Abi für Erwachsene: Zweiter Bildungsweg am Berlin Kolleg

Wer als Erwachsener in Deutschland das Abitur machen will, hat viele Möglichkeiten. Um den zweiten Bildungsweg kümmern sich unter anderem private und staatliche Kollegs . Eines davon ist das Berlin Kolleg. Auch 100 Schüler über Dreißig nutzen hier die Chance.
Für Erwachsene, die ihr Abitur machen und tagsüber trotzdem arbeiten wollen, gibt es in Deutschland zahlreiche Abendgymnasien. Der Besuch aber dauert lange und ist wegen der Doppelbelastung auf Dauer anstrengend. Praktischer sind da schon die privaten oder staatlichen Kollegs, die wie richtige Schulen funktionieren: Hier wird der Unterricht tagsüber und in enger Anlehnung an das Zentralabitur abgehalten. Zu diesen Einrichtungen gehört das 1960 gegründete staatliche Berlin Kolleg (BK): eines von fünf Kollegs, die es allein in der Bundeshauptstadt gibt.
Drei bis dreieinhalb Jahre dauert der Studiengang bis zur Allgemeinen Hochschulreife am Berlin Kolleg. Gegliedert ist er in eine einjährige Einführungsphase und eine Kursphase von zwei Jahren. Je nach Bildungsstand ist ein sechs Monate langer Vorkurs oder eine Eignungsprüfung Voraussetzung zur Aufnahme. Ihren Lebensunterhalt können sich die Schüler in den meisten Fällen mit BaföG finanzieren. Es wird unabhängig vom Verdienst der Eltern gezahlt und muss nicht zurückgegeben werden. Den Unterricht am Berlin Kolleg erteilen ausschließlich Lehrer im Rang eines Studienrates.
Bildung als Selbstzweck
Wie bei allen staatlichen Einrichtungen dieser Art ist auch beim Berlin Kolleg kein Schulgeld erforderlich. Lernmittel sind ebenfalls kostenlos. Selbst bei der Zugangsvoraussetzung – Realschul- oder Berufsabschluss – sind Ausnahmen möglich, Altersgrenzen für die Aufnahme gibt es nicht. Beim Eintritt ins Berlin Kolleg allerdings haben 90 Prozent der Interessenten einen Berufsabschluss, das Eintrittsalter liegt im Durchschnitt bei 25 Jahren. Tatsächlich aber sind alle Generationen im Berlin Kolleg vertreten. „Unsere jüngste Abiturientin des Jahrgangs von 2008 war erst 22, die älteste 63 Jahre alt“, sagt dessen Leiter, Oberstudiendirektor Rainer von Paris. Das Spektrum der Bildungswilligen ist also groß.
Gleiches lässt sich auch über die Motivation der Schüler sagen. „Vom Abitur versprechen sich die Kollegiaten ganz verschiedene Dinge“, betont von Paris. Bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt gehören dabei sicher zu den Hauptmotivationen: „etwa bei den Verwaltungsberufen, für die Abitur zwingend notwendig ist“. Die meisten Absolventen studieren anschließend, und das auch jenseits der Vierzig oder Fünfzig. „Viele wollen sich einfach nur mehr Bildung erarbeiten“, sagt von Paris. In Zeiten lebenslangen Lernens ist Wissen offenbar inzwischen auch ein Selbstzweck.
Nischen und Nachteile
Vom politischen Druck mit seinen Privatisierungstendenzen oder dem Stellenabbau im Bildungswesen spürt man am Berlin Kolleg mit seinen etwa 80 Lehrern noch wenig. Überhaupt zeigt die Politik kein großes Interesse an der Einrichtung. „Aber das muss ja kein Schaden sein“, wie von Paris augenzwinkernd betont. „In Nischen lebt es sich ja bisweilen auch ganz gut.“ Ein Problem sieht er allerdings beim Zentralabitur. „Zwischen unserem Bildungsgang und dem herkömmlichen Abitur gibt eben doch ein paar Unterschiede, etwa beim Fremdsprachenerwerb. Wer bei uns Latein oder Französisch im Leistungskurs erlernt, hat dafür eben nur drei Jahre Unterricht und nicht sieben oder mehr wie an den Gymnasien.“
Das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg kann auch bei der Finanzierung des Studiums Nachteile bringen. Dies gilt zumindest für den Masterabschluss. Laut aktueller Gesetzgebung nämlich hat nur derjenige Anspruch auf BaföG-Unterstützung, der beim Beginn eines solchen Studiengangs unter 30 ist. Auch wer noch staatliche Zuschüsse für einen sechssemestrigen Bachelorstudiengang erhält, sollte Mittel und Wege finden, den anschließenden Master zu finanzieren. Absolventen mit Berufsabschluss tun ohnehin gut daran, zumindest teilweise weiter im erlernten Beruf zu arbeiten. Denn als Student und Schüler erhält man den Bruttolohn in einem bestimmten Rahmen als Nettolohn auf die Hand.
Keine Chance für Migranten?
Gerade für Menschen mit Migrationshintergrund, die die Schule besonders häufig frühzeitig verlassen, könnte der zweite Bildungsweg in den Kollegs auch eine zweite Chance sein. „Trotzdem haben wir nicht viele Schüler aus Migrantenkreisen“, sagt Paris, „auch wenn der Anteil in den letzten Jahren etwas gestiegen ist“. Für den Oberstudienrat ist unter anderem die Beherrschung der deutschen Sprache, die am Berlin Kolleg im Zweifelsfall mit einem Sprachtest überprüft wird, eine nicht zu unterschätzende Hemmschwelle. „Hinzu kommt, dass junge Hörer mit Migrationshintergrund oft keinen ausreichenden Rückhalt aus ihren Familien bekommen.“
Ob tatsächlich der Rückhalt der Familie den Bildungswillen junger Erwachsener garantiert, ist zumindest fraglich. Entscheidender ist wohl der politische Wille, gerechte Wege zu Integration und Teilhabe zu eröffnen. Wie dem auch sei: Um möglichst viele Migranten zu besseren Chancen im Berufsleben zu verhelfen, setzt von Paris auf Vorbilder, die es trotz der noch fehlenden Chancengleichheit im deutschen Bildungssystem geschafft haben. „Ich versuche stets, die positiven Beispiele zu zeigen“, sagt der Leiter des Berlin Kollegs. „So hat 2008 eine türkische Frau mit vier Kindern bei uns ihr Abitur gemacht.“
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Literaturkritiker (Neue Zürcher Zeitung, Frankfurter Rundschau, SWR etc.) in Berlin.
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August 2008











