Die andere Sprache

Elisabeth Walther-Bense

Die Welt der Literatur - Welt-Literatur

Versteht man Literatur als Sprachkunst, dann muss sie sich offensichtlich von dem nicht-künstlerischen Umgang mit Sprache unterscheiden. Der französische Dichter Francis Ponge bemerkt, dass das sprachliche Material, das der Dichter vorfindet, vergleichbar sei mit einem "Haufen alter Lumpen, die man nicht mit der Feuerzange anfassen möchte, die sich uns anbieten zum Drehen und Wenden, zum Schütteln und zum Verändern der Position". Die Aufgabe des Dichters sei es, sich von alten Vorstellungen, alten Regeln, alten Gewohnheiten zu lösen und etwas Neues, Texte, zu schaffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand in vielen Ländern fast gleichzeitig eine neue Art von Sprachkunstwerken, die schließlich "Konkrete Poesie" genannt wurden. Es handelt sich um experimentelle Poesie. Die Anordnung des Materials auf der Seite ersetzt dabei die alten poetischen Formen.

Überall wurden Zeitschriften der Konkreten Dichtung gegründet, Ausstellungen gemacht und Manifeste veröffentlicht. Viele Autoren kannten und unterstützten sich gegenseitig, publizierten in den jeweiligen Zeitschriften und luden einander zu Ausstellungen ein. Theoretische Abhandlungen wurden veröffentlicht. Eines der ersten Manifeste der Konkreten stammt von den brasilianischen Dichtern Augusto und Haroldo de Campos und Décio Pignatari, das 1953/1958 als "plano-piloto" veröffentlicht wurde. Darin heißt es : "poesia concreta: produto de uma evolução crítica de formas. Dando por encerrado o ciclo histórico do verso (unidade rítmico-formal), a poesia concreta começa por tomar conhecimento do espaço gráfico como agente estrutural. ...[Konkrete Poesie: Produkt einer kritischen Formenentwicklung. Die konkrete Poesie betrachtet den historischen Zyklus des Verses (rhythmisch-formale Einheit) als abgeschlossen und wird sich des graphischen Raums als strukturgebenden Elements bewusst ...]" . Das konkrete Gedicht wird als "wortklangvisuell" verstanden. Ziel sei: "uma arte geral da palavra, o poema-produto: objeto útil [eine allgemeine Wortkunst, das Produkt-Gedicht: nutzbarer Gegenstand]." Als Vorläufer werden genannt: Mallarmé, Pound, Joyce, Apollinaire, Futurismus, Dadaismus, Oswald de Andrade und João Cabral de Melo Neto. Die Verbindung mit Musikern wie Webern, Boulez, Stockhausen und bildenden Künstlern wie Bill, Mondrian, Albers wird betont.

Der Austausch mit Deutschland begann 1956 mit dem Besuch von Décio Pignatari an der Hochschule für Gestaltung in Ulm, wo er mit Eugen Gomringer Kontakt aufnehmen wollte. Haroldo de Campos kam 1959 nach Stuttgart, um Max Bense kennen zu lernen. Er schickte anschließend Material seiner Gruppe, das Max Bense im Winter 1959 in der Universität Stuttgart ausstellte.

1954 veröffentlichten Eugen Gomringer und Helmut Heissenbüttel in der Zeitschrift augenblick theoretische Arbeiten über ihre Dichtung. Max Bense charakterisierte die Konkrete Poesie in seinem Buch "Die Realität der Literatur" mit folgenden Worten: "Konkrete Poesie unterhält nicht. Sie hat die Möglichkeit der Faszination und Faszination ist eine Form der Konzentration, und zwar einer Konzentration, die sich gleichermaßen auf die Perzeption des Materials wie auf die Apperzeption seiner Bedeutung erstreckt. Dementsprechend trennt die konkrete Poesie nicht die Sprachen, sondern vereinigt, mischt sie. Es liegt also in ihrer linguistischen Intention, dass die konkrete Poesie zum ersten Mal eine echte internationale dichterische Bewegung hervorgerufen hat." 1965 veranstaltete er die erste Ausstellung "konkrete poesie international" mit Arbeiten aus England, Dänemark, Tschechoslowakei, Mexiko, Türkei, Italien, Schweden, Brasilien und Deutschland. In einer zweiten internationalen Ausstellung 1970 zeigte er Arbeiten aus Japan, England, USA, Schweiz, Spanien, Türkei, Brasilien, Argentinien, Irak und Deutschland. Von 1965 -1990 folgten Ausstellungen in vielen Ländern. Die umfassendste wurde 1993 in Marseille unter dem Titel "Poésure et Peintrie" gezeigt und in einem umfangreichen Katalog dokumentiert.

Man kann über Entstehung und Verbreitung der Konkreten Poesie nichts mit Bestimmtheit sagen. Plötzlich waren die konkreten Gedichte überall vorhanden. Inzwischen hat man einige Male ihr Ende festgestellt, doch es werden weiterhin konkrete Gedichte publiziert.

Der konkrete Gedanke hat sich übrigens auch in Prosa-Texten manifestiert. Zum Beispiel in "Galáxias" von Haroldo de Campos, dessen deutsche Teil-Übersetzung (Vilem Flusser und Anatol Rosenfeld) bereits 1966 erschien. Auch João Cabral de Melo Netos "O cão sem plumas, dt. Der Hund ohne Federn" (1950) ist im Original zwar ein Lyrik-Werk, erscheint in der deutschen Fassung von 1964 jedoch als Prosa. Übrigens hat sich Haroldo de Campos für das Problem der Übersetzung literarischer Texte sehr interessiert und hat neben die Kreation von Texten die Übersetzung als Trans-Kreation gestellt.

Max Bense unterschied in seiner "Theorie der Texte" natürliche und künstliche Poesie. "Unter der natürlichen Poesie wird hier die Art von Poesie verstanden, die ... ein personales poetisches Bewusstsein ... zur Voraussetzung hat." Unter der künstlichen Poesie verstand er eine Art von Poesie, in der es kein personales poetisches Bewusstsein gibt. Die künstliche Poesie wird heute als Computer-Poesie, digitale oder kybernetische Poesie bezeichnet.

Elisabeth Walther-Bense (Oberweißbach/Thüringen, 1922),
Semiotikerin, lebt in Stuttgart. 1946-1950 Studium der Philosophie, Germanistik, Romanistik, Physik und Mathematik in Jena, Mainz und Stuttgart. 1950 Promotion, 1962 Habilitation. Bis 1983 Hochschullehrerin an der Universität Stuttgart. 1956-1958 Gastdozentin an der Hochschule für Gestaltung Ulm. 1964 Gastdozentin an der Escola Superior de Desenho Industrial, Rio de Janeiro. Verheiratet mit Max Bense.
www.elisabeth-walther-bense.de