Bildung – zwischen Hirn und Herz

„Antígona Oriental”

Gefangene, Exilierte und deren Töchter wehren sich gegen das Verdrängen des Staatsterrorismus und bestehen darauf, die Massenmörder zu verurteilen und die „Verschwundenen” zu beerdigen. Volker Löschs Theaterinszenierung gibt Frauen das Wort, die Opfer der Diktatur in Uruguay (1973–1985) waren.

„Ich will dich nicht mehr sehen / bei mir haben. Mach doch, was du willst. Ich werde ihn beerdigen”, wiederholten die Frauen beim Casting, das im Februar 2011 stattfand. Mehr als vierzig Frauen traten an, um den Chor zu bilden, aber nur 19 von ihnen verkörperten dann am 28. Januar 2012 Antigone im Teatro Solís, dem wichtigsten Theater des Landes und Sitz der Comedia Nacional und des Philharmonieorchesters von Montevideo. Sie waren sie selbst. Ohne zu schauspielern. Sie und ihre Rollen, die Rollen aller vermischt, webten einen neuen Handlungsfaden, mit anderer Akzentuierung, und forderten das Recht auf Wahrheit und Gerechtigkeit ein.

In Antigone entwickelt Sophokles den Konflikt zwischen gottgegebenem und menschlichem Recht. Antigone möchte ihren Bruder beerdigen – sie repräsentiert das Recht des Einzelnen auf Bestattung –, Kreon hingegen repräsentiert den Staat, der ihr dieses Ritual verweigert. Im Uruguay der Postdiktatur herrscht bis heute – mal versteckt, mal auch lauter hörbar – das gleiche Dilemma vor. Zurzeit ist das endgültige Schicksal von fast 150 Personen unbekannt, die aus politischen Gründen verhaftet worden waren. Erst 2005 und in der Folgezeit wurden die Überreste von vier Ermordeten gefunden. Das liegt daran, dass 1986 – kaum war die Diktatur zu Ende – das Gesetz über die Verjährung des staatlichen Strafverfolgungsanspruchs, kurz: Verjährungsgesetz, verabschiedet wurde, das für Widerrechtlichkeiten, die von Militärs und Polizisten in jener Zeit begangen wurden, Straffreiheit einräumt. Dennoch führten 1989 einige soziale Bewegungen und linke Aktivisten eine Unterschriftenkampagne zur Unterstützung für einen Volksentscheid durch, um das Gesetz zu annullieren. Das Ergebnis der Abstimmung fiel mit etwas mehr als 54 Prozent der Stimmen zugunsten der Beibehaltung des Gesetzes aus. Und das Thema schien zum Schweigen gebracht.

Alle sind Antigone

Ende 2009, zu Beginn des Theaterprojekts, das auf die Unterstützung des Goethe-Instituts von Montevideo zählen durfte, wurde in Uruguay gewählt: Amtierender Präsident des Landes – zum zweiten Mal ein linker Regierungschef überhaupt – wurde ein ehemaliger Guerillero der Tupamaros und politischer Gefangener: José Mujica, genannt Pepe. Es gab auch einen zweiten Volksentscheid, bei dem 52 Prozent das Verjährungsgesetz unterstützten, obwohl Stichproben der öffentlichen Meinung ergaben, dass die Mehrheit der Bevölkerung gegen das Gesetz wäre. Das Casting für den Frauenchor fand in diesem Klima statt, in dem die Linke, die mit der absoluten parlamentarischen Mehrheit nun die Regierung bildete, es selbst auch so hindrehte, um den herrschenden Status quo zu erhalten.

Die Mauer des Schweigens hatte sich zwar noch einmal geöffnet, aber die Türen schlossen sich. Nun war die Frage: Was würden diese Frauen, die Theaterlaien waren, tun, wenn sie ihre Geschichten erzählten, von denen sich die schlimmsten in der jüngeren Vergangenheit zugetragen hatten? Zu Recht vertrauten der Regisseur Völker Lösch und die uruguayische Regisseurin und Dramaturgin Marianella Morena auf die Kraft des Erlebten: auf den Körper, der durch die Geschichte hindurchgegangen war, auf den Diskurs derer, die sie erlebt hatten, auf das Vergessen derer, die sich abwenden, auf den Wunsch, über die Vergangenheit zu sprechen, über das, was geschehen war und was nicht sein durfte, und ebenso über die Wunschvorstellungen für die Gesellschaft von morgen. Sie vertrauten auf das Wort und auf das Fleisch und Blut der Frauen. Der rote Faden waren die Linke von damals und heute, das Verjährungsgesetz, Mutterschaft im Gefängnis, die Rolle der Familienangehörigen, Sexualität, Männer, Folter, neben anderen Themen. Diese Frauen hatten und haben viel zu sagen, und sie möchten es tun.

Bei jeder Probe zeigten sich deutlich die Hauptrollen, die Persönlichkeiten, die Unterschiede nicht nur in politischer Hinsicht, sondern auch in Bezug auf ihre Biografien, und dennoch wurden sie alle zu einer Antigone, die sich aus vielen zusammensetzt. Der Text ist vielstimmig, wie der Chor. Alle Zeugnisse verbinden sich also zu einer einzigen Erzählung, die gleichzeitig aus vielen besteht. „Dies ist eine Gruppe von Frauen, die gewöhnt ist, etwas infrage zu stellen und Kritik zu üben. Dennoch gab es so viele Instanzen, um Rücksprache zu nehmen, dass du deine eigenen Erinnerungen an andere abgibst, weil du fühlst, dass du sie an einem geschützten Ort ablegst. Das ist seltsam, und mehr noch bei einer Person, von der du denkst, sie sei dir fremd, was aber nicht stimmt”, berichtet Ana Demarco davon, wie sie dem Regisseur ihre Geschichte übergab. Sie ist 59, Lehrerin und war von Dezember 1974 bis Februar 1978 Häftling; sie war die erste Frau, die mit Lösch im Museo de la Memoria von Montevideo sprach, woraus sich dann der Plan zu Antígona Oriental entwickelte. Außerdem, so Demarco, spielte es für die Frauen keine Rolle, dass einige ihrer Zeugnisse nicht in den endgültigen Text eingingen oder sie auch die Worte anderer sprechen mussten. „Es gibt viel, mit dem du persönlich nicht übereinstimmst, aber wir wissen, dass dies eben einen bestimmten Bereich widerspiegelt.” Das mache den Text, so findet sie, demokratischer, und dadurch entstehe eine Gruppe: „In dem Maße, in dem du aufgibst, eine Figur zu spielen, um eine Person zu sein, wirst du Teil einer Gruppe, deren Thema Erkenntnis und Vertrauen ist.”

Sie entschieden, von der Folter zu sprechen, der körperlichen, der Folter im weiteren Sinn, der eigenen, der Folter, die Freunden und Familienangehörigen widerfuhr, darüber zu sprechen, was sie erzählen konnten und was nicht, was sie erst jetzt wagen in Worte zu fassen. Es ist schwer, über den Schmerz zu sprechen, ihn in Worte zu fassen, sich vor anderen als Opfer zu exponieren. Es ist auch schwer, dazu Fragen zu stellen, bei der Befragung nicht allzu eindeutig, krankhaft oder unsensibel zu erscheinen, nachzufragen – ohne „Foltermessgerät“, wie sie es nennen – und dabei zu spüren, dass die Befragung sie wieder entblößt. Aber wie sollte man auf das Fragen verzichten, wenn wir doch wissen müssen, was passierte, um über diesen Wahnsinn, Irrsinn, über die Sinnlosigkeit der Folter Bescheid zu wissen, dieser schwachsinnigen Bestie, die vor 40 Jahren los war und die noch immer im Geheimen geifert? Wie ließe sich dies bewerkstelligen, ohne sie noch einmal an diesen Ort zu stellen? Wie ließe sich das hinkriegen, die kleinsten Details zu hören, ohne dabei irgendwie zu spüren, dass man uns allen dies angetan hat, uns, die wir nicht involviert waren, uns, die wir noch nicht geboren waren oder noch jung? Es ist schwer, von Schmerz und Verlust zu sprechen, aber es ist notwendig, zumindest so weit wie möglich zu gehen und zu sehen, dass es irgendwie dieselben Frauen geblieben sind und es gleichzeitig doch andere sind, die dastehen und weiterhin die Protagonistinnen ihrer eigenen Geschichte sein möchten.

Beifall als Aufschrei

Für Volker Lösch war es notwendig, sie dem Schmerz auszusetzen, ohne in eine Art Psychotherapie zu verfallen. Es war notwendig – wie in allen seinen Stücken in Deutschland –, das Publikum und die öffentliche Meinung mit der Tragödie zu konfrontieren. „Es gibt präzise Bilder, die kein Blut vergießen. Sie sind in sich stark. Vielleicht durch ihre Subtilität“, beschreibt es Demarco. Für die Frauen war es so, dass sie im Augenblick größter Schwäche mit einem Feingefühl gezeigt wurden, das einen zutiefst trifft. Nibia López, 57, Verwaltungsangestellte, elf Jahre im Gefängnis, steht zusammen mit ihrer Tochter Tatiana Tarocco, 22, Grafikdesignerin, auf der Bühne. Diese gehört der Generation an, die in demokratischen Verhältnissen zur Welt kam, aber unter den Folgen der Diktatur leidet. Diese Generation ist das Zielpublikum, das Antígona Oriental bewegen wollte – und was es auch geschafft hat. Tarocco hat einen Bruder, der im Gefängnis zur Welt kam, als beide Elternteile Häftlinge waren. „Es gefällt mir sehr, dass meine Tochter in dem Stück mitspielt”, sagt Nibia, „aber andererseits denke ich, dass es sie hart auf die Probe stellt. Eine Sache ist es, etwas zu wissen, eine andere, dort zu sein und eine Reihe von Erfahrungen und Zeugnissen mitzubekommen, von denen wir oft noch nicht gehört haben. Ich selbst hörte manches zum ersten Mal, und trug auch etwas bei.“

Dennoch empfindet López diese Erfahrung auch als heilsam und sogar als Impuls für neue soziale Aktionen: „Viele Frauen gingen jetzt hin, um Folter und Vergewaltigung anzuzeigen. Denn sie hatten es zuvor nicht geschafft, bis zum bitteren Ende zu gehen und von ihrer Vergewaltigung zu sprechen. Das ist sehr schwer.“ Seit November 2011 – mitten während der Proben – erstatteten 28 Exhäftlinge Strafanzeige wegen physischer und psychischer Folter und Sexualdelikten. In Uruguay ist man wegen Folter nicht haftbar, wohl aber wegen Verletzung der Menschenrechte. General Gregorio Álvarez (Diktator von 1981 bis 1985) wurde unter der Regierung von Tabaré Vázquez wegen Entführung, geheimer Verschleppung, Mordes und Verschwindenlassens von uruguayischen Bürgern, die seit 1978 in Argentinien im Exil lebten, inhaftiert. Er steht symbolisch für so viele weitere politische Morde an der Bevölkerung, die noch geahndet werden müssen.

Das Theater war während der acht Vorstellungen ausverkauft. Es gab Standing Ovations. „Wir erhielten viele Rückmeldungen. Jede Menge vonseiten der Kommunikationsmedien. Aber was uns wichtig war, war das Gefühl, das wir vom Publikum zu spüren bekamen. Zum Beispiel sieht man das Publikum, wenn mitten im Stück der Saal hell wird. Du sahst in die Gesichter. Dieser Moment der Gemeinsamkeit, wo du spürst, dass du etwas zurückbekommst, ist außerordentlich. Der Applaus – eine Wirklichkeit, die wir nie zuvor erfahren hatten, da wir keine Schauspielerinnen sind und uns nicht in diesem Bereich bewegen – war bewegend”, erzählt Demarco. Vielleicht war es das gleiche Klatschen, das sich seit 1996 jedes Jahr am 20. Mai beim Schweigemarsch für die Suche nach den Verschwundenen wiederholt. Es war ein anderer Applaus als sonst im Theater, es war kein durchgängiges Klatschen, sondern ein Pochen. „Mit einer Kraft, die ich nur dort und auf dem Marsch empfunden habe”, erinnert Demarco, „es ist ein Applaus, der nicht Beifall ausdrückt, sondern es ist ein anderes Klatschen.” Es ist eine Bekundung, die viele als Wiedergutmachung nach den beiden verlorenen Volksentscheiden empfinden. „Man fühlt es als Dank dafür, es gesagt zu haben. Was du zurückbekommst, ist das, was dich mit dem Aussprechen, mit dem Herausschreien wachsen lässt, und mit der Reaktion der anderen darauf”, erklärt sie.

Sie waren mit ihrem Stück bereits in Córdoba, Argentinien. „Dort spürte man, dass diese Thematik eine wichtige Stellung einnimmt. Einmal sagte uns ein junger Mann, dass er sich schämte, ein Mann zu sei; das war ein Aspekt, den ich hier allerdings in keiner Kritik gehört habe”, unterstreicht sie. Jetzt bereiten sie sich für Buenos Aires vor und ebenso für Ecuador und Kolumbien und Anfang 2013 für Europa. Antigone reist in Gestalt verschiedener Frauen, die weiterhin ihre Sehnsucht herausschreien wollen. Ein Wunsch, der wenig Gehör fand bei den Behörden der Linken, die diese Stimme ignorieren wollte. Eine einzige Stimme, aber bestehend aus vielen.
Mariangela Giaimo
(1975, Montevideo, Uruguay) studierte Soziale Kommunikation und ist Dozentin für Kommunikationstheorie. Sie schreibt regelmäßig für die uruguayische Wochenzeitung „Brecha“. Zurzeit promoviert sie im Fach Sozialwissenschaften an der Universidad Nacional de General Sarmiento, IDES, in Argentinen.

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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