Bildung – zwischen Hirn und Herz

Der vollkommene Genuss

Nicht nur die Naturwissenschaften, auch die Künste beschreiben menschliche Wirklichkeit und werden von ihr bestimmt, sie bilden Herz und Verstand.

Allen wissenschaftlichen Disziplinen ist ein Wunschtraum gemein: die Wirklichkeit zu begreifen. Aber auch die Künste und die Lebenswissenschaften wollen die Wirklichkeit begreifen: das Verlangen, die Konflikte, die Beziehungen zwischen den Personen, ihre Träume, ihre Obsessionen. Deshalb ist es ebenso wichtig, die Rolle der Proteine in der Entwicklung von Krebs zu erforschen wie Das Eismeer bzw. Die gescheiterte Hoffnung von Caspar David Friedrich zu betrachten, Kafkas Brief an den Vater zu lesen oder die Bachiana No. 5 von Heitor Villa-Lobos zu hören. Was bringt uns ihr Verständnis? Nicht nur Kenntnis: Es bereitet Genuss. Wenn manche Fußballer sagen, dass sie einen Orgasmus haben, wenn sie ein Tor schießen, so bereitet auch das Betrachten einer Reihe von Aminosäuren Freude, die Form einer Schneeflocke, Lavendelduft, die Gebärden eines Schimpansen oder das Lachen eines Mädchens. Deshalb müssen sich die verschiedenen Disziplinen verbinden: sowohl zur Bildung des Menschen als auch zu seiner Freude. Jedes Mal, wenn sich zwei Wissensbereiche kreuzen, ist der intellektuelle Genuss garantiert (Leonardo, Goethe). Denn es gibt menschliche Angelegenheiten, die wir ohne Multidisziplinarität nicht verstehen können. Der Sinn des Bösen, zum Beispiel, kann nicht ausschließlich aus dem Blickwinkel der Wissenschaft analysiert werden, für die das Böse höchstens ein körperliches Leiden sein kann. Vom Bösen sprechen alle Religionen, die Ethik, die Philosophie, die Psychologie und Sozialtheoretikerinnen wie Hannah Arendt, die von der „Banalität des Bösen“ gesprochen hat, ausgehend von den Schandtaten des Dritten Reichs. (Das Böse kann aber nie banal sein, weil es Schaden anrichtet, wohingegen die Ausführenden mittelmäßige, banale, „normale“ Personen sein können.)

Die Notwendigkeit, die Disziplinen zusammenzubringen, fand ich am besten in einem Aphorismus des Physikers Jorge Wagensberg ausgedrückt: „Wissenschaft und Poesie sublimieren die Freude allen Ausdrucks, indem sie mit kleinstem Aufwand das Größte bewirken.“ Das Größte bewirken: die Reichweite einer mathematischen Formel, ein Farbfleck auf einer Leinwand oder ein unvergesslicher Vers. Die Relativitätstheorie von Einstein (E = mc²) ist der minimale Ausdruck einer Reihe von sehr großen Erkenntnissen, ebenso wie der Vers von Pablo Neruda, „Wie das Meer. Wie der Zeitlauf. Alles in dir war Schiffbruch!“, der minimale Ausdruck einer Vielzahl von Bedeutungen ist. (Wissenschaftliche Formeln sind wie literarische Metaphern.)

Das Konzept der Multidisziplinarität ist allerdings nicht mit dem der Multikulturalität zu verwechseln. Weder sind Kulturen gleich, noch haben sie alle dieselbe zivilisatorische Kapazität. Die Kulturen unterscheiden sich grundlegend voneinander durch ihre Ethik, und diese basiert zu Beginn des 21. Jahrhunderts auf der Einhaltung der Menschenrechte, ungeachtet der Religion, der sozialen Schicht, des Geschlechts oder des Alters. Meiner Meinung nach sind diejenigen Kulturen überlegen, welche die Bedürftigen, die Schwachen schützen, also die Kulturen, die das Mitgefühl umsetzen. Mitgefühlt heißt, den Schmerz des anderen fühlen, Leid teilen. Keiner zweifelt am technischen Fortschritt des 21. Jahrhunderts, aber der moralische Fortschritt kommt sehr viel langsamer voran: Vielleicht war der wichtigste Aufschwung die Anerkennung der Rechte der Frauen und, in manchen Gesellschaften, diejenige der Rechte der Homosexuellen und Transsexuellen. Jeder moralische Fortschritt beruht also auf dem Mitgefühl. Daher ist die Krise Europas Beweis für sein langsames moralisches Fortkommen, denn wie beim großen Crash von 1929 sind es wieder die Ärmsten, die für sie zahlen.

Cristina Peri Rossi
(1941, Montevideo, Uruguay) gilt als eine der wichtigen spanischsprachigen Stimmen. Ihr Werk wurde in 20 Sprachen übersetzt. Es umfasst alle Genres: Poesie, Erzählung, Roman, Essay, Zeitschriftenartikel. 1972 musste sie aus politischen Gründen Uruguay verlassen, seit 1974 hat sie die spanische Staatsbürgerschaft. Peri Rossi wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie für ihr Buch „Playstation 2008“ den renommierten Internationalen Poesiepreis der Loewe-Stiftung.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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