Passagen

Die “Wilden” reisen

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Es gibt keinen Nullpunkt der Reise, kein Paradies des absolut Lokalen, und jede Heimat hat etwas von Hafen.

Einer der ersten und besten Romane Alejo Carpentiers beschreibt die Odyssee eines Musikers auf der Suche nach dem Ursprung. Er lässt eine Welt von Symphonie- und Radioorchestern in voller Lautstärke hinter sich, während er den Orinoko flussaufwärts reist, um zuerst traditionelle, dann archaische und schließlich primitive Musikformen aufzuspüren. Melodien einer mestizischen Folklore, Cantigas zur Gitarre, welche die Heldentaten von Kriegern oder Banditen besingen, oder Trommeln zu Ehren afrikanischer Götter. Schließlich, fast an den Quellen des Flusses angelangt, entdeckt der Musiker nackte Indianer, Gesänge und Flöten, in denen er den ursprünglichen Minimalausdruck der Musik erkennt.

Flussaufwärts

Wir könnten uns ein anderes Ende für Carpentiers Roman ausdenken. Der Reisende gelangt, nachdem er seine Tagesmeilen flussaufwärts zurückgelegt hat, in das Ur-Dorf und findet es verlassen vor: Die archaischen Musiker sind nach Berlin gereist, um zusammen mit einem Rockstar eine CD aufzunehmen.

Das kann jedem passieren, und tatsächlich habe ich es selbst während meiner Feldforschung bei den Yaminawa erlebt, als ich Anstrengungen unternahm, sie im Urwald aufzusuchen, dort an den Quellen des Acre, und es fiel mir schwer zu akzeptieren, dass sie fast immer in der Stadt waren oder in einem anderen Dorf oder irgendwo auf Durchreise. Wilder ist ein schönes Wort, das es nicht verdient hat, als Beleidigung missbraucht zu werden; eigentlich bedeutet es Waldbewohner, und wir wissen ja seit langem, dass dieser sehr viel liebenswürdiger und taktvoller sein kann als der Stadtbewohner; aber immer noch glauben wir, dass er ein Simpel ist und außerdem ein Bewegungsloser. Ihm außerhalb des Urwaldes zu begegnen, erscheint uns weiterhin paradox, und hartnäckig bestehen wir darauf, dass dies nur ein Irrtum sein kann. Man wird ihn vertrieben haben oder er sucht nach Dingen und Annehmlichkeiten, die notwendig für ihn sind. Wenn es denn ein Irrtum ist, sich außerhalb zu befinden, muss die Essenz darin liegen, still im tiefen Urwald zu verweilen. Der Fortschritt ist oft mit der Möglichkeit zunehmender Mobilität bezeichnet worden, der mit unsicheren Schritten beginnt und in einer neurotischen Hetze von einem Ende des Planeten zum anderen endet. Damit diese Bewegung sinnvoll wird, muss man sich einen Referenzpunkt ausdenken, der sich nicht bewegt, ein Wesen, das ganz und gar lokal und mit seiner Umwelt verschmolzen ist. Das überschreitet die Vorstellungskraft. Die Wilden sind immer gereist, und man kann noch nicht mal sagen, dass sie die ersten waren: Tiere und Pflanzen sind schon lange vor ihnen gereist und sogar die Kontinentalplatten waren in Bewegung. Der Traum von der unbeweglichen, immer wartenden Heimat ist vielmehr auf unsere eigene Reisemüdigkeit zurückzuführen.

Wilde(s) Reisen

Wenn uns die Völker Amazoniens – fast die letzten Repräsentanten des Wilden – über Jahrhunderte hindurch unbeweglich vorkamen, so deshalb, weil wir sie bewegungslos gemacht haben. Im Schlechten, indem wir ihren Lebensraum mit Drohungen eingegrenzt haben, gegen die sie sich lieber nicht wehrten, oder im Guten, indem wir ihnen ein paar Herkunftsterritorien zuerkannt haben, von denen wir glauben, dass sie sich von diesen niemals entfernen wollen. Deshalb wundern wir uns normalerweise, wenn wir einen Ureinwohner außerhalb seines Territoriums vorfinden, oder fragen uns zumindest, was er da wohl treibt. Die beste Antwort auf diese Frage ist auch die einfachste: Er ist dort, weil die Wilden reisen und immer schon gereist sind. Jedes Mal, wenn die ersten spanischen Amazonasabenteurer ihre Gastgeber fragten, so erhielten diese – freiwillig oder gezwungenermaßen – Kunde von weit entfernten Reichen, aber keine Erzählungen über den Ursprung der Welt an eben diesem Ort. Die gesamte Ursprungsmythologie des oberen Rio Negro beschreibt die Entstehung in Form der Reise der Großen Ur-Anakonda flussaufwärts. Amerika ist gemeinhin ein wenig fruchtbarer Kontinent für Erzählungen vom Autochthonen oder Ursprünglichen – dieser Annahme, dass die Menschen an einem bestimmten Ort leben, weil sie einmal aus ebendiesem Boden hervorgegangen sind. Die Archäologen haben immer angenommen, dass die Indianer aus anderen Gebieten eingewandert wären und die meisten regionalen Erzählungen stimmen darin überein. Und dabei geht es nicht nur um die Wanderbewegungen eines ganzen Volkes. Eine bescheidenere Mythologie, wie etwa die der Yaminawa-Indianer, erzählt meist davon, was den Menschen passiert, wenn sie sich auf Reisen befinden: längere oder kürzere Wanderungen sind das Szenarium menschlicher Dramen. Man reist, um eine Braut oder einen Bräutigam zu finden, man reist, um Krieg zu führen, oder man reist ohne jedes Motiv. Letztendlich bedeutet Reisen von zuhause fortzugehen, um sich dem Unvorhergesehenen auszusetzen. Die berühmte Suche nach dem „Land ohne Übel“, welche die Ethnologen so lieben, entpuppt sich, wenn man etwa die konkrete Praxis der Guaraní näher betrachtet, als eine Vielzahl von Reisen von Dorf zu Dorf, bei der man zunächst lästige Straßen und Städte überwinden musste, bevor es ein Wiedersehen gab, oder Unglück und Entdeckungen: vielleicht aber auch einen neuen Ort, wo man sich niederlassen konnte. In Amazonien gibt es zahlreiche auf Handel spezialisierte Ethnien, wie die Ingarikó oder die Piro; oder die einst so genannten Campa, die vor Jahrhunderten in ihren Kanus hunderte von Kilometer lange Expeditionen den Ucayali abwärts unternahmen, um mit Salz zu handeln, das nur sie besaßen. Und das in einer Ökonomie, wo eigentlich nichts Entlegenes unentbehrlich war – nicht einmal das Salz; so dass man sich fragen müsste, ob die Reise dazu diente, Handel zu treiben, oder ob der Handel nur ein Vorwand war, etwas von der Welt zu sehen.

Private Grenzen

In einigen Dörfern Amazoniens wurde das Salz durch Authentizität ersetzt: Je autochthoner die Indianer, und je isolierter sie auf ihrem Flecken Land erscheinen, umso einfacher würde es sein, sie am anderen Ende der Welt vorzuzeigen, ihre Masken und Rituale oder Tänze auszustellen. Wobei es sich hier um die Luxusklasse der Reisen von Indianern handelt, für die sich Journalisten und Ethnologen normalerweise interessieren. Häufiger werden reisende Indianer zum Wahrzeichen von Enteignung, weil ihre Rechte nicht portabel sind und an den Grenzen ihres Dorfes ungültig werden. Außerhalb dieser Grenzen darf man nicht jagen, im Fluss baden oder einen Unterstand errichten und alles hat einen Preis: Das Essen muss man kaufen und sogar das Wasser, sogar die Unterkunft, wo man schlafen will, muss man mit Geld bezahlen – mit Geld, diesem Reisenden par excellence –. Von der Presse werden reisende Indianer eher mit einem anderen Namen bezeichnet: als Bettler. Das ist ein allgemeines Schicksal, denn in der Welt der Weißen war Reisen, bevor es zum absoluten Luxus wurde, der Fluch schlechthin: Adam und Eva wandern aus dem Paradies aus, und Kain streunt herum; der Fliegende Holländer oder der Ewige Jude sind alles traurige Prototypen des frequent traveller der modernen Fluggesellschaften. Der Reisende ist ein Enteigneter; er ist jener Fremde, für den die Bibel empfiehlt, ein paar Kornähren oder ein paar Weintrauben, die übrig waren, als Almosen zu spenden (ebenso wie für Witwen und Waisen). Wenn er es nach Hause schafft, wird er reich zurückkehren und sich seines Gewinns erfreuen, seines Prestiges oder seiner Erfahrung. Nicht jedem ist das vergönnt. In den Erinnerungen von Führern der indigenen Bewegung, die vor kurzem erschienen sind – darunter so unterschiedliche Bücher wie die von Raoni und Davi Kopenawa – nehmen die Reisen einen Großteil des Textes ein. Und sie enthalten eine Warnung: Sie seien von Königen empfangen worden, von Präsidenten und prominenten Künstlern, aber das sei die Ausnahme, davon sollte man sich nicht blenden lassen und sich lieber stark machen im eigenen Land, in den eigenen Traditionen, im Alltagswissen, also unter dem Schutz der eigenen Herkunft verweilen. Das ist nicht die Stimme der althergebrachten Tradition, sondern die einer neuen Erfahrung, weil der Slogan der Welt ohne Grenzen trügerisch ist: die Grenzen haben drastisch zugenommen. Wenn sie hier oder dort zwischen den Staaten etwas Kraft verloren haben sollten, so sind sie durch private Grenzen ersetzt worden, und man kann kaum mehr Urwald, Felder oder Städte durchqueren. Zwar scheint es noch möglich so zu reisen wie die Wilden – indem man auf dem Land lebt, Freundschaften und Feindschaften macht und sich eben mit dem Weg vertraut macht –, doch wird das jedes Mal schwieriger.

Flussabwärts

Die Hetze der Geschäfts- und Tourismusreisen verschleiert gern die Tatsache, dass die Menschen viel leichter als früher lokalisierbar sind, und wenn sie viel unterwegs sind, dann weil die Welt kleiner geworden ist: Man reist auf klar definierten Routen und mit erkennbaren Meilensteinen – ein Geldautomat, eine Restaurant-Kette, die uns bekannt vorkommt, diese auf der ganzen Welt immer gleichen Flughäfen – die Übernachtungen werden im Voraus gebucht, man versucht zu garantieren, dass man immer am selben Tag heimkehren kann und im Allgemeinen bemüht man sich mit allen Mitteln sicherzustellen, dass unterwegs nichts passiert. Die meisten Indianer sind weit entfernt von dieser Art und Weise zu reisen oder – was noch wichtiger ist – sie sind weit entfernt, dies zu wollen. Niemand hat wohl eine Reise von indigenen Musikern oder Künstlern zu einem anderen Kontinent organisiert, ohne danach eine Geschichte zum Beispiel von dem erzählen zu können, der verloren ging, weil er fasziniert einen Verkaufsstand von Orangen bestaunte. Die Bereitschaft zu suchen und überwältigt zu sein, ist immer noch unwiderstehlich. Das ist ein Hoffnungsschimmer für diejenigen, die traurig über den Untergang der Reisen nachsinnen. Möglich, dass wir flussaufwärts schon keine Offenbarung mehr erwarten, aber sie, wer hätte das gedacht, entdecken sie immer noch ganz leicht flussabwärts. Jetzt sind wir dran, authentisch zu erscheinen.
Óscar Calavia Sáez
(1959, La Rioja, Spanien) ist Ethnologe, Schriftsteller und Professor am Anthropologischen Seminar der Universidade Federal de Santa Catarina, Brasilien. Sein Forschungsgebiet umfasst religiöse Themen in Spanien und Brasilien sowie indigene Ethnologie in Amazonien. 2006 veröffentlichte er „O nome e o tempo dos Yaminawa: Etnología e história dos Yaminawa do Acre“, 2008 den experimentellen Roman „Las botellas del señor Klein“ (ausgezeichnet mit dem Romanpreis Tigre Juan de Oviedo) und „Amazonia-China: dos viajes de vuelta“ (Auszeichnung mit dem Premio Eurostars de Narrativa de viajes).

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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