Bildung – zwischen Hirn und Herz

Verstand und Gefühl im Klassenzimmer

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Initiativen wie „One Laptop per Child” zeigen Erfolge in Alphabetisierungs-
programmen. Wie sieht der Unterricht der Zukunft aus?


In seinem Buch Educação e o mundo moderno (Erziehung und die Welt von heute, 1969) wagte der brasilianische Erziehungswissenschaftler Anísio Teixeira die Prognose, dass die Schule der Zukunft mehr und mehr einem Labor, einer Werkstatt oder gar einer Fernsehanstalt ähneln und mit den Schulen der (damaligen) Gegenwart kaum noch etwas gemeinsam haben würde.

Doch auch vierzig Jahre später zeigt sich, dass Schulunterricht nach wie vor lehrer- und lehrwerkzentriert ist. Dass er vor den technologischen Errungenschaften der letzten Jahre die Augen eigentlich nicht verschließen sollte, ist allgemein bestätigt worden. Und doch scheint sich kaum etwas zu ändern.

Die Aufrechterhaltung der Tradition innerhalb des Klassenzimmers geht so weit, dass ein Mediziner oder ein Ingenieur aus dem 19. Jahrhundert extreme Schwierigkeiten hätten, ihren Beruf auszuüben, versetzte man sie in die Gegenwart – zu groß sind die Fortschritte, die ihre jeweiligen Disziplinen seitdem gemacht haben. Andererseits könnte jeder Lehrer seinen Unterricht auch heute noch problemlos so durchführen, wie er es vor 200 Jahren gemacht hat. Die Unterrichtsinhalte wären zwar sicherlich andere – die Art des Unterrichtens ist es hingegen nicht.

Herausforderungen für eine konservative Akademikerwelt

Glücklicherweise hat ein Umdenken innerhalb der konservativen Welt der Akademiker und Pädagogen eingesetzt. Inmitten traditioneller – und womöglich auf Faulheit beruhender – Unterrichtsmodelle sind neue Ansätze entstanden, die Prophezeiungen wie jene von Teixeira Wirklichkeit werden lassen. Zwei Beispiele:

Wolenchite ist eine mittelgroße Stadt in Zentraläthiopien, etwa 80 Kilometer von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. Von den etwa 22 000 Einwohnern sind ein Großteil Analphabeten; die wenigsten haben Stromanschluss in ihren Wohnungen. Nicholas Negroponte, Gründer des Projekts „One Laptop per Child“, wählte jedoch ausgerechnet Wolenchite als Schauplatz eines geradezu revolutionären Vorhabens aus: Er verteilte mit Solarenergie betriebene Tablets an Schulkinder zwischen vier und zwölf Jahren, ohne ihnen irgendwelche Hinweise zu geben, wie das Gerät zu bedienen sei. Die Ergebnisse gaben viel Anlass zur Hoffnung.

Die Zeitschrift Wired schrieb in ihrer Ausgabe vom Juni 2012, dass das erste Kind bereits nach 15 Minuten das Tablet eingeschaltet hatte. Nach weiteren drei Minuten hatten auch alle anderen ihre Geräte zum Laufen gebracht. Eine Woche später benutzte die Gruppe bereits 47 Apps; nach 14 Tagen waren die Kinder in der Lage, das Alphabet aufzusagen. Auch wenn die Tatsache, dass Technologie einen Anreiz zum Lernen bietet, keine Neuheit mehr ist, so ist es doch überraschend zu beobachten, wie schnell hier Ergebnisse erzielt wurden – und dies trotz der ansonsten für ein erfolgreiches Lernen eher widrigen Umstände.

Viel ist schon geschrieben worden über die Fähigkeit der jüngeren Generationen, sich mit neuen technischen Geräten mit einer Schnelligkeit und Sicherheit vertraut zu machen, als sei dies ein ihnen angeborenes Talent. Doch heißt das nicht zwangsläufig, dass Erwachsene den Möglichkeiten, die die modernen Technologien bieten, auf immer fremd gegenüberstehen müssen.

In Campinas im Südwesten Brasiliens hat der Mathematiker José Luís Poli ein Alphabetisierungsprogramm für Jugendliche und Erwachsene ins Leben gerufen, das über Handys funktioniert. Die auf Laut-Bild-Verbindungen basierenden Übungen sind kleine Lernspiele, die durchaus auch traditionelle didaktische Methoden berücksichtigen. In einem Artikel aus der Zeitschrift A Rede vom Mai 2012 wird berichtet, dass eine Lehreinheit von drei Stunden insgesamt 40 bis 50 Minuten für solche interaktive Übungen vorsieht. Die Teilnehmer bearbeiten sie individuell, wobei keine Notwendigkeit besteht, dass die Lösungen vor der Gruppe präsentiert werden müssen – was gerade für erwachsene Analphabeten ein Problem darstellt. Zudem können die Aufgaben beliebig oft wiederholt werden. Jedem Teilnehmer steht es also frei, sein eigenes Lerntempo zu bestimmen und einzuhalten. Dem Programm gelang es, die Anwesenheit der Teilnehmer im Unterricht erheblich zu steigen und demnach auch die Abwesenheitsquote zu mindern: Sie sank von 20 auf nur fünf Prozent.

Mit didaktischen Traditionen brechen

Von den vorgestellten Beispielen einmal abgesehen steht die Verwendung technologischer Methoden im Klassenraum noch am Anfang. In Wirklichkeit hat die Lehrergeneration, die heute in den verschiedenen Bildungseinrichtungen – von der Grundschule bis zum Masterstudium – tätig ist, anders als ihre Schüler mit dem technologischen Fortschritt kaum Schritt gehalten. Vielleicht liegt des (so kniffligen wie faszinierenden) Rätsels Lösung in dem Schritt, mit einer jahrhundertealten didaktischen Tradition, der gemäß der Lehrer spricht, während der Schüler schweigt, endlich zu brechen. Und vielleicht ist hier auch der Grund für die Schwierigkeiten zu finden, die die Universitäten mit der Verwendung von Notebooks und anderen Geräten immer noch haben. Dozenten renommierter Hochschulen in den USA untersagten ihren Studenten den Gebrauch von Laptops und Tablets in den Lehrveranstaltungen. Denn: Können die Geräte für den Lernprozess zwar einerseits durchaus nützlich sein, so sind sie andererseits doch auch Grund von Ablenkung und Unaufmerksamkeit.

Und doch ist es gerade die Technologie, die die Notwendigkeit der physischen Anwesenheit einer Gruppe von Lernenden an ein und demselben Ort (sei es eine Stadt in Äthiopien, eine Schule in Brasilien oder eine Eliteuniversität in den USA) überwindet und einen durch und durch globalisierten Klassenraum ohne Grenzen, aber mit Zugang für jedermann schafft – sofern es einen Internetanschluss gibt.

Eines der erfolgreichsten Projekte dieser Art ist die Khan Academy. Was mit einem jungen Inder begann, der Videoclips machte, um seiner Cousine bei den Mathematikhausaufgaben zu helfen, wuchs zu einer NGO an, die etwa 3200 Videos zu allen erdenklichen Themen zu didaktischen Zwecken kostenfrei zur Verfügung stellt. Weltweit wurden so Fernstudieneinheiten fast 164 Millionen Mal in Anspruch genommen.

Viele Videos der Khan Academy sind bereits auf Portugiesisch verfügbar und werden in einigen öffentlichen Schulen in Brasilien in Testläufen verwendet. Die Lehrer, die mit den Videos arbeiteten, berichteten über eine bessere Dynamik im Unterrichtsablauf und ein gesteigertes Konzentrationsvermögen der Schüler. Zwar ist es sehr unwahrscheinlich, dass interaktives Lehrmaterial die Figur des Lehrers ersetzen wird – eine vereinfachende Interpretation des Projekts in Äthiopien könnte dies suggerieren –, die Bereicherung des Unterrichts durch technologische Unterstützung erscheint insgesamt jedoch als der einzig gangbare Weg.

Modernste Technologie allein reicht nicht

Trotz allem: Es reicht nicht, dass neueste Technologien zur Verfügung stehen, damit der Lernprozess effizienter wird. Wir lernen nicht allein aus rationellen Beweggründen. Lernen hat sehr viel mehr auch mit Gefühl und Gespür zu tun. Je aktiver der Schüler sich an der Erarbeitung von Lerninhalten beteiligen kann, desto größer ist der positive Einfluss auf seine Persönlichkeitsbildung und desto größer auch der Lernerfolg.

In Free Culture („Freie Kultur“, 2004) beschreibt Lawrence Lessig das Projekt von Daley und Stephanie Barish vom Institute for Multimedia Literacy in einer Schule in einem armen Stadtteil von Los Angeles. Von einem traditionellen pädagogischen Standpunkt aus betrachtet, so Lessig, war die Schule eine einzige Katastrophe. Daley und Stephanie Barish jedoch regten die Schüler dazu an, sich in Videoaufnahmen zu einem Thema zu äußern, das ihnen wohlbekannt war: die alltägliche Gewalt.

Die dafür vorgesehene Unterrichtsstunde fand an Freitagnachmittagen statt, was die Schule vor ein unvermutetes Problem stellte: Wo in der Mehrheit der Fächer die Schwierigkeit darin bestand, die Schüler zur Anwesenheit zu bewegen, war es nun fast unmöglich, sie nach dem Unterricht wieder nach Hause zu schicken.

„Obwohl der Unterricht nachmittags stattfand, kamen [sie] schon um sechs Uhr morgens in die Schule und gingen erst wieder um fünf Uhr nachmittags [...]. Die Schüler arbeiten weitaus eifriger mit als in allen anderen Fächern” – um genau das zu tun, wozu der Schulunterricht eigentlich anregen sollte: seine eigene Meinung zu sagen.

Ein Erfolg des Projekts bestand Lessig zufolge darin, dass die Jugendlichen sich weitaus wirkungsvoller zu einem Thema äußerten, als wenn sie dies schriftlich hätten tun müssen. Hätte er die Schüler gebeten, Texte über ein bestimmtes Sujet zu schreiben, hätten sie alsbald das Interesse verloren, so die Einschätzung von Barish. Dies hänge zweifelsohne damit zusammen, dass schriftliches Ausdrucksvermögen ohnehin nicht die Stärke der Schüler sei, vor allem aber auch mit dem Umstand, dass ein geschriebener Text nicht das passendste Medium darstelle, um über Gewalterfahrungen zu berichten. Die Wirkkraft der Mitteilung hängt in diesem Falle ganz eindeutig von der Form ab, durch die sie überbracht wird.

Vielleicht ist dies der zentrale Punkt bei der unvermeidlichen Annäherung von Didaktik und Technologie. Die heutigen technologischen Möglichkeiten erlauben eine weitaus bessere Balance zwischen Wissenszugang und Wissensaneignung durch die Schüler, die Intuition und eigene Erfahrungen in diesen Prozess mit einbringen können.

Die moderne Technologie ist in der Lage, uns von einem jahrhundertelang blind befolgten didaktischen Modell zu befreien, das alle Schüler als gleich betrachtet, ihre jeweiligen Fähigkeiten und Interessen nicht berücksichtigt und der Äußerung ihrer eigenen Ansichten keinen Raum zuerkennt. Soziale Netzwerke, Blogs, Videos und digitale Fotografie, Remix, Mash-up, kreative Gruppenarbeit und was auch immer noch kommen mag mögen uns dabei helfen, Anísio Texeiras Prophezeiung zu bestätigen: Auch im Klassenzimmer hat die Zukunft endlich Einzug gehalten.
Sérgio Branco,
Brasilien, hat an der Universidad del Estado in Rio de Janeiro in Jura promoviert und ein Postgraduate-Studium in den Bereichen Geistiges Eigentum und Dokumentarfilm absolviert. Er lehrt und forscht am Centro de Tecnologia e Sociedade der Hochschule FGV Direito Rio. Er ist Autor der Bücher „Direitos Autorais na Internet e o Uso de Obras Alheias“ und „Domínio Público no Direito Autoral Brasileiro“.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Heike Muranyi
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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