Urheberrecht

„Einfach abrufbar wie der Wetterbericht“ – Christoph Bruch zur Berlin-Konferenz

Logo der 8. Berlin-Konferenz; © National Science Library, Chinese Academy of SciencesLogo der 8. Berlin-Konferenz; © National Science Library, Chinese Academy of SciencesEnde Oktober 2010 findet die 8. Berlin-Konferenz für Open Access erstmals außerhalb von Europa, in Peking, statt. Goethe.de sprach mit dem Open-Access-Experten der Max-Planck-Gesellschaft Christoph Bruch über seine Erwartungen - und seine Vision eines optimalen Zugangs für Forscher zu wissenschaftlichen Informationen.

Herr Bruch, die Berlin-Konferenz findet 2010 erstmals außerhalb von Europa, in Peking, statt. Mit welchen Erwartungen fahren Sie nach China?

Bislang waren die Berlin-Konferenzen von einem Publikum dominiert, das sich aus europäischen Staaten rekrutierte. Wir hoffen, dass wir mit der Konferenz in Peking Vertreter von Wissenschaftsorganisationen aus den asiatischen Staaten ansprechen. Besonders in Indien und China entwickelt sich die Wissenschaft derzeit ja rasant.

Christoph Bruch; © Max-Planck-GesellschaftWelche Themen stehen auf der Agenda?

Die Agenda ist, wie bei allen Berlin-Konferenzen, breitgefächert. Es werden die typischen Fragestellungen in ihrer aktuellen Ausprägung behandelt: Wie wird Open Access in den einzelnen Organisationen umgesetzt? Wie erfolgt eine Vernetzung dessen, was bereits als Open Access zur Verfügung steht? Welche rechtlichen Hürden müssen noch überwunden werden? Was gibt es für spannende Anwendungen in den einzelnen Wissenschaftsfeldern?

Wissenschaft im Dienste des Gemeinwohls

Die erste Berlin-Konferenz ging 2003 mit der Verabschiedung der Berliner Erklärung zu Ende. Welche Kernaussagen stehen im Zentrum?

Website der 8. Berlin-Konferenz; © National Science Library, Chinese Academy of SciencesIm Zentrum der Berliner Erklärung steht die Selbstverpflichtung der Wissenschaft zu dem Gemeinwohl dienlichem Handeln. Anhand von Open Access sollen wissenschaftliche Veröffentlichungen einer möglichst breiten Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich gemacht werden. Mittlerweile haben rund 300 Wissenschaftsorganisationen die Berliner Erklärung unterzeichnet.

Wie kann der Ruf nach Open Access in der Praxis verwirklicht werden?

Open Access bedeutet zunächst einmal nicht, dass der Prozess der Veröffentlichung plötzlich kostenlos wird. Aber die Kosten sollen nicht bei den Nutzern erhoben werden. Es gibt zwei praktische Wege der Umsetzung: den sogenannten Goldenen und den Grünen Weg. Wenn ein Verlag alle Artikel seiner Zeitschrift direkt zum Zeitpunkt der Originalveröffentlichung für die gesamte Welt kostenfrei elektronisch zugänglich macht, spricht man vom Goldenen Weg.

Logo von Open Access; © open-access.orgBeim Grünen Weg erlaubt der Copyright-Besitzer einer Zeitschrift, die von Abo-Gebühren lebt, seinen Autoren eine elektronische Zweitveröffentlichung. Diese ist jedoch an bestimmte Bedingungen geknüpft. Häufig darf beispielsweise die Zweitveröffentlichung erst nach einer Embargofrist von mehreren Monaten erfolgen. Verwendet werden darf meist die letzte Version, die der Wissenschaftler abgesegnet hat – jedoch nur ohne das attraktive Layout des Verlags.

Wissenschaftler, Verlage und Bibliothekare arbeiten zusammen

Verlieren Verlage dadurch nicht trotzdem Abonnenten?

Dieser Frage gehen wir mit dem Projekt PEER nach. PEER steht für „Publishing and the Ecology of European Research“ und untersucht die Auswirkungen des Grünen Weges zum Open Access in der Praxis. Das Besondere an diesem Projekt ist, dass Verlage, Wissenschaftsorganisationen und Bibliotheken zusammenarbeiten – Organisationen, die sich normalerweise gegenseitig beharken.

Website von PEER; © peerproject.euEine Gruppe von Verlagen macht über PEER Autorenmanuskripte aus circa 300 wissenschaftlichen Zeitschriften der Öffentlichkeit zugänglich. Daraufhin wird gemessen, wie sich das auswirkt: Werden diese Artikel genutzt? Gibt es deswegen weniger Nachfrage nach den Artikeln auf der Original-Website der Verlage? Führen die Artikel zu einem veränderten Verhalten der Wissenschaftler? Werden neue Zielgruppen angesprochen?

Wie stellen Sie sich die ideale Arbeitsumgebung für Forscher und Wissenschaftler vor?

Im Alltag finden wir heute sehr viel Wissen im Internet ganz leicht über Google und können direkt darauf zugreifen. Diese Situation ist für Wissenschaftler nicht gegeben. Wissenschaftliche Veröffentlichungen in Fachzeitschriften werden aufgrund der Preisentwicklung für viele Wissenschaftsorganisationen zu teuer. Die breite Öffentlichkeit, aber auch viele kleine und mittlere Unternehmen konnten und können sich den Zugang zu wissenschaftlichen Zeitschriften nicht leisten.

Hier wünsche ich mir eine Änderung, ebenso wie viele Wissenschaftler auch. Aktuell wird der dritte Korb der Urheberrechtsnovellierung in Deutschland diskutiert. Es könnte sein, dass wir mit dieser Novellierung ein sogenanntes unabdingbares Zweitveröffentlichungsrecht bekommen, das eine erhebliche Grundlage für den Grünen Weg darstellen und eine vereinfachte Umsetzung ermöglichen würde. Dies wäre ein wesentlicher Schritt dahin, dass Wissenschaftler auf wissenschaftliche Informationen ähnlich einfach zugreifen können, wie wir täglich auf den Wetterbericht.

Verena Hütter
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Autorin und Redakteurin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2010

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