Bildung – zwischen Hirn und Herz

Ein Grandseigneur des Dialogs zwischen Kulturen und Menschen

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In memoriam Curt Meyer-Clason (1910–2012)

Über Curt Meyer-Clason zu schreiben könnte Verlegenheit bereiten. Denn war er für zwei Generationen von Lesern, Kritikern und Verlegern ein Genie des Übersetzens und des Kulturaustauschs, eine Legende, ein Mythos, so haben sich seit den 80er-Jahren abweichende Stimmen zu Wort gemeldet, die seine politische Vergangenheit oder die Qualität seiner Übersetzungen in Zweifel ziehen. Können derart widersprüchliche Einschätzungen eine Würdigung beeinträchtigen? Durchaus nicht. Wer die Vorwürfe und Einwände gegen die Gesamtheit seiner Lebensleistung abwägt, wird zu folgendem Ergebnis kommen: Curt Meyer-Clason war − jedenfalls auf der kulturellen Ebene − der bedeutendste Mittler zwischen der iberoamerikanischen und der deutschsprachigen Welt im 20. Jahrhundert, ein Meister seiner Muttersprache, ein großer Humanist.

Sein Leben war voller Widrigkeiten, Wechselfälle und Triumphe, üppiger Stoff für einen Roman − der tatsächlich geschrieben wurde, und zwar von ihm selbst, unter dem Titel Äquator (1986). Der in Ludwigsburg bei Stuttgart geborene Sohn eines Offiziers der kaiserlichen Armee verließ das Gymnasium vor dem Abitur, machte eine Banklehre, wurde leitender Angestellter einer amerikanischen Firma der Baumwollbranche in Frankreich und ab 1937 in Brasilien, wo er der NSDAP beitrat und Jahre auf der Gefängnisinsel Ilha Grande verbrachte. 1954 ließ er sich in München als Lektor, Publizist, Übersetzer nieder, leitete von 1969 bis 1976 das Goethe-Institut Lissabon und kehrte dann nach München zurück.

Er machte etliche Wandlungen durch, doch im Grunde eine einzige, radikale. Denn er hatte zwei Leben: eines vor und eines nach 1942, dem Jahr, als Brasilien an der Seite der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg eintrat und Meyer-Clason in Rio Grande do Sul unter der Anschuldigung verhaftet wurde, er habe Spionage für Hitlerdeutschland betrieben, ohne dass man ihm nachgewiesen hätte, konkreten Schaden gestiftet zu haben. Die Haftzeit bezeichnete er später als ein Riesenglück, eine Chance zum Lesen und Nachdenken, wodurch ihm die Augen geöffnet wurden für das, was er in Zukunft als die wahren Werte im Leben ansah: die Literatur, die Schönheit der Welt, den Menschen, das friedliche Zusammenleben. Aus Saulus wurde Paulus. An Brasilien, dem Land, wo er wiedergeboren wurde, hing er stets mit besonderer Liebe, die er später auf Portugal ausweiten sollte. Trug er Schuld, so hat er diese abgetragen, indem er sein langes weiteres Leben dem Dialog zwischen Nationen und Menschen widmete.

Endlich hatte er zu seiner Berufung gefunden: Er wurde ein großer Anwalt fremder Kulturen in Deutschland und der deutschen Kultur im Ausland, ein Enthusiast der Literatur, deren ästhetische wie ethische Qualitäten er gleichermaßen schätzte, ein Meister des geschriebenen und gesprochenen Wortes, ein unermüdlicher, unerschrockener Streiter für Freiheit und soziale Gerechtigkeit, wider jegliche Art von Vorurteilen, seien sie rassistischer, sozialer oder nationalistischer Art, ein vielseitiger, kosmopolitischer Homme de lettres, ein optimistischer Skeptiker.

Rasch erwarb er sich einen ausgezeichneten Ruf als literarischer Übersetzer aus dem Portugiesischen und dem Spanischen, aber auch aus dem Englischen (Vladimir Nabokov) und dem Französischen (Elie Wiesel). Ab den frühen 60er-Jahren wurde er zusammen mit den Journalisten und Essayisten Albert Theile, dem Gründer der Zeitschrift Humboldt, und Günter W. Lorenz, dem Gründer der Zeitschrift für Kulturaustausch, einer der wichtigsten Fürsprecher und Interpreten des sogenannten Booms der lateinamerikanischen Literatur im deutschsprachigen Raum. Er übersetzte und erläuterte hispanoamerikanische Autoren wie Borges, García Márquez, Lezama Lima, Onetti, Roa Bastos, Neruda und brasilianische wie Jorge Amado, Adonias Filho, Clarice Lispector, Guimarães Rosa, aber auch Klassiker des 19. Jahrhunderts wie Machado de Assis aus Brasilien oder Camilo Castelo Branco aus Portugal. Im Laufe der Jahrzehnte übertrug er mehr als hundert Bücher, gab ein Dutzend heraus und verfasste etwa zehn, abgesehen von einer Vielzahl von Artikeln, Rundfunkbeiträgen, Vor- und Nachworten, Essays, auch in der Zeitschrift Humboldt.

In seinem Hauptberuf, dem des Übersetzers, kam ihm sein außerordentliches Formulier- und Fabuliertalent zugute. Doch nicht selten kollidierte die notwendige Kreativität mit der nicht weniger notwendigen Loyalität zum Original und zum Leser. Denn es besteht ein zartes Gleichgewicht zwischen den beiden verschiedenen, aber komplementären Rollen des Übersetzers: als Diener des Originals und Herr des Zieltextes. Meyer-Clason fühlte sich oftmals, so scheint es, eher als Herr denn als Diener.

Geduldiges Recherchieren war seine Stärke nicht, lieber vertraute er seiner Erfahrung und seiner Intuition sowie dem Dialog mit den Autoren. In einem Vortrag an der FU Berlin bemerkte er einmal: „Ich benutze keine Wörterbücher, die Wörterbücher benutzen mich.“ In der Tat sind Wörter wie etwa „Sertão“, „Fazenda“, „Favela“, „Jangada“, „Tapioka“ von ihm − vielleicht auch von Kollegen − so populär gemacht worden, dass sie Eingang in den Duden gefunden haben. Im Übrigen trägt die damalige Literaturkritik mit ihrer unkritischen Bewunderung für seine Arbeit ein gerüttelt Maß an Mitverantwortung für seine oftmals fehlende Sorgfalt und Genauigkeit. Und zu bedenken sind auch die finanziellen Bedingungen des Übersetzens, welche die nötige Gründlichkeit beinahe ausschließen.

Glanz und Grenzen seiner Übersetzungsstrategie treten besonders deutlich bei der Arbeit am Werk von Guimarães Rosa hervor, dessen Sprache mit ihren vielen Neologismen und ihrer eigenwilligen Syntax praktisch ein Idiolekt ist, faszinierend und rätselhaft, verführerisch und verschlossen zugleich, mit größtmöglichem Abstand zur brasilianisch-portugiesischen Standardsprache, trotz der scheinbaren Nähe zur Sprechweise der Sertanejos aus Minas Gerais. Dieser knappe Barockstil − ein nur scheinbares Paradox −, der lexikalische Üppigkeit und Kargheit vereint und lange Parataxen im Wechsel mit Sätzen von lakonischer Kürze verwendet, erscheint in der deutschen Fassung stark eingeebnet, trotz ihres Wohlklangs, ihrer Geschmeidigkeit und Anschaulichkeit.

Meyer-Clason glaubte nicht an die grundlegende Fremdheit zwischen Sprachen und Kulturen, sondern an ihre tiefe Verwandtschaft, an die Möglichkeit einer fast vor-babelischen Verständigung, die gewissermaßen nur des Zauberworts der Übersetzer bedarf, wenngleich er immer wieder − eine glückliche Formulierung Wilhelm von Humboldts aufgreifend − von Übersetzungen die „Farbe der Fremde“ einforderte. Seine Strategie zielte, wie der Begründer der modernen Hermeneutik, Friedrich Schleiermacher, es ausgedrückt hätte, darauf, das fremde Buch zum Leser zu bringen, und nicht so sehr den Leser zum fremden Buch. Und wahrhaftig brachte Meyer-Clason die lateinamerikanischen und iberischen Literaturen zur deutschsprachigen Leserschaft, ein außerordentliches Geschenk, ganz im Einklang mit seinem Charakter, dessen markanter Zug die Großmut war. Guimarães Rosa, der deutschen Sprache mächtig, erkannte sehr wohl diese einbürgernde Strategie mit ihrer Anpassung an den Lesergeschmack, kritisierte sie diplomatisch und freundschaftlich, erklärte sich aber letztlich mit ihr einverstanden und lobte sie im Namen der Lesbarkeit, Verständlichkeit und Verkäuflichkeit der Übersetzungen.

Niemand hätte Curt Meyer-Clason besser charakterisieren können als er, der Autor von Grande Sertão: Veredas, wenn er die Vorzüge seines Freundes und Übersetzers − vielsprachig, wie unter Weltbürgern üblich − folgendermaßen benannte: “qualidades várias de um germânico, de um anglo-americano e de um latino, Gruendlichkeit, souplesse, sense of humour, Gemuetlichkeit, verve, esprit, accuracy, tenacidade, objetividade, coragem, businessmanship, sensibilidade, Tiefe, Temperament”.
Berthold Zilly
(1945), Romanist mit Schwerpunkt Brasilianistik, lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Freien Universität in Berlin und der Universität Bremen. Zurzeit ist er Gastprofessor an der Universidad Federal de Santa Catarina (Brasilien). Er hat zahlreiche Aufsätze zu lateinamerikanischer Literatur und Übersetzung verfasst und Klassiker der brasilianischen, portugiesischen und argentinischen Literatur übersetzt, wofür er mehrfach ausgezeichnet wurde: „Os Sertões“ von Euclides da Cunha; „Confissão de Lúcio“ von Mário de Sá-Carneiro; „Facundo. Civilización i barbarie“ von Domingo F. Sarmiento. Er arbeitet an einer neuen Übersetzung von „Grande Sertão: Veredas“ von Guimarães Rosa.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Berthold Zilly
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Dezember 2012
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