Passagen

Paradiesische Fluchtpunkte

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Ein Gespräch mit Alberto Dines - Doyen der brasilianischen Presse - über den Mythos Brasilien als „Land der Zukunft“, über Stefan Zweig, Antisemitismus und die „Monotonisierung der Welt“.

Alberto Dines wurde im vergangenen Jahr achtzig. Woche für Woche erhebt er immer noch seine Stimme im Radio, im Fernsehen als Moderator und in der Presse. Es geht ihm darum sich in Brasilien einzumischen, die Gegenöffentlichkeit zu stärken, politisch oder weltanschaulich opportune Leichtgläubigkeit zu geißeln, Presseerzeugnisse auf ihren Wahrheitsgehalt zu hinterfragen und nicht zuletzt immer wieder die klare Trennung von Kirche und Staat zu fordern. In Brasilien und auf der ganzen Welt. Dieser graumelierte, vornehm wirkende, streitbare Herr hat eine Mission. Es ist die Mission des kritischen Denkens, der Freigeisterei. Dines gehört zur seltenen Gattung jener Journalisten, die in Brasilien zum anerkannten Medienkritiker avancierten. Die Fans seiner Sendung und seiner bissigen Artikel haben Dines wie einen brasilianischen Don Quijote ins Herz geschlossen, der auch gegen die Mühlen einer fortschreitende Kommerzialisierung und Nivellierung der brasilianischen Medienöffentlichkeit ankämpft. Andere wiederum, darunter auch alte Kollegen aus der Medienbranche, sehen in Dines dagegen eher den Störenfried, Moralprediger oder Nestbeschmutzer. Jedenfalls einen, auf den man getrost verzichten kann.

Bereits in den 80er Jahren diagnostizierte Dines eine mangelhafte Selbstwahrnehmung und Selbstreflexion der brasilianischen Presse. Diese Auseinandersetzung führte Dines zur Frage nach dem Selbstverständnis der Kultur Brasiliens generell. Und ferner zum Phänomen, dass Brasilien Europäern immer wieder als Projektionsfläche für paradiesische Verheißungen dienen musste. Dines kann, auch hier seiner Mission einer laizistischen Aufklärung verpflichtet, mit der emphatischen Beschwörung von Paradiesvorstellungen nichts anfangen. Andererseits ist es gerade diese Paradiesvorstellung namens Brasilien, die ihn immer wieder gereizt und nicht mehr losgelassen hat, an der er paradoxerweise hängt.

Morte no paraíso (1981)  – auf Deutsch: Tod im Paradies – die Tragödie des Stefan Zweig (2006) – lautet denn auch der Titel jener Biografie, die sich mit dem tragisch endenden Schriftsteller Stefan Zweig und seiner letzten Station Brasilien auseinandersetzt. Vom Naziterror und vom ideologischen Exzess Europas vertrieben, meinte Zweig in der brasilianischen Kultur ein Modell für die humanistische Zukunft der Menschheit erkennen zu können. In Brasilien, dem Rettungsanker in spe, nahm er sich gleichwohl in der Nacht zum 23. Februar 1942 mit seiner Frau das Leben.

Der deutsche Publizist Martin Meggle sprach in São Paulo mit Alberto Dines, unter dessen Federführung im Juli 2012 die Casa Stefan Zweig, ein Dokumentationszentrum zu Ehren des Schriftstellers, eröffnet wurde.

Martin Meggle: „This is a country of the future no more. The people of Brazil should know that the future has arrived.“ Mit diesen gewagten Worten bediente der amerikanische Präsident Obama bei seinem letzten Staatsbesuch einen altbekannten Topos.

Alberto Dines: Heute denkt man nicht mehr nach, wenn man Brasilien als „Land der Zukunft“ bezeichnet oder charakterisiert. Die Vorstellung, dass Brasilien ein „Land der Zukunft“ sein soll, ist längst selbstverständlich geworden, ein Gemeinplatz.

Auf welchen Kontext geht dieser Topos zurück?

Im Grunde steckt der österreichische Schriftsteller Stefan Zweig dahinter. Zweig verfasste während des Zweiten Weltkriegs ein Buch mit dem Titel Brasilien: Ein Land der Zukunft (Bermann-Fischer, Stockholm 1941). Das Buch wurde international zu einem Bestseller.

Gab es vor Zweigs Hymne auf Brasilien Texte, die ebenfalls als Beschwörung des Mythos und damit der glorreichen Zukunft der brasilianischen Kultur gelten können?

Schon vor rund 400 Jahren – 1618 – veröffentlichte der Portugiese Ambrósio Brandão ein Buch mit dem Titel Diálogos das grandezas do Brasil. Die Größe Brasiliens bezieht sich in diesem frühen Text aus der Kolonialzeit auf den überwältigenden Reichtum der brasilianischen Natur an Rohstoffen wie Gold, Silber und Mineralien. Es bezieht sich aber auch auf die besonders gelassene, friedliche Lebensart der Brasilianer.

International landete Zweig mit seinem Brasilienbuch auf der Bestsellerliste. In der brasilianischen Presse hagelte es jedoch Verrisse. Warum?

Stellen sie sich doch nur mal vor, da kommt ein Ausländer nach Brasilien und schreibt ein Buch in den Zeiten der Diktatur über diese Kultur und nennt das Land um país do futuro – „ein Land der Zukunft“. Es war doch vorherzusehen, dass ihm, als die ersten Rezensionen erschienen, unterstellt wurde, für dieses äußerst positive Darstellung der brasilianischen Kultur vom repressiven Staat bzw. vom Ausland bezahlt zu werden. Er kam ja mit einer unglaublichen Begeisterung für dieses Land. Zweig sagte, ich gehe durch die Straßen und sehe nicht Weiße und Schwarze, sondern Mulatten, Mulatten und nochmal Mulatten. Das Phänomen der Rassenmischung begeisterte ihn, zumal er aus Europa kam, wo 1935, ein Jahr vor seiner Ankunft in Brasilien, die Nürnberger Rassengesetze verabschiedet worden waren.

Die zentrale Idee Zweigs, dass Brasilien ein Land der Zukunft sein soll, entsprach in Ihren Augen demnach einer Verblendung?

Die Pointe ist doch, dass diese Redewendung vom Land der Zukunft in Brasilien bzw. unter uns Brasilianern im Grunde als ein Fluch oder leeres Versprechen empfunden wurde und nicht etwa wie bei Zweig als eine große Verheißung. Auch brasilianische Journalisten haben ihr Land in der Regel als ein gescheitertes Unternehmen bewertet, zumal der Wohlstand für breite Teile der brasilianischen Bevölkerung von der Politik immer wieder großspurig angekündigt, aber in der Gegenwart eben nicht realisiert wurde. Tatsächlich haben Brasilianer meistens kein positives Bild von der eigenen Kultur, schätzen sie eher gering. Und gerade aus diesem Grund mussten Probleme entstehen, als Zweig mit seinem Buch Anfang der 40er Jahre diese Lobeshymne auf unsere brasilianische Kultur anstimmte.

Würden Sie sagen, dass Stefan Zweig die Untiefen im Selbstbewusstsein bzw. das mangelnde Selbstwertgefühl der Brasilianer nicht erfasst hat?

Davon hatte Zweig doch keine Ahnung! Zweig kannte Brasilien ja kaum, als er das Buch schrieb. Die kurze Zeit seines Brasilienaufenthalts reichte natürlich nicht, um die tieferen, subtilen Schichten unserer Kultur wirklich kennen zu lernen. Das Buch war schlecht geplant und Zweig hatte keine Zeit, es in Ruhe zu entwickeln. Er schrieb das Buch schnell und bekam dafür von den Behörden ein Aufenthaltsvisum in Brasilien. Das war sozusagen Business.

Aber war es in der Not nicht legitim, sich als jüdischer Schriftsteller während der Verfolgung durch die Nazis auf diese Weise in einen sicheren Hafen zu begeben?

Selbstverständlich war das legitim. Zweig hatte ja Angst, dass die Nazis ihn bis nach Südamerika verfolgen würden. Zweigs Theorie über Brasilien basierte allerdings auch auf falschen historischen Annahmen. Er dachte, dass Brasilien von Kriegen und Revolution verschont geblieben war und hat sich große Hoffnungen auf eine pazifistische Zukunft gemacht. Es gab aber durchaus kriegerische Zeiten in Brasilien, es gab die Inquisition.

Interessierte sich Zweig, der bekanntlich ein Faible für die österreichische K.u.K-Monarchie hatte, auch für die monarchische Vergangenheit Brasiliens?

In der Tat. Zweig verehrte den brasilianischen Kaiser Don Pedro II., der sehr kultiviert war und wie Zweig österreichische Vorfahren hatte. Don Pedro II. war ein perfekter Monarch, der auf die Kraft einer freien Presse vertraute, die imstande war, Probleme mit sich auszumachen ohne dass die Regierung interveniert oder sich permanent einmischt. Erst 308 Jahre nach der Entdeckung Brasiliens fing nach der Ankunft des portugiesischen Königshauses in Brasilien Anfang des 19. Jahrhunderts eine weitreichende Entwicklung an. Das Land erwachte langsam. Der Austausch zwischen portugiesischen und brasilianischen Universitäten nahm Form an. Auch die brasilianische Presse fing erstmalig ab diesem Schlüsseljahr 1808 an, sich zu entwickeln. Dabei muss man wissen: In den vorangegangenen Jahrhunderten gab es keine einzige Zeitung in Brasilien.

Die Idee, Brasilien als ein Land der Zukunft zu feiern, traf in den 40er Jahren also einen Nerv. Gab es einen Denker, der Zweig bei seinem tiefen Glauben an die Zukunft Brasiliens maßgeblich inspirierte?

Zweig fing an, sich für Südamerika zu interessieren, weil ihn unter anderem die Arbeiten des Philosophen Hermann Keyserling inspiriert hatten. Keyserling war ein preußischer Graf, der den Nationalsozialismus kritisierte, obwohl er anfangs sogar eine gewisse Sympathie für Hitler empfunden hatte. Zweig kannte Keyserlings Buch Südamerikanische Meditationen und war tief beeindruckt von dessen Idee, dass Südamerika Europas Humanismus beerben könnte.

Zweig hoffte nicht nur auf eine humanistische Zukunft Südamerikas. Er hatte, wenn ich mich nicht irre, sogar „die spirituelle Einheit der Welt“ im Sinne.

Stimmt. Über die „spirituelle Einheit der Welt“ sprach Zweig 1936 in Rio de Janeiro im Rahmen einer Konferenz. Diese Rede wurde aber nie veröffentlicht. Von einer spirituellen Einheit der Welt kurz nach Ausbruch des Spanischen Bürgerkriegs und noch während der martialischen Zeiten des Zweiten Weltkriegs zu sprechen war übrigens für viele Zeitgenossen ein Beleg für die Naivität des österreichischen Schriftstellers. Aber wenn Sie diesen Text heute im Kontext der globalen Krise lesen, können Sie schon den Eindruck gewinnen, dass diese These durchaus Sinn macht.

Sprach Zweig in Brasilien öffentlich über die Gefahren des Antisemitismus?

Nein. Und das, obwohl sich damals auch in Brasilien ganz offensichtlich ein fürchterlicher Antisemitismus auszubreiten begann. Bei meinen Studien zur Geschichte der brasilianischen Presse habe ich unter anderem untersucht , wie die brasilianischen Medien 1933 die Machtergreifung von Adolf Hitler reflektierten.  Die ersten Zeitungsseiten widmeten sich ausschließlich diesem Thema der Machtergreifung, es wurden zahlreiche Hintergrundinformationen veröffentlicht. Offenbar war Brasilien in den 30er Jahren ein Land, das besser informiert war, als es heute den Anschein erweckt.

Wer stand hinter dem brasilianischen Antisemitismus der 30er Jahre?

Es gab eine faschistische Partei in Brasilien, die keinen Hehl aus ihrem Antisemitismus machte. Diese Partei war klerikal, bzw. katholisch ausgerichtet und am äußeren rechten Spektrum angesiedelt. Ich bin 1932 geboren und sah sie marschieren, ich sah sie durch die Straßen mit wehenden Fahnen ziehen, die jungen antisemitischen Anhänger dieser sogenannten integralistischen Partei (Anm: Ação Integralista Brasileira AIB). Stefan Zweig hielt sich jedoch in der brasilianischen Öffentlichkeit mit klaren politischen Statements zurück.

Wo sehen Sie die Wurzeln für dieses Verhalten?

Als Hitler an die Macht kam, ging Zweig nicht etwa auf die Straße, um gegen Hitler zu protestieren, weil er der kommunistischen Gegenmacht nicht traute und die Kommunisten nicht unterstützen wollte. Er war zwar begeistert vom Niveau des russischen Theaters, der Literatur und des Kinos. Aber als er von den Hinrichtungen Oppositioneller im Namen der Kulturrevolution erfuhr, war Zweig vollkommen desillusioniert. Den Glauben an die Parteipolitik hatte er nicht nur verloren, er bekam im Grunde einen regelrechten Horror vor der Parteipolitik. Was aber die ethisch-philosophischen Fragen seiner Zeit anbetraf, da hielt Zweig mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg, da wurde er durchaus explizit. Stefan Zweig war ein Idealist.

Schon in den 20er Jahren stellte Zweig eine globale Tendenz zur Nivellierung kultureller Unterschiede fest. Das geht unter anderem aus seinem Essay „Die Monotonisierung der Welt“ hervor.

Mit diesem Essay zielte Zweig im Grunde schon früh auf das Phänomen der Globalisierung. Zweig war in vieler Hinsicht seiner Zeit voraus. Seine Beobachtungen gehen manchmal erst langfristig auf.

Zweig hatte zur US-amerikanischen Kultur offenbar ein äußerst kritisches Verhältnis. Er klagte an, machte sie gar verantwortlich für die sogenannte Monotonisierung der Welt. In dem Essay heißt es: „Woher kommt diese furchtbare Welle, die uns alles Farbige, alles Eigenförmige aus dem Leben wegzuschwemmen droht? Jeder, der drüben gewesen ist, weiß es: Von Amerika.“ Wie beurteilen Sie diese antiamerikanische Haltung?

Als er auf der Flucht vor den Nazis die Vereinigten Staaten kennen lernte, war Zweig enttäuscht und lehnte die Kultur der USA ab. Sie war ihm zu materialistisch. Er vermisste in der Bourgeoisie den Sinn für umfassende kulturelle Fragen, wie er ihn aus Wien bzw. Österreich und in Deutschland kannte. Zweig war ja der Sprössling einer unternehmerischen Bourgeoisie, die sich auf Weltgewandtheit,  Kultiviertheit und Mehrsprachigkeit verstand. Auf der Flucht vor den Nazis suchte Zweig dann in Brasilien diese entsprechend gebildete, humanistisch inspirierte bürgerliche Heimat.

Ungeachtet der Katastrophen des Zweiten Weltkriegs sah Zweig die Vereinigung Europas kommen.

Ja. Zweig war durch und durch ein überzeugter Europäer. Sein Vertrauen in eine friedliche europäische Zukunft war außerordentlich. In seinem Abschiedsbrief spricht er schließlich nicht etwa von der deutschen oder österreichischen Trümmerlandschaft, sondern von der europäischen. Der Pazifismus, den Zweig favorisierte und für den er sich einsetzte, war immer europäischer Natur.

In seinem Abschiedsbrief schreibt Zweig: „Mit jedem Tage habe ich dies Land mehr lieben gelernt, und nirgends hätte ich mir mein Leben lieber vom Grunde aus neu aufgebaut, nachdem die Heimat meiner Sprache für mich untergegangen ist und meine geistige Heimat Europa sich vernichtet.“

Sein Abschiedsbrief war nur eine Seite lang und im Grunde maßgeschneidert für eine Publikation in der Öffentlichkeit. Offensichtlich hatte Zweig eine Vorstellung davon, wie seine Todesanzeige nach seinem Selbstmord erscheinen würde. Er verfasste zwei Versionen. Eine mit einem Umfang von 21 Zeilen, die als Faksimile durch die Zeitungen reproduziert werden sollte. Wäre der Abschiedsbrief länger gewesen, hätten sie die Zeitungsmacher nicht in der Gänze abdrucken können. Er dachte buchstäblich an alles, bereitete alles vor, nichts sollte dem Zufall überlassen sein. Der Selbstmord folgte einem Plan. Einige bis dato unveröffentlichten Werke bereitete er für die Zeit nach seinem Selbstmord vor. Einen Tag vor dem Selbstmord ging er zur Post und schickte seine Autobiografie ab. Bis zum letzten Atemzug blieb Stefan Zweig Schriftsteller.

(Auszug aus einem umfangreichen Interview.)
Alberto Dines
(1932, Rio de Janeiro) arbeitet seit den 1950er Jahren als Journalist in Brasilien und wurde mehrfach für seine Lebensleistung ausgezeichnet. Diverse Zensurerfahrungen während der Diktatur trugen zu seinem medienkritischen Engagement bei. In einer wöchentlichen Fernsehsendung erscheint er noch heute Woche für Woche als streitbarer Kritiker seiner Kollegen. Dines hat sich außerdem als Biograf des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig einen Namen gemacht, um dessen Vermächtnis er sich als Präsident der Casa Stefan Zweig in Petropolis, Brasilien, kümmert.

Martin Meggle
(1964) studierte Romanische Philologie. Seit 1994 ist er als freier Journalist für diverse Medien im In- und Ausland tätig. 1999 löste er mit einem Artikel in der Frankfurter Rundschau die „Sloterdijk-Debatte” aus. 2001 wurde sein Beitrag zum Thema Psychiatriegeschichte im Rheinischen Merkur ausgezeichnet. Seit einigen Jahren ist er auf familienbiografische Dokumentationen spezialisiert.

Übersetzung aus dem Portugiesischen: Martin Meggle
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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