Passagen

Wahlverwandtschaften zwischen Deutschland und Brasilien

Austausch, Ideenverbreitung und Erfindungen auf kulturellem Gebiet.


„Du möchtest übers Meer/ Nach Berlin gelangen/ Suchst einen Klimawechsel/ oder irgend so etwas/ Nimm besser mit/ Limonen, Bohnen/ Kaffee, Guaraná”  (aus: Itamar Assumpção: Ir Para Berlim)

Dort kommt mein Mittagessen angesprungen

Die Wahlverwandtschaften zwischen Deutschland und Brasilien haben in dem deutschen Landsknecht Hans Staden einen Vorläufer, der Geschichte schreiben und Nachahmer finden sollte: Tatsache ist, dass Staden am 22. Januar 1555 von seiner zweiten Brasilienreise heimkehrte, tieftraurig, aber vielleicht klüger geworden, nachdem er von einem einheimischen Stamm gefangen genommen worden war. Während seiner Gefangenschaft hatte er eine Reihe von kannibalischen Banketten beobachten können, ganz abgesehen davon, dass er fast selbst verschlungen worden wäre. Seine Odyssee hatte begonnen, als sein Reiseschiff vor der Inselküste des heutigen Florianópolis im Süden Brasilien sank. Die Schiffsbesatzung schaffte es schwimmend ans Land und schlug sich von dort nach San Vicente durch. Staden wurde von portugiesischen Siedlern in Dienst genommen, um die Festung San Felipe de Bertioaga, die in der Nähe der Ortschaft lag, zu verteidigen. Wenige Tage später wurde der deutsche Landsknecht, als er gerade auf einer Jagdexpedition war, von Indianern des Tupinambá-Stammes gefangen genommen.

Nach Europa zurückgekehrt begab er sich nach Homberg, seiner Heimatstadt. Dort schrieb er mit Unterstützung von Johannes Eichmann über ein Jahr an seiner Warhaftig Historia und beschreibung eyner Landtschafft der Wilden Nacketen Grimmigen Menschfresser Leuthen in der Newenwelt America,die 1557 in Marburg herausgegeben wurde. StadensText wurde bei der Leserschaft sofort ein Erfolg. Sein Bericht war neben denen von Jean de Léry und André Thevet einer der ersten, der von den kannibalischen Praktiken in Südamerika erzählte, und er trug so dazu bei, dem Land, das anfangs als eine Art Paradies auf Erden wahrgenommen worden war, ein anderes Gesicht zu geben.

Eschwege, Humboldt, Von Martius, der Brasilianer Goethe, und andere

Es mussten etwas mehr als hundertfünfzig Jahre vergehen, bis sich die Schicksalslinien von Deutschland und Brasilien wieder auf bedeutsame Weise kreuzen sollten. 1810 wird Wilhelm Ludwig von Eschwege von der portugiesischen Krone unter Vertrag genommen, um Portugals Bergbaumöglichkeiten zu erforschen. Wegen der Invasion Frankreichs in portugiesisches Gebiet und der Entscheidung des Hofes, nach Brasilien überzusiedeln, muss sich Eschwege allerdings nach Rio de Janeiro begeben. Dort wird er mit einer wissenschaftlichen geologischen Untersuchung beauftragt, der ersten dieser Art überhaupt, die in der portugiesischen Kolonie durchgeführt wird. Sein Renommee wächst und man vertraut ihm die Leitung des Königlichen Kabinetts für Mineralogie von Rio de Janeiro an. Dieses Amt übt er bis 1821 aus, dem Jahr, in dem er entscheidet, nach Deutschland zurückzukehren.

Eschwege ist in jenen Jahren aber keineswegs der einzige Deutsche, der in Brasilien unterwegs ist. Zwischen 1810 und 1820 kommen zunehmend mehr Naturforscher aus Deutschland: Georg W. Freireyss landet 1813, Friedrich Sellow 1814 und Maximilian Prinz zu Wied-Neuwied 1815, um unmittelbar nach seiner Ankunft eine Expedition entlang der nördlichen Küstengebiets Brasiliens zu unternehmen. 1817 kommen Karl Philipp von Martius und Johann Baptist von Spix ins Land. Beide führen akribische Studien über die einheimische Flora und Fauna durch, interessieren sich aber auch für ethnografische und volkskundliche Fragen sowie für das Studium indigener Sprachen.

Für das Thema, das uns hier beschäftigt, ist ihr Aufenthalt in Brasilien aus dreierlei Gründen wichtig. Der erste betrifft nur Von Martius. Einige Jahre nachdem er in Brasilien Erfahrungen gesammelt hatte, nimmt er 1847 erfolgreich an einem Wettbewerb teil, den das gerade gegründete Brasilianische Historische und Geographische Institut für die beste Idee, wie man die Geschichte Brasiliens schreiben könne, ausgelobt hatte. Der Titel von Martius’ Arbeit lautete Bemerkungen über die Verfassung einer Geschichte Brasiliens, und obgleich er die Weißen in den Vordergrund stellte, schlug er als eines des Hauptmerkmale der brasilianischen Geschichte die Verschmelzung von Weißen, Schwarzen und Indianern vor, was einen enormen Einfluss auf die nachfolgenden Jahrzehnte haben sollte, angefangen bei fiktionaler Literatur wie jener von Mário de Andrade (sein Roman Macunaíma von 1928 belegt dies gut) bishin zu anthropologischen Reflexionen wie Gilberto Freyres Casa grande e Senzala (1933) (dt. Herrenhaus und Sklavenhütte, 1964), wo der Autor sein Konzept der  „Rassendemokratie“ (“democracia racial”) entwickelt.

Der zweite Grund betrifft sowohl Von Martius und Spix wie auch ganz allgemein die europäischen Naturforscher, die Brasilien während der ersten Hälfte des 19.Jahrhunderts bereisten. Hier beziehe ich mich in erster Linie auf Antonio Cândido, der in seiner Studie über die Entstehung der brasilianischen Literatur Formação da literatura brasileira das Auftauchen der Romantik in Brasilien mit den Texten in Verbindung bringt, die Reisende über Brasilien verfasst hatten. Und er bezieht sich insbesondere auf die deutschen Naturforscher. Die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies angesichts prachtvoller Landschaften und die Natur, welche auf die Empfindsamkeit einzuwirken vermag, als Quelle für Gefühle waren einige der Motive, mit denen sowohl Spix als auch Von Martius junge brasilianische Autoren dazu bewogen, die Landschaft wie ein Zeichen zu sehen, das die Kraft hat, die Feinfühligkeit und die Seele zu stärken.

Der dritte Grund hat die Struktur einer Konstellation, denn er umfasst die deutschen Naturforscher, Hans Staden, Montaigne und sogar Gonçalves Dias und Oswald de Andrade. Aber Schritt für Schritt: Wie Sylk Schneider in seinem kürzlich erschienenen Buch Goethes Reise nach Brasilien: Gedankenreise eines Genies (2008) analysiert, zeigte Goethe großes Interesse an Brasilien. In seiner Bibliothek befanden sich unter anderem Schriften von Montaigne, Mawe und Robert Southey. Zu den deutschen Autoren zählten Hans Staden, Heinrich Koster (Reisen in Brasilien) und Christian August Fischer (Neuestes Gemälde von Brasilien). Und zu seinen Freunden und Gesprächspartnern, mit denen er sich unterhielt und korrespondierte, gehörten Alexander von Humboldt, Von Martius und Eschwege.

Goethes Interesse an Brasilien ist an zahlreichen Notizen abzulesen, die man in seinen Tagebüchern finden kann, darunter drei Gedichte: Todeslied eines Gefangenen. Brasilianisch von 1782, Liebeslied eines Wilden. Brasilianisch, ebenfalls von 1782 und Brasilianisch von 1825, letzteres eigentlich eine Überarbeitung von Liebeslied… Ich möchte kurz bei dem ersten Gedicht verweilen:

„Kommt nur kühnlich, kommt nur alle, /Und versammelt euch zum Schmause! / Denn ihr werdet mich mit Dräuen, /Mich mit Hoffnung nimmer beugen, / Seht, hier bin ich, bin gefangen, / Aber noch nicht überwunden. / Kommt, verzehret meine Glieder Vinde, / Und verzehrt zugleich mit ihnen / Eure Ahnherrn, eure Väter, / Die zur Speise mir geworden. / Dieses Fleisch, das ich euch reiche, / Ist, ihr Toren, eurer eigenes, / Und in meinen innern Knochen / Stickt das Mark von euren Ahnherrn. / Kommt nur, kommt, mit jedem Bissen / Kann sie euer Gaumen schmecken.“

Goethe ging bei diesem Gedicht von Montaignes Essay Des cannibales (Über die Kannibalen) aus.Bekanntlich macht die Schönheit und Bedeutung von Montaignes Text die Tatsache aus, dass er die indianischen Gebräuche für seine Kritik an den Voraussetzungen europäischen Denkens einsetzt. Indem er sich auf den angeblichen Gesang der Indianer konzentriert, indem er ihre Stimme annimmt, stellt Goethe die Anthropophagie als wertvolles Ritual der Einswerdung in den Vordergrund. So kehrt er die Bewertung seines Landsmanns Hans Staden um, der den Kannibalismus als negativ und barbarisch ansah, und ersetzt den von Montaignes Essay begünstigten Kulturrelativismus, um den reinen Akt der Anthropophagie hervorzuheben und ihn positiv zu bewerten. Kaum ein Jahrhundert später wird Gonçalves Dias, einer der großen Dichter der brasilianischen Romantik, das Gedicht “I Juca Pirama” (1851) schreiben, in dem er das anthropophagische Ritual mit Begriffen wie Wert und Einswerdung in der Tradition Goethes beleuchtet. Und im zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wird sich der Schriftsteller Oswald de Andrade die Anthropophagie aneignen und sie als Verfahren kultureller Aneignung und subjektivierende Praxis positiv deuten: „Nur der Kannibalismus eint uns. Gesellschaftlich. Wirtschaftlich. Philosophisch.”

Die Wurzeln Brasiliens

Im 20. Jahrhundert ist die Vermittlung zwischen Brasilien und Deutschland vielgestaltig. 1933 wird im “Club Moderner Künstler” in São Paulo eine Ausstellung der deutschen Grafikkünstlerin Käthe Kollwitz gezeigt, die Flávio de Carvalho und Di Cavalcanti verantworten; bald danach kommt der Musiker Hans-Joachim Koellreutter auf der Flucht vor dem Nationalsozialismus nach Brasilien und Anfang der 1940erJahre aus fast den gleichen Motiven ebenso Stefan Zweig. In umgekehrter  Richtung bricht  1927 der Kunstkritiker Mário Pedrosa auf, um in Berlin Philosophie und Ästhetik an der Universität zu studieren; in dieselbe Stadt kommt 1929 der brasilianische Essayist Sérgio Buarque de Holanda; er wird dort als Korrespondent fast ein Jahr bleiben. In den 1960er Jahren stellt die brasilianische Künstlerin Lygia Clark ihr Werk in Stuttgart aus; die Ausstellung wird sorgfältig von Max Bense kuratiert (die Beziehungen zwischen dem Konkretismus Brasiliens und Deutschlands sind weitreichend) und in den 1990er Jahren lässt sich der brasilianische Dichter Ricardo Domeneck definitiv in Berlin nieder, wo er bis jetzt lebt. Bei jedem einzelnen solcher Ortswechsel und Verlagerungen (man könnte noch viele weitere Beispiele nennen) ergeben sich höchst produktive Netze mit weitreichender Wirkung. Beispielsweise ist der Unterricht, den Caetano Veloso, Gilberto Gil und Tom Zé bei Hans-Joachim Koellreutter nehmen, eine wichtige Episode in der Geschichte des Tropicalismo; und der Eindruck, den die Ausstellung von Käthe Kollwitz bei dem brasilianischen Druckgrafiker Livio Abramo hinterlässt, erweist sich als zentral für die Entwicklung der politischen Grafik in Brasilien.

Aber unter all diesen Übergängen möchte ich mich kurz auf zwei beziehen: die Aufenthalte von Mário Pedrosa und Sérgio Buarque de Holanda in Berlin. Letzterer nimmt sich neben seinen vielfältigen Aufgaben als Korrespondent von Diários Asociados die Zeit, das künstlerische und intellektuelle Klima Berlins zu erleben. Zwei Begegnungen erweisen sich als entscheidend: erstens mit dem Historiker Friedrich Meinecke, zweitens mit dem Werk von Max Weber. Sérgio Buarque de Holanda beginnt in der deutschen Hauptstadt mit Raíces do Brasil (1936) (dt. Die Wurzeln Brasiliens, 1995) einen der wichtigsten Essays der 1930er Jahre zu schreiben, der zwischen Geschichte und Soziologie eine Interpretation der Nation versucht. Um die im Wandel befindliche brasilianische Gesellschaft, die zwischen einer alten und einer neuen Ordnung steht, zu interpretieren, gebraucht Buarque de Holanda Max Webers typologische Analyse und schlägt die Kategorie des „herzlichen Menschen“ vor. Die „Herzlichkeit“, die Buarque de Holanda meint, meint nicht Sympathie, sondern eine Umgangsform, die die sozialen Beziehungen durchdringt und in der öffentlichen Sphäre Brasiliens den Ton angibt, wodurch klare Schnitte zwischen den Sphären des Öffentlichen und des Privaten nicht ganz möglich sind.

Mário Pedrosa wiederum ist eine Figur, die anscheinend einen Großteil der brasilianischen Kultur- und Politikgeschichte des 20.Jahrhunderts passiert hat: In den 1920er Jahren ist er militanter Kommunist, im folgenden Jahrzehnt Begründer des ersten trotzkistischen Zusammenschlusses des Landes, seit den 50ern intellektueller Mentor der Bewegung des Konkretismus, treibende Kraft der Kunstbiennale von São Paulo, Mentor und Kritiker des Projektes Brasilia als Hauptstadt und Vermittler von unzähligen neuen Kunstschaffenden wie Hélio Oiticica, Antonio Manuel, Lygia Pape, unter anderen. 1927 wird der junge und talentierte Pedrosa von der Brasilianischen Kommunistischen Partei an die Internationale Leninistische Lehranstalt nach Moskau geschickt. Aber Pedrosa macht in Berlin Halt und verweilt bis August 1929 in der Stadt. Dort verfolgt er aus der Nähe die Umwälzungen des sowjetischen, aber auch des deutschen Marxismus. Die Berliner Erfahrung, mit ihren sukzessiven Säuberungen bedingt, dass er nach seiner Rückkehr nach Brasilien entscheidet, innerhalb der Kommunistischen Partei eine dissidente Strömung zu begründen. Diese politische Entscheidung ist sehr folgenreich für seine Tätigkeit als Kunstkritiker: Ab den 1930ern schlägt er einen anderen Kurs ein, entfernt sich von der Auffassung einer sozial engagierten Kunst und wendet sich einer Untersuchung der Beziehung zwischen ästhetischer Form und Wahrnehmung zu, die auf der Gestalttheorie beruht, welche – wie es kaum anders sein konnte – von den Deutschen Max Wertheimer, Wolfgang Köhler, Kurt Koffka und Kurt Lewin entwickelte wurde.

Wir haben den Werdegang der Auffassung von Anthropophagie bei Goethe/Staden und die Entwicklung der brasilianischen Romantik sowie die Idee eines Zusammenfließens der Rassen bei Von Martius und Gilberto Freyre Revue passieren lassen, dann das Berlin der 1920er Jahre und die neuen Ansätze einer Interpretation der Nation, bis wir vermittelt durch Mário Pedrosa und die Gestalttheorie zum Konkretismus gelangten, der zwischen brasilianischem und deutschem Terrain mit Max Bense und Lygia Clark als seinen wesentlichen Bezugspunkten pendelt. Die Wahlverwandtschaften zwischen Brasilien und Deutschland fügen Ungewöhnliches zusammen, überschreiten Grenzen und dekonstruieren die rein nationalen Geschichtsschreibungen, um uns ein filigranes Gespinst aus Reisen, Kursabweichungen und Lektüren über Kreuz entdecken zu lassen.
Mario Cámara
(1969, Argentinien) unterrichtet brasilianische und portugiesische Literatur an der Universität von Buenos Aires; außerdem ist er Mitglied der Forschungsgesellschaft CONICET. Er ist Mitherausgeber der Zeitschrift Grumo (http://espaciogrumo.blogspot.com.es/). Zuletzt erschien sein Buch „Cuerpos paganos. Usos y efectos en la literatura brasileña 1960-1980” (2011).

Übersetzung aus dem Spanischen: Isabel Rith-Magni
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
Links zum Thema

Humboldt als E-Paper

Humboldt als E-Paper

Lesen Sie das Humboldt Heft 159 „Passagen“ auf Ihrem Smartphone, Blackberry oder eReader!
Zum Download ...

Jetzt bestellen

Jetzt bestellen

Interessierte Leser können Humboldt über den Goethe-Webshop bestellen.
8,50 € versandkostenfrei
Zum Goethe-Webshop ...