Islamunterricht in deutscher Sprache

Öffentliche Schulen sollen in den kommenden Jahren islamischen Religionsunterricht in Deutsch anbieten. Das hat die Deutsche Islamkonferenz (DIK) bei ihrer dritten Plenartagung Anfang März 2008 empfohlen. An der von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble einberufenen Konferenz nehmen Vertreter von Bund und Ländern, Amtsträger der muslimischen Verbände sowie Repräsentanten der islamischen Zivilgesellschaft teil. Schäuble äußerte zum Ergebnis der Konferenz: „Wenn Muslime sagen, wir möchten Religionsunterricht, so wie für Katholiken und Protestanten oder Juden, dann muss der Innenminister sagen, dass ihn das Grundgesetz zur Neutralität verpflichtet." Es gelte die Gleichbehandlung, „und so kann auch islamischer Religionsunterricht eingeführt werden“. Der Dialogbeauftragte des türkisch-islamischen Verbandes Ditib, Bekir Alboga, begrüßte das Bekenntnis der staatlichen Seite zum islamischen Religionsunterricht. Die Vertreterin der nicht-säkularen Muslime, Necla Kelek, sprach von Meinungsverschiedenheiten mit den muslimischen Verbänden. Die soziale Realität sei oft anders als die Lippenbekenntnisse. Es gebe immer noch eine „emotionale Kluft“ zwischen den Menschen.
Ansprechpartner fehlen
Grundsätzlich ist Religionsunterricht an deutschen Schulen Sache der staatlich anerkannten Glaubensgemeinschaften. Die katholische und die evangelische Kirche erarbeiten in Zusammenarbeit mit den staatlichen Lehrplankommissionen die Inhalte ihres Unterrichts. Auch die Ausbildung der Religionslehrerinnen und -lehrer geschieht an staatlichen Hochschulen.In vielen Bundesländern gibt es zusätzlich das Fach Ethik oder Lebenskunde für die Schüler, die zu keiner Religionsgemeinschaft gehören oder den konfessionellen Unterricht ablehnen. Der Staat verhält sich neutral, soweit es Glaubensangelegenheiten betrifft, behält sich aber vor, bei der Unterrichtsgestaltung an den staatlichen Schulen mit zu entscheiden.
Islamunterricht soll nun ebenfalls in die Curricula der deutschen Schulen eingebaut werden. Doch um den Unterricht zu erteilen, brauchen die Kultusministerien in den Bundesländern geeignete Ansprechpartner. Tatsächlich sind die muslimischen Verbände in Deutschland zerstritten. Viele vertreten eine unterschiedliche Auffassung vom Islam, eine gemeinsame Dachorganisation besteht nicht.
Pro Islamunterricht in deutscher Sprache
Der Idee, einen Islamunterricht in Deutsch anzubieten, liegt der Gedanke zugrunde, damit fundamentalistischen Positionen und Hasspredigern das Wasser abzugraben. Die Befürworter eines solchen Unterrichts sagen, der staatliche Religionsunterricht biete die beste Garantie, dass sich islamistische Positionen nicht so leicht in den Köpfen und Herzen der Jugendlichen verankern lassen. Außerdem ist beabsichtigt, dass der Staat die künftigen Islamlehrerinnen und –lehrer ausbildet. Der Koranunterricht in den Moscheen ist Sache von Imamen, die häufig aus der Türkei oder Saudi-Arabien eingeflogen werden. Daran braucht sich nichts zu ändern. Aber der staatliche Unterricht muss von Lehrerinnen und Lehren erteilt werden, die auf dem Boden des Grundgesetzes stehen und in Deutschland ausgebildet wurden. Damit wäre zumindest ein Gegengewicht zu den Unterweisungen in den Hinterhof-Moscheen vorhanden.
Über den Hebel Islamunterricht – so die Hoffnung der Befürworter – wäre es auch möglich, dass sich die zerstrittenen muslimischen Verbände endlich auf theologische Mindeststandards einigen. Dabei geht es auch nicht ohne das Bekenntnis zu den Werten und Normen der deutschen Mehrheitsgesellschaft: Ein Islamunterricht, der etwa den „Heiligen Krieg“ propagiert, kann der Staat nicht dulden.
Contra Religionsunterricht
Die Gegner eines deutschsprachigen Islamunterrichts wenden ein, dass Religion an der Schule eigentlich nichts zu suchen habe. Schließlich trenne das Grundgesetzt klar zwischen Staat und Religion. Dass man jetzt neben katholischem und protestantischem auch noch islamischen Unterricht einführe, diene nur dazu, die Muslime in Deutschland besser zu überwachen.Das Wissen um die Weltreligionen gehört nach Ansicht der Kritiker in ein Fach, das wie Geschichte oder Biologie Allgemeinbildung vermittelt. Nur wer die Geschichte der Weltreligionen kenne sei auch zu einem kritischen Umgang mit Glaubensangelegenheiten fähig. Und erst dann sei es möglich, sich frei für einen Glauben zu entscheiden.
Der Bedarf ist vorhanden
In Berlin hat es die Islamische Konföderation geschafft, dass ihre Geistlichen an den staatlichen Schulen unterrichten dürfen. Eine Neuköllner Grundschullehrerin berichtet, dass einer dieser Lehrer direkt aus der Türkei gekommen sei und nur auf Türkisch unterrichtet habe.„Was hinter der geschlossenen Tür passiert, weiß keiner“, sagt sie. Sie würde einen Islamunterricht auf Deutsch begrüßen, aber nur dann, wenn er von einem Kollegen erteilt würde, der zum Kollegium gehört. „Wir haben fünf türkische oder türkisch-stämmige Lehrer an unserer Schule, die alle ausgezeichnet Deutsch sprechen. Die gehören zu unserem Kollegium, und wenn die sich ausbilden ließen zum Religionslehrer, fände ich einen solchen Unterricht prima.“
Das Bedürfnis nach Religionsunterricht ist da. Die Lehrerin, die das Ersatzfach „Lebenskunde“ unterrichtet, hat in diesen Stunden fast nur mit türkischen Kindern zu tun, die viele Fragen stellen und sehr aufgeschlossen sind für religiöse Probleme. „Die gehen alle nachmittags in die Moschee zum Koranunterricht – und was da passiert, wissen wir nicht.“
Volker Thomas
ist freier Journalist in Bonn und Berlin und leitet in Berlin eine Agentur für Text und Gestaltung (www.thomas.-ppr.de)
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Mai 2008











