Passagen

Nomadisches Denken

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Alexander von Humboldt lässt sich als ein Wissenschafts-Nomade in ständiger Bewegung begreifen. Das Mobile prägte seinen Denk- und Wissenschaftsstil in ebenso starkem Maße wie seinen Lebensstil.

Alexander von Humboldts Denken war niemals monadisch, sondern von Beginn an nomadisch. Der im Jahre 1769 geborene jüngere der beiden Humboldt-Brüder entsprach in keinster Weise dem Typus des in sich gekehrten, sich nur mit sich selbst und der eigenen Disziplin beschäftigenden Stubengelehrten, sondern war auf eine höchst vitale Weise an der Welt in all ihren Dimensionen interessiert: in ständiger, fast ruheloser Bewegung. So bekannte er in einer kleinen, in französischer Sprache verfassten autobiografischen Schrift, der er 1806 in selbstironischer Anspielung auf Jean-Jacques Rousseau, den Schöpfer der ersten Autobiografie im modernen Sinne, den augenzwinkernden Titel Mes confessions (Meine Bekenntnisse) gab: „Voller Unruhe und Erregung, freue ich mich nie über das Erreichte, und ich bin nur glücklich, wenn ich etwas neues unternehme, und zwar drei Sachen mit einem Mal. In dieser Gemütsverfassung moralischer Unruhe, Folge eines Nomadenlebens (vie nomade), muß man die Hauptursachen der großen Unvollkommenheit meiner Werke sehen."

Nach der Reise ist vor der Reise

Wenn sich in diesen Zeilen die Selbstironie mit der Selbstkritik vermischt, dann erfolgt dies nur, um daraus jene unbändige Energie zu ziehen, die ihn über mehr als sieben Jahrzehnte des beständigen Reisens und Schreibens hinweg beseelte und beflügelte. Alexander von Humboldt arbeitete unablässig an sich selbst. Er schrieb diese Zeilen nach seiner großen Reise in die Äquinoktial-Gegenden des Neuen Kontinents, die ihn gemeinsam mit Aimé Bonpland zwischen 1799 und 1804 in die von ihm so heiß geliebte Welt der amerikanischen Tropen geführt hatte. Doch kaum von dieser großen Reise nach Europa zurückgekehrt, plante er bereits seine nächste, die ihn 1829 tief ins Innere Asiens führen sollte. Nach der Reise war für Alexander von Humboldt stets vor der Reise.

Ein wirkliches „Weltbewusstsein", wie er es später in der Summa seines Kosmos ausführte, war für Humboldt ohne die Erfahrung und ohne das Erleben immer neuer Reisen nicht zu haben. Humboldts Weltanschauung beruhte auf der Anschauung der Welt.

Schreiben (in) der Moderne

Reisen war folglich für Humboldt weit mehr als nur empirische Bewegung im zu vermessenden Raum. Es entsprach zweifellos seiner „Gemütsverfassung moralischer Unruhe" (esprit d'inquiétude morale), transferierte die innere Bewegung aber nicht nur in eine äußere, sondern transformierte beide in ein unablässiges Schreiben, das sein gesamtes Leben durchzog.

Wenn alles Schreiben – wie uns das Gilgamesch-Epos ebenso wie das Shijing lehren – von allem Anfang an ein Reisen ist, bei dem sich die Bewegungen der Hand über die Fläche und die Bewegungen der Augen bei der Leserschaft einander überlagern und wo sich zugleich die motions mit den emotions kombinieren, dann ist das Humboldt’sche Schreiben potenzierte Bewegung, da es die eigenen wie die fremden Reisen immer wieder auf neue Bewegungen, auf neue Reisen hin öffnet. Alle seine Texte öffnen sich stets auf neue Horizonte, neue Forschungen, neue Landschaften der Theorie. Die Unabgeschlossenheit gerade seiner Hauptwerke ist aus solcher Sicht wissenschaftliches Programm und Zeichen intellektueller Redlichkeit in einem. Wie hätte er abschließen sollen was für ihn selbst doch noch immer in Bewegung war? Wie hätte er seinem „Nomadenleben" eine Sesshaftigkeit verleihen sollen, die es für ihn in Wirklichkeit niemals gab?

Das Humboldt’sche Schreiben ist ein Schreiben in der Moderne und ein Schreiben der Moderne zugleich. Seine Schriften – und auch dies ist ein zentrales Kennzeichen der Moderne – tragen nicht nur die Spuren der Geschichte, sondern neben den Verräumlichungen seiner Reiseliteratur auch die Merkmale der Verzeitlichung aller Erfahrung, aller Wissensbestände, allen Verstehens. „Das Sein", so schrieb er im Kosmos, „wird in seinem Umfang und inneren Sein vollständig erst als ein Gewordenes erkannt." Dieses historische Gewordensein des Humboldt’schen Schreibens wie der Humboldt’schen Wissenschaft öffnet sich mehr denn je auf unsere Gegenwart wie auf unsere eigene Zukunft. Die Schriften Alexander von Humboldts wandern und durchqueren die Zeit – und sie haben im Verlauf des zurückliegenden Vierteljahrhunderts wieder deutlich an Fahrt aufgenommen. Nicht, weil sie zu Klassikern geworden und erstarrt wären, sondern weil sie ein nomadisches Denken entfalten, das für uns heute überlebenswichtig ist: ein viellogisches Denken, das auf Nachhaltigkeit abstellt.

Nomadisches Denken

Was aber ist unter einem derartigen „nomadischen Denken“ zu verstehen? Immer wieder hat der Verfasser der Vues des Cordillères et Monuments des Peuples Indigènes de l'Amérique auf die grundsätzliche Unabschließbarkeit von Wissen und Wissenschaft hingewiesen und damit die Unabgeschlossenheit seines eigenen Denkens und Schreibens verknüpft. Die Pluralbildungen der Titel vieler seiner Bände weisen darauf hin, dass immer wieder neue Ansichten der Natur, immer wieder neue „Ansichten der Kultur“ einander so überlagern, dass literarische Bewegungs-Bilder entstehen. Das Mobile des Wissens als Bauplan.

Territorien des Wissens

Das Denken aus der Bewegung durch die Bewegung im Raum ist zugleich aber auch ein Denken aus der Bewegung durch die unterschiedlichsten Landstriche des Wissens. Schon im Revolutionsjahr 1789 bezeichnete sich der Zwanzigjährige als ein „Fremdling" zwischen den Wissenschaften, hatte er sich doch früh schon nicht nur als Philologe und Kulturhistoriker, sondern auch als Mathematiker und Botaniker betätigt und in den unterschiedlichsten Teilbereichen einer sich ausdifferenzierenden Wissenschaftslandschaft rasche Erfolge erworben. Die Rede vom Fremdling macht deutlich, dass es für Alexander von Humboldt kein „eigenes“ Territorium, keine eigentliche „Heimatdisziplin“ geben konnte. Nur wenn alles mit allem zu verbinden war, konnte ein Ganzes gedacht werden. Von der Anthropologie und Altamerikanistik über Geologie und Geografie, Klimatologie und Kulturtheorie, Physik und Pflanzengeografie bis hin zu Sprachgeschichte, Vulkanologie und Zoologie reichten die langfristigen wissenschaftlichen Interessen eines Wissenschaftlers, der als Reisender durch die Wissenschaften ein transdisziplinäres und im vielfältigsten Sinne nomadisches Wissen entfaltete. Wie ein Nomade suchte er weder ein Territorium  in Besitz zu nehmen noch zu zerstören: kein Wunder also, dass er zum Mitbegründer eines ökologischen bzw. geoökologischen Denkens wurde.

Seine Werke schrieb und veröffentlichte Humboldt ebenso in deutscher wie in französischer Sprache. Preuße? Franzose? Europäer, gewiss. Für nationalistische Zwecke war er nicht zu verwenden. In seinen Reisetagebüchern finden wir neben dem Lateinischen und dem Spanischen eine ganze Vielzahl anderer Sprachen, mit denen sich der an der Bergakademie in Freiberg (Sachsen) ausgebildete Montantechnologe unter Tage wie auf den höchsten Andengipfeln, in der „Alten“ wie in der „Neuen“ Welt verständigte. Die Welt, dies wusste Humboldt, ließ sich nicht aus dem Blickwinkel einer einzigen Sprache verstehen. Die indigenen Sprachen, die er querte, faszinierten ihn wie die Sprachen der Wissenschaft. Sein Denken wäre ohne die ständigen Übersetzungsvorgänge, ohne die Transfers und die mit ihnen notwendig einhergehenden Transformationen, nicht zu verstehen.

Nomadenleben

Das Denken dieses ersten Globalisierungstheoretikers im eigentlichen Sinne ist ein nomadisches Denken: zwischen den Sprachen, zwischen den Wissenschaften, zwischen den Welten. Wie seine écriture, welcher Sprache er sich auch immer bediente, ein translinguales Schreiben ohne festen Wohnsitz ist, so ist sein Denken auf eine grundlegende Weise nomadisierend: zweifellos vom abendländischen Denken geprägt und in sehr prononcierter Form Ethik und Ästhetik miteinander verbindend, zugleich aber aus der Bewegung und in der Bewegung immer wieder die Blickpunkte variierend in dem Versuch, die Welt neu zu denken und ein vielperspektivisches Weltbewusstsein voranzutreiben. Sein Ziel war die Polytopie im Sinne eines Forschens und Denkens von vielen Orten her.

Mit anderen Worten: Alexander von Humboldt verstand seine Tätigkeit als den Versuch, zwischen den sich immer weiter ausdifferenzierenden Disziplinen, aber auch zwischen den Sprachen und den Kulturen möglichst viele Durchblicke, innovative Querverbindungen und Wechselwirkungen zu schaffen. Als Fremdling nirgendwo zuhause zu sein, war für ihn zeit seines Lebens gleichbedeutend mit dem Sehnen und Bestreben, als Nomade überall zuhause zu sein.

So lässt sich Alexander von Humboldt als ein Wissenschafts-Nomade in ständiger Bewegung begreifen. Das Mobile prägt Humboldts Denk- und Wissenschaftsstil in ebenso starkem Maße wie seinen Lebensstil. Und wenn Wissenschaftsprojekt und Lebensprojekt bei Humboldt wie nur bei wenigen anderen Menschen so faszinierend  übereinstimmen, dann sprechen fürwahr gute Gründe dafür, von einer gelebten Wissenschaft zu sprechen: ganz so, wie sie in Mes confessions und in der Rede vom eigenen „Nomadenleben" zum Ausdruck drängt.

Wenn wir wohl erst im Zeichen neuer, transdisziplinärer Wissenschaftskonzeptionen die notwendige Sensibilität entwickelt haben, um den Entwurf der Humboldt’schen Wissenschaft als einen zutiefst transdisziplinären begreifen, dann verstehen wir heute auch besser, warum man sein Denken auf im unglücklichsten Sinne akademische Weise missversteht, wenn man dem Verfasser des Kosmos vorwirft, auf keinem Gebiet, auf keinem Territorium ein wirklicher Spezialist gewesen zu sein. Denn es ging Humboldt nicht um eine wie auch immer geartete Spezialisierung, die nur einen bruchstückhaften Dialog mit anderen Spezialisten zu führen imstande wäre, sondern um ein nomadisches Wissen, das sich dank weltweit ausgedehnter Korrespondentennetze und einer unermüdlichen Arbeitsleistung stets die Möglichkeit offenhielt, von verschiedenen disziplinären Standpunkten aus zugleich zu argumentieren. Vergessen wir aber nicht, dass ihn ein esprit d'inquiétude morale umtrieb, für den auch die Grenzen des Transdisziplinären bei weitem zu eng gesteckt gewesen wären. Alexander von Humboldts nomadisierendes, von keiner Disziplin her zu disziplinierendes Denken erlaubt uns Ausblicke auf die sich zu seiner Zeit bereits abzeichnende Figur des modernen Intellektuellen, der sich gerade nicht an die Grenzen wissenschaftlicher Diskurse gebunden fühlt. Wenn er folglich zeit seines Lebens Funktionen ausübte, die in ihm einen Intellektuellen avant la lettre erkennen lassen, so verbindet sich dies mit einer Praxis nicht nur erfahrener, sondern in einem ganz grundsätzlichen Sinne gelebter Wissenschaft, die nicht nur Nachhaltigkeit erforscht, sondern nachhaltig wirkt. Die Zeit von Humboldt ist Geschichte, sein nomadisches Denken jedoch nicht: Denn in seinen Schriften blieb es mehr denn je lebendig – dank der Kraft, unser eigenes Leben zu bewegen.
Ottmar Ette
(1956) ist Professor für Romanische Literaturwissenschaft an der Universität Potsdam. Im Interesse seiner Forschung und Lehre stehen: Alexander von Humboldt, Literaturwissenschaft als Lebenswissenschaft, Konvivenz sowie TransArea Studies. Für sein wissenschaftliches Werk ist er vielfach ausgezeichnet worden. Seit 2010 ist er ordentliches Mitglied der Academia Europaea und seit 2012 Chevalier des Ordre des Palmes Académiques.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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