Bildung – zwischen Hirn und Herz

Turbulenzen des Verlangens und der Emotion

Ethnografie der Affektkulturen in Veracruz: Vom Ritual zur Selbsthilfegruppe.

Die Hafenbewohner von Veracruz oder auch „Jarochos” sind schon immer durch den Blick von außen charakterisiert worden, bis hin zu einer sehr scharfen Abgrenzung stereotyper Charakteristika innerhalb der Nationalkultur. Man erfand eine echte „Jarocho-Physiologie“, mit bestimmten körperlichen, emotionalen und sexuellen Wesenszügen, die den Jarocho in der Welt der Leidenschaften, der Gefühlsbetontheit und einem Hang zum Exzess verankern. Die heitere und vergnügungsfreudige Art steht als Synonym und Identitätsattribut für die Hafenbewohner von Veracruz, sie ist Teil ihrer Selbstdarstellung und ihres Stolzes. Daher war es für mich ziemlich überraschend und unerklärlich, dass meine Gewährsleute von Anfang an immer wieder von ihrer Teilnahme an „Heilkulten“ berichteten, und zwar katholischer, spiritistischer und spiritualistischer Art, aber auch aus dem Dunstkreis der Pfingstkirchenbewegung oder von Gruppen der anonymen Selbsthilfe. Die einen wie die anderen versuchten, dort genau diese Emotionen, auf die sie ja so stolz waren, besser in den Griff zu bekommen.

Rituale und Diskurse

Ich konnte zwei Arten ausmachen, wie die Bewohner von Veracruz ihre Gefühle leben und bearbeiten. Zwei große Stile des Gefühls werden in ihren Ritualen und sozialen Praktiken sichtbar: ein eher traditioneller, der die „Befreiung“ vom Emotionalen durch rituelle Handlungen sucht – hier spielen der Körper und die Geister eine besondere Rolle; er besitzt auch eine wichtige theatralische Komponente. Der andere Stil, den ich in Anlehnung an die Soziologin Eva Illouz als den „therapeutischen“ bezeichnen möchte, ist der modernere und steht in Verbindung mit der Verbreitung der Therapiekultur von Selbsthilfegruppen. Er ist gekennzeichnet durch solche Bräuche und Rituale, bei denen – durch die Selbstzeugnisse und die „Tribüne“, welche die anonymen Selbsthilfegruppen bieten – das Wort, die Erzählung und der Diskurs über das „Ich“ ein größeres Gewicht gewinnen.

Veracruz zeigte sich mir als ein Szenario, wo man die „Befreiung“ vom mystischen Übel (von Teufeln, bösen oder übelwollenden Geistern, Zauberei und körperlichen und emotionalen Gebrechen) suchte. Auf der einen Seite geschah dies durch kollektive Exorzismen in der katholischen Kirche und durch „Heilkulte“, die einen Kampf inszenierten. Und auf der anderen Seite wollte man sich von sozialen Gewohnheiten befreien, die man als „Abhängigkeiten“ pathologisierte – Alkohol, Essen, Promiskuität und Misshandlungen sowie emotionale Abhängigkeit etc. –, und zwar dadurch, dass man an den Gruppen anonymer Selbsthilfe aktiv teilnimmt, indem man vor dem Forum Gleichgesinnter Zeugnis ablegt („tribunas“). Kurzum: Der Akzent liegt hier eher auf dem Wort als auf der körperlichen Erfahrung.

Wenn die Totengeister die Emotionen der Lebenden leiten

Wenn wir den ethnografischen Blick auf einige der sozialen Praktiken im öffentlichen Raum lenken – sei es auf das „Zusammenleben“ unter den Portales der Plaza Central, auf ein Treffen im Café oder auf einen Karnevalsumzug –, so können wir eine Ahnung davon bekommen, wie die städtische Kultur von Veracruz ihre Gefühle kanalisiert und wie sie traditionelle und „populäre“ Stile der Gefühlsbeherrschung zur Schau stellt. Bei den öffentlichen Danzón-Tanzveranstaltungen auf dem Zócalo wird aufgeführt, was die Veracruzanos darunter verstehen, sich in ihren Gefühlen zu „bremsen”. Es wird die Dramatisierung einer Disziplin der Mäßigung gezeigt sowie eine Art „Etikette“, um so die Existenz von Verhaltensregeln, von Leitfäden der Kanalisierung und der Bearbeitung der Emotionen im öffentlichen Raum zu bezeugen. Während der Danzón-Zusammenkünfte kleiden sich die danzoneros, die meist aus der Unterschicht kommen, mit der Garderobe der „Salons“, und in ihren Tänzen zeigen sie die Freude daran, sich „zügeln“ zu können, indem sie innerhalb eines festlichen Kontextes Disziplinen der Mäßigung in rhythmisierter Form ausführen, nur wenige Meter entfernt von den Bartischen der Portales, wo das Einverleiben von Alkohol, das „Zusammenleben“ und die Tänze und Gesten anderer Protagonisten den Verlust der Körper- und Gefühlskontrolle in Exzess und Maßlosigkeit unübersehbar theatralisieren.

Traditionell wird der Umgang mit den Emotionen in Veracruz auch durch die rituelle Inszenierung eines „spirituellen” Kampfes erreicht, eine Art körperliche Dramatisierung, die dazu dient, das Verlangen zu lindern oder zu neutralisieren. Als möglichen Grund dieser spirituellen Heimsuchung machten meine Gesprächspartner, Männer ebenso wie Frauen, normalerweise verbotene Leidenschaften aus – als Quelle emotionaler Störungen und Unwohlseins. Doña Mari berichtete von einem extremen Fall, in dem das Begehren eines Unbekannten eine junge Frau „krank“ gemacht hatte. Weil sie Objekt eines fremden Verlangens geworden war, war sie von Geistern besessen worden. Zusammen mit weiteren Anwärterinnen wurde sie zur „Heilung“ in die katholisch-charismatische Erneuerungskirche von Puente Jula gebracht, wo ein kollektiver und öffentlicher Exorzismus durchgeführt wurde. Um sie zu „befreien“, wurden die „kranken“ Personen – die meisten weiblich, zwischen 15 und 20 Jahren – an die Bänke vor dem Hauptaltar gefesselt, abgeschirmt von einer Gruppe Gläubiger, die den Rosenkranz beteten. Die Besessenen drückten ihre Qualen durch Schreien, Brechgeräusche und Erbrechen aus. Den Veracruzanos zufolge ist das Fesseln an die Bänke ein Schlüsselelement. Diese Art der physischen Unterwerfung verweist auf eine weitere: auf die soziale und die des Geschlechts durch Regeln und Formeln, die so streng sind wie diese Fesseln, denen sich Personen auf implizite und anschauliche Weise unterwerfen – vor den Augen Gottes, der Familienangehörigen und der Rosenkranzbeter für die „Besessenen“. Ihre Störungen können aus dem Bruch oder der Abkehr von einer dieser Regeln resultieren.

Beruhigende Geister

Obgleich Rache an sich keine soziale Emotion ist – sie resultiert aus einer etwas komplexeren Konstruktion, die sie der Empfindung etwas ähnlicher macht –, nährt sie sich doch aus verwandten Emotionen und umfasst außerdem die Grundemotionen Hass und Angst. Sie ist eine Handlungsweise, die in einem bestimmten sozialen Kontext entsteht, der in jeder Hinsicht emotionsbeladen ist. Damit hatte die plötzlich hereinbrechende oder „spontane“ Trance zu tun, die Doña Mari erlebte. Der Geist von Don Pascual, Schwiegervater ihres Kindes sowie Großgrundbesitzer und Viehhalter, der von einer Landbesetzungsbewegung entführt, gefoltert und ermordet worden war, inkarnierte sich in Doña Mari, was geradezu einer Vorsehung gleichkam, da dadurch eine Familienrachekonstellation, die sich in genau diesem Moment zusammenbraute, entschärft wurde. Die Worte Don Pascuals gaben den Hinterbliebenen und der Familie etwas Frieden und Ruhe, indem sie folgende Erklärung seines Todes lieferten: „Es war ein Irrtum, sie hatten es nicht auf ihn abgesehen.“ Damit wurde die Todes- und Gewaltspirale aufgehoben, die eine Konfrontation mit Hunderten von Männern einer bewaffneten Organisation bedeutet hätte. Innerhalb der Vorstellungswelt der ciencia espiritual in Veracruz tragen die Geister mit Informationen bei, die Krankheiten, Heimsuchungen oder Probleme der Menschen erklären, aber in diesem Fall der Emotionsarbeit hatten sie sich außerdem gegen die Rache gestellt.

Anonyme Selbsthilfegruppen

Während meines Feldforschungsaufenthaltes stieß ich darüber hinaus auf die Existenz „therapeutischer“ Gruppen in der Stadt, die modernere Züge trugen, von außen beeinflusst waren und sich aus unendlich vielen Niederlassungen und Selbsthilfegruppen zusammensetzten, in denen ein großer Teil meiner Gesprächspartner der Mittelschicht (mit denen ich zusammenlebte und die meine Forschungen begleiteten) eine Orientierung in Gefühls- und Lebensfragen suchte: Anonyme Alkoholiker, Anonyme Neurotiker, (Sex-)Abhängige, Frauen, die zu sehr lieben, Methoden der mentalen Selbstkontrolle (nach dem Parapsychologen José Silva) etc. In den Selbsthilfegruppen konnte ich neue Methoden zur Bearbeitung von Emotionen ausmachen, die sich weniger auf den Körper beziehen, sondern auf der Entstehung einer narrativen Therapeutik beruhen, einer narrativen Neuordnung, die sich vom privaten in den öffentlichen Bereich verschiebt. Diese sich ausbreitenden Gruppen ersetzen andere traditionelle Formen der Sozialorganisation.

Ich werde nie die Erfahrung – und das Gefühlschaos – vergessen, von dem mir Héctor berichtete auf seiner verzweifelten Suche nach „Befreiung“, hauptsächlich emotionaler und moralischer, aber auch körperlicher Art. Er hatte „metaphysische“ Vorträge und Selbsthilfegruppen besucht, die Universelle Bruderschaft (Loge, Theosophie), die Anonymen Alkoholiker, bis er zu den Anonymen Esssüchtigen kam. Héctor nahm an zwei dieser Gruppen teil. In unseren Gesprächen fiel mir auf, welchen Einfluss der medizinische Jargon auf die Teilnehmer dieser Gruppen ausübte, insbesondere auf die Gruppe der Anonymen Esssüchtigen, die sich mit dem Begriff „Vorgeschichte“ auf die Lebensgeschichten beziehen, die jene „Kranken/Süchtigen“ Schritt für Schritt konstruieren, und zwar über das Ritual des öffentlichen Auftretens, die „Tribüne” – als eine neue Art der öffentlichen „Beichte“ und der physischen Internalisierung dieser Kategorien. Die „Tribüne“ wird dabei zum Schlüsselmoment des freien Ausdrucks und der emotionalen Strukturierung, die eine Gruppe teilt. Auch sprach er von der „Rückspiegelung“, die in diesen Versammlungen auftritt, und vom „Zeugnisablegen“ als einem Element der narrativen Konstruktion, das Einfluss auf das „Ich“ nimmt. Héctor berichtete: „Ich war total überrascht, als ich feststellte, dass es nicht nur verrückte Typen, sondern auch verrückte Mädels gab, die genau die gleichen irren Sachen im Kopf hatten wie ich. […] Wie kann es sein, dass es so jemanden gibt, genauso wie ich? Das meinen sie mit der Rückspiegelung, du siehst dich also in dem Typen dort wieder, weil er genauso drauf ist wie du. Zum Beispiel: Wer kommt auf die wahnsinnige Idee, […] fünf pays de limón wegzuputzen, stell dir vor, wird dich das besser draufbringen? ‚Ich bin traurig, da werd ich mir mal fünf Zitronenkuchen reindrücken’, oder: ‘Ich bin wütend! Ich esse also fünf Zitronenkuchen, damit ich wieder runterkomme.’ Und hilft das? Nein.“

Vom Gefühl zur „Sünde“

Nach Robert Wuthnow zeichnen sich diese Gruppen dadurch aus, dass sie die privaten Geschichten in öffentliche, kommunikative Akte verwandeln; so aktivieren und repräsentieren sie die Strukturen der therapeutischen Narrative, indem sie durch die Zurschaustellung und Aufbereitung ihres Leidens einen öffentlichen Modus schaffen, vom „Ich“ zu erzählen. In dieser Rekonstruktion des biografischen und identitätsbezogenen Narrativs, wenn der Akzent auf den Gefühlen liegt, scheint es so, als ob diese sich in etwas anderes verwandeln: in Persönlichkeit und menschliche Defekte. Es ist interessant, diese Prozesse zu analysieren, wenn während der oben erwähnten Bekenntnisse auf der öffentlichen Bühne diese Gefühle für ihre Mitglieder auf einmal zu „Sünden“ werden, zu „Krankheiten“, und das „Dicksein“ zu einem deutlichen Merkmal dessen wird, der an der „Krankheit“ leidet. In diesem Prozess muss man den Einfluss und die Macht der modernen Ideologie der therapeutischen Kultur der Selbsthilfe verdeutlichen, die sich in der Psychologie entwickelt und verbreitet hat, sowie deren Tendenz zur Pathologisierung sogar von Gefühlen und Emotionen. Nach Illouz haben diese therapeutischen Narrative tautologischen Charakter: Sobald ein emotionaler Zustand als gesund und wünschenswert definiert ist, werden die übrigen Verhaltensweisen, die dieses Ideal nicht erreichen, als emotional problematisch erachtet und müssen innerhalb des Rahmens dieses therapeutischen Narrativs „behandelt“ werden.

Den Gefühlszustand verändern

Der Ethnologe Michael Houseman, der über die Rituale von New Age und den Neopaganismus geforscht hat, hob den Unterschied zwischen diesen und traditionell verwurzelten Ritualen hervor. Er beschreibt die Existenz von zwei unterschiedlichen Arten der Ritualisierung: Bei der einen, die den Ethnologen einschlägig bekannt ist, besteht die rituelle Performance darin, die Modellierung der sozialen Verhaltensweisen zu beeinflussen. Bei der anderen, die zu den vielfältigen New-Age- und „neopaganen“ Zeremonien gehört, entsteht die rituelle Performance aus der konventionellen Nachahmung von Motivationen und Gefühlen, die als beispielhaft gelten; sie zielt besonders darauf ab, eine Veränderung in der emotionalen Disposition ihrer Teilnehmer zu erreichen. Diese Rituale wollen nicht auf die Dinge einwirken, sondern einen Wechsel im emotionalen Status des Teilnehmers herbeiführen, indem sie die symbolische Wirksamkeit auf das „Ich“ verschieben.

Verwandeltes Begehren

Zum Schluss möchte ich noch auf ein wichtiges Phänomen auf diesem Feld der Emotionen in Veracruz hinweisen: auf die Implantation einer neuen „Emotion”, nämlich der „Energie”. Diese auf körperlicher und sensorischer Ebene wahrgenommene Energie wird sowohl in rituellen Kontexten „auf die veracruzanische Art“ als auch im rituellen therapeutischen Zusammenhang der moderneren Selbsthilfe übertragen und gespürt. Sie wird den als schädlich und anomisch begriffenen Leidenschaften entgegengesetzt sowie denjenigen, welche die Rituale und Praktiken der therapeutischen Kultur der Selbsthilfe im Subjekt selbst produzieren, indem sie sich der Wünsche und Emotionen bedienen, die für das „Ich“ der Veracruzanos als negativ und problematisch erachtet werden. Anders ausgedrückt: Auf diesem Feld und in diesem emotionalen therapeutischen Stil wird das Begehren in therapeutische und befreiende „Energie“ verwandelt, auf der spirituellen, körperlichen und moralischen Ebene.
Juan Antonio Flores Martos
(1966, Madrid) ist auf Lateinamerika spezialisierter Ethnologe/Lateinmerikanist und lehrt an der Universidad de Castilla-La Mancha in Spanien. Zuletzt hat er 2010 als Mitherausgeber das Buch „Emociones y sentimientos. Enfoques interdisciplinares“ publiziert. Er ist Mitglied der Forschungsgruppe Etnología Americana.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012

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