Bildungskonzepte in Deutschland

"Schule ist auch schon Leben" – Die Helene-Lange-Schule in Wiesbaden

Schulleitung der Helene-Lange-Schule von links nach rechts: Martin Frenz (Stufenleiter 8-10), Dr. Ingrid Ahlring (Schulleiterin), Elvira van Haasteren (Mensa und Nachmittagsbereich), Ursula Görisch (Stufenleiterin 5-7), Klaus Schwalbenbach (Stellv. Schulleiter); Copyright: Helene-Lange-SchuleSchulleitung der Helene-Lange-Schule von links nach rechts: Martin Frenz (Stufenleiter 8-10), Dr. Ingrid Ahlring (Schulleiterin), Elvira van Haasteren (Mensa und Nachmittagsbereich), Ursula Görisch (Stufenleiterin 5-7), Klaus Schwalbenbach (Stellv. Schulleiter); Copyright: Helene-Lange-SchuleDie Helene-Lange-Schule in Wiesbaden hat – zusammen mit vier anderen Schulen – den Deutschen Schulpreis 2007 erhalten. Wir haben mit der Schulleiterin Ingrid Ahlring über die Erfolgsgeheimnisse ihrer Gesamtschule gesprochen.

Frau Dr. Ahlring, Ihre Schule ist am 10. Dezember 2007 mit dem Deutschen Schulpreis 2007 ausgezeichnet worden. Spürt man die Euphorie darüber noch im Schulalltag?

Man konnte natürlich direkt nach der Preisvergabe und bis zu den Weihnachtsferien extrem viel von der Euphorie spüren. Die Schüler kamen alle ins Sekretariat, haben den Preis angefasst und die Fotos angeschaut. Nach den Weihnachtsfeiern ist die Euphorie etwas abgeflaut. Die Schule ist in gewisser Weise daran gewöhnt, immer etwas Besonders zu haben. Es kommen ständig Leute her, um die Schule zu besuchen oder im Unterricht zu hospitieren. Das gehört eigentlich schon zum Alltag.

In der Begründung der Jury zum Schulpreis heißt es, dass Ihre "Schüler das Gefühl haben, die Schule mitzugestalten. Sie empfinden sie als etwas Besonderes." Wie schaffen Sie das?

Kommunikationstraining; Copyright: Helene-Lange-SchuleDas schaffen wir dadurch, dass wir die Schüler ernst nehmen. Wir nehmen die Schule gemeinsam mit den Schülern in Besitz. Die Klassen bleiben zum Beispiel immer für zwei Jahre in einem Klassenraum, dann ziehen sie in ein anderes Stockwerk um. Wenn sie ihren alten Klassenraum verlassen, müssen sie ihn renovieren. Dafür kommen sie auch selbst in frisch renovierte Räume. Dort richten sie sich neu ein und gestalten ein sogenanntes Türschild. Auf diesem Schild stellt sich die Klasse nach außen hin dar – mit Bildern, Fotos oder Ähnlichem. Jeder einzelne Schüler und auch der Klassenlehrer sind da involviert. Das zeigt sehr deutlich, dass wir hier in gewisser Weise zu Hause sind.

Unsere Schule ist eine einzige Ausstellungsfläche. Überall sind Dinge zu sehen, die Schüler gemacht haben und die so gewürdigt und wertgeschätzt werden. Es ist uns extrem wichtig, dass sich die Schüler überall in der Schule selbst wiederfinden.

Ihre Schule ist anders organisiert als die meisten anderen – nämlich in Jahrgangsteams. Können Sie das erläutern?

Jahrgangsteams bedeutet, dass ein geringe Anzahl von Lehrern – in unserem Fall sind es sechs bis acht – für einen Jahrgang von 104 Schülern voll verantwortlich sind. Sie decken bis auf kleine Ausnahmen komplett den Unterricht in diesem Jahrgang ab. Sie sind alle Klassenlehrer und begleiten die Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse. Die Lehrer bauen in den Jahrgangsteams eine sehr intensive Beziehung zu den Schülern auf und sie verfolgen ihre Entwicklung.

Außerdem haben die Lehrer auf dem Jahrgangsflur, wo auch die Klassenräume sind, ein kleines Lehrerzimmer nur für sich. Sie sehen in jeder Pause all die Fachlehrer, die in ihrer Klasse arbeiten. Damit sind die Kommunikationswege sehr kurz. Bei uns gibt es nicht die Anonymität der großen Lehrerzimmer, die man sonst oft in Schulen hat.

Ihre Schule will für Schüler und Lehrer ein Lebensraum auf Zeit sein. Was bedeutet das konkret?

Copyright: Helene-Lange-SchuleMan muss den alten Spruch "Wir lernen nicht für die Schule, sondern fürs Leben" ein bisschen umkehren. Das Leben findet nicht draußen statt. Schule ist auch schon Leben. Die Schüler verbringen hier einen sehr, sehr großen Teil ihrer Lebenszeit. Das muss man beachten und darf es nicht einfach so dem hidden curriculum (heimlichen Lehrplan) überlassen.

Eine zentrale Rolle nehmen in Ihrem Schulkonzept die sogenannten Rituale ein. Dazu gehört neben dem wöchentlich tagenden Klassenrat und dem Montagmorgenkreis auch das Ruhezeichen. Was verbirgt sich dahinter?

Das Ruhezeichen haben wir von der Grundschule geklaut. Ich sage immer: Von den Grundschulen lernen heißt, siegen lernen. Die Grundschulen sind die wahren Meister im Unterrichten von heterogenen Klassen – und das weiterzuführen ist eines der großen Erfolgsgeheimnisse unserer Schule.

Das Ruhezeichen ist ein vereinbartes Zeichen. Bei uns hebt man deutlich sichtbar für alle kurz die Hand und das heißt dann "Ruhe". Das Zeichen einzuführen und zu trainieren, braucht Zeit und Geduld – aber es funktioniert und wird von den Schülern akzeptiert.

Warum sind Rituale so wichtig?

Entwicklungspsychologen wie zum Beispiel Wolfgang Bergmann sagen, dass Kinder zwei Dinge brauchen: zum einen Orientierung und Klarheit, zum anderen Unterstützung, Anerkennung und Zugewandtheit.

Orientierung geben wir ihnen, wenn wir ihnen klar und deutlich sagen, was unsere Regeln sind. Die Rituale sind auf der einen Seite Regeln, auf der anderen Seite etwas immer Wiederkehrendes, an dem man sich – im Laufe des Schulwoche, des Schuljahres oder auch der gesamten Schulzeit – orientieren kann. Sie bieten Schülern Halt in den ganzen Irrungen und Wirrungen der Pubertät.

Eines unserer schönsten Rituale ist etwas ganz Schlichtes: der Geburtstagskreis. Kinder nehmen ihren Geburtstag sehr ernst. Es ist der einzige Tag, an dem sie uneingeschränkt im Mittelpunkt sind – bei den ganzen sonstigen Unsicherheiten ist das sehr wichtig.

Bei Ihnen wird grundsätzlich in Doppelstunden unterrichtet. Warum?

Deutscher Schulpreis 2007 für die Helene-Lange-SchuleStellen Sie sich vor, ein Kind hat am Tag sechs unterschiedliche Fächer und damit sechs Lehrer, die darauf dringen, dass genau ihr Unterricht der wichtigste ist. Und alle geben Hausaufgaben auf …

Bei Doppelstunden gibt es weniger Hausaufgaben und der Schultag wird insgesamt viel ruhiger. In einer Doppelstunde haben die Kinder Zeit, sich auf den Unterricht einzulassen. Der Stress vermindert sich ganz erheblich, weil man sich eben nur auf drei Lehrer einstellen muss. Das bedeutet für uns eine ganz, ganz hohe Lebensqualität an der Schule.

Sie haben elf Werkstätten auf dem Schulgelände – unter anderem eine Holzwerkstatt, eine Fahrradwerkstatt, ein Radiostudio. Das klingt, als wäre Ihre Schule finanziell besonders gut ausgestattet. Stimmt das?

Ja und nein. Die meisten Schulen, an denen Arbeitslehre unterrichtet wird, haben eine funktionierende Holzwerkstatt. Ähnliches gilt für unsere Fahrradwerkstatt. Das Radiostudio haben wir, weil eine Kollegin beim Hessischen Rundfunk ist und wir einen begnadeten Hausmeister haben, der die Inneneinrichtung geschaffen hat.

Die Art und Weise, wie unsere Werkstätten ausgestattet sind, haben wir uns Stück für Stück zusammenspart. Wir haben einen unglaublich aktiven und gut funktionierenden Förderverein, der auch Sponsoren sucht. Das ist das eigentliche Geheimnis hinter vielen dieser Dinge. Von der Stadt bekommen wir dafür nichts.

Welche Visionen haben Sie für die Zukunft?

Ich würde gern eine Ganztagsschule haben, die den Tag stärker rhythmisieren kann, als wir das jetzt tun – der Antrag dafür liegt bereits auf dem Tisch. Es sollte so etwas wie einen gleitenden Anfang geben, der es Kindern – je nachdem ob sie Früh- oder Spätaufsteher sind – erlaubt, so in die Schule zu kommen, dass sie auch genug Schlaf gehabt haben. Sie sollen die Gleitzeiten am Anfang und Ende des Schultages für sich selbst nutzen können.

Und natürlich fände ich es ganz wunderbar, wenn Lehrer und Schüler gleichermaßen ihren Arbeitsplatz in der Schule sehen würden – und wenn sie alle irgendwann heimgehen, dann auch fertig sind. Aber ich glaube, gerade bei den Lehrern braucht das noch ein, zwei Generationen, bis man darüber nachdenken kann.

Das Gespräch führte Dagmar Giersberg.
Sie arbeitet als freie Publizistin in Bonn

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Mai 2008

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