Passagen

Schrecken und Wunder der Großen Reise

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Ein Kurzessay über die großen – freiwilligen und unfreiwilligen – Reisen auf unserem Planeten.

Ich hab sie gesehen. Diejenigen, die sich auf die Große Reise begeben, ich habe sie gesehen. Da kommen sie heran, und es sind Tausende: Sie sind Teil der Migration, die am Ursprung der Zeit beginnt und sich ewig fortsetzt. Weil die Menschheit auf einem Planeten unterwegs ist, auf dem alles unentwegt fließt und die Sesshaftigkeit eine Illusion ist. Du kannst dich an den Ufern des Golfes von Aden, im südlichen Jemen, davon überzeugen, und du wirst sehen, wie die Menschen vom Horn Afrikas heraufkommen – Somalier, Äthiopier, Eritreer–, auf der Suche nach einem Ort, wo man leben kann. Dort sah ich die Frauen, die nicht verzagen, obwohl sie wissen, dass viele von ihnen auf der Strecke bleiben und andere ihre Kinder beerdigt zurücklassen müssen. Aber sie sind entschlossen und werden sich nicht von ihrem Ziel abbringen lassen, koste es, was es wolle, auf wackligen Booten, barfuß durch die Wüste, bettelnd durch die alten Städte, wo sie das Schlimmste erleben, während sie das Beste erhoffen. John Steinbeck sagt nämlich, dass den Leuten, die vor dem Schrecken fliehen, seltsame Dinge passieren, manche grausam und andere wiederum, die ihren Glauben erneut entfachen.

Die von gewaltsamen inneren Konflikten Vertriebenen, ich konnte sie hören. Es geschah in einem Erdölgebiet im Urwald an der Grenze zwischen Kolumbien und Venezuela, als ich im Morgengrauen wachgerufen wurde durch das Herumhantieren mit Blechen und das Hämmern von Brettern und Kartons, mit dem sich die Neuankömmlinge ihre provisorischen Lager zusammenschustern, um sich eine Pause zu gewähren und eine Rast zu erlauben auf ihrer Reise der endlosen Abschiede und ohne jede Ankunft. Dort hörte ich ihr Werkeln und wusste, dass während der Tag voranschreiten würde, die Unterkünfte, die sie errichteten, immer labiler werden würden, fast durchsichtig, und bei Hereinbrechen der Nacht schien es, als seien es Luftschlösser, errichtet aus reinem Sehnen, aus reiner Qual.

Auch habe ich sie lachen und herumtollen gehört. Das war nahe Tijuana am elektrischen Zaun, der Amerika entzweibricht, wo sich eine Gruppe junger Burschen den Spaß macht, die Grenzkontrolle und die Minutemen, bekannt für ihren mörderischen Rassismus, zu foppen und sich über die Millionen von Dollars, welche die Vereinigten Staaten gegen den Einfall aus dem Süden investieren, lustig zu machen, indem sie die Grenze überqueren, durch ein Loch in der Mauer, ohne Ausweise, nur mit einem Fußball unter dem Arm und nur, um auf der Gringo-Seite eine Partie zu spielen und dann wieder nach Hause zu gehen. Mich hat es ergriffen, wie diese Jungs aus Tijuana die Autorität spielerisch unterlaufen, und sie erlaubten mir, das Drama der illegalen Migration mit anderen Augen zu betrachten: nicht mehr bloß als humanitäre Katastrophe – die es zweifellos auch ist – sondern als Herausforderung, Dreistigkeit, Streich, Lebenswille und als Aufruf zur Selbstachtung. Sie zeigten mir, dass die Reise ein herausforderndes Abenteuer sein kann und der Reisende im Stande ist, die Grenzen zu überschreiten und sich über diese brutale Anweisung lustig zu machen, welche die Bewegungsfreiheit der Menschen auf dem Planeten verhindert, indem man sie durch Mauern und Gesetze in Wesen erster und dritter Klasse unterteilt. Und ebenso ist der Reisende im Stande, Hunger und Krieg zu trotzen, die ihn von dem Ort wegreißen, der seinem Leben einen Sinn gibt, wo er respektiert wird und wo er seinen Kindern ihre Herkunft und ihre Sprache beibringt und ebenso, die historischen Ereignisse zu feiern und die Gräber ihrer Vorfahren zu verehren.

Der Meinung aller Rassisten zum Trotz, hat die Große Reise –die der Menschheit in Bewegung, die der Vertriebenen und Migranten, der mythische Exodus – immer einen ganz klaren Gründungscharakter gehabt und wird ihn weiterhin haben, als Kulturvermittlerin, als Erzeugerin neuer Zivilisationen und als Motor, der die Welt am Laufen hält. Deshalb ist sie das zentrale Thema der großen Heldenepen aller Völker, von der Aeneis, die von Äneas‘ Flucht aus dem brennenden und zerstörten Troja handelt und davon, wie es ihm gelingt, mit seinem Vater auf den Schultern und dem Sohn an der Hand, nach überstandenen Entbehrungen und den Gefahren der Verbannung, Rom zu gründen. Auch Moses ist ein Vertriebener: Aus seiner Heimat verstoßen begibt er sich auf eine Reise, geplagt von Hinterhalten, das schon, doch gleichzeitig bahnen diese den Glauben, der es ihm möglich macht, bitteres Wasser für sein Volk zu versüßen, damit es nicht verdurste, und dass es Manna regnet, damit es nicht hungers stürbe, bis er es ins Gelobte Land führt, das er, Moses, als es an der Zeit ist, nicht mehr erblicken würde. Und Pilger ist auch der Apostel Jakobus der Ältere, der auf der Suche nach dem Stern zu Fuß eine irdische Milchstraße durchläuft, bis er Compostela erreicht, den idealen Ort, der vielleicht eben dies bezeichnete: einen campus stellae, ein Sternenfeld. Und ebenso wie Jakobus – oder spanisch: Santiago –  sind die Wetbacks, die der Regisseur Fernando León de Aranoa nachts den Rio Grande des Nordens durchschwimmen sah, Reisende auf der Suche nach dem Stern, geleitet allein durch das Neonlicht des großen Reklamesterns eines Casinos am gegenüberliegenden Ufer. Und ein Reisender schlechthin ist auch Noah, Hauptdarsteller in Früchte des Zorns, Mitglied einer der vielen armen Familien von Erntehelfern, die während der „Großen Depression“ durch die Trockenheit und die industrialisierte Landwirtschaft von ihrem Zuhause in Kalifornien vertrieben werden. Über diesen Noah sagt Steinbeck: „...er machte alles, aber es schien als ob ihn nichts rührte. Er fühlte nur Teilnahmslosigkeit gegenüber den Dingen, die die Leute ersehnten und brauchten. Er lebte in einem seltsam stillen Haus, aus dem er mit unbeweglichem Blick nach draußen sah. Er war ein Fremder in dieser Welt.“

Das ist der Reisende, ob er nun Odysseus, Äneas oder Moses heißt, oder auch Asylbewerber, Illegaler, Exilierter, Sans-Papiers, Wetback oder Noah genannt wird. Und was wird letztlich das Ziel seiner Reise sein – die Utopie, hinter der er her ist und die ihm keiner versprochen hat? Auf der Gegenseite der verbarrikadierten Städte, die den Reichen als Refugium gegen die Besitzlosen dienen, schimmert die Utopie, dieses Gelobte Land, wo ein Neuanfang möglich sein müsste. Ein Raum, frei von Schuld und Groll, wo alle Platz hätten und von dem man mit Descartes sagen könnte, dass „die Welt immer in ihren Anfängen begriffen sei“. Mit dem Ziel, dem anderen und sich selbst zu verzeihen, sobald man sich der Annahme geöffnet hat, dass es vielleicht auch einen andern Weg gibt als den aus dem Flaschenhals oder aus dem Labyrinth. Verzeihen als vollkommen moralischer Akt oder als universelle Verpflichtung, wie der französische Philosoph und Theologe Stanislas Breton vorgeschlagen hat: als „eine Art verzeihende Haltung“, die eher kosmischen als moralischen Charakter hat.

Das Ende der Reise würde dann ein Sanktuarium oder ein Schutzbezirk sein; ein Refugium, wohin die Strafe, die Rache oder der Arm der Macht nicht reicht. Als Quasimodo versucht, Esmeralda in den hohen Gewölben der Kathedrale zu schützen, ruft er dieses Wort – „Sanktuarium“ – aus und appelliert damit an einen uralten Menschheitsvertrag, in dem es einen in der Welt einzigartigen und unverletzlichen Ort gibt, wo der Verfolgte, der Schwache, der Verletzte, der Entwaffnete, der Kranke, der Hungernde, die Frau, das Kind und der Alte sich vor den Rücksichtslosen und Gewalttätigen in Sicherheit bringen kann. Oder vielleicht ist das Ende der Reise auch eine offene Tür, die der Solidarität und des Empfangs, die offene Tür des Vertrauens und das Ende der Angst vor dem anderen, so wie es William Saroyan in seiner Menschlichen Komödie (The Human Comedy, 1943) vormacht:

„Mama“ –  sagte er –, „da sitzt jemand auf den Stufen unserer Veranda“. „Gut“ – sagte Frau Macaule –, „geh raus und bitte ihn herein, wer auch immer es sein mag“.

Die Reise als Nostalgie, was aus dem Griechischen nostos, Rückkehr, und algos, Schmerz, kommt und daher die Trauer vor dem Nicht-Zurückkommen bezeichnet, das Heimweh. Aber die Reise ist auch Fernweh, ein Wort, das wohl nur im Deutschen existiert und welches schon nicht mehr die Sehnsucht nach dem Ort, den man besaß, bezeichnet, sondern nach dem Ort, den man noch nicht hat. Sehnsucht nach fernen Ländern: das, was die Portugiesen so schön „saudades de longes terras“nennen. C.G. Jung sagt, wenn die Reise ins Innere und Individuelle geht, führt sie in die Traumregionen, und wenn sie kollektiv und nach außen gerichtet ist, in die Bereiche des Mythos. Und dort, zwischen dem Traum und dem Mythos, dort befindet sich die Große Reise, die Initiationsreise, die Ur-Reise, die bei der Nostalgie anfängt und beim Fernweh aufhört und die einem an irgendeinem Punkt der Bewegung die Offenbarung bringt: diesen ganz besonderen und lichten Augenblick, der für die Gläubigen ein mystisches Gefühl bedeutet, oder ein ozeanisches Gefühl für alle, die nicht gläubig sind. Und für die einen wie für die anderen würde es Yugen sein, ein japanischer Begriff, der auf das unaussprechliche Selbstbewusstsein des Universums hinweist.

Kein Wunder, dass die Legende vom heiligen Gral – oder von der ständigen Suche und des ewigen Kreislaufs vom Vergehen und Entstehen – die Fahrt folgendermaßen ankündigt: „Hier beginnen die Schrecken, hier beginnen die Wunder.“
Laura Restrepo
(1950, Bogotá, Kolumbien) ist Schriftstellerin und Autorin von zwölf Romanen, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurden. Sie wurde mehrfach mit internationalen Auszeichnungen geehrt, unter anderem mit dem Alfaguara-Preis in der Kategorie Roman in Spanien und Lateinamerika, dem Prix France Culture in Frankreich und dem Grinzane Cavour in Italien. Sie arbeitet auch als Journalistin und unterrichtet an verschiedenen Universitäten.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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