Die andere Sprache

José Kozer

Der Kopf mit Opfern und Tätern vollgestopft

Ich kann Jiddisch so lala. Oberflächlich, Redewendungen, im Rahmen des Typischen, fast regional Gefärbten. Dennoch, der spezifische Ton des Jiddischen ist mir in Fleisch und Blut übergegangen mit seinen Verkleinerungsformen, seinen Koseworten, seinen Wendungen, die von einer bestimmten Gestik der rechten Hand begleitet werden. Eine ganze Kultur, während Jahrtausenden bedrängt, eine ganze Welt, die sich ausgegrenzt behauptet, die Grundlage einer Geheimsprache, der Sprache einiger Weniger (die trotzdem viel Lärm machen): einiger Weniger, die in der Regel zweisprachig sind, mehrsprachig, Leute, die in Zungen reden.

Durch diesen Ton ist mir seit meiner Kindheit in einem bürgerlichen Haus am Stadtrand von Havanna die deutsche Sprache auf eine eigenartige, komplexe Weise vertraut; mehr noch, eine merkwürdige Fremdartigkeit, bestehend aus Paradigmen, aus heftigen Reaktionen eines Opfers, machte mir das Deutsche vertraut. Das Deutsche war, vor allem beim Mittagessen, das Unverständliche, die umgekehrte Geschichte, die Funktion des Bösen, das seine massive Macht unter den überrumpelten, vom Krieg verschleppten Juden ausübt. In der Stille des Mittagessens, in der tropischen Hitze, bei der wir schwarze Bohnen mit Latkes aßen oder gelben Reis mit Huhn und gebratenen Kreplach, brachte meine Mutter fast täglich die Tragödie des jüdischen Volkes zur Sprache, die Tragödie der Familie meines Vaters, die von Hitler ermordet worden war. Man sagte "Hitler", aber man sagte auch "die Deutschen". Man sagte "die Nazis", aber auch "die Deutschen".

Mein Vater, das eigentliche Opfer dieses Krieges, schwieg. Die Familie meiner Mutter, ursprünglich tschechisch, war schon Ende der zwanziger Jahre nach Kuba ausgewandert, so dass mütterlicherseits alle überlebt hatten. Im Falle meines Vaters wurden alle seine Geschwister (bis auf einen Bruder, der bei Kriegsende nach Israel emigrieren konnte) in einem Konzentrationslager umgebracht. Seine Eltern selbst starben im Warschauer Getto, unter Bedingungen, die man sich leicht vorstellen kann, von denen wir aber in Wirklichkeit nichts wussten. Mein Vater erfuhr vom Tod seiner Eltern durch ein mysteriöses Telegramm, mit dem ihm eines Tages in Havanna mitgeteilt wurde, wie meine Großeltern gestorben waren.

Schon als junger Mann machte mich das Schweigen meines Vaters zu diesen Ereignissen stutzig und umgekehrt das ständige Lamentieren meiner Mutter, die zu Tränenausbrüchen und Theatralik neigte. Ich verstand nicht, warum der eigentlich Leidtragende gänzlich in Schweigen verharrte, während diejenige, die kaum die Folgen des Holocausts zu spüren bekommen hatte (nämlich meine Mutter), sich die Kleider zerriss, sich auf die Brust schlug und eine Viertelstunde lang lauthals klagte, was im Grunde ein wenig oder auch deutlich einstudiert und paradigmatisch wirkte. Dieser Widerspruch, glaube ich, veranlasste mich, dem zu misstrauen, wie Fakten geäußert werden; ein Misstrauen, das zu einem wichtigen Teil meines Wesens wurde und mich, in Bezug auf das Deutsche, darüber nachdenken ließ, ob es ethisch, logisch und korrekt sei, ein ganzes Volk mitsamt einer unseligen Zeitspanne seiner Geschichte über einen Kamm zu scheren, ein Volk, das von einer kranken politischen Partei unter der Führung von frustrierten, verbitterten, moralisch und körperlich missgebildeten Menschen in die Irre und in die Katastrophe getrieben worden war.

Meine erste "intellektuelle" Reaktion darauf war, sofort "Deutsch" von "Nazi" zu trennen; den Holocaust von der langen deutschen Geschichte; die reiche Kultur dieses Volkes von diesem schrecklichen Moment seiner Geschichte, einem fraglos erbärmlichen Moment, in dem das deutsche Volk in die Fänge einer Macht geriet, die man nur teuflisch nennen kann. Ein Onkel, mein Onkel Maximilian, ein gleichfalls Ende der zwanziger Jahre nach Kuba emigrierter Ungar, der sich in unserer Familie als kultivierter Mensch, als Intellektueller gerierte, brüstete sich in meiner Anwesenheit öfter mit seinem Hass auf alles Deutsche. Der harmloseste seiner Aussprüche war, der Verzehr eines deutschen Produktes komme für ihn einem Anathem gleich, dann lieber tot sein. Ich kann mich erinnern, wie ich – inzwischen hatten wir das Jahr 1957 - mit meinem Onkel in seinem schattigen Wohnzimmer über dieses Thema diskutierte; ich wusste, ich würde ihn auf keinen Fall überzeugen können; es ging mir auch nicht darum, dass er seine Meinung änderte; ich diskutierte mit ihm, um mir selbst klar zu werden, wie ich darüber dachte, wobei es mir um weit mehr ging als um das Deutsche, den Holocaust, die Kriegsereignisse, für mich stellte sich damit die grundsätzliche Frage, wie wir Menschen eigentlich zu einem Urteil kommen, wir Menschen, die wir aus "realen" Fakten vorgefasste Ideen machen und aus Leid Vorurteile schmieden, so dass Opfer und Täter sich zu einem Knäuel verwickelter, trüber Gestaltlosigkeit vermengen, einem Netz von Täuschungen und Trugbildern, das uns sozusagen den Kopf vollstopft mit seinen undifferenzierten, verzerrten, vorgefassten Vorstellungen. Vorstellungen, die den menschlichen Geist, den Verstand ausschalten und die Alltagssprache in die pure Banalität abgleiten lassen können.

Ich muss gestehen, all dies hat in mir ein manchmal latentes, manchmal offenes Vorurteil gegenüber dem Deutschen begründet. Oft packte mich der Zorn und ich träumte davon, eine deutsche Stadt zu bombardieren, die in den Nachkriegsjahren mit viel Mühe wiederaufgebaut worden war. Wenn ich über den Holocaust las, wenn ich Filme über das unerklärliche Massaker am jüdischen Volk sah, wenn ich zu dieser sinnlosen Vernichtung die Ermordung von Zigeunern, Katholiken, Roten, von missgebildeten oder behinderten Menschen gleich welcher Rasse, Nationalität oder welchen Geschlechts hinzuzählte, überkamen mich Mordgelüste und ich brachte im Geiste Deutsche um. So infantil reagierte ich, das muss ich gestehen, bis ich circa vierzig Jahre alt war. Meine Reaktion war leicht zu rechtfertigen. Nicht so leicht zu rechtfertigen war, und zwar sprachlich und von der Sprache ausgehend, begrifflich, dass auch ich in die gleiche Falle geraten war, nicht zu differenzieren zwischen einem Volk mit einer langen Geschichte, einer Kultur mit einer langen Reihe unschätzbarer Errungenschaften und einem konkreten, schrecklichen Moment seiner Geschichte. Auch ich sagte in meinen Rachefantasien nicht "die Nazis", sondern genau wie meine Verwandten "die Deutschen" und/oder "die Nazis".

Es war einfacher, sie alle zu hassen, sie alle zu Schuldigen zu machen.

Später, schon im Exil (als ich zwanzig war, verließ ich Kuba und ging nach New York), fand ich über das Englische Zugang zur großen deutschsprachigen Literatur. Jahre danach, meistens im Sommer, den ich mit meiner Familie in Südspanien verbrachte, bekam ich Zugang zur deutschen Literatur in spanischen Übersetzungen. Und ich weiß noch genau, dass ich mich, verblüfft und tief bewegt, mehrere Jahre fast ausschließlich der Lektüre der großen Namen jener Literatur widmete. Zuerst Thomas Mann, und zwar nicht nur Die Buddenbrooks, Tod in Venedig und Der Zauberberg, sondern auch seine Erzählungen, seine Schriften zu Goethe, seinen profunden Sinn für Weltkultur, ausgehend vom europäischen Fundament im Allgemeinen und dem deutschen im Besonderen. Ich entdeckte in zweisprachigen (Deutsch/Englisch) Ausgaben die Theaterstücke und Gedichte Bertolt Brechts, der mich neben vielem anderen lehrte, dass ein schrecklicher Ideologe und eingefleischter Frauenheld mit seiner dunklen, komplizierten Seele imstande sein konnte, große, edle Lyrik zu schreiben. Ich entdeckte auch, dass ich just über jenen jiddischen Ton, der mir, wie gesagt, schon in der Kindheit in Fleisch und Blut übergangen war, Zugang zur deutschen Sprache finden konnte, über diesen Ton, der sich in der Jugend weiter festigte, wenn meine Eltern oder meine Großeltern, Tanten und Onkel mütterlicherseits, die Überlebenden des Holocausts, sich auf Jiddisch unterhielten.

Ich las Brecht, Trakl, Hölderlin, Rilke (im New York der sechziger und siebziger Jahre sehr in Mode), Novalis und Heine (der einzige Dichter, den meine Mutter als Mädchen gelesen hatte – übrigens glaube ich nicht, dass sie später je ein anderes Buch gelesen hat), lauter zweisprachige (Deutsch/Englisch) Taschenbuchausgaben, die für einen armen Emigranten wie mich erschwinglich waren und in mir die Liebe zur deutschen Sprache weckten, einer Sprache (und hier kommt ein weiteres, bei uns verbreitetes Vorurteil), die sonst eher als brutal, dicht, hart, fast unzumutbar und unverständlich gilt, einer Sprache von Barbaren, die nur deswegen Zugang zur Zivilisation finden konnten, weil sie über eine unzivilisierte Sprache verfügten, die unserem Spanisch Wörter wie guerra [Krieg] und botín [Beute] vermacht hat (einem Spanisch, in dem ostgotische und westgotische Sprachspuren blutrünstige, kriegerische und kranke Zeichen waren) - Spuren, die als Makel in der Sprache galten, Folgen eines Obskurantismus, der eng mit der Präsenz des "Deutschen" zusammenhängt.

Ich verliebte mich, wie gesagt, in die deutsche Sprache, vermittelt durch ihre großen Dichter, indem ich ihre Texte wieder und wieder las, zuerst auf Deutsch, dann in der englischsprachigen Übersetzung, später auf Deutsch und danach in der spanischen Übersetzung. Mir fielen alsbald zwei Dinge auf: Erstens, dass ich einen emotionalen Zugang zur Sprache der deutschen Dichter hatte, dank der Erfahrung mit dem Jiddischen in meinem Elternhaus in Havanna oder bei meinen Großeltern in der Altstadt Havannas. Meine Großmutter sprach kaum Spanisch, mit ihr unterhielten wir uns nur auf Jiddisch; der Großvater, Krämer von Beruf, hatte notgedrungen Spanisch gelernt, sprach es aber nur holperig und immer mit dem Jiddischen vermischt. Meine Mutter sprach ein sehr gepflegtes Spanisch, sanft wie die Bewohner von Havanna, mit vorzüglicher Aussprache, aber normativem und beschränktem Vokabular. Mein Vater sprach recht gut Spanisch, er hatte sich viele Redewendungen aus Havanna angeeignet, vor allem gängige Aussprüche, Schimpfwörter und Redensarten aus dem Argot der Stadt, aus den witzigen und, wenn man so will, derben Ebenen der Sprache. Seine Liebe zu Kuba, sein formloses Spanisch standen in Kontrast zu seinem offensichtlich jüdischen Aussehen, vor allem aber zu seinem starken jiddischen Akzent (seinem polnischen Akzent, sagten die Kubaner), so dass man, wenn er sprach, etwas hörte, in dem sich der Ton und die Melodie des Deutschen, des Russischen, des Polnischen, die Klänge und Akzente Osteuropas über das Jiddische (denn dies war immer meines Vaters eigentliche, im Grunde seine einzige Sprache) mit dem kubanischen Spanisch mischten, mit seinem politisierten Spanisch (während seiner Jugend war er Bolschewik und Kommunist gewesen, bis ihn Stalin enttäuschte) oder mit seinem Kaufmannsspanisch. Von meinem Vater habe ich Wörter wie "Intelligenzija" geerbt, eine ganze Reihe von Begriffen aus der Welt der Herrenkonfektion, der Stoffe und Utensilien, die man zur Anfertigung von Anzügen braucht, sowie eine Unmenge von Ausdrücken und Redewendungen aus der Geschäftswelt.

Als Zweites stellte ich später fest, dass es in meiner eigenen Lyrik Merkmale gab (gibt), die nicht aus dem Spanischen stammen, sondern aus einem jiddischen Substrat, das sich unbewusst darin manifestiert, wie ich beim Dichten meine Themen erzähle und besinge. Selbstverständlich ist dieses jiddische Substrat wiederum deutsch geprägt, da ja das Jiddische in seinen Ursprüngen sehr stark mit dem Deutschen verbunden ist. Diese Mischung, dieser zum Teil idiomatische Jargon, die eigentliche Sprache der Juden, besteht seit alters her aus Elementen des Russischen, des Polnischen, des Hebräischen, sogar etwas Aramäischem sowie den unzähligen, häufig sehr witzigen Verdrehungen der Sprache des Landes, in dem sich die Juden einbürgern. Insgesamt aber ist das Jiddische am engsten mit dem Deutschen verwandt. Nun gut: Ich stellte fest, dass ich in meiner Lyrik manche Präpositionen auf eine Art gebrauchte (gebrauche), die, wie mir (von den üblichen Kritikern) gesagt wird, nicht ganz dem spanischen Usus entspricht, worauf ich nachgedacht habe und entdeckte, dass die Präpositionen in dem, was ich schreibe (denn ich glaube nicht, dass es auch bei meiner gesprochenen Sprache so ist), in der Tat "eigenartig" klingen und eher fremdsprachlich als spanisch wirken (wobei hier freilich das Fremdsprachliche mit dem jiddischen Substrat zusammenhängt und über das Jiddische mit deutschen Eigentümlichkeiten). Ich beobachte, dass ich beim Schreiben von Lyrik - und dabei schreibe ich meistens sehr schnell, fast blitzartig - am meisten zögere, wenn ich Präpositionen verwenden muss. Es ist so, als ob ein fernes Echo in mir mich verführte, sie "falsch" zu verwenden, sie eher jiddisch als spanisch zu gebrauchen. Das Gleiche erlebe ich immer wieder bei bestimmten und unbestimmten Artikeln, die ich eher nach deutschen Regeln als nach spanischen verwende. Und bei den Pronomen und Demonstrativpronomen, die ich fraglos mehr nach jiddischer Art als nach der Art meiner Muttersprache benutze. Ich beobachte, dass ich bestimmte sprachliche Manien habe, wie zum Beispiel einen gleichsam körperlichen Widerwillen gegen alle auf "mente" endenden Adverbien, die ja die Wörter verlängert und sie mehrsilbig macht, wie deutsche Wörter ja so oft mehrsilbig sind, weshalb ich mich frage, ob ich damit nicht ein Vorurteil bediene, und zwar eines, das mich zwingt, dieses besondere mehrsilbige Adverb und somit ein deutsches idiomatisches Register abzulehnen, aufgrund eines in meiner Kindheit begründeten Vorurteils gegenüber allem Deutschen.

Die deutsche Sprache interessiert mich heute, in meinem fortgeschrittenen Alter, besonders wegen ihrer Logik, wegen ihrer Konstruktionsmöglichkeiten, ihrer eleganten Kraft und ausgeprägten Musikalität. Sie interessiert mich, zum Beispiel, um mit ihrer Hilfe einen besseren Zugang zu Bach zu finden oder zu der "violinistischen" Eigenart eines Thomas Bernhard, ein Schriftsteller, den ich liebe, dessen Tod mich zutiefst erschütterte und der mir unablässig fehlt (manchmal wollte ich nur Deutsch lernen, um Bernhard, Robert Walser oder Musil im Original lesen zu können). Die Zeit ist dafür zu kurz, aber ich kann versichern, dass ich, wenn ich von dieser Welt gehe, bedauern werde, Franz Kafka, Jünger oder Sebald nicht im Original gelesen zu haben. Ich lese mit Heißhunger viel übersetzte Literatur, und während ich sie lese, beobachte ich häufig, dass der Text zwei durchaus parallele Quellen hat: Einerseits die Sprache der Übersetzung (in meinem Fall manchmal Spanisch, manchmal Englisch) und andererseits einen starken Bodensatz, der mit meiner jüdischen Herkunft zusammenhängt. Jüngst habe ich in englischer Übersetzung das Gesamtwerk Isaac Babels gelesen, und ich erinnere mich genau, dass ich dabei das Gefühl hatte, viele dieser Texte seien in Jiddisch verfasst worden. Und dabei meine ich nicht die Atmosphäre der Texte, die kulturellen Bezüge (Babel vermischt das Jüdische mit dem Russischen), sondern konkret die sprachliche Funktion, die sich mir beim Lesen nicht nur als Spanisch oder Englisch vermittelt, sondern auch als Jiddisch (und sein Familienname Babel passt perfekt dazu).

Ich war etwas über vierzig – in welchem Jahr genau es war, weiß ich nicht mehr –, als ich in einem Haus, das wir in Nerja (Provinz Málaga) besaßen, einen ganzen Sommer über fast ausschließlich das Werk von Robert Musil las und dazu die Essays von Juan García Ponce, darunter einen wunderbaren, der Musil gewidmet ist. Ich kann fraglos behaupten, dass dieser der Lektüre des großartigen deutschsprachigen Schriftstellers gewidmete Sommer einer der glücklichsten meines ganzen Lebens war. Die Werke von Jünger, Kafka, Musil haben mich und einen bestimmten Ton meines weniger wankelmütigen, weniger sprühenden Wesens geprägt. Sie sind tief in mich eingedrungen, weil ich tief innerlich geprägt bin durch einen kubanischen Ton, der, wie ich glaube, harmonisch verbunden ist mit einem jiddischen Ton, eine Verbindung oder Prägung, die ich als wahren Lebensquell betrachte, Quell der Poesie, der geistigen und emotionalen Offenheit. Ein Geschenk, das ich schütze und verehre, pflege und hüte und das mir hilft, mit relativer Ruhe die Widerwärtigkeiten der Geschichte und die (in jüngster Zeit wieder verschärften) Irrwege des Fanatismus zu ertragen und auf der Grundlage von Pluralismus und kultureller Vielfalt (an beide glaube ich ab ovo) zu schreiben. Ich glaube fest daran, dass dies der einzige Weg ist, der zur Eintracht innerhalb der so genannten Völkergemeinschaft führen kann.

Zum Schluss kehre ich zur Überschrift zurück: In meiner Kindheit und dann in der Jugend wurde mir – verständlicherweise aufgrund der Geschehnisse, aufgrund des Holocausts – der Kopf mit Berichten über Erlebnisse der Opfer und mit dem Abscheu gegenüber den Tätern vollgestopft. Das heißt, ich wuchs in einem Umfeld auf, wo die Opfer, die Juden, aufgrund ihrer Wut und ihrer leidvollen Erfahrungen nicht mehr zwischen dem historischen Moment und der Nation allgemein unterscheiden konnten. Man richtete über die deutsche Nation, in toto, ohne zu differenzieren, ohne vernünftige Kriterien, betrachtete Deutschland als Verbrechernation, so wie heutzutage ein bestimmter jüdischer Fanatismus die gesamte arabische Welt als fanatisch und (für alle anderen) gefährlich einschätzt. All dies muss man aus einer subtileren Perspektive betrachten, mit profunderen Geschichts- und auch Sprachkenntnissen, um nicht erneut von den Hitlers, Stalins, Osama bin Ladens oder den fanatisierten Orthodoxen jeglicher Religion manipuliert zu werden. Wir stehen vor einer großen Gefahr, der in diesem historischen Moment erdenklich größten Gefahr, die, falls sie nicht gebannt wird, zu neuen Holocausts, zu neuen unsäglichen Massakern führen wird. Es ist Zeit, allerhöchste Zeit, diesem Manichäismus von Opfern und Tätern ein Ende zu machen, der zum eigenen Vorteil (sei dieser materieller und wirtschaftlicher oder affektiver und emotionaler Art ) die historischen Gegebenheiten miteinander vermengt, die ja in der Tat besagen, dass es echte Opfer und echte Täter gab, doch darf dies nicht zu einem Verdikt führen, das ganze Menschenmassen verbannt und verteufelt, Menschen, die weder Opfer noch Täter waren, sondern lediglich Bürger eines Landes, einer Welt, einer Sprache, und die sich nichts anderes wünschen, als in Frieden von den Früchten ihrer Arbeit zu leben, ohne verfolgt zu werden.

Wie traurig - das muss man natürlich sagen -, wie traurig, dass in Deutschland geschah, was geschehen ist. Aber traurig ist auch, dass man diese schreckliche Tragödie als Handhabe benutzt hat, um das gesamte deutsche Volk als Täter zu brandmarken. Dieses Volk ist - und ich weiß, dass dies rhetorisch klingt - das Volk eines Johann Sebastian Bach, eines Buxtehude (mit dem ich unweigerlich, genau wie mit Thomas Mann, die Stadt Lübeck assoziiere, die ich zwar nicht kenne, aber in meiner Vorstellung tausendmal erlebt habe, wenn ich Buxtehudes Musik hörte, vor allem seine Duosonaten, oder wieder einmal die Buddenbrooks las). Für mich ist Deutschland vor allem das Land Bachs, Brahms’ und Beethovens, das Land, das Kafka, Rilke, Musil, Bernhard, Günter Grass, den Gebrüdern Mann, Adolf Muschg und Arthur Schnitzler großmütig seine Sprache schenkte. Sie alle haben mich bereichert, weil ich die falschen manichäischen Aussagen vermeide, die Schwarz-Weiß-Malerei, laut der die Welt sich in Gut und Böse aufteilt, in hohe Kasten und Parias, in Opfer und Täter, wobei durch verfälschende Verallgemeinerungen die konkreten Fakten eines historischen Momentes mit Begriffen vermengt werden, die weit über diese historischen Geschehnisse hinausreichen und keinen Grund haben, irgend etwas oder jemanden für immer und ewig zu beflecken oder zu demütigen.

José Kozer (Havanna, 1940),
Dichter, lebt seit 1960 in den USA und hat 32 Jahre lang spanischsprachige Literatur am Queens College, New York, unterrichtet. Er veröffentlichte 40 Lyrik- und zwei Prosabände in vielen spanischsprachigen Ländern. Einige seiner Werke wurden ins Englische, Französische, Hebräische, Portugiesische und Deutsche übersetzt. Zu seinen wichtigsten Lyriksammlungen zählen Y así tomaron posesión en las ciudades (1979), Jarrón de las abreviaturas (1980), La rueca de los semblantes (1980), Bajo este cien (1983), La garza sin sombras (1985), Prójimos. Intimitates (1990), et mutabile (1996) und Farándula (2000).