Passagen

Von wissenschaftlichen Expeditionen und ästhetischen Experimenten

Reisebilder aus Amerika. Ein kleines kunsthistorisches Panorama.

Seit Beginn der Neuzeit erschienen in Europa Flugblätter, Druckschriften und Bücher, welche in Text und Bild von den Ländern Afrikas, Asiens und Amerikas berichteten. Anders als bei den Urhebern der Texte handelte es sich bei den Urhebern der Bilder lange Zeit um Grafiker, welche Europa nie verlassen hatten. Sie wandelten ihnen bekannte Vorbilder im Sinne ihrer bei der Textlektüre aufgekommenen Vorstellungen ab, mitunter unterstützt durch Skizzen und Objekte, welche nach Europa gebracht worden waren. Eine exakte bildliche Beschreibung der außereuropäischen Weltgegenden gehörte noch nicht zu den zentralen kulturellen Anliegen Europas. Die Schaulust im Hinblick auf das „Exotische“, also das aus der Ferne stammende Neue und bisher Unbekannte, befriedigten Mächtige, Reiche und Gelehrte der Alten Welt, indem sie Belegstücke der Neuen Welt sammelten, Artefakte genauso wie Tiere, Pflanzen und Mineralien. Zu der stetig wachsenden Gruppe der in Übersee Reisenden traten relativ spät bildende Künstler hinzu, erst als Händler, Söldner, Siedler und Missionare schon lange unterwegs waren. Die Maler Albert Eckhout und Frans Post beispielsweise begleiteten zusammen mit einigen Wissenschaftlern den niederländischen Statthalter Johann Moritz von Nassau, welcher von 1637 bis 1644 den brasilianischen Niederlassungen der Westindischen Kompagnie vorstand. Eckhout und Post arbeiteten an der bildlichen Dokumentation der Kolonie mit ihren Bewohnern, Pflanzungen und der umgebenden Natur. In der Gruppe um Moritz von Nassau wird bereits die später für den Kolonialismus typische Kombination von politischen, wirtschaftlichen und wissenschaftliche Interessen wirksam. Die meisten der fortan fernreisenden Künstler lieferten ihre Bilder als Teilnehmer von Expeditionen in diesen Zusammenhängen. Eine Ausnahme bildete Maria Sibylla Merian, deren starkes Interesse an der Natur und ihrer genauen Beobachtung der Insektenwelt zu einer Reise nach Surinam führte.

Zwischen Zentrum und Peripherie

Bis ins ausgehende 18. Jahrhundert hinein verließen bildende Künstler nur ausnahmsweise Europa. Innerhalb des alten Kontinents blieb vor allem eine Art der Bewegung bestimmend: Wer Erfolg haben wollte, strebte in ein künstlerisches Zentrum, also an einen Fürstenhof oder in eine große Handelsstadt. Noch lange Zeit galt eine Reise nach Italien als krönender Abschluss der akademischen Ausbildung oder später sogar als Mittel zur Selbstfindung. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde die Orientierung an den neuesten Tendenzen des Kunstgeschehens in Paris immer wichtiger. Im Zuge des verstärkten Kolonialismus begaben sich nun immer mehr europäische Künstler auf Fernreisen. Sie begleiteten die politische Expansion und dokumentierten den Landgewinn. Vor allem Bilder aus dem Vorderen Orient und Indien erregten großes Interesse auf den Ausstellungen in den Metropolen der kolonialen Imperien. Insgesamt aber finden sich unter den fernreisenden Künstlern vor Eugène Delacroix und Paul Gauguin nur wenige „große Namen“ der Kunstgeschichte – ein deutliches Zeichen dafür, dass es keine gesteigerte Relevanz für solche Reisen im Kunstsystem gab. Sie waren möglich, aber eben nicht notwendig. Wichtige Anregungen für reisende Maler gingen von dem Naturforscher Alexander von Humboldt aus. Er hoffte auf eine neue Blüte der Landschaftsmalerei, wenn die Künstler sich verstärkt auf Reisen in die Tropen begeben würden. Die wichtigste Aufgabe sah er darin, die vielen mittlerweile bekannten Detailansichten und Ausschnitte zu stimmigen Gesamtbildern zu vereinen. Sein Ideal bestand aus einer Kombination von Genauigkeit der Beobachtung bei den Einzelformen und Glaubwürdigkeit der daraus abgeleiteten großen Kompositionen. Das künstlerische Endergebnis hing für ihn vom Gelingen zweier Phasen ab: Während der Reisen erfolgte die Sammlung von Eindrücken, Skizzen und Studien, nach der Rückkehr wurden daraus vollständig durchkomponierte und bis ins Detail ausgeführte Werke zusammengefügt. Humboldt ermunterte und förderte einige Künstler direkt, welche Reiseziele in Lateinamerika wählten, namentlich Johann Moritz Rugendas, Ferdinand Bellermann, Eduard Hildebrandt und Albert Berg.

Wege in die Moderne

Die kunstgeschichtliche Entwicklung entfernte sich allerdings insgesamt während des 19. Jahrhunderts von den Anliegen Humboldts. Dokumentarische Aufgaben übernahm mehr und mehr die Fotografie. Der Blick aufs Detail wurde zunehmend vernachlässigt zugunsten der Visualisierung eines flüchtigen Eindrucks oder einer charakteristischen Stimmung. Auch die Schilderung neuer und weiter Horizonte begeisterte die meisten Künstler viel weniger als die eigene Welt mit neuen Augen zu sehen. Im Zeitalter der beschleunigten Entwicklung von Avantgarde-Stilen nutzten die Künstler in Europa bald unabhängig vom Reisen die Ästhetik außereuropäischer Kulturen zur Inspiration. Das Spektrum der Vorbilder reichte von fein ornamentierten Arbeiten etwa aus Metall oder Keramik bis zu elementar gestalteten Werken aus Stein und Holz. Mit großer Faszination begeisterten sich die experimentierfreudigen Künstlerinnen und Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts für die Gestaltungen aller Zeiten und Völker, die nicht unter den Prämissen der akademischen Ästhetik entstanden waren. Niemand, der sich an diesem fruchtbaren Prozess der interkulturellen Formfindung beteiligte, musste dafür weite Reisen unternehmen. Die heimischen Sammlungen schienen bereits alle notwendigen Ressourcen zu enthalten. Die Hochphase des künstlerischen Modernismus verlief parallel zur Hochphase des Kolonialismus. Im sogenannten Primitivismus der Moderne manifestierte sich eine Kritik am Zustand der eigenen Kultur, zugleich beteiligten sich die modernen Künstler mit ihrem Zugriff auf die Ästhetiken der anderen Kulturen an der allgemeinen und wie selbstverständlich praktizierten Ausbeutung. Wieder einmal zeigte sich die fundamentale Ambivalenz des Exotismus.

Zwar unternahmen im frühen 20. Jahrhundert etliche moderne europäische Künstler Reisen, die sie über die Grenzen ihres Kontinents hinausführten, ihre entscheidenden ästhetischen Erlebnisse hatten sie allerdings nicht während dieser Reisen, welche Henri Matisse, Wassily Kandinsky, Paul Klee und August Macke nach Nordafrika oder Emil Nolde und Max Pechstein in die Südsee unternahmen. Sicherlich waren diese Reisen fruchtbar und wurden die Ergebnisse erfolgreich in der Kunstwelt aufgenommen, die in der Publizistik gerne vorgenommene Stilisierung solcher Reisen zu den zentralen Wendepunkten der künstlerischen Entwicklung hält jedoch einer kritischen Überprüfung nicht stand. Es scheint vielmehr, dass das starke Interesse an den entstandenen Bildern vor allem in der Attraktivität der Motivwelt begründet war.

Flucht aus Europa

Eine große und für viele Künstlerbiografien entscheidende interkulturelle und oft transatlantische Bewegung ereignete sich ab 1933 mit Flucht und Vertreibung eines bedeutenden Teils der künstlerischen Avantgarde Europas als Folge des nationalsozialistischen Regimes in Deutschland. Marc Chagall, Salvador Dali, Max Ernst, László Moholy-Nagy, Piet Mondrian und viele andere schifften sich nach Amerika ein.

Einige der emigrierten Künstlerinnen und Künstler setzten sich intensiv mit indianischen Kulturen auseinander. Josef und Anni Albers, die vordem am Bauhaus gelehrt hatten, unternahmen von den USA aus zahlreiche Reisen nach Mexiko und in andere lateinamerikanische Länder, bei denen sie präkolumbische Architektur fotografierten und archäologische Objekte sowie gewebte Stoffe sammelten. Die Formensprache inspirierte einen Teil des von Josef Albers geschaffenen abstrakten malerischen und grafischen Werkes sowie die Weberei von Anni Albers.

Andere Künstler richteten ihr Augenmerk mehr auf die zeitgenössischen Manifestationen indigener Lebensweise. Die nach Argentinien emigrierte Fotografin Grete Stern hatte am Bauhaus studiert und sich in Europa einerseits mit Werbegrafik befasst, andererseits mit freien fotografischen Kompositionen und Stillleben. In Amerika widmete sie sich verstärkt dem Porträt sowie der Architektur- und Landschaftsfotografie. Ihre umfangreichste fotografische Dokumentation lieferte sie ohne Auftrag mit dem mehr als eintausend Fotos umfassenden Zyklus über die indianischen Bewohner des argentinischen Chaco. Diese Arbeit war zu gleichen Teilen politisch wie ästhetisch motiviert. Grete Stern wollte den Argentiniern vor Augen führen, dass es einen indianischen Anteil des eigenen Landes gibt und in welch prekären Verhältnissen viele Indianer lebten. Zugleich aber würdigte sie die handwerklichen und künstlerischen Fähigkeiten der indigenen Bevölkerung, insbesondere auf den Gebieten der Keramik und der Weberei. Die von ihr fotografierten Objekte sind von einer elementaren Ästhetik geprägt, welche den Werken der Bauhaus-Künstler verwandt erscheint.

Bilder einer anderen Welt

Im europäischen Bewusstsein ist „Amerika“ vor Jahrhunderten als unerwartete Alternative aufgetaucht. Seit den ersten Begegnungen lenkte man Ängste und Hoffnungen auf den neuen Kontinent. Die damit verbundenen Imaginationen erweisen sich als bis heute wirksam, oft in Wechselwirkung mit den in immer größerer Fülle vorliegenden konkreten Bildern. Die Frequenz der Reisen über den Atlantik nimmt stetig zu, mittlerweile längst in beide Richtungen. Eine Herausforderung bleibt die fortgesetzte Reflexion der Reisetätigkeit sowie die Erweiterung üblicher Perspektiven – mit einer gesteigerten Wahrnehmung für die Kunst und Kunstgeschichte der außereuropäischen Akteure und Akteurinnen.
Christoph Otterbeck
ist Kunsthistoriker und Direktor des Museums für Kunst und Kulturgeschichte der Philipps-Universität Marburg. Er ist Autor u.a. von “Europa verlassen. Künstlerreisen am Beginn des 20. Jahrhundert” (2007). Zusammen mit Angela Weber verfasste er den Buchbeitrag „Vom Bauhaus nach Argentinien. Grete Stern und ihre fotografische Dokumentation indigener Kulturen des Gran Chaco (1958-1964)”.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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