Bildung – zwischen Hirn und Herz

Hoher Zoll für den Aztekenfürsten

2012 gibt der 300. Geburtstag des Preußenkönigs Friedrich II., des gnadenlosen Feldherrn und begnadeten Erbauers der barocken Schlossanlage Sanssouci in Potsdam, Anlass zu einer Revision dieser ambivalenten Figur. Auch in seinem Libretto zur Montezuma-Oper kann man seinen Vorstellungen zu Toleranz, Aufklärung, Herrschaft auf den Grund zu gehen.

Er war ein vielseitiger Mensch und eine politisch schillernde Figur: Friedrich von Hohenzollern (1712–1786). Seine Tätigkeit als Librettist lässt sich von seiner Existenz als Prinz und König nicht trennen. Bereits ein Jahr vor seinem Regierungsantritt legte er in der staatstheoretischen Grundsatzschrift Anti Machiavel (1740) sein Amtsverständnis dar. Die Art, in der er dann die Geschäfte und Geschicke Preußens lenkte, blieb nicht ohne Einfluss auf seine literarische Tätigkeit. In der von ihm eigenhändig bis in die Details gelenkten Musikpolitik verbanden und überschnitten sich die persönlichen Vorlieben des passionierten Hobbymusikers, politisch-strategischer Gestaltungswille, die selbst auferlegte „Staatsraison“ und eine aggressive Außenpolitik.

Mit Friedrich dem Großen wird ein deutsches „Idol“ reaktiviert. Das in den letzten Jahren verstärkt zu beobachtende Interesse, das im Friedrich-Jahr 2012 kulminiert, rührt auch von der Faszination her, die seine politische und ästhetische „Selbsterziehung“ wie seine Kunstsinnigkeit auszulösen vermögen. Insbesondere sein legendäres Faible fürs Flöten und die Kammermusik, seine Fortschritte als Komponist wie als Bauherr (nicht zuletzt von Theatern) und als Organisator der gesamten preußischen Hofmusik. Als Monarch legte er die Spielpläne „seiner“ Theater ebenso fest wie die einzelnen Gagen der Kapaune (Kastraten) und Poulardes (Primadonnen) oder die Aufwandsentschädigungen für Statisten. Auch vergaß er nicht, die zulässigen Sachkosten minutiös zu fixieren. All das wird jedoch diejenigen, die diesem Monarchen als rabiatem Kriegsherrn reserviert oder ablehnend gegenüberstehen, kaum gewogener stimmen.

Vor diesem komplexen Hintergrund ist es naheliegend, die für die Bühne der Königlichen Oper zu Berlin bestimmte Tragédie Montezuma als Schlüsseltext zum Königtum eines teilweise aufgeklärten Fürsten zu lesen. Als Bekundung eines Mannes, der sich selbst zu einem zugleich von „Mars und Apoll“ Begnadeten stilisierte.

Sans pareil

Schon der Kronprinz fand durch seine musischen Affinitäten an den Höfen Europas Beachtung – er schien „nach der Mutter zu kommen“. Er war der älteste überlebende Sohn der an Kunst, Literatur und Mode interessierten Prinzessin Sophie Dorothea von Braunschweig-Lüneburg und des spartanisch eingestellten brandenburgisch-preußischen Stammhalters, der kurz nach Friedrichs Geburt 1713 als Friedrich Wilhelm I. in Berlin den Thron bestieg und bis 1740 regierte. Dieser extrem autoritäre Vater war es, der das zerstückelte Herrschaftsgebiet des Hauses Hohenzollern zwischen Maas und Memel zu einer straffen Militärdiktatur aufrüstete. „Preußen ist kein Staat mit einer Armee, vielmehr eine Armee, die einen Staat besitzt“, höhnte der Marquis de Mirabeau. Nach dem Tod des „Soldatenkönigs“ nutzte sein Sohn Friedrich II. die politische Gunst der Stunde: Völlig überraschend rückte er an der Spitze der von seinem Vater hochgerüsteten Armee ins entmilitarisierte Schlesien ein – mit dem Ruf „dem Ruhm entgegen“.

Dem Angriff fehlte jegliche Legitimationsbasis – und hatte Erfolg. Preußen konnte mit dem Ersten Schlesischen Krieg das böhmische Kronland annektieren. Doch auch Frankreich, Spanien, Schweden, Sachsen und Bayern wollten jeweils eine Portion Österreich abbekommen und griffen an. Die folgenden großen Kriege in Europa und dessen Kolonien mit Hunderttausenden von Toten resultierten aus dem Gewaltstreich von 1740. Nicht nur der Historiker Karl Otmar von Aretin sieht Friedrich II. als Begründer einer macchiavellistischen politischen Linie, die sich bis zu Hitler weiterverfolgen lässt, und stellt in Abrede, dass dieser absolutistische Herrscher im Sinne der Aufklärung regierte. Obwohl er zeitweise engen Umgang mit dem meistgelesenen Autor der französischen Aufklärung, dem Philosophen Voltaire, hatte.

Theaterpoet auf dem Hohenzollernthron

Friedrich II. erprobte sein Talent als Theaterdichter in der kurzen Atempause zwischen dem Ersten (1740–1742) und dem Zweiten Schlesischen Krieg (1744/45). Er steuerte zur Hochzeit eines befreundeten Freiherrn die Komödie Le Singe de la mode („Der Modeaffe“) bei.

Geraume Zeit nach dem zweiten Sieg über die Rivalin Maria Theresia in Wien schrieb er, inspiriert von seinem Günstling Voltaire, auf Französisch einen Prosaentwurf für eine Oper. Der Hofopernpoet Leopoldo de Vilati arbeitete den Text zu einem italienischen Libretto aus, das der Hofkapellmeister Carl Heinrich Graun mit Musik versah. Es ging um einen Diktator im alten Rom, der im Bürgerkrieg die Stadt verschont und dadurch Gefahr für sein Leben in Kauf nimmt: Coriolano hatte Ende 1749 in Berlin Premiere (der Name des Königs als Co-Autor wurde verschwiegen). Er habe sich, so erklärte Friedrich in einem Brief, bei seiner Mitwirkung an dieser Gemeinschaftsarbeit „den Regeln der Musik unterworfen“ und hielt – vor dem Hintergrund der eigenen leidvollen Erfahrung mit seinem strengen Vater – eine Szene zwischen Coriolan und dessen Sohn Paulino für die „ergreifendste“.

Ein weiteres Opernprojekt, als dessen geistiger Haupturheber der König gelten darf, nutzte wiederum eine antike Vorlage – als Folie auch zur Verhandlung von aktuelleren politischen Konstellationen. Neuerlich stand mit Sulla ein römischer Diktator im Mittelpunkt, der sich zum friedvollen Bürger unter Bürgern mausert. Silla wurde erstmals 1753 in Berlin gespielt. Es darf davon ausgegangen werden, dass Friedrich nicht nur eine Annäherung der Opera seria an die französische Tragédie im Sinn hatte und ein Exempel auf dem Weg einer eigenständigen „Berliner Schule“ statuieren wollte, sondern sich und seine Politik beiläufig auch selbst bespiegelte.

Oper als Kriegswaffe

Das dritte Werk, an dem der preußische Monarch federführend (und diesmal namentlich genannt) mitwirkte, war Montezuma. Es stützte sich auf sattsam bekannte Berichte von der Eroberung Mexikos im frühen 16. Jahrhundert und steht in der langen Reihe der von (West-)Indien oder Indianern handelnden Opern. Diese begann 1695 mit John Drydens und Purcells Indian Queen in London, erfuhr mit Rameaus Les Indes galantes in Paris 1735 einen ersten glänzenden Höhepunkt und setzt sich bis zur Gegenwart fort (zuletzt durch Arbeiten von Wolfgang Rihm und Bernhard Lang). Insbesondere konnte sich der gekrönte Berliner Librettist 1753 auf ein zwei Jahrzehnte zuvor in Venedig entstandenes Dramma per musica von Girolamo Alvise Giusti und Vivaldi stützen, von dem er seinen Text allerdings sorgsam abgrenzte. Aus der Korrespondenz mit seiner Lieblingsschwester Wilhelmine von Bayreuth ist zu erfahren, dass Friedrich seinen Montezuma wiederum in der am Hofe von ihm gepflegten Sprache, nämlich auf Französisch, schrieb, dann zur kritischen Durchsicht nach Oberfranken schickte und vom Hofdichter Giampietro Tagliazucchi in italienische Verse bringen ließ. Der Hofcompositeur Graun benötigte die Zeit von Mai bis November 1754 für die Vertonung.

Die Gräuelgeschichte vom Zusammenprall der Mentalitäten und Religionen im Jahr „13 Kaninchen“ (1518) und der Vernichtung der aztekischen Kultur durch Hernán Cortés und seine Söldner wurde mit Bedacht gewählt. Friedrich II. rühmte den „edlen Wilden“, der Opfer seiner Gutgläubigkeit und Rechtschaffenheit wird, und ließ einen seiner Berater im Vorfeld der Niederschrift des Librettos wissen, es sei ihm nicht nur daran gelegen, „Mitleid und Rührung“ zu erregen, sondern auch eine politische Botschaft zu vermitteln. Er werde dafür sorgen, „daß Cortes der Tyrann sein wird und daß man demnach selbst in der Musik einige Raketen wider die Barbarei der kath. Religion werfen kann“.

Konsequent war, dass die Dialoge – durchaus in Anspielung auf die virulente politisch-militärische Konfrontation mit der Reichsregierung in Wien – Machttrieb und Habsucht der Habsburger im Namen der katholischen Kirche aufs Korn nahmen: „Es muß Mexico mit der gantzen Welt / Die Gesetze des Spanischen Monarchens / Und sein Reich, verehren [...] / Wir sind weniger darauf bedacht, Länder zu erobern, / Als vielmehr hier unsern GOtt bekannt zu machen. Und unter Euch denjenigen vollkommenen Gottes-Dienst zu stifften, der diesem GOtte angenehm ist.“

Nach der Montezuma-Uraufführung Anfang 1755 wurde Friedrich II. von den Vorbereitungen und der Durchführung des Siebenjährigen Kriegs in Beschlag genommen. Dieser erste weltweit ausgefochtene Krieg brachte nicht nur die Schließung der Theater in Preußen mit sich, sondern das Land insgesamt an den Rand des Abgrunds. Nach dem Frieden von Hubertusburg (1763) verlor der König das Interesse am Dichten. Er wurde noch boshafter, zunehmend einsam und unkreativ.

Montezuma war, gerade auch wegen der politischen Kontexte, eine der erfolgreichsten Opern Grauns. Sie wird bis heute in protestantischen Regionen immer wieder aus der Mottenkiste geholt. Die Fachwelt zollt auch Friedrich fortdauernd Anerkennung, da der in diesem Werk durchgesetzte neue Arientypus der zweiteiligen Cavatine, der die dreiteilige Da-capo-Arie ablöste, eine norddeutsche „Opernreform“ in die Wege leitete. Die krude Indienstnahme von Musiktheater für die Mittel der ideologischen Kriegsführung wird, wenn überhaupt, dann als Begleiterscheinung erwähnt. Sie war aber der harte Kern des Anliegens – „selbst in der Musik“.
Frieder Reininghaus
ist Musikwissenschaftler und seit 1971 freier Mitarbeiter von Deutschlandfunk/Deutschlandradio, des WDR und des Südwest(rund)funks sowie verschiedener Zeitungen und Zeitschriften. Von 1996 bis 2005 hatte er einen Lehrauftrag an der Universität Bayreuth, seit 2005 an der Universität Wien. Er ist (Mit-)Herausgeber diverser wissenschaftlicher Handbücher sowie seit 2011 der „Österreichischen Musikzeitschrift“ (ÖMZ) in Wien.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
Links zum Thema

Humboldt als E-Paper

Humboldt als E-Paper

Lesen Sie das Humboldt Heft 158 „Bildung — zwischen Hirn und Herz“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
Zum Download ...

Jetzt bestellen

Jetzt bestellen

Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
8,50 € versandkostenfrei
Zum Goethe-Webshop ...