Passagen

Migration einst und jetzt

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Der „nachgereifte“ Schmerz des Scheidens und seine Linderung im digitalen Zeitalter.

Wanderschaft und Auswanderung

„Das Wandern ist des Müllers Lust, das Waa-an-dern…” stimmen die Kinder an, die hinter der aufmunternd singenden Mutter durch Wald und Wiesen stapfen – immer auf die Burg Kreuzenstein zu, den Stolz ihrer engeren Heimat in der Nähe von Wien. Bald aber werden sie „vor den Russen fliehen“, in einem fernen steirischen Ort untertauchen, brave Katholiken mimen, um von den Einheimischen nicht angefeindet zu werden, bis aus ihrer Müllerslust ein „Aus-wan-dern“ wird. Auf dem Schiff ab Genua, im Gewirr von Menschen und Sprachen, geht es über den Atlantik den Erdball hinunter, in eine ferne Republik, die die Kinder nur von einer Briefmarke kennen: als weißen Fleck, der im Grenzumriss wie ein Stanitzel aussieht. Wohlhabende Verwandte in Argentinien haben den Vertriebenen ins hungerarme Nachkriegs-Österreich geschrieben, ihnen Rufpassagen geschickt und ihnen eine friedensreiche, blühende Zukunft in der neuen Heimat ausgemalt.

Die Kinder lernen Spanisch, aber die singfreudige Mutter sorgt dafür, dass sie ihre Sprache nicht verlernen, ihre Wurzeln nicht verleugnen. Missfällig hat sie beobachtet, wie deutschsprachige Auswanderer im Einwanderungsland „verhiesigen“ – in dieser unstimmigen Nation, die sich selbst ungeniert bescheinigt: „Unsere Bevölkerung ist von den Schiffen gestiegen.“ Also wird in Buenos Aires Karl Mays Winnetou gelesen, Brehms Tierleben und Peter Roseggers Als ich noch der Waldbauernbub war.

Aus diesem Hausschatz hat mich eine Erzählung von Friedrich Gerstäcker ergriffen: Germelshausen. Ein junger Maler auf Wanderschaft begegnet am Ortsrand einer Dorfschönen und begleitet sie zum Festtreiben auf dem Marktplatz. Er weiß von der Sage nicht, nach der das verwunschene Dorf nur alle hundert Jahre aus dem Moor steigt, um nach Mitternacht wieder zu versinken. Und so findet sich der Verliebte plötzlich in seine Wirklichkeit zurückversetzt, in eine menschenleere Sumpflandschaft, und hängt mit Schmerz und Sehnsucht dem Erlebten nach. Erst Jahre später entdeckte ich, was Ernst Bloch unter „Motiv des Scheidens“ über Germelshausen schrieb: „Ich kenne keine schönere Geschichte des Scheidens, seiner genauen Wehmut, seines möglichen Untergangs oder auch der verträumten Nachreife seiner Bilder.“ Dazu findet er die nahegehenden Worte: „Das Scheiden ist selber sentimental. Aber sentimental mit Tiefe, es ist ein ununterscheidbares Tremolo zwischen Schein und Tiefe.“ (in: Spuren, 1969)

Mir wurde bewusst, warum mich Gerstäckers Novelle so hartnäckig begleitet hatte: Erst die „Nachreife“ meines eigenen  Abschiednehmens hat die Kindheitsreise über den Atlantik zu einem Weggehen werden lassen. Aufbruch, Abschied, Äquator – all das war voll Geschäftigkeit und Erlebnis gewesen; erst die verträumt „nachreifenden“ Empfindungen des Scheidens rundeten die Reise zur Auswanderung ab. Wie sich aber in unserem Jahrhundert dieser Vorgang verändern würde, konnte ich noch nicht wissen.

Reise und Migration sind erst in einem langen geschichtlichen Prozess zu unterscheidbaren Begriffen geworden. Dann aber setzte der ins Unendliche anschwellende Strom von Auswanderer-Schrifttum ein, mit seinem Herzstück, den Chroniken und Briefen. Unzählige Male wiederholen sich die Motive, werden Leiden und Freuden, Erfolg und Scheitern geschildert in der zunächst bedrohlichen, verheißenden, dann aber alltäglich banalen „Fremde". Später kam die Fotografie hinzu, mit zahllosen blassen, meist melancholisch anmutenden Gesichtern, deren Namen man bald vergaß, und den theatralisch komponierten Gruppenbildern, auf denen die erstarrten Figuren noch namenloser wirkten. Doch den pathetischen Höhepunkt zeigen die ersten Filme, in denen die ruckartige Bewegung der Auswanderer drastisch ihre schicksalsschweren Schritte suggeriert. 

Aimé Bonpland und Erik Pringsheim – zwei Auswanderungsgeschichten

Nur zwei Geschichten fische ich hier aus dem unendlichen Strom von Berichten und Briefen. Zunächst, wie Aimé Bonpland im Januar 1817 von der französischen Brig „Sainte Victoire“ klettert und das lehmige Steilufer zur Stadt Buenos Aires hinaufsteigt. Ein neuer Start in der Neuen Welt, diesmal – allein. Sein einstiger Gefährte von der berühmten Forschungsreise durch Süd- und Nordamerika, Alexander von Humboldt, glänzt in Paris und Berlin. Er aber – der Gärtner von Malmaison, Gesprächspartner der armen Kaiserin Josephine – hat nur einen windigen Regierungsvertrag in der Tasche. Wie andere Landsleute sucht er nach dem Sturz Napoleons – als politischer Emigrant und als Experte – einen gastlichen Boden. Es ist eine Mischung aus Exil und reizloser Heimkehr-Option. Doch Bonpland will vor allem bleiben. Und er bleibt bis zu seinem Tod, vierzig bewegte Jahre später. Zu Beginn freilich trifft ihn, was ihm in der Heimat erspart geblieben war: zehn Jahre Gefangenschaft – in Paraguay, unter dem paranoiden Supremo Gaspar Rodríguez de Francia. Man verdächtigte ihn der Spionage und der Gefährdung des paraguayischen Matetee-Monopols. Bald nach seiner Freilassung entwickelte er dann tatsächlich den ersten industriellen Matetee-Anbau in Argentinien, opferte sich in Pionierarbeit für Lepröse und wurde endlich als Vieh- und Schafzüchter wohlhabend.

Die zweite Geschichte handelt davon, wie, neunzig Jahre später, Hedwig Pringsheim, die Mutter von Thomas Manns Frau Katja, in Buenos Aires von Bord geht. Sie führt 1907/08 ein aufgewecktes Reisetagebuch darüber (nachzulesen bei Inge und Walter Jens, Auf der Suche nach dem verlorenen Sohn, 2006). Die Eltern haben Katjas Bruder Erik ins ferne Südamerika verbannt. Er hat Schulden (auf der Pferderennbahn) gemacht, mit ungedeckten Wechseln bezahlt, am Ende sogar den Familienschmuck versetzt.“ Im notorischen Pferdeland Argentinien möge er ein neues Leben nach seinem Gusto gestalten, ohne dem Ansehen der Münchner Patrizierfamilie weiter zu schaden. Aber Eriks Briefe bereiten der Mutter Sorgen. Kurz entschlossen schifft Frau Pringsheim sich auf der Cap Arcona ein, um nach dem Rechten zu sehen. Mutter und Sohn reisen zusammen durch die Pampa, wagen eine endlose Bahnfahrt und den Mauleselritt über die Anden nach Chile. Schließlich erwirbt Erik ein Landgut in tiefster Provinz. Voll Zweifel kehrt die Mutter nach München zurück. Bald darauf trifft das fatale Telegramm ein: Erik ist tot. Ein Hitzeschlag nach wildem Ritt, oder vergiftet? Fragen, auf die wir vielleicht bei Thomas Mann eine Antwort gefunden hätten – doch sein Felix Krull, in dem Erik herumgeistert, blieb unvollendet.

Auswanderer und Einwanderer – Tod und Geburt

Verbannung, Exil, politisches Asyl, ihre finanziellen, geistigen und sozialen Nöte – all dies sind Facetten von Migration, aber als Abart normaler Übersiedlung,  als Pathologie der Auswanderung doch nur ein Teil dieses komplexen Phänomens. Ein vielseitiger und brillanter Essayist wie Hans Magnus Enzensberger geht in seiner Schrift Die große Wanderung (1992) nur in exkursartigen, eher der Etymologie verpflichteten Absätzen darauf ein. Im Exil vermischen sich Trauer und Pathos, empörende Ungerechtigkeit und Ausbrüche von Selbstgerechtigkeit, wie León und Rebeca Grinberg 1984 darlegten: Das Exil bildet den dramatischen Knoten im Geflecht der Migration zwischen Nationen. Doch nirgendwo haben Norm und Praxis des politischen Exils eine so beachtenswerte Entwicklung erfahren wie in Lateinamerika: Die Exil-Möglichkeit und entgegenkommende Asyl-Praxis hier zählen zu den wenigen Lichtblicken in der sonst meist egoistischen und engstirnigen Haltung gegenüber den weltweiten Wanderungsströmen.

Anders als der Exilierte wird der Auswanderer alsbald zum Einwanderer – zwei Rollen, die auf Lebzeiten seine Persönlichkeit prägen. Mag der Exilierte die Fremde häufig wie einen Tod empfinden, so erfährt der Einwanderer sie als zweite Geburt. Seine neue Identität wird zu einem nicht immer stimmigen Patchwork aus Herkunft und Ankunft. In der Binnenkultur der Einwandererfamilien wird der Kontrast oft über Generationen fortgesponnen. Da wird Herkunft zum Mythos, Ankunft zur Epopöe verklärt.

Das wanderfroh singende Kind, wie ich eines gewesen war, machte daraus später seinen Beruf – als Mitarbeiter der International Organization for Migration (IOM), einer internationalen Behörde, die von ihren Mitgliedstaaten beauftragt ist, sich mit allen Varianten und Problemen der Migration zu befassen. Ihre Statistiken und Grafiken verzeichnen alles, was sich zwischen den Staaten bewegt – ob freiwillig oder erzwungen, legal oder illegal, unter governance oder chaotischen Vorzeichen: weltweit über 200 Millionen Migranten, zur Hälfte Frauen, ein Zehntel ohne Papiere, 16 Millionen Asylsucher. Mit ins Bild gehören Menschenhandel, Schlepper, Sklaverei – Verbrechen, die mehr Geld erwirtschaften als mancher Multi – sowie rassistische, religiöse und politische Intoleranz zwischen Migranten und Einheimischen, die den Alltag vieler Städte vergiftet. „Da könnte ja jeder kommen!“, schreien die Einheimischen nicht nur in kritischen Theaterstücken aus dem vermeintlich „vollen Boot“ den Ausländern entgegen, die noch zusteigen wollen. Verspätet, ratlos und dumm hinkt die Politik hinterher. Wenn der Experte tief genug in die Seitentäler der Information vordringt, begegnet ihm eine sinistre Gegenwelt, aus der er ratlos und entmutigt herauskommt. Ist es da eine Beruhigung, dass Migranten jährlich 440 Milliarden Dollaraus reichen Industriestaaten in ihre Herkunftsländer überweisen, womit dieser Devisenfluss oft deren Gesamtexportwert übertrifft?

Territoriale Ferne und virtuelle Nähe

Längst aber zeichnen sich neue Tendenzen ab, die mit der vielbeschworenen Globalisierung zusammenhängen. Wie Saskia Sassen in Territory, Authority, Rights (2006) ausführt, entstehen aus der globalen Vernetzung der Megastädte, durch die Ausweitung internationaler Rechtsnormen, durch transnationale Arbeitsmärkte und zunehmende technologische, massenkulturelle Gemeinsamkeiten, flexiblere Migrationsbedingungen. Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim haben in diese neue Welt hinausgeschaut. Was wird aus Wandern und Auswandern in Zeiten des Cyberspace? fragten sie in Fernliebe (2011). Der Mensch entpuppt sich als ein Lebewesen, das viele Bedürfnisse im von ihm erschaffenen, virtuellen Raum erfüllen kann. Die Beck'schen „Weltfamilien“ leiden weniger an Ortswechsel- und Kommunikationsfrust, die territoriale Entfernung wird durch das Elektronik-Angebot verringert. In der Annährung der Alltagskulturen verblasst, was den Migranten an der „Fremde“ beunruhigt hatte. Jüngere treffen am Ziel auf viel Bekanntes. Die einst bange Identitätsfindung wird von ihnen eher cool abgewickelt. Die alte Fremde beginnt sich selbst fremd zu werden.

Wo das ausgewanderte Kind einmal am Schmerz des Scheidens litt, findet es heute seine Freude am neuen i-Pad oder Smartphone. Es muss diese nur haben können. Die Mühe des Migranten, sich anzupassen, wird vom Anspruch am Teilhaben verdrängt. Beim Berühren des touch-screen, in der Begegnung mit einer vertrauten virtuellen Welt, verliert sich der Schmerz des Scheidens.
Germán Kratochwil
(1938, Korneuburg, Österreich) wanderte als Kind nach Argentinien aus. Er lebt in Buenos Aires und Patagonien. 1973 promovierte er in Hamburg in Sozialwissenschaften und war für internationale Organisationen in Lateinamerika und Deutschland tätig. Sein erster Roman, „Scherbengericht“, der auf der Longlist für die Nominierung des Deutschen Buchpreises 2012 stand, erschien 2012 in Wien; im Herbst 2013 folgt der Roman „Rio Puro“.

Übersetzung aus dem Spanischen: der Autor
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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