Bildung – zwischen Hirn und Herz

„Unser Orchester ist ein Schatz“

Im bolivianischen Tiefland setzten die Jesuiten ab Ende des 17. Jahrhunderts Musik als Missionierungsstrategie ein. Doch welchen Stellenwert hat die musische Bildung und musikalische Erziehung für die gesellschaftliche Integration heute?

Santa Ana de Velasco ist ein verschlafenes Dörfchen in der Chiquitania, im östlichen Tiefland Boliviens. Auf der grasbewachsenen Plaza blühen üppige Toborochi-Bäume in dunklem Rosa. In Santa Ana leben dreihundert Menschen, aber der Dorfmittelpunkt wirkt verlassen. Nur in der kleinen Kirche scheint Leben zu herrschen, Geigenklänge dringen hinaus auf den Platz.

Santa Ana ist die kleinste der ehemaligen Jesuitenmissionen in der Chiquitania, einer schlecht erschlossenen, von tropischem Wald bedeckten Region, die an Brasilien grenzt. Das Kirchlein ähnelt den anderen katholischen Gotteshäusern der Gegend: ein tief heruntergezogenes Dach, das von mächtigen hölzernen Säulen gestützt wird, eine in Erdtönen bemalte Fassade und auf dem Giebel das Kreuz. Neben der Jesuitenkirche steht der einfache Glockenturm aus Holz.

Drinnen, in dem mit Holzschnitzereien und pausbäckigen Engelsfiguren prächtig dekorierten Kirchenraum, sind zwei Dutzend Mädchen und Jungen dabei, ihre Instrumente zu stimmen. Wie jeden Nachmittag probt hier das Streichorchester von Santa Ana. Grüppchenweise und mit konzentrierten Gesichtern stehen die Kinder und Jugendlichen beisammen. Dann nehmen sie vor dem Altar Platz und spielen – ein wenig schräg, aber mit Verve – die barocke Sonate Nr. 8 aus dem Archivo Musical de Chiquitos, Komponist unbekannt.

Das Archiv, das sich im Dorf Concepción befindet, birgt den musikalischen Schatz der Chiquitania: 5500 Seiten Originalpartituren aus den Jesuitenmissionen. Der Schweizer Architekt Hans Roth entdeckte sie, als er Anfang der 1970er-Jahre nach Bolivien kam, um die baufälligen Jesuitenkirchen zu restaurieren. Doch war es die einheimische indigene Bevölkerung, die die Partituren nach der Ausweisung des katholischen Ordens gehütet hatte. Etwa in Santa Ana: Dort bewahrte der indianische Ältestenrat des Dorfes 1500 Notenblätter mehr als zwei Jahrhunderte lang im Chor auf.

Luís Rochas zeigt auf eine verwitterte Kiste: „Darin lagen die Musikpartituren, bis man sie mitgenommen hat.“ Rochas, den alle nur Don Luís nennen, trägt eine Schirmmütze auf dem dichten grauen Haar. Der 62-Jährige ist der Kirchenmusiker von Santa Ana. Langsam ist er die hölzerne Außentreppe an einer Seite der Kirche hinaufgestiegen, über die man durch eine Tür in den kleinen Chorraum gelangt. Unten probt der Enkel von Don Luís im Streichorchester.

In der bolivianischen Region, die auch Chiquitos genannt wird, lebte ursprünglich eine Mischung verschiedener indigener Gruppen. Weil die spanischen Eroberer hier Hütten aus Palmblättern mit sehr niedrigen Eingängen vorfanden, gaben sie den Einheimischen den Namen „Die Kleinen“ (Chiquitos). Heute nennen sich die Bewohner der Gegend Chiquitanos.

Als 1767 Spaniens König die Jesuiten aus den Kolonien Lateinamerikas ausweisen ließ, verwaisten ihre Missionen in der Chiquitania. Knapp achtzig Jahre hatte der Orden dort die Menschen zum katholischen Glauben bekehrt – und dies vor allem mithilfe der Musik. „Ob es uns gefällt oder nicht: Die Jesuiten waren überzeugt, dass sie den Indianern das Evangelium verkünden mussten“, sagt der Musikwissenschaftler Piotr Nawrot, der polnischen Ursprungs ist. Die Missionen gewährten ihren Bewohnern aber auch Schutz vor den spanischen Kolonialherren, die die Ureinwohner in Bergwerken und auf Plantagen ausbeuteten.

Jesuiten verkleideten Religion mit dem „Mäntelchen der Musik“

Nawrot, der nicht nur Musikologe, sondern auch katholischer Geistlicher ist, erzählt vom geringen Erfolg, den die Jesuiten mit ihren Evangelisierungsbemühungen zunächst hatten – schließlich hatte die indigene Bevölkerung ihren eigenen Glauben. Doch hätten die Indianer Vertrauen gefasst, als die Jesuiten ihre musikalische Begabung erkannten. „Die Missionare verkleideten die Religion mit dem Mäntelchen der Musik. Den Chiquitanos gefiel das, und sie begannen, diese Musik selbst zu singen und zu spielen“, so Nawrot, der auch das Internationale Festival für Amerikanische Renaissance- und Barockmusik, das alle zwei Jahre in der Chiquitania stattfindet, künstlerisch leitet

Geistliche Vokalmusik und barocke Instrumentalmusik brachten die Ordensbrüder den Chiquitanos bei. Der Schweizer Jesuitenpater Martin Schmid ließ nicht nur die einzigartigen Barockkirchen errichten, er brachte auch die Werke seines Mitbruders, des italienischen Komponisten Domenico Zipoli, in die Missionen der Chiquitania. In Córdoba (heute: Argentinien), wo sich Zipoli niedergelassen hatte, kopierte Schmid dessen Musik. Giovanni Battista Bassani und Johann Josef Ignaz Brentner waren weitere Europäer, deren Kompositionen durch die Missionare ins heutige Bolivien gelangten.

Unter Pater Schmids Leitung stellten die Missionsbewohner Geigen, Flöten und Harfen her. „Die Indianer kannten die europäische Musik nicht. Aber weil sie großes Talent und ein gutes Gehör hatten, machten sie sie sich zu eigen“, erklärt Piotr Nawrot. Nicht nur das: Die Chiquitanos wandelten die importierten Sonaten, Konzerte und Messen nach ihrem Geschmack ab und behandelten sie mit der Zeit wie ihre eigene Musik: der Missionsbarock war geboren.

Piotr Nawrot war der Erste, der in Bolivien die Musikarchive der Chiquitania und der Nachbarregion Moxos erforschte. Seine ganz persönliche Mission: Die bolivianische Barockmusik soll wieder gespielt und weltweit bekannt gemacht werden. Als die von den Einheimischen bewahrten Partituren in die Archive gebracht wurden, waren sie vergilbt und von Insekten zerfressen und damit fast unleserlich geworden. Doch inzwischen haben bolivianische Spezialisten im Archiv von Concepción die Notenblätter restauriert. Nach und nach transkribiert und veröffentlicht Nawrot die Musik der Missionen, damit heutige Orchester und Chöre sie in ihr Repertoire aufnehmen können.

„Die Indianer selbst haben diese Musik bis in unsere Zeit gerettet und gepflegt“, betont Nawrot und erzählt von den Bewohnern der Region Moxos, die die Notenblätter sogar immer wieder abschrieben, damit das feuchte Klima die Musik nicht zerstörte. „Sie waren sich ihres Werts bewusst und haben sich mit diesem Schatz identifiziert. Sie haben diese Musik niemals vergessen und auch nicht aufgehört, selber zu musizieren“, sagt der Musikwissenschaftler bewegt.

Die Cabildos, die indianischen Ältestenräte, sind in der Chiquitania für die musikalische Begleitung der religiösen Feiern zuständig. Von Generation zu Generation haben sie geistliche Lieder aus den Missionen weitergegeben. Im Chorraum der Kirche von Santa Ana hat Luís Rochas ehrfürchtig seine Violine aus dem Kasten genommen. Erst vor zwanzig Jahren, mit über vierzig, brachte sich Don Luís selbst das Geigenspielen bei. Lange hatte er davon geträumt, zu spielen, bis er endlich ein Instrument sein eigen nennen durfte.

„Einer der Ältesten riet mir, mit einem einfachen Lied anzufangen. Also begann ich, das „Lied zum Lob des Heiligsten“ zu singen und dazu zu spielen – am Anfang nur auf zwei Saiten. Irgendwann hatte ich es raus“, erzählt Luís Rochas und lächelt stolz. Heute gehört er selbst dem Cabildo an und erfüllt die traditionelle Aufgabe, Gott zu Ehren zu musizieren. Don Luís nimmt die Mütze vom Kopf und stimmt auf seiner Geige kratzend das Loblied an. Langsam und konzentriert singt er die eigentümliche Melodie in der Chiquitano-Sprache.

Chiquitanos komponierten geistliche Werke in ihrer Sprache

Es existiert nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich überlieferte Musik auf Chiquitano. In den Jesuitenmissionen komponierten Missionare und Indianer im 17. und 18. Jahrhundert ihre eigenen Werke. Die meisten Partituren enthalten lateinische Texte, aber es ist auch geistliche Chormusik in der indigenen Sprache erhalten. Ein Beispiel: die chiquitanischen Gesänge eines anonymen Komponisten, die heute zum Repertoire der vielen Chöre und Orchester der Gegend gehören.

Als eine Gruppe von Kulturmanagern aus der Stadt Santa Cruz im Jahr 1996 das erste „Festival für Amerikanische Renaissance- und Barockmusik“ veranstaltete, gab es im östlichen Tiefland Boliviens noch kein einziges Orchester. Eingeladen wurden damals ausländische Ensembles, die die noch wenig bekannte bolivianische Barockmusik spielen wollten. „Doch unser Ziel war, dass auch die Einheimischen selbst die Musik der Missionen wieder beherrschen sollten“, blickt Cecilia Kenning von Pro Arte y Cultura (APAC), dem Festivalveranstalter, zurück.

Das Ziel wurde erreicht: Überall in der Chiquitania, und auch in vielen Orten der Nachbarregionen, gründeten die Kommunalverwaltungen in den vergangenen 16 Jahren Musikschulen, Orchester und Chöre für Kinder und Jugendliche. Ein Teil der Ensembles wird von SICOR betrieben, Sistema de Coros y Orquestas (System der Chöre und Orchester). SICOR vermittelt die Musik nach venezolanischem Vorbild: Statt jahrelang in Einzelinstrumentalunterricht spielen die Schüler bereits nach kurzer Zeit im Orchester.

In den Missionsdörfern Santa Ana, San Ignacio, San Rafael oder San José de Chiquitos erfüllen heute junge Musiker das Erbe der Jesuiten wieder mit Leben. Alle zwei Jahre präsentieren sie sich, gemeinsam mit hochkarätigen internationalen Ensembles, dem Publikum des Barockmusik-Festivals. Das heute wichtigste Kulturereignis Boliviens lockte im April 2012 50 000 einheimische und ausländische Konzertbesucher in die restaurierten Jesuitenkirchen der Chiquitania. Dem Festival ist es zu verdanken, dass die einstigen Missionen, die die UNESCO 1990 zum Weltkulturerbe erklärte, als Reiseziel bekannter geworden sind. In der Chiquitania, einer strukturschwachen Gegend, die traditionell von Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Viehzucht lebt, kommt zögerlich der Tourismus in Gang – auch wenn das Reisen auf den unasphaltierten Landstraßen beschwerlich ist.

Neubelebung des musikalischen Erbes ist „soziales Programm“

Mindestens ebenso wichtig: die neuen Zukunftsperspektiven für die Jugend. „Die Wiederbelebung unseres musikalischen Erbes ist zu einem sozialen Programm geworden“, berichtet Cecilia Kenning. Mehr als 2000 Kinder und Jugendliche aus armen Familien erhalten heute eine Instrumental- oder Gesangsausbildung. „Sie haben die Chance, aus der Musik einen Beruf zu machen, und viele gelangen dadurch zu mehr Wohlstand.“

In Santa Ana hat das Streichorchester 30 Mitglieder im Alter von sechs bis 19 Jahren. Fast jede der rund 90 Familien im Dorf schickt mindestens ein Kind in die Musikschule. Meist sind es mehrere Geschwister, die ein Instrument erlernen. „Der Musikunterricht ist das einzige Freizeitangebot außerhalb der Schule. Wenn sie ein Instrument lernen, haben die Jugendlichen nach dem Unterricht etwas zu tun“, erklärt Vanessa Suarez, die kommunale Kulturkoordinatorin von Santa Ana und San Ignacio. Das Orchester probt in Santa Ana oft schon von sechs bis acht Uhr morgens. „Wirkliche Leidenschaft und Berufung“ stecke hinter diesem Einsatz, meint Suarez.

Eduardo Martinez ist 24, spielt im Streichorchester und ist einer der drei Violinlehrer von Santa Ana. Schüchtern, aber bestimmt sagt er: „Unser Orchester ist ein Schatz.“ Eduardo war elf, als er anfing, Geige zu lernen. „Damals kam ein Lehrer ins Dorf, und wir haben einen Monat lang hart gearbeitet. Danach aber waren wir fast ein Jahr ohne Lehrer, und meine Kameraden und ich haben als Gruppe weitergeübt. Heute unterrichten sechs von uns selbst an Musikschulen.“ Eduardo Martinez sagt, er sei stolz darauf, die Musik aus den Jesuitenmissionen zu spielen: „Sie wurde hier in unserer Heimat, der Chiquitania, komponiert – zum Teil von den Einheimischen. Wir lesen und berühren die Partituren mit Respekt und mit sehr viel Gefühl.“

Selbstbewusstsein und Hoffnung schöpfen die Bewohner der Chiquitania aus der Wiedererstehung ihrer Barockmusik. Doch im Alltag stoßen die Orchester oft an materielle Grenzen. Es fehlt an Instrumenten, um sie den jungen Musikern zu leihen, und an Zubehör wie Geigensaiten. Nur in Urubichá, einem Dorf in der Nachbarregion Guarayos, werden heute wieder Instrumente gebaut – so wie vor mehr als 200 Jahren in den Missionen der Jesuiten. In Urubichá befindet sich auch das einzige Institut im bolivianischen Tiefland, das Musiklehrer ausbildet – es wird unter anderem vom katholischen Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat gefördert.

Nicht nur Entwicklungsorganisationen, auch ausländische Künstler unterstützen den musikalischen Nachwuchs. Der britische Dirigent und Flötist Ashley Solomon hat mit besonders talentierten bolivianischen Sängerinnen und Sängern den Chor „Arakaéndar“ gegründet. „Ihre Stimmen haben eine reiche, sehr attraktive Tiefe. Meiner Meinung nach hat dieser Chor den besten Klang in Lateinamerika, oder sogar darüber hinaus“, sagt Solomon. Begeistert ist er auch von der Bereitschaft der jungen Sänger, „zwölf Stunden täglich zu proben, zu lernen, sich zu verbessern“.

Zurück im Chorraum der Kirche von Santa Ana: Don Luís lauscht seinem Enkel, der nun allein vor dem Altar sitzt und rasante Tonfolgen auf der Violine spielt. Seine eigene Geige legt der alte Mann behutsam zurück in den Kasten. Ich bin glücklich, sagt er, dass die Jungen unsere Tradition am Leben erhalten: „Wenn wir alten Musiker einmal nicht mehr da sind, übernehmen sie den Stab.“
Victoria Eglau
(1970) studierte Politologie, Neuere Geschichte und Spanisch in Bonn und Madrid. Sie arbeitete als Radiojournalistin in Köln und Berlin. Seit 2007 berichtet sie als freiberufliche Korrespondentin aus Buenos Aires über Politik, Kultur und Gesellschaft in Argentinien und den Nachbarländern.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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