Passagen

Die letzte Reise des Geisterschiffs

Ein poetisch-melancholischer Gruß zum Abschied von einem schwankendem Kulturprojekt und anderen Geisterschiffen, die auf den Weltmeeren treiben.

Sie ist die vielleicht geheimnisvollste und schönste aller spanischen traditionellen Romanzen, die Romanze vom Grafen Arnaldos. Sie erzählt eine ganz einfache Geschichte: die zufällige Begegnung des Infanten Arnaldo mit einem Geisterschiff, mit einer Traumgaleere, die „auf des Meeres Wellenschlag“ daherkommt und „zu kommen sucht an Land“. Das Schiff ist traumhaft: “Segel führet es von Seide / Tafelwerk von Zindeltaft / Seemann aber, der´s regierte / Hören ließ er seinen Sang / Daß das Meer in Ruh sich legte / Und die Winde ließen nach / Und die Fische sich begaben / Aus dem Meeresgrund hinan / Und die Vögel, die da flogen / Hin sich setzten auf den Mast.“ Der Infant möchte das fantastische Lied erlernen, das der Seemann singt, und bittet diesen, es ihm beizubringen. Die Antwort des Seemanns, eine der wunderbarsten in spanischer Sprache, aber lautet: „Den Gesang soll niemand hören / Als wer mit zieht auf die Fahrt“.

Viele, die an den Gestaden des Meeres leben (zumindest aber an den Ufern der maßlosen karibischen See), haben Geisterschiffe gesehen oder Geschichten davon gehört, wie sie steuerlos entlang der Küste vorbeitreiben, in voller Beleuchtung und mit gehissten Segeln, oder umgekehrt und umso geisterhafter, im Dunkeln und segellos. Zu Humboldts Zeiten, als lange Reisen immer über das Meer führten, war es keine Seltenheit, auf solch herumdriftende Schiffe zu stoßen: Das Boot war eine kleine abgeschlossene Welt in sich und manchmal erkrankte die gesamte Mannschaft an ein und derselben Seuche und die Epidemie raffte Seeleute wie Passagiere dahin, oder ein Aufstand machte gleichermaßen den Sklaven wie auch den Sklavenhaltern den Garaus und das Schiff trieb mit seiner Schattenlast ziellos weiter dahin, manchmal sogar jahrelang, inmitten des Ozeans und dann und wann vor der Küste.

Am schönsten hat Gabriel García Márquez in „Die letzte Reise des Gespensterschiffs“ das fantastische Vorbeiziehen eines dieser Wunder beschrieben. Es empfiehlt sich natürlich, die gesamte Erzählung zu lesen, doch schon der Einstieg ist faszinierend:

Jetzt sollt ihr sehen, wer ich bin, sagte er zu sich mit seiner neuen Männerstimme, viele Jahre nachdem er zum ersten Mal den riesigen Überseedampfer gesehen hatte, der ohne Lichter und ohne Lärm eines Nachts am Dorf vorübergefahren war wie ein großer unbewohnter Palast, größer als das ganze Dorf und viel höher als der Turm seiner Kirche, und im Dunkeln auf die auf der anderen Seite der Bucht gegen die Bukaniere befestigte Kolonialstadt zugesegelt war mit ihrem alten Negersklavenhafen und dem kreisenden Leuchtturm, dessen düstere Windmühlenflügel aus Licht alle fünfzehn Sekunden das Dorf zu einem Mondlager aus phosphoreszierenden Häusern und vulkanischen Wüstenstraßen verklärte, und wenn er auch damals ein Knabe ohne Männerstimme gewesen war, aber die Erlaubnis seiner Mutter hatte, bis spät am Strand die nächtlichen Harfen des Windes zu hören, so konnte er sich noch so daran erinnern, als sähe er, wie der Überseedampfer verschwand, wenn das Licht des Leuchtturms ihn in der Flanke traf, und wieder auftauchte, wenn das Licht vorbeigeglitten war, so dass es ein Wechselschiff war, das bis zur Einfahrt in die Bucht auftauchte und untertauchte und schlafwandlerisch tastend die Bojen suchte, welche die Fahrrinne des Hafens anzeigten, bis wohl etwas mit seiner Kompassnadel schiefging, denn das Schiff trieb auf die Klippen zu, lief auf Grund, ging in Stücke und sank ohne jegliches Geräusch, auch wenn ein derartiger Aufprall auf die Riffe ein eisernes Getöse hätte hervorrufen müssen und eine Maschinenexplosion, welche die im Tiefschlaf versunkenen Drachen hätte zu Eis erstarren lassen müssen in dem prähistorischen Urwald, der in den letzten Straßen der Stadt begann und auf der anderen Seite der Welt endete, so dass der Junge selber glaubte, es sei ein Traum gewesen, zumal am nächsten Tag, als er das strahlende Aquarium der Bucht sah, den farbigen Wirrwarr der Negerbaracken auf den Hügeln des Hafens, die Schoner der Schmuggler aus den Guayanas, die ihre Ladungen unschuldiger Papageien empfingen, welche die Kröpfe voller Diamanten hatten, und er dachte, ich bin eingeschlafen, als ich die Sterne zählte, und habe von diesem gewaltigen Schiff geträumt, gewiss, er war so überzeugt davon, dass er es niemandem erzählte und sich auch nicht an die Vision erinnerte, bis zur gleichen Nacht im darauffolgenden März, als er rötliches Gewölk von Delphinen im Meer suchte, und was er fand, war der trügerische Überseedampfer, düster, ein Wechseldampfer, mit der gleichen verfehlten Fahrtrichtung wie beim ersten Mal… [1]

Ein Schiff eignet sich in weit höherem Maße für die fantastischen Überschwänglichkeiten eines Romanautors oder Erzählers als ein Flugzeug. Aber sogar im Flugzeug kann es zu einer solchen poetischen Reise kommen, auch wenn diese kürzer ist und weniger Traumbilder hervorruft. Vor einigen Jahren stieß ich auf die Nachricht von einem Privatflieger, der sich über die für ihn zugelassene Höhe hinaus erhob. Es kam zu einem plötzlichen Druckabfall, der seine Passagiere aus Sauerstoffmangel das Bewusstsein und bald darauf das Leben verlieren ließ. Mit Autopilot flog das Flugzeug auf 15.000 Metern Höhe weiter, mit der gesamten Last lebloser Passagiere, wie ein Geisterschiff, bis das Benzin ausging und es zur Erde stürzte, vermutlich mit der gleichen Feuer- und Lichtentfaltung, mit der der Dampfer von García Márquez auf das Dorf geprallt war.

Eine Zeitschrift, ein ehrgeiziges Kulturprojekt, das Länder, Sprachen und Kontinente vereint, eine Unternehmung von so großer Tragweite, eine Ideenreise, die sich an einem der größten Reisenden der Geschichte, an Alexander von Humboldt, inspiriert, ähnelt in hohem Maße einem solchen Schiff, das dahinsegelt, die Gewässer des Ozeans durchpflügt, hin- und zurück, mit Kulturgut, mit Worten, die kommen und gehen, mit denen man sich unterhält und in Austausch tritt. Die Seeleute dieser fantastischen Galeere mit seidenem Tuch und goldenem Anker singen ihre Lieder und verzücken ihre Leser, die den Wellengang schon nicht mehr wahrnehmen, noch Seekrankheit, Langeweile oder Beklemmungen. Wenn ein Außenstehender fragen würde, was es mit diesem Zauber auf sich hat, so könnten die Seeleute ihm schon sagen, dass man, um dieses Lied zu verstehen, das Boot besteigen muss: „Den Gesang soll niemand hören / Als wer mit zieht auf die Fahrt“. Jene, die sich außerhalb dieser Unternehmung befinden, werden es nur schwerlich verstehen. Und weil sie es nicht verstehen, stellen sie die Provisionen ein, das Süßwasser und die frische Nahrung. Die Seeleute werden dennoch weiter singen, bis zum letzten Atemzug und die Zeitschrift wird sich in ein Geisterschiff verwandeln, das dahintreibt, mit seiner Schattenlast, und womöglich wird es untergehen „ohne jegliches Geräusch“, obwohl dieser Schiffbruch „ein eisernes Getöse hätte hervorrufen müssen und eine Maschinenexplosion, welche die im Tiefschlaf versunkenen Drachen hätte zu Eis erstarren lassen müssen.“

Diejenigen, die dieses herrliche Schiff aus anderen Zeiten vom Ufer aus betrachten, mit seinen immer noch gehissten Segeln, obgleich schon etwas zugerichtet und zerschlissen, mit seinen korallenbesetzten Planken, aber schon ziellos dahintreibend, stumm und kurz davor, auf den Riffen zu stranden, die gesamte Besatzung leblos, die aber werden denken: Ach, wie ist es nur möglich, dass man ein solches Wunder Schiffbruch erleiden lässt und wie ist es möglich, dass von so vielen Liedern, die sie gemeinsam sangen, um die Wogen, die Winde, die Flüge und die Furien zu zähmen, dass nichts mehr davon übrig bleiben solle. Aber etwas wird bleiben, etwas, das in Wirklichkeit viel mehr als nichts ist, denn es lebt all das weiter, was schon getan wurde: hunderte von dahin-driftenden Schiffen, hunderte von Geisterzeitschriften, die an fremden Gestaden vorüberziehen, wenn auch nur hin und wieder, zur Bezauberung der Infanten, die Augen dafür haben und die Neugierde, diese fasziniert durchzublättern, sie zu lesen, eines Nachts, vielleicht auf einer Bergkuppe oder an den Ufern des Meeres.
Héctor Abad Faciolince
(1958, Medellín, Kolumbien) ist Schriftsteller, Essayist, Journalist und Herausgeber. Er schreibt regelmäßig Kolumnen für den Espectador und gelegentlich Kommentare für die Neue Zürcher Zeitung. Auf Deutsch erschienen u.a. „Kulinarisches Traktat für traurige Frauen“ (2006, Wagenbach) und „Brief an einen Schatten“ (2009, Berenberg). Zuletzt publizierte er den Gedichtband „Testamento involuntario“ (2012, Alfaguara).

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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