Passagen

Der paradoxe Effekt des Reisediskurses

Um weiter unterwegs sein zu können (und zu schreiben), muss ich jetzt mehr als je zuvor die Reise fliehen.

Bis vor kurzem wiederholte ich, dass die Reise für meine Arbeit grundlegend sei, weil sie mich vor einfachen und unmittelbaren Identifikationen bewahrte, mich mit dem konfrontierte, was ich nicht verstand, mir Unannehmlichkeiten bereitete, aus mir einen ewigen Fremden machte, sogar im eigenen Land, mich verletzlich und durchlässiger machte für das, was nicht Teil meines Lebens war, was ich eigentlich nicht (er)-leben würde, wenn ich nur auf das reagieren müsste, was man von mir erwartet und von meiner Erfahrung als Autor, eingeschrieben in meine Biografie, in meine Nationalität, mein Geschlecht, in meine Sprache. Ich wiederholte dieselbe Geschichte, bis ich sie selbst nicht mehr hören konnte und begriff, dass es genau das war, was auch andere Schriftsteller immer wieder auf die eine oder andere Weise auf Kongressen, Buchmessen und literarischen Begegnungen im Ausland äußerten, und zwar immer, wenn man es darauf anlegte, eine Theorie über sich selbst zu offenbaren oder ein respektables literarisches Bild von sich selbst zu entwerfen. Kein Schriftsteller wird sagen, dass er den Gemeinplatz sucht. Kein Schriftsteller wird das Immergleiche loben, die Sesshaftigkeit oder die Unbeweglichkeit. Alle sagen, dass sie das Unbekannte suchen. Auch wenn sie es nicht tun. Auf die eine oder andere Weise sagen immer alle Dasselbe.

Ein neues Bewusstsein

Es stimmt schon, dass es darüber hinaus nicht viel zu sagen gibt. Und peinlich berührt muss ich eingestehen, dass ich – in meiner arroganten Ignoranz – sogar soweit war zu glauben, dass man mich imitierte, dass meine persönlichen Gedanken übernommen worden wären, und aus Rache erfand ich die Geschichte eines Schriftstellers, der schon aufgehört hatte zu schreiben, und dessen Werk sich auf das reduzierte, was er auf den Kongressen, Buchmessen und Literaturtreffen, zwischen denen sein Leben verstrich, vor sich hin sagte, bis er endlich einsieht, vollkommen entsetzt, dass der Diskurs, den er für so originell und individuell hielt, sich nicht von dem unterschied, was alle anderen Schriftsteller ständig wiederholten (und immer wiederholen) auf denselben Kongressen, Messen und Literaturtreffen auf der ganzen Welt. Über diese Figur, die für mich auf gewisse Weise ein neues Bewusstsein darstellte, verstand ich folgendes: Wenn einerseits das, was ich über die Reisen zu sagen habe, ein Gemeinplatz ist (und es vielleicht immer schon war), so wirft mich auf der anderen Seite das Verabscheuen des Klischees, das in diesem Denken enthalten ist, in einer zirkulären und paradoxen Bewegung auf das zurück, was mich ursprünglich an ihm reizte. Reisen ist für mich einfach eine Art Flucht. Die Frage, die man den Autoren stellen müsste, lautet: „Wenn niemand lesen würde, würden Sie aufhören zu schreiben?“ Wenn die Literatur synonym für den Markt stünde und nur von Angebot und Nachfrage abhinge, so wäre die Antwort klar und die Frage bräuchte nicht gestellt werden. Aber für denjenigen, der wie ich darauf beharrt zu denken, dass Literatur sich außerhalb des Marktes befindet, so widersprüchlich das erscheinen mag in einer Welt, die sich selbst schon nicht mehr vom Markt unterscheidet, bedeutet Literatur zu machen, sich außerhalb des Marktes zu platzieren. Daher die Bedeutung der Reise.

Zurückweisung der Identitäten und vorgeprägten Definitionen

Zwischenzeitlich wurde mir klar, dass ich dabei war, während ich ausführlich denselben Diskurs über die Reise wiederholte, um den Konformitäten zu entkommen, nur eine weitere hinzufügte. Über das Lob der Bewegung und des Ortswechsels wurde ich selbst immer sesshafter, ich erfand ein Selbstbild, das mich an einem bestimmten Punkt erstarren und versteinern ließ, es verdammte mich dazu, eine bestimmte Art von Schriftsteller zu sein, ein Marketingprodukt.

Es musste doch einen Weg geben, aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Durch Schweigen. Oder im Gegenteil durch das Paradoxon eines Werkes, das nicht wiederzuerkennen ist, obwohl sich doch beim Künstler (oder Schriftsteller) alles darum dreht, wiedererkannt zu werden. Lange Zeit wiederholte ich, dass ich am Reisen am meisten liebte, nicht zu wissen, wohin es genau ging, wie jetzt in diesem kleinen Text der Selbstschmähung oder Selbstkritik, der nur vom Horror geleitet ist dazuzugehören, zu wem auch immer, einen Teil auszumachen, sich vorgefassten Definitionen zu unterwerfen, die ich mir sogar selbst auferlegte. Natürlich gab es Leute, die mich des Voluntarismus bezichtigten, so als ob ich glaubte, das alles nur von meinem Willen abhinge. Aber nachdem dieser Voluntarismus zunächst mit meiner Widerborstigkeit, mit meinem Widerspruchsgeist zu tun hatte, nahm ich diese Kritik nie sehr ernst. Auf der anderen Seite ließ sie mich überlegen, warum ich so großen Horror davor hatte (und immer noch habe) dazuzugehören und ob sich das nicht einfach auf den Wunsch reduzieren ließ, originell zu sein.

Die Enthüllung

Warum diese Obsession? Zunächst, weil ich immer Dinge sagen wollte, die ich nicht genau weiß oder von denen ich intuitiv weiß, dass sie sich nur auf widersprüchliche oder paradoxe Art ausdrücken lassen. Dinge, über die ich, im Gegensatz zu den Wissenschaftlern und Philosophen, praktisch nichts weiß und woran zu glauben, wie an eine Art Magie oder Religion, die sich im Text selbst enthüllt, ich Angst habe. So als ob der Text das schreibt, was ich denke, bevor ich selbst es denke. Natürlich eignet sich dieses Affirmationsgenre für einen Haufen Fetischismus und Angeberei und wirft uns auf die Klischees zurück und auf die Selbstbeweihräucherung des Schriftstellers, die ich vermeiden wollte. Aber es ist eigenartig, dass ich als eher areligiöser und ziemlich antiklerikaler Mensch manchmal dazu neige, dem literarischen Text eine quasi mystische Kraft zuzuschreiben.

Es hat lange gedauert, bis ich den lähmenden Effekt bemerkt habe, den das Reden über die Reise als ständige Bewegung, als nie erreichtes Ideal, ausübt, dass es im Grunde genommen das ist, wonach jeder Schriftsteller sucht, ohne es zu präzisieren oder anzukündigen. Das Problem liegt im Sprechen darüber und damit zum Propheten seiner eigenen Arbeit zu werden, wie jener Schriftsteller, den ich mir vorgestellt hatte, und der schon nicht mehr schrieb, sondern nur noch redete, sich nur noch erklärte.

Was mich an der Literatur fasziniert, ist ihre Ambiguität, dieses unbestimmte Terrain, das sich einer erschöpfenden und einzigen Interpretation entzieht und sich auch nicht auf einen einzigen Ort beschränken lässt. Mich fasziniert der Traum von Texten, die imstande sind, persönliche Religionen hervorzubringen, ohne Kirche und ohne Anhängerschaft. Gerade deshalb muss ich, um weiter unterwegs sein zu können (und zu schreiben), jetzt mehr als je zuvor die Reise fliehen.
Bernardo Carvalho
(1960, Río de Janeiro) ist Romancier, Dramaturg, Übersetzer und Journalist und Autor unter anderem von „In São Paulo geht die Sonne unter“ (2009), „Neun Nächte“ (2010) und „O Filho da Mãe“ (2009), das 2013 auf Deutsch unter dem Titel „Dreihundert Brücken“ erscheint.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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