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Orte der Sehnsucht

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Traumreisen und Reiseträume: Wie lassen sich Fernweh und sein Pendant Heimweh psychologisch deuten?

Wer kennt das nicht? Der Name eines Ortes, der geradezu eine magische Anziehungskraft auslöst. Manchmal einfach ein interessantes Wort: Timbuktu, Sansibar, die Osterinseln, Ouagadougu. Da muss man einmal im Laufe des Lebens hinreisen – oder auch nicht. Reist man da hin, kann das durchaus enttäuschend sein: Der Ort löst nicht ein, was wir uns vorgestellt haben.

Mit Traumorten ist eine präzise Vorstellung verbunden, wir schaffen diese Orte geradezu mit unseren Vorstellungen, und wenn wir eine lebendige Vorstellungskraft haben, „wissen“ wir sogar, wie es an diesem Ort riecht. Und wir wissen auch, wie wir uns dort fühlen werden – einfach glücklich –, manchmal auch, wen wir da antreffen werden.

Den Orten der Sehnsucht entsprechen psychische Gegebenheiten, die durch die Sehnsucht eine mehr oder weniger reale Gestalt annehmen. Und deshalb haben sie einmal mehr oder auch weniger einen Zusammenhang mit dem konkreten Ort in der realen Welt, auf den diese Sehnsucht projiziert wird, der es ermöglicht, die Sehnsucht zunächst einmal zu verorten.

Manche Menschen erleben solche Orte der Sehnsucht auch im Traum. Da ist man im eigenen, in charakteristischer Weise ausgestatteten Ferienhaus auf den Klippen, über dem Meer. Im Traum freut man sich, wieder einmal hier zu sein, kennt alles gut, bis auf ein kleines Detail, auf das wir aufmerksam werden: etwa, dass ein Fuchs eingezogen ist ... Beim Erwachen stellt man fest, dass man dieses Haus ja gar nicht besitzt, dass es ein solches Haus so auch gar nicht geben kann, und dennoch ist man überzeugt davon, dass dieses Haus doch auch zu uns gehört: ein Haus der Sehnsucht, das sich bereits materialisiert hat, das man sich vorstellen kann und das uns mit ganz besonderen Emotionen erfüllt: etwa mit dem Gefühl, heimkommen zu können, Frieden zu finden, in der Freude anzukommen... Das Haus ist ein Symbol für uns selbst, für unsere spezielle Lebenssituation.

Sehnsucht

Was Menschen bewegt, ist die Sehnsucht. Und Menschen sind immer in Bewegung, und deshalb sind wir auch immer auf irgendwelchen Wegen. Die Sehnsucht zeigt uns Ziele dieser Bewegung. Die Sehnsucht ist eine Form der Bezogenheit auf die Zukunft, sie transzendiert das Jetzt und Hier in großem Maße, wir stellen uns etwas vor, das weit in der Zukunft und auch weit weg liegt. Die Sehnsucht lebt von der Imagination. In der Sehnsucht zeigen sich unsere Entwicklungsmöglichkeiten, unsere Potentiale, aber auch einfach, was noch aussteht, was ansteht, was noch fehlt zu einem Leben, das uns ganz und sinnvoll erscheint. Würden wir erreichen, was die Sehnsucht uns herbeisehnen lässt, dann wäre keine Sehnsucht mehr zu spüren. Aber wir können getrost sein, so lange wir leben, wird immer etwas fehlen, steht immer etwas aus, bleibt immer die Sehnsucht, auch wenn sich das, wonach wir uns sehnen, im Laufe der Zeit etwas verändert. Das Leben ist endlich – die Sehnsucht aber will das Unendliche, das Ganze. Es ist ein Suchen und Fragen nach etwas, das ganz erfüllt, sie schlägt eine Brücke vom noch nicht ganz erfüllten Jetzt und Hier zu einem als erfüllt gedachten „Später“. Und dieses „Später“ kann sich auch einstellen, wenn wir eine ganz bestimmte Reise unternehmen, einen ganz bestimmten Ort real kennenlernen, an dem wir uns auch selber wieder neu erfahren, schätzen lernen, lieben lernen.

Aber meistens haben wir weniger prägnante Sehnsüchte als eine konkrete Reise: Sehnsucht nach Liebe, nach Ferne, nach dem Fremden, nach Weite oder nach Heimat und Geborgenheit, Sehnsucht nach innerem Freisein, Sehnsucht, ein ganz anderer oder eine ganz andere zu sein, Sehnsucht nach einem „ganz anderen“ Leben, Sehnsucht nach heftigen Gefühlen, nach Intensität, nach Sinn – oder auch einfach nach Ruhe. Und diese Ziele der Sehnsucht verbinden sich miteinander.

Sehnsucht ist mit Weh gekoppelt, was sich im Wort „Heimweh“ oder „Fernweh“ niederschlägt: entweder zu Hause – was man auch erst finden müsste – oder in der Ferne meinen wir zu finden, was uns „ganz“ macht. Wir wissen, dass die Sehnsucht als Ganze letztlich unerfüllbar bleibt. Binden sich unsere Sehnsüchte an konkrete Vorstellungen, dann entstehen bestimmte Wünsche. Damit ist dann die Erwartung verbunden, dass diese Wünsche auch erfüllt werden müssen, damit das Leben als gelungen beurteilt werden kann. In diesem Zusammenhang muss man dann unter Umständen feststellen, dass man nicht gefunden, was man gesucht hat – auch wenn nicht ganz deutlich geworden ist, was man denn eigentlich erstrebt hat. Nach einer Reise, auf die man sich lange gefreut hat, kommt man zum Schluss: Das war nicht, was ich wirklich gesucht habe. Immerhin hat man die Vorfreude gehabt, und das ist psychologisch gesehen die stärkste Freude, die man haben kann. Die Vorfreude als solche kann uns niemand nehmen, nur wir selber, wenn wir sie, aus Angst vor Enttäuschung, nicht zulassen. Manchmal macht man die Enttäuschung dann fest an den Umständen, am Wetter, an den Reisegefährtinnen und -gefährten. Aber es steckt mehr dahinter: Ein neues Ziel muss definiert werden, einem neuen Wunsch nachgegangen, in der Hoffnung, dass es das ist, was man – halb unbewusst – intendiert.

Dabei kommt es durchaus auch vor, dass wir zwar unser Ziel nicht erreichen, eine Erwartung sich nicht erfüllt, wir aber dennoch den Weg dahin als positiv beurteilen, als eine gute Lebenserfahrung. Da hat man Begegnungen gehabt mit Menschen, die zutiefst berührt haben, die vielleicht sogar das Leben verändert haben. Und dennoch: Es gibt neue Ziele der Sehnsucht. Psychologisch gesehen geht es darum, Möglichkeiten, die mit unserem Selbst ebenfalls verknüpft sein könnten, zu fantasieren. Es gibt nicht nur ein Selbst, das wir bereits entwickelt haben – es gibt auch noch ein „mögliches Selbst“, das sich in unseren Erwartungen zeigt und durch eine inspirierende Vision von einem anderen Leben, das auch unseres sein könnte. In den verschiedenen Erwartungen werden dann sozusagen Etappenziele festgelegt. Die Sehnsucht ist ein Ausdruck davon, dass wir uns immer wieder neu auf die Zukunft hin entwerfen, dass wir in einer ständigen Entwicklung stehen, in der immer wieder neue Lebensbereiche anspringen. Die Sehnsucht gibt den Lebensthemen die imaginative Gestalt. Das Interesse, wenn es leidenschaftlich ist, gibt Schub und bewirkt, dass die Lebensthemen im Laufe der Zeit konkret verwirklicht werden, dass wir bewohnbare Lebensorte für sie finden. Die Hoffnung und die Begeisterung bewirken, dass eine Ausrichtung der Lebensthemen auf das Bessere hin bleibt, trotz Widerständen und Angst.

Die äußere Reise, der innere Weg – oder umgekehrt

Sehnsucht – so habe ich bis jetzt beschrieben – führt uns auf einen Entwicklungsweg, hält uns in Bewegung. Wir sind immer auf dem Weg. Gelegentlich meinen wir, wir seien angekommen, ruhen uns aus, genießen die Situation, und dann brechen wir doch wieder auf.

Was klingt, als wären es Etappen einer Reise, kann auch verstanden werden als innere Dynamik des Menschen, Bewegungen, die uns Menschen ausmachen.

Die Erfahrungen im Traum sind keine so ganz anderen als die, die wir auch bei realem Aufbrechen und Reisen machen. Denn der Traum handelt auch vom alltäglichen Leben, davon, was für den Menschen grundsätzlich wichtig ist; dadurch aber, dass wir schlafen, können Erfahrungen und Bilder in einer so komplexen Weise verknüpft werden, wie wir es im Wachen nicht schaffen. Verschiedene Gedächtnissysteme können interagieren und das führt dazu, dass im Traum eigentümliche, kreative Verbindungen zustande kommen.

Wie oft wünscht man sich auf einer realen Reise, wenn einfach kein Transportmittel mehr aufzutreiben ist, das Ganze möge ein Traum sein, dann könnte man wenigstens erwachen und über den Sinn des Traumes nachdenken.

Angst, zumindest gelegentliche Besorgnis und Freude erleben wir auf Reisen im Traum, aber auch in der Realität. In der Realität aber gehen wir davon aus, dass uns eine Reise vor allem Freude schenkt. Freude ist die Emotion, die wir fühlen, wenn das Leben besser, schöner, intensiver, stimmiger ist als zu erwarten war: und in der Freude sind wir auch einverstanden mit uns selber, mit den anderen Menschen, mit der Welt überhaupt. Dieses Gefühl, das uns eine gute Selbsterfahrung gibt, das uns hilft, auch mit Widrigkeiten besser umgehen zu können, das suchen wir. Und manchmal finden wir es sogar … oft, nachdem wir durch eine Phase der Beunruhigung hindurchgegangen sind. In der Freude, die wir erleben, finden wir einen Ort, nach dem wir uns sehnten, wirklich. Dann sind wir am Reiseziel konkret angekommen.
Verena Kast
(1943, Wolfhalden, Schweiz) ist Psychotherapeutin, Dozentin am C. G. Jung-Institut in Zürich, Professorin an der Universität Zürich und Vorsitzende der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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