Bildung – zwischen Hirn und Herz

Urtext im Schrank

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Ein Beitrag zur Suche nach den echten Mythen im Gedenkjahr der Gebrüder Grimm.

Einst vererbte ein Vater seinen Söhnen Röcke, die stets genau passten, so man nur den Zuschnitt genau bewahrte. Doch die alten Röcke werden den Söhnen bald altmodisch. Am Ende schließt jeder seinen Rock weg, um sich von nun an beliebig modisch zu kleiden, und holt ihn nur dann noch heraus, wenn er sich auf die Autorität des Vaters berufen will. Es ist bekannt, dass Jonathan Swift mit dieser 1704 erschienenen Satire die Berufung auf das biblische Wort ohne genaue Worttreue meint. Aleida Assmann (1997) liest sie auch als Zeugnis einer seither immer weiter angewachsenen modernen Angst, das originale Erbe der Vorväter zu verlieren. Wir wissen, dass wir den Urtext verloren haben.

Ähnlich suchen wir auch bei Märchen und Mythen nach doch längst verblichener Authentizität. Heilige Schriften, mit der Aura des Heiligen umgebene Mythen und profane Märchen ähneln sich in diesem Punkt: Weil sie uralt sind, werden sie verehrt, brauchen aber auch ständig Erneuerung.

Vor den Brüdern Grimm

1697 veröffentlichte der französische Autor Perrault seine Contes de ma mère l‘Oye, die er aus dem Volksmund gehört haben wollte. Er passte sie dem Zeitgeschmack an, so wurde Le Petit Chaperon Rouge („Rotkäppchen“) im 17. Jahrhundert wie die Verführung eines Bauernmädchens durch einen Adligen gelesen. Die Perrault-Ausgabe von 1964 nennt Vorläufer vieler Märchen in noch älterer Belletristik, so Cendrillon („Aschenputtel“) bei dem neapolitanischen Dichter Giambattista Basile.

1760 bis 1765 tauchten Gesänge des gälischen Barden Ossian aus dem 3. Jahrhundert auf. Als man später merkte, dass sie überwiegend von dem schottischen Dichter James Macpherson aus dem 18. Jahrhundert stammten, hatten sie schon einen Hype uralter Dichtung hervorgerufen. Ihr Stil (den der Musikhistoriker James Mulholland 2009 analysierte) passte zur damaligen literarischen Strömung des britischen Sentimentalism, der dem deutschen Sturm und Drang vorausging. Das ist das Erfolgsgeheimnis des Dichters: Er liegt im aktuellen Trend, suggeriert aber Ursprünglichkeit, wechselt etwa scheinbar spontan von der Vergangenheitsform in die Gegenwart oder schiebt Ausrufe ein.

Ossian beeindruckte den Goethe des Sturm und Drang: Werther liest seiner Charlotte daraus vor. Auf Ossian aufmerksam geworden war Goethe durch Johann Gottfried Herder, der sich für Volkslieder und Märchen interessierte. Herder beharrte nicht auf urtümlicher Echtheit, sondern verfasste selbst einige neue Kunstmärchen im Stil der alten. Darin folgten ihm Dichter des beginnenden 19. Jahrhunderts (anders als Macpherson-„Ossian“ bekannten sie sich aber als Autoren): Clemens Brentano, Achim von Arnim (von ihnen ließen sich die Brüder Grimm für Volkspoesie begeistern), Goethe, Chamisso. In dieser Umgebung veröffentlichten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm 1812/1815 die von ihnen nun nicht erdichteten, sondern gesammelten Kinder- und Hausmärchen, heute als „Grimms Märchen“ bekannt.

Ihre Erzählerinnen waren teils selbst gebildete Märchensammlerinnen (wie der Grimm-Experte Bernhard Lauer darlegt). Die Haupterzählerin Dorothea Viehmann, eine verarmte Bürgersfrau französischer Herkunft, war als bibeltreue Calvinistin einer Buchkultur verpflichtet und dürfte einige Märchen aus Perraults Buch an die Brüder Grimm weitergegeben haben.

Diese schlagen einen volkstümlichen Ton an – wohl auch infolge bewusster literarischer Bearbeitung. Es gab nun Stilmittel, Uraltes zu evozieren, in Worten wie in den damals beliebten künstlichen Ruinen. Dass ein Dichter alte Texte überarbeitete, erschien eher als Veredelung denn als Verfälschung. Scharfe Grenzen zur Belletristik zog man noch nicht. Erst seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte sich die Forderung nach genauester Texttreue allmählich durch.

Belletristik in antiken Mythen

Überlieferung ist Bearbeitung. Schon die antiken Mythen kennen wir nicht aus mündlicher Frühzeit, sondern aus literarischen Wiedergaben, oft aus der Spätantike. Und gerade in der ältesten griechischen Mythenquelle, bei Hesiod, hat die Forschung besonders deutliche Einflüsse vorderorientalischer Literatur gefunden. „Von Homer vollends haben sich Zeus und die übrigen Götter gar nicht mehr erholt“, schrieb Jacob Burckhardt – aber authentischere Quellen kennen wir nicht. Je nach dem Zweck wurden Mythen ausgewählt und verändert: Selten erzählt ein antiker Dichter, schreibt der spanische Altgräzist Carlos García Gual (1999), eine Mythe ganz, denn er setzt voraus, dass seine Zuhörer sie schon kennen, will nur kurz daran erinnern und dann dasjenige hervorheben, was ihn in diesem Augenblick besonders interessiert. Paradoxerweise wird nun freilich oft daraus, dass wir den Mythos nur aus individuellen, variablen Versionen kennen, abgeleitet, er müsse zuvor kollektiv und invariabel gewesen sein, sodass seine Veränderung spätere Zutat wäre.

Nach den Brüdern Grimm in die Ferne

Zu der Zeit, als Grimms Märchen in Europa populär wurden, machten sich Reisende auf, solche Geschichten auch außerhalb Europas zu finden. Die Suche folgte zwei innereuropäischen Fahndungsbildern: den neuerdings gesammelten Märchen und Sagen (besonders einflussreich: Grimms Märchen) und den antiken Mythen, die schon lange als immer wieder neue Quelle der Literatur dienten.

Nun hoffte man, echte, urtümliche Überlieferungen zu finden, von Mund zu Mund kollektiv weitererzählt, das Gegenteil schriftlicher, individuell verfeinerter Kunstliteratur der Gegenwart. Doch wieder fand man den Urtext nicht.

Zwar besaßen bis ins 20. Jahrhundert viele außereuropäische Gesellschaften keine Schrift. Jedoch schon in der Anfangszeit ethnologischer Mythenforschung im 19. Jahrhundert hatten selbst viele Randvölker schon etwas Kontakt zu schreibenden Gesellschaften. Und Forscher waren selten die Ersten bei jenen Völkern, erste Kontakte gingen oft etwa von Missionsstationen aus. Deren Anwohner lasen anfangs gewöhnlich keine europäischen Romane, hatten aber Kontakt zu Missionaren und Händlern, die Bausteine aus der Schriftkultur (wie Bibelzitate und -geschichten, Gleichnisse, Sprichwörter) verwendeten – einmal ganz abgesehen von schriftgebildeten nordamerikanischen Indianern wie George Hunt, dem Mythenerzähler und Mitautor des Ethnologen Franz Boas: Zwar ein Kwakwaka'wakw, aber Sohn eines Engländers und einer Tlingit, stand er (mehr noch als die zwischen französischer Herkunft und deutscher Geburt stehende Märchenerzählerin der Brüder Grimm, Dorothea Viehmann) zwischen verschiedenen Kulturen. Zudem konnten Mythen erst nach Überwindung der Sprachbarriere, also nach längerem Kontakt, aufgezeichnet werden, und die Forschung stützte sich oft auf cultural brokers, die längere Texte in die Feder oder später ins Mikrofon zu diktieren wussten. Das heißt nicht, dass die aufgezeichneten Texte keine indigenen Mythen wären, wohl aber, dass sich hier »authentisch« und »literarisch« kaum noch klar trennen lassen.

Aus zahlreichen nichteuropäischen Gesellschaften berichten Ethnologen von der Flexibilität von Mythen. Ein Beispiel für „a language of argument, not a chorus of harmony“ (Edmund Leach, 1968) erlebte ich 1968 im Dorf der Kamayurá in Zentralbrasilien, wo es seit Jahren Brauch war, Ethnologen Mythen zu erzählen – doch nicht wie diesmal, als mir ausgerechnet eine Frau von jener Ahnfrau berichtete, die als Erste den Männern Geschlechtsverkehr beibrachte. Tapfer erzählte sie gegen Männer an, die sie mit Grimassen und Gelächter zu stören suchten. Immer spöttischer arbeitete sie die Begriffsstutzigkeit des Mannes heraus, der erst spät begriff, worum es in der Liebe geht; ihre Version war eine Antwort auf die Männer um sie herum.

Schwierigkeiten der Worttreue

Auch wenn Forscher seit dem 19. Jahrhundert zunehmend guten Stil hinter wörtlicher Wiedergabe der aufgenommenen Texte zurückstellten, beherrschten sie doch bis ins 20. Jahrhundert hinein selten die indigene Sprache und waren deshalb auf Dolmetscher angewiesen. Diese brachten ihren eigenen Stil und oft auch Inhalte mit ein.

1876 veröffentlichte Couto de Magalhães amazonasindianische Erzählungen, die er mit philologischer Sorgfalt in Língua Geral aufgezeichnet hatte. Das war eine im Amazonasgebiet weitverbreitete Sprache, aber nicht immer Muttersprache, sondern teils nur Lingua franca zwischen Amazonasindianern und Kolonisatoren. Einige Geschichten waren also schon von vornherein Übersetzungen, vermutlich stilistisch frei so angepasst, wie man meinte, dass der Forscher sie hören wollte. Dieser hat nun die Texte zwar Wort für Wort übersetzt, und doch flossen dabei auch seine eigenen Vorstellungen mit ein. So übersetzte er, der die Welt der Amazonasindianer in spätromantischer Begeisterung dem romantisierten Mittelalter nahe sah, ein Wort mit „Vasall”, das sonst gewöhnlich mit „Sklave“ übersetzt wird – wohl weil er lieber an das fromme Mittelalter anstatt an die Zeit der unfrommen Sklavenjagden dachte. Den Stil retuschierte er etwas, indem er zum Beispiel Wortwiederholungen vermied, mit denen bewusst Monotonie (etwa einer Reise) dargestellt werden sollte. Dabei wollte er, im Unterschied zu Ossian, keine urtümliche Mündlichkeit suggerieren, sondern die belletristisch gebildete Leserschaft von der Hochwertigkeit der Texte überzeugen.

Verwischung der Grenzen

Bei der Aufnahme „authentischer“ Märchen und Mythen halten wir unser Mikrofon nicht unbemerkt an das Lagerfeuer, an dem die Alten spontan erzählen, sondern wir nehmen Mythen in einer von uns geschaffenen Ausnahmesituation auf: Wir setzen den Mythenerzähler vor unser Mikrofon, für das wir einen akustisch geeigneten Platz, meist etwas abseits vom Getriebe, ausgesucht haben. Das ist oft die Hütte des Forschers, heute nicht selten sein Büro. Die Initiative zum Mythenerzählen geht in den meisten Fällen vom Forscher aus. Eine von uns unbehelligte, gleichsam spontane Mythe aufzunehmen – eine Illusion!

Forscher sammeln keine erfundenen, wohl aber verwandelte Mythen. Gewiss gab es sie schon davor, jedoch nicht in der Form, in die sie erst bei dem vom Forscher initiierten Erzählen gebracht werden, wie der spanische Anthropologe Manuel Gutiérrez Estévez (2003) ausführt. Der Forscher setzt sich gleichsam vor eine Lagerhalle, in der die mythischen Inhalte als Rohlinge lagern, die der Mythenerzähler dann herausholt und als Mythe erzählt. In anderen Situationen wird die Rohform anders umgewandelt, etwa in ein Ritual, eine Belehrung für Kinder oder in bildende Kunst. Das erinnert an die vielseitige Anpassung, die García Gual bei antiken Mythen hervorhebt.

Immer schon haben jene, die Mythen und Märchen weitergaben, sie abgewandelt. Modische Retuschen aber taten dem Respekt (anders als in Swifts Satire) keinen Abbruch. Die menschliche Erzählfreude erzählt immer wieder Neues in Mythen und Märchen hinein. Die Brüder Grimm waren nicht nur Sammler von Märchen, sondern auch deren fähige Bearbeiter und Neugestalter.
Mark Münzel
studierte Ethnologie, Volkskunde und Romanistik in Frankfurt am Main, Paris, Coimbra (Portugal) und Recife (Brasilien). Er lehrte als Universitätsprofessor von 1989 bis 2008 in Marburg Ethnologie und forschte jahrelang zu indigenen Gesellschaften in Brasilien, Paraguay, Peru und Ecuador.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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