Bildung – zwischen Hirn und Herz

Literarische Hausbesuche und andere Alphabetisierungsbrücken

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Eselsohren gegen Leseferne in Deutschland und Lateinamerika.

Liest man das deutsche Wort „Esel“ rückwärts, erklärt der Barockautor Abraham a Sancta Clara (geboren als Johann Ulrich Megerle, 1644–1709), verwandle es sich in den Imperativ „Lese!“ Der populäre Prediger-Poet, dessen deftig-wortspielerische Ansprachen Tausende fesselten, behauptet, Lesen bewahre vor dem Nürnberger Trichter, also vor stumpfer Belehrung. Wie ist es heute – da wir die digitale Revolution internalisiert haben und am Bildschirm oft vergessen, was wir während des Tête-à-Tête mit diesem Anzeigemedium jeweils geschaut, gehört oder gelesen haben, wann wir selbst produktiv waren oder nebenher etwas aus der vernetzten Warenwelt angeklickt (gekauft) haben? Braucht es Predigten, um uns, die wir doch in unserem digitalisierten Informationsalltag zumindest stets die Mikrolektüre pflegen, zu belehren, wir seien lesefern?

Viel debattieren wir darüber, ob der Bildschirm die papierene Buchseite verdrängt. Dabei geht es um die Einschätzung sich abzeichnender medialer Paradigmenwechsel; mit dem konkreten Stand der Lesenähe und Leselust indes befassen sich Evaluationen und Förderprojekte, etwa die Studie „Leselust in lesefernen Familien“ der Universität Leipzig (2008). Ergebnis: In Deutschland finden sich in allen Bildungsschichten Familien, in denen das Lesen und Vorlesen „keine alltägliche kulturelle Praxis“ darstellt. Die Vorstellung, dass man (vorteilhaft) mit Büchern aufwachsen kann, und die Frage, was wirksam gegen Leseferne sein könnte, wurden hier in einem bildungsrepublikanischen Kontext verhandelt. Doch im Jahr 2010 kam die Universität Hamburg in der Studie „leo“ zu einem erst recht gravierenden Befund. Um die sieben Millionen Deutsche weisen funktionalen Analphabetismus auf; und vier Prozent der Bevölkerung sind sogar totale Analphabeten. Wir sind zwar zu InformationsgesellschafterInnen auf höchster Ebene avanciert, doch werden alarmierende Zahlen über den Bildungsstand in unserem Land bekannt …

Gleichzeitig bespricht man sich auf Messen, im Feuilleton und in Bildungseinrichtungen über den Wert von Büchern. Wie sieht es in Lateinamerika aus, wo Analphabetismus weniger tabu ist als in Deutschland und zudem anders berechnet und identifiziert wird (in Nicaragua etwa liegen 30,3 Prozent, in Bolivien 9,4, in Mexiko 7,2, in Kolumbien 5,9, in Argentinien 2,4 Prozent Illetrismus vor (so das Statistische Jahrbuch der Comisión Económica para Latinoamérica y el Caribe, CEPAL, 2010)? Welche Initiativen arbeiten gegen Leseferne und für Leselust – und vermitteln das Integrationspotenzial von Schrift- und Lesekenntnis?

Im März 2011 nehme ich im Rahmen des internationalen mexikanischen Poesie-Austauschs „Enclave“ an sogenannten lecturas a domicilio teil. Wir treffen uns in Colima mit jungen Leuten, die den „Mes Colimense de la Lectura y del Libro“ möglich machen. Ihr Büro ist an einem öffentlichen Platz untergebracht und gut ausgestattet. Wir werfen uns dort T-Shirts mit dem Motto des Projekts über, werden kurz instruiert, es gehe darum, Bücher unter die bildungsferne Bevölkerung zu bringen, und starten mit einem Rundgang durch öffentliche Schulen. Wir dürfen den Unterricht unterbrechen, um Gedichte vorzulesen, in welcher Sprache auch immer. Die Kinder lassen die Griffel fallen. Nach dieser Schultour, bei der wir in allen Klassen Bücher hinterlassen haben, ziehen wir in die barrios populares und klopfen an Türen. Ob wir auch hier vorlesen dürften? Ein Automechaniker wirft den Maulschlüssel hin und holt seine Kumpels. Jemand von uns liest ein Gedicht auf Schwedisch vor. Wir verteilen die (spanischsprachigen) Bücher und ziehen weiter. Allerorten öffnet man uns Tür und Tor, wir stehen auf Höfen im Schatten von Bäumen, in Küchen vor Feuerstellen. Abends kommen wir an unseren Startpunkt zurück, da sitzt jemand mit einem Buch vor dem Haus und liest sich selbst laut vor, das Buch auf den Kopf gestellt. Wir hätten ihm auch den Band mit dem schwedischen Gedicht dalassen können, denke ich und schweife in meine heimatliche Ferne, stelle mir vor: Hauslektüren zum Beispiel in Berlin-Marzahn, mit spanischer, deutscher oder schwedischer Dichtung im Koffer. Wie viel Mündlichkeit – Rede- oder Überredungskunst beziehungsweise deftige Schnauze – bräuchte es, um die verschriftlichte Sprachkunst in die Stuben zu tragen, die Leselust zu mobilisieren? Lecturas a domicilio kann auf Deutsch „Heim-Lesung“ oder „Haus-Lektüre“ bedeuten. Ich kannte den Begriff „Hauslektüre“ bislang nur aus der Didaktik, als eine Form der schulischen oder universitären Hausaufgabe; Tryno Maldonado unterdessen verschreibt in der digitalen Zeitschrift Cuadrivio ein Lese-Aufbaupräparat, ein „suplemento vitamínico de lectura“, bestehend aus zehn Buchtiteln, die ihm womöglich das Leben gerettet haben, und eine Leserin/Userin will wissen: „¿Doctor, no da lecturas a domicilio?“ Der Arbeits- und Initiativbegriff zur häuslichen Verminderung von Leseferne hat in Mexiko wohl Flügel, gar eine professionelle (ja erotische) Aura bekommen.

Tatsächlich sind in Lateinamerika Projekte zur Demokratisierung von Literalität sehr verbreitet. In Argentinien hält María Héguiz seit vielen Jahren die Tradition der lectura oral wach und ehrt gleichzeitig das Medium Buch. Sie betreibt eine „Biblioteca Oral Circulante“ und nutzt die performative Kraft des Vorlesens, um Leselust zu wecken. Zudem nimmt sie zum Beispiel an der „Caminata por la Lectura“, einem „Lesemarsch” teil, der unter dem Motto „Despertar la Voz“ (die Stimme erwecken) das „gemeinschaftliche Lesen“ sowie eine „mündliche Debatte über das Buch“ anzustoßen versucht, wodurch Menschen in bibliotheksfernen Gemeinden zu Protagonisten einer kulturellen Praxis werden, die nicht alltäglich genug sein kann.

Eine weitere effektive Mikroleseinitiative gibt es in Kolumbien. Sie kehrt zum oben zitierten Lese-Lehrsatz aus dem Barock zurück, weil sie den Esel (spanisch burro) buchstäblich vor Augen führt. Die Rede ist vom „Biblioburro“, einer Erfindung Luis Sorianos, der Ende der 90er-Jahre die Esel Alfa und Beto mit Büchern belädt und sich im karibischen Teil Kolumbiens zu fernab liegenden, stark von bürgerkriegsähnlichen Konflikten betroffenen Gemeinden begibt, um Kindern das Lesen nahezubringen. Seine Bibliothek, die von 70 Büchern auf annähernd 5000 angewachsen ist, besteht in erster Linie aus Abenteuerromanen, aber auch aus Nachschlagewerken und Highlights der großen lateinamerikanischen Literaturen. Einen Roman von Paulo Coelho musste Soriano abgeben, als er bei einem Bücherritt überfallen wurde. Und auch die öffentliche Kritik attackiert ihn – bis der US-amerikanische Journalist Larry King betonte, Soriano sei ein Held, weil er Kinder vor dem Analphabetismus rette.

Um diese allzu kurze Exkursion in die lateinamerikanischen Büchernähe zu beenden, wüsste ich gerne, wie viele Eselsohren (über die auch Abraham a Sancta Clara sich Gedanken gemacht hat) mittlerweile die Bücher der Eselsbibliothek zieren. Doch ich gehe an den Bildschirm zurück und lasse einem Kommentar auf Taringa, einer virtuellen Informationsgemeinde, den Vortritt: „Krass, der Biblioburro! Da kommt Bildung auf Eselsrücken?“
Rike Bolte
(1971) wurde an der der Humboldt-Universität von Berlin promoviert und ist Akademische Rätin an der Universität Osnabrück. Die Mitbegründerin des mobilen lateinamerikanischen Poesiefestivals „Latinale” ist literarische Übersetzerin aus dem Spanischen. Sie hat wissenschaftliche und journalistische Beiträge über lateinamerikanische Literaturen und Kulturen verfasst und (Mikro-)Erzählungen geschrieben. Zusammen mit Ulrike Prinz hat sie 2011 „Transversalia. Horizontes con versos / Horizonte in verkehrten Versen“ im Berliner J. Frank Verlag herausgebracht.

Übersetzung aus dem Spanischen: Rike Bolte
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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