Passagen

Zwischen Schreiben und Übersetzen

Die Frankfurter Buchmesse: ein neuer Raum für den Dialog? Ein Gespräch mit Carola Saavedra und Marcelo Backes.

Carola Saavedra, 39 Jahre alt, Schriftstellerin und Übersetzerin, spricht mit ihren ausdrucksvollen schwarzen Augen. Sie ist Fisch. Sie sagt, dass die unter diesem Sternzeichen Geborenen immer auf der Suche nach starken Gefühlen sind, damit sie sich lebendig fühlen. Es reicht schon, in einen beliebigen der Romane der jungen talentierten Autorin hineinzublättern, um ihr Markenzeichen zu entdecken: die Intensität. Und die Suche nach anderen Welten ebenso. Geboren in Chile, zog sie nach Brasilien, als sie drei Jahre alt war. Sie lebte in Spanien, Frankreich, Deutschland. Sie debütierte mit ihrem Buch Do lado de fora (Kurzgeschichten, 7Letras, 2005) und dem Roman Toda terça (Companhia das Letras, 2007). Im darauffolgenden Jahr wurde Flores azuis (Companhia das Letras) vom Verband der Kunstkritiker São Paulos zum besten Roman des Jahres gewählt. 2010 gewann Paisagem com dromedário (Landschaft mit Dromedar, Companhia das Letras) den Rachel de Queiroz-Preis in der Kategorie Junger Autor. Das Buch wurde 2012 in Deutschland im C.H. Beck Verlag veröffentlicht, übersetzt von Maria Hummitzsch. Carola hat auch übersetzt, unter anderem die Nobelpreisträgerin von 2009, Herta Müller.

Marcelo Backes ist ebenfalls 39 Jahre alt, auch er ist Schriftsteller und Übersetzer, aber vom entgegengesetzten Sternzeichen, Skorpion. Interessanterweise, wenn man glaubt, was die Spezialisten sagen, ebenfalls ein Zeichen, das sich durch Intensität der Gefühle auszeichnet. Er stammt aus Südbrasilien, lebt in Rio de Janeiro, wo er neben der Schriftstellerei unterrichtet (er leitet verschiedene Studiengruppen) und als Verlagskoordinator arbeitet. Im Record-Verlag veröffentlichte er 2006 die Aphorismensammlung Estilhaços und die Romane Maisquememória (2007) und Três traidores e uns outros (2010). Sein letzter Roman Terceiro tempo (2013) wurde von der Companhia das Letras veröffentlicht. Er übersetzte wichtige Autoren, wie Kafka, Schiller, Hermann Broch, Ingo Schulze, Juli Zeh und Saša Stanišić ins Portugiesische. Momentan koordiniert er die Übersetzung der Werke von Arthur Schnitzler in Brasilien und  die Sammedition von Klassikern Fanfarrões, Libertinas & outros Heróis für den Verlag Editora Civilização Brasileira.

Kristina Michahelles: Brasilien ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2013: Was erwartet ihr euch?

Carola Saavedra: Die wichtigste Erfahrung ist nicht die Messe selbst, sondern der Raum, den diese für den Dialog und die Verbreitung der brasilianischen Literatur eröffnet. Die Frankfurter Buchmesse ist keine Brücke als Selbstzweck. Was danach passiert, wird weitgehend von der National Library Foundation, den Autoren, den Verlagen und den Verteilern abhängen. Die Frankfurter Buchmesse ist ein Anreiz und hoffentlich der Beginn einer neuen Phase im internationalen Bereich.

Marcelo Backes: Es wäre toll, wenn dieser Anreiz etwas bewirken könnte und die brasilianische Literatur dauerhaft in Deutschland zum Klingen brächte. Der Trend ist jedoch nicht ganz so. Das beste Beispiel dafür ist das Jahr 1994: Vor fast zwei Jahrzehnten war Brasilien schon einmal Ehrengast der gleichen Messe. Das war sehr angesagt, es gab viele Events, Autoren wurden nach Deutschland eingeladen, viele Bücher wurden übersetzt – und was dann kam, war ein totales Schweigen. Einige Jahre passierte gar nichts. Und Deutschland richtete seinen Blick auf die östlichen Länder. Heute scheint es mir interessanterweise ein größeres Interesse an der brasilianischen Literatur zu geben als Ende des letzten Jahrzehnts. Brasilien ist wieder in Mode. Trotzdem spiegeln sich die eher politischen und wirtschaftlichen Beweggründe für die deutsche Öffentlichkeit noch immer nicht im gleichen Umfang in der literarischen Produktion. Die gute Nachricht ist, dass man zum ersten Mal hier in Brasilien daran arbeitet, dass unsere Literatur im Ausland ein Echo hat.

Carola: Das stimmt. Das Interesse der deutschen Öffentlichkeit ist nicht zufällig gestiegen. Dieser Blick auf die brasilianische Literatur geht von der Frankfurter Messe aus, ist aber auch Folge einer Kampagne, die von hier aus gemacht wird. Brasilien investiert mit einem sehr konkreten Programm (Übersetzungsstipendien etc..), und das hat das Interesse von außerhalb geweckt. Jetzt müssen wir abwarten, was uns das Programm nach der Messe bringen wird.

Hat Brasilien es denn verstanden, sich zu „verkaufen”?

Marcelo: Ja, Brasilien „verkauft" sich zum ersten Mal. Das hat es vorher nicht gegeben. Es gibt eine ganze Menge von Anreizen, die eine neue Generation von Verlegern in Deutschland antreibt und die in der Lage sind, den Dialog mit den Herausgebern zu suchen und diese zu begeistern.

Carola: Ich erinnere mich, als ich von 1998 bis 2008 in Deutschland lebte, gab es mehr Interesse an portugiesischer als an brasilianischer Literatur. Lektoren des Instituto Camões unterrichteten an den Universitäten portugiesische Literatur. Für Brasilien wäre es interessant, auf längere Sicht an ein solches Werkzeug der Verbreitung zu denken. Es wäre sehr wichtig, wenn Brasilien ein Institut zur Verbreitung der brasilianischen Literatur im Ausland hätte, so wie das Goethe-Institut für Deutschland und das Instituto Camões für Portugal...

Marcelo: ... also in unserem Fall wäre dies das frühere Instituto Machado de Assis, eine Idee, die übrigens seit mindestens 1994 immer wieder diskutiert wird. Ein Kulturinstitut, das wirklich die Sprache und Literatur Brasiliens und auf der ganzen Welt fördert, ist unabdingbar, eines, das eine Referenz darstellt, wenn es um literarisches Schaffen oder Lehrerausbildung geht oder darum, kulturelle Veranstaltungen durchzuführen. Wir waren schon so nah an diesem Ideal, aber leider werden mündlich getroffene Entscheidungen nicht immer durchgeführt.

Aber wenn man in brasilianische Literatur investiert, liegt das Problem dann eigentlich am mangelnden Interesse der deutschen Leserschaft oder fehlt es einfach an guter Literatur?

Carola: Es fehlt definitiv nicht an guter Literatur. Das Problem ist komplex und es gibt dabei viele Aspekte zu berücksichtigen. Zum Beispiel: Was bewegt den europäischen Leser, zu südamerikanischer Literatur zu greifen? Leider sind viele Menschen immer noch auf der Suche nach einer bestimmten Art von „Export-Literatur", im Stil des exotischen Magischen Realismus. Aber Brasilien verfügt heute über eine sehr vielschichtige Literatur, die städtische Themen umfasst, mit essayistischen, philosophischen Aspekten. Aber Europa „bevorzugt", dass Lateinamerika über exotische oder soziale Probleme schreibt, wie Armut und Slums. Das ist der kolonialistische Blick. Als ob wir nicht über andere Länder und Themen sprechen könnten, als ob das uns verweigert würde. Niemand verlangt, dass ein deutscher Schriftsteller nur über Deutschland schreiben soll.

Stimmst du hier zu, Marcelo?

Marcelo: Zum Teil. Die Verleger suchen solche Werke nur aus, weil sie sich besser verkaufen. Themen aus Amazonien oder aus Bahia sind attraktiver, näher an den Klischees dran, auf die sich Carola bezieht, und als ein echtes – obgleich vorurteilsbeladenes – brasilianisches Produkt besser zu verkaufen. Aber wenn wir hier ein Instrument zur Verbreitung unserer Literatur zur Verfügung hätten, wie es auf deutscher Seite existiert, sähe es anders aus. Ich erinnere mich an das Programm Litrix, das über zwei Jahre hinweg – mit einem eigenen Internetportal, mit Subventionen für Übersetzer, etc. – das Beste aus der zeitgenössischen deutschen Literatur verkaufte. Wenn wir ein brasilianisches Litrix-Programm hätten, würden die deutschen Verlage begeistert sein und die Herausgeber aufmerksam, weil sie tatsächlich entdecken könnten, was in der brasilianischen Literatur läuft.

Inwieweit kann der Erfolg von Bestsellern der sogenannten „gehobenen Literatur" Auftrieb geben?

Marcelo: Ein Paulo Coelho funktioniert von selbst, trotz vernichtender deutscher Kritik. Er verkauft sich sehr gut. Aber ich glaube nicht, dass er den Umsatz von anderen brasilianischen Autoren steigert. Und ich bin absolut gegen die offizielle Finanzierung von Bestsellern. Das Verkaufsranking sollte kein Kriterium für eine Unterstützung sein, und das ist es auch nicht auf deutscher Seite.

Carola: In Brasilien wissen wir die sogenannte Unterhaltungsliteratur immer noch nicht zu schätzen. Was ist „gehobene“ Literatur in Anführungszeichen, oder was ist Schund. Aber Unterhaltungsliteratur ist ebenso notwendig wie anspruchsvollere Literatur, das eine schließt das andere nicht aus, jedes Genre hat seine Berechtigung. Gute Unterhaltungsliteratur kann den Leser bilden. Harry Potter kann viele Leser an die „gehobene“ Literatur heranführen. Das große Problem Brasiliens ist, dass wir keine Leser heranziehen. Es fehlt uns, was man auf Deutsch Bildungsbürgertum nennt.

Marcelo: Das stimmt. Im Laufe der letzten Jahrzehnte hatte Brasilien einen starken wirtschaftlichen Aufschwung, auch wegen seines Binnenmarktes. Millionen von Menschen nahmen erstmals aktiv am Marktgeschehen teil. Aber das schlägt sich noch nicht auf die Bildung und das Leseverhalten nieder, leider haben wir keinen Markt für Kultur.

Carola: Nehmen wir zum Beispiel die Buchmessen. Es gibt Geld, die Autoren an die entferntesten Orte zu transportieren. Aber dann kommst du dorthin und hast kein Publikum. Und wenn eins da ist, dann um den Autor zu sehen, aber nicht um sein Werk kennenzulernen. Was fehlt, ist konkret am Text zu arbeiten, mit dem und für das Publikum zu lesen. Das Buch sollte im Zentrum stehen, leider drehen sich die Veranstaltungen aber um die Autoren.

Marcelo: Das brasilianische Publikum kommt zu diesen Veranstaltungen, um den Autor so wie einen Popstar kennenzulernen und nicht, weil es an der Literatur interessiert ist. Das passiert in Deutschland normalerweise nicht. Meine tollste Erfahrung in diesem Sinne war ein Ort in Berlin, der Chaussee der Enthusiasten heißt, ein Keller, in dem junge Autoren ihre Texte einem aufmerksamen Publikum vortragen, das bis zu fünfhundert Personen umfasst. Nach der Lesung und der Diskussion wird getanzt. Ein guter Teil des Publikums geht nach der Lesung. Hier würde es wahrscheinlich umgekehrt sein.

Carola: Wir brauchen ein Programm zur Leserbildung. Die Literatur erfordert die Beteiligung des Lesers, erfordert, dass er selbst denkt und seine eigenen Schlüsse zieht, dass er zu einer Art von Co-Autor wird. Lesen zu lernen ist wichtig.

Was sind die Chancen der brasilianischen Literatur auf der Frankfurter Buchmesse? Sind die Ergebnisse messbar und nachhaltig?

Carola: Das hängt vom Programm ab, das die brasilianische Regierung und ihre diversen Institutionen auf mittlere Sicht entwickeln. Nicht die Quantität zählt: Bücher können zum Ladenhüter werden. Die Frage wird sein: Wurden sie verkauft, gelesen, diskutiert, genutzt?

Marcelo: Wie ich schon sagte, glaube ich, dass Brasilien zum ersten Mal in der Lage ist, ein Netzwerk von Mediatoren und Vermittlern herzustellen, um die brasilianische Literatur im Ausland zu verbreiten und so nachhaltige Arbeit zu leisten.

Übersetzer sind wichtige Mediatoren. Ihr seid beide Schriftsteller und Übersetzer. Könnt ihr auch die Autoren aussuchen, die ihr übersetzen wollt?

Marcelo: Ich übersetze im wesentlichen Texte, die ich selbst aussuche und die meistens Teil eines weiter gefassten Projekts sind, wie eine Sammlung oder eine Übung, die ich mir selbst vornehme, als ob sie Teile meines „literarischen Büros“ wären, oder sie zielen auf die explizite Verbreitung eines Autors oder sind  danach auch noch für andere Aktivitäten nützlich.

Carola: Ich bin keine Übersetzerin. Ich bin eine Schriftstellerin, die übersetzt. Dass der Autor über eine spezifische Sensibilität für den Text verfügt, das ist natürlich eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gute Übersetzung. Ich übersetze nur, wenn mich das Buch interessiert, wenn ich sehe, dass es mich weiterbringt. Mein Interesse gilt der Literatur, ich lebe nicht vom Übersetzen.

Sucht ihr in der Übersetzung Impulse für das eigene Schreiben? Der Schriftsteller als Übersetzer und umgekehrt: Was sind die Vor- oder Nachteile, wenn man gleichzeitig als Übersetzer und Schriftsteller arbeitet?

Marcelo: Sicherlich ist es eine Übung, den Text zu schleifen, ihn zu polieren. Aber es handelt sich um zwei Wege, die sich kreuzen, und wenn ich übersetze, schreibe ich nicht. Es wäre einfacher, Schriftsteller und Holzhacker zu sein als Schriftsteller und Autor zur gleichen Zeit.

Carola: Ich übersetze auch nicht, wenn ich schreibe. Es sind zwei Arbeiten, die totale Aufmerksamkeit erfordern und die sich, wie ich finde, gegenseitig ausschließen.

Dann zieht ihr es also vor, Schriftsteller zu sein?

Marcelo: Ja, klar. Als Autor fühle ich ein ganzes Universum um mich herum, das nur durch meine innere Phantasie begrenzt ist. Aber der Übersetzer ist gezwungen, sich mit einem vorgefassten, bereits entworfenen Universum auseinanderzusetzen.

Carola: Wie ich vorher schon sagte, bin ich eine Schriftstellerin, die übersetzt.

Was haltet ihr von den literarischen Übersetzungen aus dem Deutschen, die in Brasilien gemacht werden?

Carola: Mich stört, dass es sich um Übersetzungen handelt, die über eine andere Sprache laufen, Die Texte kommen aus dem Deutschen und laufen über das Französische, zum Beispiel …

Marcelo: ... aber das gibt es eigentlich inzwischen nicht mehr. Der Übersetzer muss die Ausgangssprache beherrschen. Es gibt nicht viele gute Übersetzer aus dem Deutschen. Ich erhalte im Durchschnitt zwei Anfragen pro Woche. Zum einen tauchen junge, sehr talentierte Übersetzer auf dem Markt auf, wie zum Beispiel Renato Zwick aus Ijuí. Zum anderen gibt es gute professionelle Übersetzer, wie Carlos Abbenseth, der leider nicht mehr übersetzen möchte. Und dann gibt es noch angesehene Leute, wie etwa Lya Luft, die aber als Übersetzer zu wünschen übrig lassen.

Deutsche Literatur erobert immer mehr Raum in der brasilianischen Verlagslandschaft. Dennoch bleibt sie hinter anderen Sprachen zurück. Was erschwert eine schnellere Verbreitung?

Marcelo: Neben den fehlenden Übersetzern, was wir ja schon erwähnt haben, fehlt es den Verlagen an Wissen, obwohl diese immer professioneller arbeiten, und das ist das Problem der Verbreitung. Die Deutschen verfügen über sehr interessante Initiativen. Von 2008 bis 2009 ging das bereits erwähnte Programm Litrix das Defizit an Kenntnissen bezüglich der zeitgenössischen deutschen Literatur an. Und jetzt führt das Goethe-Institut ein Programm durch, das die größten Lücken im deutschen Literaturkanon identifiziert und ein spezielles Finanzierungsprogramm aufgelegt hat, um eben diese Werke auch nach Brasilien zu bringen: Dreißig Romane, dreißig essayistische Werke und dreißig Kinderbücher, die dringend ins Portugiesische übersetzt werden sollen.

Carola: Das Problem ist, dass deutsche Literatur nur sehr wenig gelesen wird. Wir kommen wieder auf die Ausgangsfrage zurück, zu den fehlenden Lesern. Und die wenigen Leser, die wir haben, sind aus historischen, ökonomischen und vielen anderen Gründen eher der englischsprachigen Literatur zugewandt.

Marcelo: Besonders die Klassiker der deutschen Literatur haben es hier schwer. Tolstoi und Dostojewski und fast alle wichtigen französischen Schriftsteller sind vollständig übersetzt oder haben wenigstens ein sogenanntes Gesamtwerk, obwohl es manchmal nicht vollständig ist. Von Goethes Werk, einer universellen Gestalt in jeder Hinsicht, sind höchstens ungefähr 40 Prozent übersetzt. Von Schiller 20 Prozent. Viele andere Autoren, wie Theodor Fontane, sind noch gar nicht übersetzt.

Wie wirkt sich das Ende der Gutenberg-Ära auf das Schreiben aus? Wo liegen die Chancen? Und wo die Risiken?

Marcelo: Im Fall Brasilien wird das noch eine Weile in Anspruch nehmen, bis das e-book mehr Markt gewinnt. Die Zahl der iPads, die bislang in Brasilien verkauft wurden, ist wahrscheinlich sogar höher als in Deutschland, aber sie werden nicht zum Lesen verwendet. Das e-book wird in Brasilien noch seine Zeit brauchen.

Carola: Auch das Hörbuch hat hier nicht eingeschlagen. In Brasilien gibt es keine Tradition, für andere zu lesen, das berühmte „Vorlesen“. Das geht soweit, dass bei Literaturveranstaltungen der Autor selten eine Passage aus dem eigenen Buch liest.

Aber welchen ästhetischen Einfluss hat die Sprache des Internets auf den literarischen Text?

Carola: Für mich hat sie keinen. Ich sehe keine Unterschiede. Vielleicht fehlt mir die zeitliche Distanz, um zu beurteilen und zu verstehen, was da vor sich geht. Natürlich gibt es einen kulturellen Unterschied zwischen der Generation, die mit dem Fernseher aufwuchs, und der vorausgegangenen. Wer mit dem Internet aufgewachsen ist, den wird das sicher auch beeinflussen. Aber da kann man keine Vorhersagen treffen, oft geschieht dann genau das Gegenteil. Wie kann man den Widerspruch erklären zwischen der Tendenz zur Kürze, die zum Beispiel von Twitter diktiert ist und von den sozialen Netzwerken, und dem aktuell idealen Umfang von Romanen, der bei ungefähr 400 Seiten liegt?

Marcelo: Dass es eine neue Art zu schreiben und sich in der Fiktion auszudrücken gibt, kann sogar meine Schreibweise beeinflussen, aber ich kümmere mich nicht darum, es interessiert mich nicht, und wenn das passiert, so geschieht das auf einer so tiefen Ebene, die ich selbst nicht wahrnehmen kann. Es mag Autoren geben, die ihren Text absichtlich diesen neuen Angeboten und Nachfragen anpassen. Aber ich achte nicht einmal darauf, ob mein Buch als e-book erscheint oder nicht. Ich mache keine künstlerischen Zugeständnisse, um publiziert oder gelesen zu werden. Auf der anderen Seite hätte ich nichts dagegen, wenn der Verlag dort, wo Tom Waits in meinem Roman erwähnt wird, einen Hyperlink legte, der es dem Leser ermöglicht, einen Song von ihm zu hören, ,solange der Herausgeber dies als Interferenz seinerseits gekennzeichnet.

Carola: Ich hätte schon Probleme damit, ich möchte keine Einmischung in meinem Text.

Wie sähe für Euch das Paradies aus?

Carola: Nur vom Schreiben leben zu können. Leben um zu schreiben.

Marcelo: Für mich auch. Ich würde weiterhin meinen Unterricht halten und schreiben, wie jetzt. Was ich wirklich schön fände  ist, nichts dafür tun zu müssen, dass meine Bücher gelesen werden, außer sie zu schreiben, aber das wäre wirklich das Paradies. Nachdem das Leben aber mehr von Fegefeuer hat, werde ich derweil Vorträge für sie halten, Interviews geben und Messen besuchen und das auch mit Freude tun.
Kristina Michahelles
(1956, Sao Paulo) ist Journalistin, Übersetzerin und Schriftstellerin. Sie arbeitete für das Jornal do Brasil, für die Zeitschrift Veja und für TV Globo. Seit 2007 ist sie auch für die Zeitschrift HUMBOLDT tätig. Sie übersetzte mehr als 30 Bücher aus dem Deutschen, unter anderem Stefan Zweig, Thomas Mann und Siegfried Lenz. Sie ist Vorstandsmitglied der „Casa Stefan Zweig“ in Petropolis, Brasilien.

Carola Saavedra
(1973, Santiago de Chile) kam im Alter von drei Jahren nach Brasilien. Sie studierte Journalismus an der Pontifícia Universidade Católica do Rio de Janeiro, lebte mehrere Jahre in Europa, acht davon in Deutschland. 2008 gewann ihr Buch „Flores azuis“ verschiedene Preise. Auch ihr letzter Roman, „Paisagem com dromedário“ (2010) wurde ausgezeichnet. Sie hat u.a. Herta Müller übersetzt.

Marcelo Backes
(1973, Campina das Missões, Brasilien) ist Schriftsteller und Übersetzer, Privat-Dozent, Herausgeber und Essayist. Sein letzter Roman „Terceiro tempo“ (2013) erschien im Verlag Companhia das Letras. Er übersetzte u.a. Kafka, Schiller, Hermann Broch, Ingo Schulze, Juli Zeh und Saša Stanišić.

Übersetzung aus dem Spanischen: Ulrike Prinz
Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Juni 2013
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