu Moralphilosophie, politischer und Rechtsphilosophie.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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