Bildung – zwischen Hirn und Herz

Oxford in Madrid

Vom Krausismo zur Residencia de Estudiantes. Und wie es weiterging.

Berlin 2012: Fährt man vom Alexanderplatz mit der U-Bahn Richtung Hermannplatz, hört man hauptsächlich Spanisch. Immer mehr junge Spanierinnen und Spanier zieht es in die deutsche Hauptstadt. Trotz guter Universitätsabschlüsse haben sie in ihrem Heimatland kaum eine berufliche Perspektive. Die junge spanischen Intelligenzia wird in Deutschland mit offenen Armen empfangen.

Madrid: Begibt man sich auf die Spuren der spanischen Bildungs- und Geistesgeschichte der Moderne, so gelangt man auf der kleinen Calle Pinar im Norden der Hauptstadt in eine grünen Oase fernab vom hektischen Straßenlärm. Hinter Olivenbäumen und großen Oleanderbüschen leuchten rote Backsteinfassaden in der spanischen Sonne. Eine schlichte, anmutige Architektur, erbaut zwischen 1910 und 1915: die Residencia de Estudiantes.

1917 ist Luis Buñuel in die Residencia als „schüchterener und verschreckter Provinzler” gekommen und verbringt insgesamt sieben Jahre hier. In seiner Biografie schreibt er: „Ich bin mir absolut sicher, dass mein Leben ohne den Aufenthalt in der Residencia anders verlaufen wäre.“ Die Residencia ist zu diesem Zeitpunkt ein privilegierter Ort. Sie gilt als „Insel der Moderne“ nach britischem Vorbild und markiert einen Meilenstein in einer langen Entwicklung, die von einer Gruppe gleichgesinnter Intellektueller ausgeht, deren erklärtes Ziel es ist, freie Erziehung in einer eigens dafür geschaffenen Institution zu etablieren. Das Rückgrat dieser Reformbewegung ist der Krausismo, benannt nach ihrem geistigen Vater, dem in Deutschland nahezu unbekannten Philosophen Karl Christian Friedrich Krause aus Thüringen.

Vom Krausismo …

Julián Sanz del Río hatte 1860 Krauses Buch Das Urbild der Menschheit auf Spanisch unter dem Titel Ideal de la Humanidad para la Vida veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt war der deutsche Philosoph, der niemals spanischen Boden betreten hatte, bereits 28 Jahre tot. Sein Werk verstand sich als humanistisch und idealistisch geprägte Gesellschaftslehre, eingebettet in eine sogenannte panentheistische Weltanschauung. Ein einschneidendes Datum: Denn von nun an soll alles anders werden im mystischen Spanien, das von der Aufklärung kaum berührt und immer noch der mittelalterlichen Scholastik verhaftet ist.

1875 aber kommt es zum Rausschmiss einer Gruppe krausistisch orientierter Professoren aus der Zentraluniversität von Madrid. Sie sollen in Lehre und Forschung gegen das katholische Dogma verstoßen haben. Unter ihnen die beiden Rechtswissenschaftler Francisco Giner de los Ríos und Juan Sanz del Río.

Was war geschehen? Und wer war jener Gewährsmann, auf den sich dieser Kreis berufen hatte? Karl Christian Friedrich Krause, geboren 1781 in Thüringen, denkt die Welt als eine harmonisch und organisch gestaltete Wirklichkeit, in der die Religion Spiegel der Kultur ist. Sie erscheint ihm als die Urpoesie des Geistes und Gott als ein anderes Wort für die Harmonie der Welt. Aus diesem Geist heraus entsteht sein Hauptwerk, das bereits erwähnte Urbild der Menschheit. Sein Kern ist der von ihm entwickelte Panentheismus, eine All-in-Gott-Lehre: Gott sei der Welt immanent und zugleich zu ihr transzendent, und die Welt ihrerseits Gott immanent und von Gott umfasst. Der Philosoph entwirft eine harmonische Neuorganisation der Menschheit. Das Herzstück ist die dem Menschen ureigene Geselligkeit. Sie bringt ihn dazu, eine Familie zu gründen und Freundschaften zu pflegen, sie ermöglicht ihm, komplexe soziale Strukturen zu schaffen. Tugend, Recht, Schönheit und Gottinnigkeit sind dabei die Hauptkräfte. Fortschritt, so Krause, lässt sich nur erreichen, wenn der Mensch sozial handelt: eben nicht als vereinzeltes Individuum, sondern bewusst gemeinsam. Für eine Vervollkommnung des Menschen muss deshalb die Basis geschaffen werden, und zwar durch eine ganzheitliche Erziehung für Männer und Frauen gleichermaßen.

Trotz einer Vielzahl von Texten, die Krause in den folgenden Jahren schreibt, bleibt ihm zeitlebens ein Lehrstuhl verwehrt. Am 27. September 1832 stirbt er, mit 51 Jahren, in München. Nun sind es Krauses wenige Schüler aus seiner Zeit als Privatdozent, die seine Ideen aufgreifen und seine Schriften verbreiten. Über Paris gelangen sie nach Spanien. In Madrid fallen sie dem bereits erwähnten jungen Juristen Julián Sanz del Río in die Hände.

Krauses philosophische Grundidee kommt den aufgeklärten Geistern als Lösungsvorschlag für eine gesellschaftliche Veränderung in Spanien wie gerufen, weil sie einen Mittelweg weist zwischen dem Materialismus, der gerade in Westeuropa en vogue ist, und der spanischen Philosophie, die sich nicht von der Scholastik befreien kann. Die spanischen Intellektuellen wollen die Aufklärung nachholen, ohne mit der Religion zu brechen. Für sie ist Krauses Philosophie Weltdeutung und Handlungsaufforderung in einem. Dabei liegt das Hauptaugenmerk auf der ganzheitlichen Erziehung eines „freien Geistes“, denn nur dieser könne eine gesellschaftliche Umwälzung bewirken.

Jeden Sonntag hält nun Francisco Giner de los Ríos freie Kurse über die Krause’sche Philosophie an der Madrider Universität. So etabliert sich ein krausistischer Zirkel, der zur Kaderschmiede wird. Die Krausisten arbeiten mit an der neuen Verfassung von 1869 und der Reform des Strafvollzugs 1873. Einige von ihnen werden Minister. Giner selbst tritt als Berater der Regierung auf und ist auch federführend bei der Hochschulreform. Nichts ist den Krausisten wichtiger als die libertad de la catedra, die Freiheit der Lehre, als eine Wissenschaft „im Dienste der Menschheit“, wie es Giner frei nach Krause formuliert.

Das können die konservativen Kräfte und die Kirche nicht dulden. Schon 1874 schlägt der Wind in der Politik um, und die Zeit der Restauración bricht an. 1875 kommt es dann zu dem eingangs erwähnten Attentat auf die Freiheit der Wissenschaft: Giner und alle anderen krausistischen Professoren verlieren ihre Lehrstühle. Kurzerhand beschließen die arbeitslosen Professoren, das Fundament für eine eigene Institution zu legen. 1876 wird die Institución Libre de Enseñanza gegründet, eine freie akademische Lehranstalt für Philosophie, Rechtswissenschaften und Pädagogik, in der auch Lehrer ausgebildet werden. Giner hofft auf die Zukunft.

Anfang des 20. Jahrhunderts dreht sich mit dem Reformismo der Wind erneut, und die Krausisten kehren zurück in die staatlichen Institutionen. 1907 verabschiedet die neue liberale Regierung ein Gesetz zum Aufbau der Junta de Ampliación de Estudios (JAE), der Kommission für die Erweiterung des Universitätsstudiums und der Forschung. Natürlich sitzen in dieser Kommission die Krausisten. Spanien soll endlich wieder Teil der europäischen Geistesgeschichte sein und Anschluss an die internationale Forschung bekommen. Ein Stipendien-Fonds wird gegründet und das Projekt Residencia de Estudiantes auf den Weg gebracht.

… zur Residencia de Estudiantes

Am 10. Oktober 1910 öffnet die Residencia ihre Tore. Rasch platzen ihre Räumlichkeiten aus allen Nähten. Bis 1915 entsteht ein neuer Campus mit Wohngebäuden, Laboratorien, Vortragssaal, Bibliothek und einem Sportplatz. Hauptaufgabe der Residencia de Estudiantes ist es, die spanische Universität zu reformieren. Dort mangelt es an allem: Es existieren weder Seminare in den Geisteswissenschaften noch naturwissenschaftliche Labore. Der Direktor, Jiménez Fraud, ebenfalls Krausist, plädiert für Verantwortung, Toleranz und Solidarität, für die freie harmonische Gemeinschaft, denn aus den Señoritos, den verwöhnten Bürgersöhnchen, sollen Gentlemen werden, aus den Señoritas gebildete Frauen, und gemeinsam sollen sie die Zukunft Spaniens in die Hand nehmen. Schon 1921 staunt der Engländer J. B. Trend: „Oxford und Cambridge in Madrid! Die Residencia hat die englischen Universitäten praktisch überflügelt!“

In der Residencia herrscht ein intellektuelles Ambiente: ein offener Dialog zwischen Kunst und Wissenschaft, es gibt Praktika in den Forschungslabors, Sprachkurse, Vorträge, Diskussionen, Musik- und Theaterabende. So wird die Residencia zum Inbegriff eines modernen Spanien und darüber hinaus zum Diskussionsforum des gesamten intellektuellen europäischen Lebens. In ihren Salons treffen sich Albert Einstein, Paul Valery, Marie Curie, Igor Strawinsky, Alexander Calder, Walter Gropius, Henri Bergson, Le Corbusier. Der Philosoph José Ortega y Gasset wird ständiger Mitarbeiter. Der spätere Literaturnobelpreisträger Juan Ramón Jiménez wird als Gärtner engagiert.

Hinzu kommt das physiologische Forschungslabor der Residencia, das Juan Negrín leitet. Noch ahnt niemand, dass Negrín 1937 der letzte sozialistische Ministerpräsident der Zweiten Republik wird und dass sein Schüler Severo Ochoa 1959 den Nobelpreis für Medizin erhält. Die Schriftsteller der sogenannten Generation von 1898, wie Unamuno, Valle-Inclan, Azorín – sie alle waren bereits Schüler der Institución Libre de Enseñanza – sind häufige Gäste. Mitte der 20er-Jahre formiert sich die neue Dichtergeneration: die Generation 27 um Federico García Lorca, Pedro Salinas, Rafael Alberti. Das Silberne Zeitalter, La Edad de Plata, ist angebrochen.

Zu den berühmtesten Residencia-Bewohnern zählen neben dem Dichter Federico García Lorca keine geringeren als der Maler Salvador Dalí und der Filmemacher Luis Buñuel. In der Folge entsteht das bahnbrechende erste surrealistische Filmwerk der Geschichte: Der andalusische Hund. Dieses Werk vereinigt Aspekte der intellektuellen Gedankenwelt der Residencia sowie Spiele und Zoten der Freunde, die hier einen Surrealismus im Rohzustand entwickeln. Buñuel schreibt nach Fertigstellung des Films: „Alle unsere Marotten auf der Leinwand!“ Wie sehr Kunst und Wissenschaft in der Residencia einander durchdringen, lässt sich beobachten, als im Jahre 1923 Albert Einstein in die Residencia kommt und die Studenten in seine Relativitätslehre einführt. Kurz darauf schreibt Buñuel seinen Text Warum ich keine Uhr trage, der gespickt ist mit Anspielungen auf Einstein.

Und wie es weiterging

1936 findet die reformistische Aufbruchphase ein jähes Ende mit dem faschistischen Putsch und dem Ausbruch des Bürgerkriegs. Die meisten Krausisten gehen ins lateinamerikanische Exil. Der Exodus der spanischen Intelligenzija hat längst begonnen (und erlebt seit 2009, bedingt durch die gravierende Finanz- und Wirtschaftskrise in Spanien, seine Neuauflage nicht nur in Berlin).

Erst unter der sozialistischen Regierung von Felipe González in den 80er-Jahren wird die Residencia wieder zu einem interdisziplinären kulturellen Haus. Man pflegt das Erbe ihrer berühmt gewordenen Schüler. Auch das aktuelle Programm führt Kunst und Wissenschaft wieder zusammen. Zudem beherbergt sie das umfangreichste Dokumentationszentrum für die spanische Geistesgeschichte der Moderne. Ein schöner, ein historischer Triumph für die Krausisten. Denn in der Tat: Die spanische Geistesgeschichte der Moderne – wie wäre sie wohl ohne ihn verlaufen, ohne Karl Friedrich Christian Krause aus Thüringen?
Rilo Chmielorz
(1954), Multimediakünstlerin, lebt in Berlin und Madrid. Über Jahre hat sie sich mit der sogenannten „Edad de la Plata“ Spaniens befasst. Über die Residencia de Estudiantes und den Krausismus hat sie nicht nur ein Radiofeature produziert, sondern auch Beiträge in „Die Zeit“ und in der „Sächsischen Zeitung“ geschrieben.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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