Bildungskonzepte in Deutschland

Grundschulen ohne Männer

Grundschüler im Unterricht; Copyright: Arnd ZickgrafDer einzige Lehrer einer Grundschule in Siegburg mit seinen Schülern; Copyright: Arnd ZickgrafWeil sie als Grundschullehrer nicht genug verdienen und ein geringes gesellschaftliches Ansehen haben, werden immer weniger junge Männer Grundschullehrer. So wachsen viele Jungen und Mädchen nicht nur ohne Väter, sondern weitestgehend ohne andere männliche Vorbilder auf. Nun debattieren Bildungsexperten über Konsequenzen.

Familien zerbröckeln, immer mehr Mütter erziehen ihre Kinder allein. Es gibt heute Heerscharen von Kindern, die sich auf Frauen fixieren: auf Mütter, Tagesmütter, Großmütter und Kindergärtnerinnen. Das ändert sich auch nicht in den ersten Schuljahren. Denn die meisten Männer zieht es, wenn sie überhaupt Lehrer werden wollen, in die intellektuell anspruchsvolleren Gymnasien. Um Grundschulen hingegen, wo sie von Kindern eigentlich dringend gebraucht werden, machen sie einen großen Bogen. So kommt es, dass viele Jungen und Mädchen in einer von Frauen geprägten Welt leben. Es ist für sie normal, bis zum Alter von zehn Jahren kaum mit männlichen Bezugspersonen in Kontakt zu kommen.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes waren im Jahr 2006/2007 lediglich zwei Prozent der Beschäftigten in Kindertageseinrichtungen männlichen Geschlechts, in Grundschulen nur rund 13 Prozent. Der Männermangel in der Kindergarten- und Grundschulzeit hat Folgen. Jungen schneiden schon in der Grundschule schlechter als Mädchen ab und ihr Bewegungsdrang wird allzu oft als Störung des Unterrichts wahrgenommen. Außerdem haben Jungen mit Zuwanderungshintergrund, die sich an einer patriarchalischen Kultur orientieren, nicht selten Schwierigkeiten damit, Lehrerinnen als Respektpersonen anzuerkennen. All das wirkt sich nicht günstig auf die Motivation der kleinen Kerle zum Lernen aus.

Werden Jungen benachteiligt?

Zwei Jungen erledigen ihre Hausaufgaben. Sie lassen nicht voneinander abschreiben; Copyright: Arnd ZickgrafMartin G., 30 Jahre, hat keinen Bogen um die Grundschule gemacht und sich in die Domäne der Frauen begeben. Der Lehrer einer Grundschule in Duisburg ist der einzige Mann im Kollegium. "Ich habe Freude daran, Kindern Inhalte und Werte zu vermitteln", begründet der Lehrer seine Motivation. Zwar verdient er mehrere hundert Euro weniger als seine Kollegen an Gymnasien und muss dafür überdies mehr Unterrichtsstunden leisten. Doch es fasziniert ihn zu sehen, wie Kinder sich in Schüben entwickeln: Gestern noch Nichtschwimmer, heute schon Schwimmer, gestern noch Analphabet, heute schon Bücherwurm. Er räumt zwar ein, dass Gymnasiallehrer ein höheres Ansehen in der Gesellschaft genießen. Aber er verweist auch auf die Internationale Grundschul-Leseuntersuchung (Iglu). Danach sind die Rechen- und Lesefertigkeiten von deutschen Grundschülern international überdurchschnittlich hoch. Außerdem fällt der Leistungsunterschied zwischen Jungen und Mädchen an Grundschulen deutlich geringer aus als an den weiterführenden Schulen – trotz hohen Frauenanteils.

Nach Heike Diefenbach, Soziologin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, steht das Leistungsgefälle zwischen Jungen und Mädchen im Zusammenhang mit der Höhe des Anteils der Männer an Grundschulen. Sie beruft sich teilweise auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2005/2006. Bei Ländern mit einem hohen Anteil von Männern als Grundschullehrer, beispielsweise Baden-Württemberg, fällt der Leistungsunterschied geringer aus. In Ländern mit einem geringen Anteil männlicher Grundschullehrer, etwa Thüringen, ist der Unterschied hingegen größer.

Männlichkeitsklischees verbauen schulischen Erfolg

Grundschüler im Unterricht; Copyright: Arnd ZickgrafOb ein höherer Anteil männlicher Lehrer tatsächlich zum schulischen Erfolg von Jungen beiträgt, ist für Jürgen Budde, Erziehungswissenschaftler an der Universität Halle-Wittenberg, indes nicht geklärt. Er hegt Zweifel an der Schlüssigkeit des angenommenen Zusammenhangs zwischen Männeranteil und Bildungserfolg von Jungen. Es könne nicht davon ausgegangen werden, dass jeder männliche Kollege automatisch "positive Effekte auf die schulische Geschlechtergerechtigkeit" habe. Typisch für männliches Lehrerverhalten sei es etwa, dass sie sich einerseits mit den Jungen solidarisierten, andererseits das Konkurrenzprinzip und die Hierarchie im Klassenzimmer etablierten. Auf der anderen Seite neigten Lehrerinnen dazu, Jungen häufiger zurechtzuweisen und umgekehrt Mädchen stärker zu beschützen und zu unterstützen. Für die Jungen nachteilig wirken sich Budde zufolge vielmehr festgefahrene Vorstellungen über die Rolle der Geschlechter sowohl bei Lehrerinnen als auch bei Lehrern aus: "Stereotype Männlichkeitsbilder stellen eine Blockade bei der Realisierung von Lernerfolg bei Jungen und Mädchen dar."

Bildungspolitik am Zug

Die für die Anstellung von Lehrern zuständigen Kultusminister von Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen beispielsweise haben auf den Trend zur Verweiblichung der Grundschule reagiert. Mit Werbekampagnen wollen sie männliche Lehramtsstudierende doch noch dazu bewegen, Grundschullehrer zu werden. Lehrergewerkschaften indes zweifeln an der Wirkung solcher Imagekampagnen für den Beruf des Grundschullehrers.

"Werbende Worte allein bringen nicht mehr Männer in Kindertagesstätten und Grundschulen", meint Michael Gomolzig, Vorsitzender des Landesverbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE). Wer mehr Männer an Grundschulen wolle, müsse bessere Arbeitsbedingungen bieten, eine höhere Besoldung und attraktive Aufstiegsmöglichkeiten. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass vor diesem Hintergrund tatsächlich eine große Zahl junger Männer Grundschullehrer wird. In der Not empfehlen deshalb namhafte Bildungsexperten, Großväter, männliche Lesepaten und ältere Schüler in die Grundschulen zu locken.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

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Juli 2008

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