Bildungskonzepte in Deutschland

Privatgymnasium VIB: Integration durch Bildung

Karl-Heinz Müller bei der Eröffnung des Privatgymnasiums VIB; Copyright: Verein für Integration und Bildung e.V.Karl-Heinz Müller bei der Eröffnung des Privatgymnasiums VIB; Copyright: Verein für Integration und Bildung e.V.Bessere Chancen für Schüler mit Migrationshintergrund: Das ist das Ziel des Privatgymnasiums VIB vom Verein für Integration und Bildung in Hannover. Dafür geht die Schule in der Pädagogik neue Wege. Im Interview spricht Schulleiter Karl-Heinz Müller (50) über das Projekt.

Herr Müller, Ihre Schüler haben fast ausschließlich einen türkischen Migrationshintergrund. Wäre es zur Integration nicht sinnvoller, türkische und deutsche Schüler gemeinsam zu unterrichten?

Nicht unbedingt. Integration soll bei uns über Bildung erfolgen. Gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund ist der Anteil an Hauptschülern und Schulabbrechern sehr hoch. Wir wollen deshalb durch gezielte Förderung zu einem hohen Bildungsstandard verhelfen und damit gesellschaftlich besser integrieren.

Dann ist Ihr Privatgymnasium also in erster Linie für ausländische Schüler gedacht?

Klassenraum der Privatschule VIB; Copyright: Verein für Integration und Bildung e.V.Nein, unsere Schule soll bald auch deutsche und osteuropäische Schüler unterrichten. Dass wir im Moment vorwiegend Schüler mit türkischem Migrationshintergrund haben, liegt einfach daran, dass unsere Schule noch sehr neu ist. So haben wir 2007 erst zwei Wochen vor dem offiziellen Schulanfang die Erlaubnis des Landes bekommen, eine genehmigte Ersatzschule zu führen. Daher haben sich vorwiegend Schüler angemeldet, deren Eltern an der Schulgründung mitgewirkt haben – und die sind vorwiegend türkischer Herkunft.

Schulgründung statt Nachhilfe

Wieso wollten diese Eltern eine eigene Schule gründen?

Der VIB war ursprünglich nur als Nachhilfe-Projekt für Schüler mit Migrationshintergrund gedacht. Doch irgendwann haben die Eltern sich gefragt: "Warum geben wir eigentlich so viel Geld für Nachhilfestunden aus? Wäre es nicht gescheiter, eine Schule zu gründen, die ein spezielles Förderprogramm anbietet, das Schüler gar nicht in die Verlegenheit bringt, Nachhilfe nehmen zu müssen?" So wurde die Idee geboren.

Was macht Ihre Schule anders als andere Gymnasien?

Workshop des VIB zum Thema `Teamfindung´; Copyright: Verein für Integration und Bildung e.V.Zum einen bieten wir kleine Klassen mit maximal 20 Schülern an. Das lässt mehr Raum für Erklärungen und Fragen. Zusätzlich setzen wir auf einen Ganztagsbetrieb, in dem die Schüler neben sechs Unterrichtsstunden auch gezielten Förderunterricht erhalten. Da unsere Schüler teils erhebliche Defizite in der deutschen Schriftsprache haben und auch das Vokabular oftmals ausbaufähig ist, gibt es bei uns ganz gezielt Extra-Unterricht in Deutsch. Daneben bieten wir aber auch Türkisch-AGs, damit die Schüler auch ihre Muttersprache pflegen können. Mit Sport-, Tanz- oder Theaterunterricht am Nachmittag wollen wir die Schüler möglichst breitgefächert fördern.

Deutsch als "Amtssprache"

Ist Deutsch einzige Unterrichtssprache?

Ja. Selbst auf dem Pausenhof gilt Deutsch als "Amtssprache". Schüler, die sich nicht daran halten, werden ermahnt. Nur so können die Schüler ihre Sprachkenntnisse dauerhaft verbessern.

Wie gehen Sie mit dem sensiblen Thema "Religionsunterricht" um?

Statt Religion unterrichten wir das Fach "Werte und Normen". Hier geht es um klassische Bildungsideale wie Toleranz, Freiheit und Demokratie. Sollte aber der Wunsch nach dem Schulfach "Katholische/evangelische Religion" aufkommen, ist das kein Problem. Wir haben bereits mit anderen Schulen vereinbart, dass wir in einem solchen Fall kooperieren wollen.

Abitur mit Hauptschulempfehlung

Sie nehmen auch Schüler auf, die laut Einschätzung ihrer Grundschullehrer gar nicht für das Gymnasium geeignet sind…

Unterricht im Privatgymnasium VIB; Copyright: Verein für Integration und Bildung e.V.Richtig. Das machen wir aber nicht grundsätzlich so, sondern führen vorher mit den Betroffenen und ihren Eltern lange Gespräche über Defizite und Zensuren. Wenn wir dann den Eindruck haben, dass ein Schüler sich reinhängt , kann er trotzdem bei uns Abitur machen. Wir sind nämlich der Meinung, dass Schüler nicht direkt nach der vierten Klasse in Haupt-, Realschule oder Gymnasium aufgeteilt werden sollten. Kaum eine Schullaufbahn verläuft wegen der Entwicklungsprozesse eines Kindes geradlinig. Deshalb sollte man möglichst vielen Schülern die Chance auf das Abitur geben. Und gerade Schüler, denen wir trotz gegenteiliger Einschätzung ihrer Grundschullehrer eine Chance geben, strengen sich mit Erfolg anschließend besonders an.

Das Privatgymnasium VIB

Das Privatgymnasium VIB vom Verein für Integration und Bildung gilt seit 2007 als "genehmigte Ersatzschule". Das bedeutet: Die Schule ist vom Schulabschluss her mit anderen Gymnasien gleichgestellt. Allerdings wird die Finanzierung nicht vom Land übernommen. Daher werden die Kosten für den Erhalt der Schule durch eine monatliche Schulgebühr und Spenden übernommen. Frühestens drei Jahre nach seiner Gründung kann das Privatgymnasium VIB zur "anerkannte Ersatzschule" werden. Dann würde auch das Land einen Großteil der Finanzierung übernehmen.

Das Gespräch führte Rüdiger Teutsch.
Rüdiger Teutsch arbeitet als Bildungsjournalist und Redakteur des Webportals Schule.WDR.de des Westdeutschen Rundfunks in Köln

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Juni 2008

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