Bildungskonzepte in Deutschland

Konkurrierender Föderalismus: Finanzstarke Länder werben Lehrer ab

MINT-Lehrkräfte sind besonders gefragt; Copyright: AVAVA / fotolia.comHerzlich Willkommen: Lehrer aus anderen Bundesländern; Copyright: Caila / fotolia.comLehrer sind ein knappes Gut, um das zwischen einzelnen Bundesländern ein harter Konkurrenzkampf entbrannt ist: Mit höheren Einstiegsgehältern, besseren Aufstiegschancen oder der Anhebung des Höchstalters für die Verbeamtung jagen sie sich gegenseitig Pädagogen ab.

20.000 Pädagogen werden gegenwärtig nach Angaben des Deutschen Philologenverbandes (DPhV) in ganz Deutschland gesucht. Über Jahrzehnte wurde versäumt, die immer älter werdende Lehrerschaft in Deutschland zu verjüngen. Stattdessen wurde der Lehrermangel mit der Ausweitung der Teilzeitarbeit und höherer Arbeitszeitbelastung notdürftig überdeckt. Doch wenn in den nächsten fünf Jahren 150.000 Lehrer in den Ruhestand gehen, wird sich die unterlassene Nachwuchsförderung rächen.

„Föderalismus bedeutet auch Wettbewerb“

Anderen Bundesländern die Lehrer wegzuschnappen ist für den hessischen Kultusminister Jürgen Banzer normal: „Föderalismus bedeutet auch Wettbewerb“. Rund 2.600 Lehrer möchte Hessen allein im laufenden Schuljahr einstellen und schaltet dazu Anzeigen in Tageszeitungen, wirbt mit Plakaten und im Internet, damit es auf dem bundesweiten Lehrerarbeitsmarkt Fuß fasst. Ganz besonders gefragt sind Lehrer der sogenannten „MINT-Fächer“: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik.

Anreize, mit denen Lehrer über die Landesgrenze gelockt werden, sind höhere Einstiegsgehälter für Haupt- und Realschullehrer, bessere Aufstiegschancen in schulische Funktionsstellen und die Möglichkeit zur Verbeamtung bis zu einem Alter von 50 Jahren. Über 230 Lehrer vor allem aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sind dem Lockruf Hessens bereits gefolgt.

Den Raubzug auf seinem Lehrerarbeitsmarkt nimmt Baden-Württemberg nicht tatenlos hin. Aufgrund der hessischen Offensive sieht sich der Kultusminister Baden-Württembergs, Helmut Rau, genötigt, seinerseits eine Bildungsoffensive zu starten: „Wir werden offensiv in anderen Bundesländern werben“, kündigte Rau im Juli 2008 an. Anders ließen sich die rund 4.200 neuen Lehrerstellen wohl auch kaum besetzen. Etwa 250 junge Lehrer sollen aus anderen Bundesländern rekrutiert werden. Mit den zusätzlichen Lehrern möchte das Land die durchschnittliche Klassengröße bis 2011 von derzeit 33 Schülern auf 28 senken und damit einer von Elternverbänden seit Jahren erhobenen Forderung Rechnung tragen.

Wie sich Länder gegen die Abwerbung wappnen

Das Land Hessen vergibt `Hauptrollen an Lehrer´; Copyright: Kultusministerium HessenMöglich geworden ist die neue Konkurrenz der Bundesländer auf dem Lehrermarkt erst durch eine tief greifende Reform der föderalen Bürokratie im Jahr 2006. Im Zuge der Föderalismusreform haben die Bundesländer auf Zuständigkeiten in der Bundesgesetzgebung verzichtet, um auf der anderen Seite die ausschließliche Hoheit über das Bildungswesen für sich zu beanspruchen. Seitdem ist jedes der 16 Bundesländer allein für das Schulwesen zuständig, einschließlich der Besoldung seiner Lehrer.

Mit der Föderalismusreform sollte die Blockade wichtiger Reformvorhaben durch den Bundesrat – dem zentralen Mitwirkungsorgan der Länder bei der Bundesgesetzgebung – beendet und der Staat handlungsfähiger werden. Zwar koordinieren die Länder in der Kultusministerkonferenz (KMK) wichtige Bildungsvorhaben weiterhin länderübergreifend. Zu verhindern, dass reiche Länder den ärmeren die Lehrer abspenstig machen, steht jedoch nicht auf der Tagesordnung der KMK.

Dafür halten betroffene Länder mit ihrer Kritik nicht hinter dem Berg. Die Bildungsministerin von Rheinland-Pfalz, Doris Ahnen, lehnt einen „Wettlauf der Bundesländer um Lehrer“ ab. Ihrem Pressesprecher zufolge setzt das Land ohnehin vorrangig auf die im Land ausgebildeten Lehrer. Nicht ohne Häme attestiert Rheinland-Pfalz abwerbenden Ländern, dass sie ihre Hausaufgaben bei der Lehrerausbildung vernachlässigt haben – und verweist stolz auf die eigene Statistik, wonach sich die Zahl der Lehramtsstudierenden in Rheinland-Pfalz von 1991 bis 2008 mehr als verdoppelt hat. Vor dem Hintergrund der Abwerbekampagnen der benachbarten Länder hat Rheinland-Pfalz die Altersgrenze für die Verbeamtung von Lehrern von 40 auf 45 Jahre angehoben

Ruinöser Wettbewerb?

MINT-Lehrkräfte sind besonders gefragt; Copyright: AVAVA / fotolia.com„Die Kleinstaaterei treibt neue Blüten“, mahnt der VBE-Vorsitzende, Ludwig Eckinger. Seit Jahren sei der zu erwartende Lehrermangel den Kultusministern bekannt, doch unternommen hätten sie dagegen nichts. Eine „Personalpolitik mit dem Scheckbuch“ hält er für äußerst problematisch: „Der grundgesetzliche Auftrag, gleichwertige Lebensbedingungen zu sichern, droht zu kippen, wenn gute Bildung nur noch in den finanzstarken Ländern gegeben ist, und die ärmeren abgehängt werden.“ Nach Eckingers Überzeugung könnte nur ein langfristiger und für alle Bundesländer verbindlicher Personalentwicklungsplan den „ruinösen Wettbewerb“ beenden.

„Das Tricksen mit mehr Geld und die Verbeamtung älterer Bewerber ist unfair“, meint auch Bernd Sprechert von der Landeselternvertretung Thüringen. Doch weil man mit einer offensiven Bildungspolitik bei Landtagswahlen punkten kann, ist absehbar, dass in Zukunft weitere Länder den Fehdehandschuh in die Arena des Lehrerarbeitsmarktes werfen werden.

Arnd Zickgraf
arbeitet als Wissenschaftsjournalist und Publizist in Bonn

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Oktober 2008

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