Das echte Bild

Der Kunsthistoriker Hans Belting, dessen Name wie kaum ein anderer für den „iconic turn“ steht, für jene Wende der Bildwissenschaft zur Leitdisziplin unter den Geisteswissenschaften, legt in seiner jüngsten Studie klar, dass ein Betrachter aus dem durch das Christentum geprägten westlichen Kulturkreis ausnahmslos, wenngleich nicht immer zu Recht, davon ausgeht, dass Bilder als Zeichen funktionieren, also auf Phänomene der Welt verweisen. Bis heute bestehe die Erwartung, dass ein „echtes“ Bild eine Referenz haben müsse – und zwar nach Belting letztlich: die Referenz auf das Antlitz und den Leib des fleischgewordenen Gottes. Diese rational kaum fassbare Erwartung hat unsere ganze Kultur durchdrungen.
Im christlichen Kulturkreis ist der Umgang mit dem Bild also ein ganz anderer als etwa im Islam, wo Wort und Schrift die einzigen Quellen der Offenbarung sind. Da die göttliche Wahrheit dem menschlichen Anblick entzogen und jede Vorstellung von ihr ein Trugbild ist, lehnen fromme Muslime abbildhafte Darstellungen des Propheten und Allahs ab.
Der Karikaturenstreit muss auch vor dem Hintergrund dieser ikonoklastischen Tradition des Islam gesehen werden – noch vor der Provokation durch den diffamierenden und verletzenden Ton karikierender Verzerrung. Verständigung kann nur funktionieren, wo man nicht aus selbstverschuldeter Unkenntnis die Sensibilitäten des Dialogpartners ignoriert. Das heißt aber auch, Differenzen benennen zu können. Umso wichtiger, sich gerade auch kulturell tief verwurzelte Wahrnehmungsstrukturen und Deutungsmuster bewusst zu machen. Dazu sind Beltings Überlegungen über das Bild-Verständnis im christlichen Kontext der westlichen Kulturen fundamental. (hu)
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ist emeritierter Professor für Kunstwissenschaft und Medientheorie und seit 2004 Leiter des Internationalen Forschungszentrums Kulturwissenschaften (IFK) in Wien. Er veröffentlichte u.a. "Bild-Anthropologie" (2000), "Das echte Bild" (2005) und mit Martin Schulz und Dietmar Kamper "Quel corps? Eine Frage der Repräsentation".
Mai 2006
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