Freundschaft – Physiognomien einer komplexen Beziehung

Über Humboldt

Humboldt ist eine Kulturzeitschrift, die den kulturellen Austausch zwischen Deutschland und Lateinamerika sowie Spanien und Portugal fördert und mitgestaltet. Autoren aus dem iberischen und deutschen Sprachraum kommen neben anderen internationalen Stimmen zu Wort. Humboldt greift aktuelle Diskussionen zu Themen des geistigen und kulturellen Lebens auf beiden Seiten des Atlantiks auf.

Im Schatten der Bäume

Gerson Reichert, Aus der Serie 'Humboldt revista', 2006; Foto: Juliana Lima, © G. ReichertEin Rückblick auf 50 Jahre HUMBOLDT.

Redaktionsschluss, Spanischübersetzung, Online-Freischaltung, Text für portug. Ausgabe, Themenvorschlag, Bitte um Rückmeldung, Nachdruckrechte, Foto-Creditline, Termin Layout, Feuilleton-Newsletter, Lithos neu, 4-Farbdruck, Bildstrecke,  Absprache wg. Internet-Forum, Autorengespräch, Pressemitteilung, Fahnenkorrektur - die Email-Betreffzeilen an einem x-beliebigen Redaktionstag, dazwischen Neues bzw. Altbekanntes von der Viagra-Front, das unbehelligt durch den Spam-Filter gerutscht ist. Zwischen all den Botschaften, die Wichtigkeit durch „hohe Dringlichkeit“ simulieren, plötzlich der Betreff: „Nur Glückwünsche, keine Redaktion.“ Unterbrechung der Hast. Auf den Bildschirm der Bonner Humboldt-Redaktion zaubert ein unbekannter User mit Domain in Uruguay mit wenigen Zeilen die romantische Sehnsuchtsmetapher des deutschen Waldes.

„Heute Morgen ging ich zum Wald meines Gartens. (Ungefähr 100 Tannen). Der Wind wehte und ich hörte die Zweige rauschen, rauschen wie die Wellen des Ozeans. Sie wollen erzählen, dachte ich, aber gleich musste ich lächeln, weil das mal wieder ein typisch deutscher Gedanke war: ‚Was haben diese Bäume alles erlebt’, aber hier ist ja kein Heer unter ihnen marschiert oder Goethe spazieren gegangen. Hier ist alles neu. Ich, nur ich habe sie einmal gepflanzt. Sie haben eine Höhe von ungefähr 20 m. Ja, es war vor fast 50 Jahren. Es ist die liebste Stelle meines Gartens. Sie erinnern mich an deutsche Wälder. Oft habe ich da Ruhe gesucht nach Diskussionen über die Unterschiede zweier Welten, andere Gefühle, andere Gedanken, andere Logik, andere Erziehung, alles anders, alles umgekehrt, aber man muss es verstehen. Ich weiß nicht, wie ich es damals gewagt hatte, eine Familie in einem anderen Kontinent zu gründen. Wer hat mich begleitet – durch all diese Jahre? Ja, ich hatte einen treuen Begleiter - ja, ach, das war es, 50 Jahre Tannen, 50 Jahre Uruguay und 50 Jahre Humboldt. Danke! Erika Wagner de Cavallero, Durazno“.


Wie alles begann

Eine Zeitschrift als Wegbegleiter? Über fünf Jahrzehnte? Welcher Art muss eine Publikation sein, dass sie aus einem Leben nicht einfach wegzudenken ist?

Welche Hefte hatte jene damals vielleicht zwanzig- oder fünfundzwanzigjährige Frau im uruguayischen Durazno in den Händen? Ich möchte nachblättern. Ein paar mittlerweile eselsohrige Exemplare des ersten Jahrgangs hütet die Redaktion. Vor einigen Jahren hatte sie ein Straßenhändler in einer kleinen Seitenstraße im Stadtzentrum Limas als „antigüedades muy, muy valiosas“ feilgeboten; die großformatigen Humboldt-Hefte lagen ausgebreitet auf einer Plastikplane; das Ölgemälde einer chilenischen Landschaft von Johann Moritz Rugendas aus dem 19. Jahrhundert, ein expressionistisches Frauenporträt und ein frühmittelalterliches Glasgemälde aus der Moselregion schmückten die Titel der Erstausgaben und hoben sich eigenartig von den Bonbons, Haarspangen und Knopfbatterien ab.

Der Bogen der Kulturzeitschrift war weit gespannt: Da kamen Gabriela Mistral, José Ortega y Gasset, Jorge Luis Borges, Camilo José Cela,  Ramón Menéndez Pidal zu Wort. Andere Artikel stammten von Wolfgang Borchert, Walter Höllerer, Ernst Jünger, Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt … – allesamt inzwischen mit festem Platz im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Welches Konzept verfolgte diese „revista para el mundo ibérico“, die damals vom Übersee-Verlag Hamburg, seit 1972 vom Münchner Bruckmann-Verlag herausgegeben wurde? Programmatisch hieß es ab der zweiten Nummer: „La revista Humboldt está al servicio del intercambio espiritual entre el mundo ibérico y el alemán, coordinando así sus múltiples relaciones. Más que a los puntos de divergencia, atiende a lo que hay de común entre ambos.
Se ha elegido el nombre ‚Humboldt’ porque se asocia a la libertad del espíritu frente a las exigencias totalitarias. Es indiferente que este nombre en los países ibéricos evoque en primer término a Alejandro de Humboldt o que en el mundo germánico haga pensar más bien en Guillermo de Humboldt.”

Einen doppelten Namenspatron zu wählen, der die Freiheit des Geistes gegenüber totalitären Zumutungen verkörperte, war ein deutliches Signal der kulturpolitischen Stoßrichtung. Fünfzehn Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus in Deutschland bemühte man sich um einen konstruktiven Kulturdialog durch ein kritisches, nicht beschönigendes Bild von Deutschland als Geistesnation, um in Zeiten des Kalten Krieges, der wenig später mit Mauerbau und Kubakrise seinen Höhepunkt erfahren sollte, deutlich Stellung zu beziehen.

Nicht etwa, dass der Westen en bloque für „Freiheit“ gestanden hätte – totalitäre Systeme unterschiedlicher Couleur fanden sich in Westeuropa seinerzeit auch in Portugal, wo erst die Nelkenrevolution 1974 der herrschenden Diktatur des Estado Novo ein Ende bereitete; in Spanien führte Franco noch bis 1975 ein hartes Regime. In Lateinamerika wiederum herrschten 1960 in Guatemala, Nicaragua, Haiti und Paraguay Generäle, und Mitte der Siebzigerjahre sollte es gar nur noch vier lateinamerikanische Länder ohne Militärdiktatur geben.

Es erforderte Weitsicht, innerhalb dieser Konstellation ein Medium gegen Totalitarismus zu platzieren, das nicht plumpes Propagandamittel sein wollte und ebenso wenig Regierungsverlautbarung, sondern auf das Gelingen der Völkerverständigung durch geistigen Austausch vertraute. Diese Weitsicht bewies Albert Theile (1904–1986); der Kunsthistoriker, Übersetzer, Hochschullehrer und Journalist war aufgrund seiner Biografie dafür geradezu prädestiniert: Als Gegner der Nazis emigrierte er über Norwegen, Frankreich, Indien, Japan, China, die Sowjetunion und die USA nach Chile. 1952 kehrte er aus dem Exil zurück und ließ sich in der Schweiz nieder. Vom Sinn einer Zeitschrift als idealem Dialoginstrument überzeugt, gründete Theile nach Humboldt (die zunächst bilingual auf Spanisch und Deutsch, dann separat auf Spanisch und Portugiesisch erschien) auch die Schwesterzeitschrift Fikrun wa Fann für den arabischen Raum.


Der Dialog der Kulturen als Forum der Differenz

Wie aber sollte der angestrebte Dialog der Kulturen funktionieren? Dialog  meint heutzutage nicht mehr vorrangig Harmonisierungsbestreben und Abtasten von Gemeinsamkeiten und Übereinstimmungen, sondern das Eingeständnis von Differenzen. Heute herrscht die Auffassung vor, dass Toleranz sich erst erweisen kann, wenn man Andersartigkeit zulässt; aus der Reibung mögen kreative Funken entstehen. Kurz: Das Dialogverständnis war – und ist – einem Wandel unterworfen, seine Stichhaltigkeit musste über die Jahrzehnte stets erneut überprüft werden. Man musste sich mit Konzepten wie dem „Multikulturalismus“, García Canclinis „culturas híbridas“, Wolf Lepenies’ „Lerngemeinschaften“, den „Postkolonialismus“-Theorien, Samuel Huntingtons „Clash of Civilizations“ und den jeweiligen Gegenentwürfen bei der Konzeption der Zeitschrift auseinandersetzen, für die im Laufe der Jahre unterschiedliche Redaktionen verantwortlich waren: von 1959/60 bis 1983 Albert Theile; von seinem Nachfolger, dem Journalisten Werner Karsunky, übernahm 1989 das Redaktionsteam der beiden Romanistinnen Margarete Kraft (bis 2007) und Brigitte Simon de Souza (bis 1993) die redaktionelle Verantwortung. Von 1993 bis heute war die Kunsthistorikerin Isabel Rith-Magni, zunächst im Team mit M. Kraft, seit 2007 mit der Ethnologin Ulrike Prinz verantwortliche Redakteurin.

Die Zeitschrift wurde zunächst kommerziell vertrieben, bevor die vom Bundespresseamt und Auswärtigen Amt finanzierte Mittlerorganisation Inter Nationes die Schirmherrschaft übernahm. Bedingt durch die Fusion von Inter Nationes mit dem Goethe-Institut im Jahr 2001 ist Humboldt nun eine der beiden überregionalen Publikationen des weltweit tätigen Kulturinstituts der Bundesrepublik Deutschland.

Unabhängig von der Herausgeberschaft erlaubte der Verzicht auf ein enges thematisches Korsett den Redakteuren Freiheiten bei der Themenwahl und ließ die Zeitschrift zu einer Art geistiger Flaniermeile werden, die assoziative Räume öffnet und Platz für das Unerwartete und Unberechenbare bietet. In ihrem offenen Profil blieb sich die Kulturzeitschrift treu, auch wenn durch Dossiers eine stärkere Fokussierung auf Themenschwerpunkte erfolgte. Der aktuelle Zeitbezug war quasi die Folie, vor der die Themenauswahl zu lesen war, wobei  man weniger auf direkten Kommentar und Analyse als auf die subtile Brechung durch künstlerisch-ästhetische Auseinandersetzung setzte. Dies gilt bis heute. Gemäß diesem Anspruch wurde stets auf die formale Gestaltung der Zeitschrift und die Auswahl des Bildmaterials höchstes Augenmerk gelegt. Seit 1986 trägt Humboldt die Handschrift des Kölner Layouters Heinz Bähr.

Zur Gründungszeit von Humboldt existierten Begriffe wie Globalisierung, Virtualisierung, Medialisierung nicht. In einer Welt ohne PC, Internet, Handy hatte eine Zeitschrift eine andere Funktion als heute, wo neben den Medien auch der moderne Massentourismus uns Bewohnern des viel zitierten „globalen Dorfes“ die eigene Anschauung ermöglicht. Heute können zusätzliche Vermittlungsformen gewählt werden: Der Anspruch einer echten Zwiesprache wird nun dadurch eingelöst, dass die Texte nicht nur für den iberischen Sprachraum geschrieben und übersetzt werden, sondern als Online-Version auch deutschen Lesern zugänglich gemacht werden.

Wer weiß, vielleicht pflanzt heute, im Jahr 2009, eine nach Europa emigrierte Latina ein Bäumchen und berichtet in 50 Jahren unter dessen groß gewordenem Schatten davon, wie der eine oder andere Humboldt-Beitrag ihr damals halfen, Fuß zu fassen in einer anderen Kultur.

Isabel Rith-Magni
studierte Kunstgeschichte, Philosophie und Neuere Deutsche Literaturgeschichte in Freiburg i. Br. Sie hat sich mit methodologischen Fragen der Kunstgeschichte und altniederländischer Malerei befasst, bevor sie sich auf moderne Kunst Lateinamerikas, insbesondere der Andenländer, sowie Fragen zum Identitätsdiskurs spezialisierte. Seit 1993 ist sie verantwortliche Redakteurin der Zeitschrift HUMBOLDT.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Humboldt Redaktion
Mai 2009

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